Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Göttin des Streites
Band VI,1 (1907) S. 463466
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Eris. 1) Ἔρις (-ιδος), die Göttin des Streites, die unersättliche, des männermordenden Ares Schwester und Gefährtin, die zuerst nur wenig sich emporrichtet, aber dann ihr Haupt zum Himmel erhebt und doch auf Erden wandelt, mit Ares und Athene, Deimos und Phobos in der Schlacht tätig, Hom. Il. IV 440ff. Sie entsendet Zeus am dritten Schlachtmorgen zu den Schiffen der Achaier, das Wahrzeichen des Krieges in Händen, ebd. XI 3ff.; sie weilt im Kampfe, auch wenn sich die andern Götter zurückgezogen, und schaut mit Wonne zu, die jammererregende Göttin, ebd. XI 73ff. Unter πολέμοιο τέρας als Attribut der E. ist am ehesten die brennende Kriegsfackel zu verstehen; man dachte auch an Blitz, Schwert, Speer oder Geissel, an die Aigis und an den Regenbogen, vgl. Schol. und Kommentare. Zusammen mit ähnlichen Personifikationen wie Ἀλκή und Ἰωκή und mit dem Gorgoneion erscheint E. auf der Aigis der Athene, Hom. Il. V 740, zusammen mit Kydoimos und Ker auf dem Schild des Achill, ebd. XVIII 535. Quint. Smyrn. V 31. E. ist eine Göttin, Hom. Il. XI 10. 74, vgl. auch Aisch. Sept. 1051 (429. 726). Eurip. Phoin. 798 (Orestes 1001). Usener Göttern. 365; sie heißt ἄμοτον μεμαυῖα (Hom. Il. IV 440. V 518), ἀργαλέη (ebd. XI 4), πολύστονος (ebd. XI 73), καρτερὴ λαοσσόος (ebd. XX 48). Auch im späteren Epos spielt E. eine große Rolle, namentlich bei Quintus Smyrnaeus, Nonnos und Tzetzes. Als des Ares Schwester ist E. für Phobos und Deimos πατροκασιγνήτη, Quint. Smyrn. X 58; in Anlehnung an Hom. Il. IV 441 heißt E. Νείκης ἀνδροφόνοιο κασιγνήτη καὶ ἔριθος, Timon frg. 24 Wachsm.; sie heißt Amme des Krieges, Nonn. Dionys. XX 35. Oppian. Hal. II 668. Claudian. in Ruf. I 30, und bei Nonn. XXV 489 auch Amme des Giganten Damasen (s. d.); ferner ἐγρεκύδοιμος, Quint. Smyrn. I 180, wie die Athene heißt bei Hesiod. theog. 925, μεδέουσα κυδοιμοῦ. Quint. Smyrn. X 53; als κυδοιμοῦ πομπός steht sie bei Typhon, Nonn. Dionys. II 357f.; zusammen mit Kydoimos und Ker erscheint E. bei Philostrat, iun. imag. X (p. 408, 9f. Kayser), zusammen mit Phobos und Deimos, Enyo, Erinyen und Keren, Quint. Smyrn. V 29ff., weiterhin zusammen mit Deimos und Phobos, Nonn. Dionys. XXXII 177f., zusammen mit Enyo, Quint. Smyrn. I 365f. XI 8, vgl. auch Nonn. Dionys. V 41, zusammen mit den Keren und Moros, Quint. Smyrn. VIII 324ff. usw. Vgl. noch Quint. Smyrn. I 159. II 460. 540. IV 195. VI 274. 359. VII 165. VIII 68. 191. IX 147. 324. XI 161 XIII 563. Nonn. Dionys. XX 43. XXXIX 385 usw. Bruchmann Epith. deor. 103f. Wie auf dem Schild des Achill findet sich E. auf dem des Herakles, geflügelt, zusammen mit Proïoxis und Palioxis usw., mit Kydoimos und Ker usw., Hesiod. scut. 147ff., wozu Peppmüller Hesiodos 257. 280f., ebenso die Discordia (s. d.) zusammen mit Mars, den Diren und Bellona auf dem Schild des Aeneas, Vergil Aen. VIII 700ff., vgl auch Aen. VI 280f. [464] (Discordia demens auch Val. Flacc. II 204) und Petron. sat. 124 v. 271ff. Bei Hesiod. theog. 225ff. ist E. eine Tochter der Nyx; E. aber gebar das Mühsal, das Vergessen, den Hunger, Schmerzen, Kampfesgewühl, Mord, Schlachten, Totschlag, Hader, Lügenreden und Wortstreit, Ungesetzlichkeit und Verblendung, die einander verwandt sind, und den Eid, der den Menschen größtes Leid schafft, so einer wissentlich einen Meineid schwört; für Horkos als Sohn der E. und Rächer des Meineids vgl. auch Hesiod. W. u. T. 804; Discordia unter den Kindern der Nox und des Erebus, Hyg. fab. praef. p. 9, 7 Sch. Claudian. in Ruf. I 29f. Bei Hesiod. W. u. T. 11ff. (vgl. Lukian. ἔρωτες 37) wird unterschieden zwischen einer Ἔ. βαρεῖα (16) oder κακόχαρτος (28) und einer ἀγαθὴ Ἔ., zwischen der Streitsucht und dem edeln Wettstreit; obwohl Kinder derselben Mutter sind sie zwiespältigen Sinnes; vgl. Peppmüller Hesiodos 6. 154f. 204f. Nach Paus. V 19, 2 war E. auf der Kypseloslade dargestellt, im Zweikampf des Aias und Hektor, zwischen beiden als äußerst häßlicher Daimon (Overbeck Gall. her. Bildwerke 406f.), und in ähnlicher Weise im Wandgemälde des Samiers Kalliphon im Artemision zu Ephesos, das den Kampf bei den Schiffen wiedergab, die sog. Epinaumachia, vgl. Brunn Künstlergesch.2 II 38f. (56). Hitzig-Blümner Pausanias II 410f. Die Kunst scheint also E. zuerst als Apotropaion auf Waffen gebildet zu haben, und in der Art etwa, wie auf der Kypseloslade, dürfte E. dargestellt sein auf sf. Vasen, wo verschiedentlich (besonders zwischen zwei auf einander losstürmenden Viergespannen) eine weibliche Flügelgestalt wiederkehrt, meist mit gorgonenhaftem Antlitz mit bleckender Zunge, vgl. Gerhard Über die Flügelgestalten der alten Kunst (Abh. Akad. Berl. 1839) Taf. II. Einmal auch ist eine solche Figur in zierlichem archaischen Stil, im langen gestickten Gewand, mit Flügelschuhen, mit Stirn- und Armschmuck durch alte Inschrift als E. bezeichnet, auf einer Kylix seiner Zeit im Besitz von Ed. Gerhard, vgl. Gerhard a. O. Taf. II 5. Roscher Myth. Lex. I 1338. CIG 7551, und so dürfte auch die Inschrift Ἶρις auf der archaischen Hydria aus Sammlung Durand als E. zu lesen sein, vgl. Gerhard a. O. Taf. II 6; Auserl. gr. Vasenb. I Taf. XX. XXI (76ff.). CIG 7419; ferner Gerhard Auserl. gr. Vasenb. IV Taf. CCCXXV (100f.), drohendes E.-Bild auf dem Schild des Diomedes ebd. III 94 (66), vgl. noch II 4, 7. So werden wir auch E. erkennen dürfen in dem weiblichen Daimon mit doppeltem Flügelpaar und altertümlichem Gorgonenhaupt, der zwischen zwei Sphinxen dahinstürmt, auf der Rückseite der sf. ,Adrastosvase‘, eines nolanischen Skyphos zu Kopenhagen, Gerhard a. O. Taf. II 1. Abeken Ann. d. Inst. XI 1839, 255ff. z. tav. d’agg. P. Heydemann Arch. Ztg. XXIV 1866, 130ff. z. Taf. 206, 2. Baumeister Denkm. I Abb. 20 usw., vielleicht auch in der häßlichen Gestalt, die zwischen Kämpfenden steht, auf einer sf. Lekythos im Louvre, Couve Rev. arch. III sér. XXXII 1898, 233f. Dagegen werden die beiden geflügelten bärtigen Daimonen auf den Henkeln der Françoisvase (z. B. Mon. d. Inst. IV 57) richtiger auf Deimos und Phobos gedeutet, ,die Diener des [465] Ares, die Schreckgespenster der Schlacht, männliche Gegenbilder der Gorgonen‘, Amelung Führer d. d. Ant. in Florenz 223, oder bloß auf Phobos, Preller-Robert Gr. Myth. I 339, 1. Bei der Hochzeit des Peleus und der Thetis allein nicht zum Mahle geladen, habe die E. in ihrem Zorn unvermerkt einen goldenen Apfel zwischen die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite geworfen mit einer Aufschrift, die ihn der Schönsten zuwies; darob entbrannte der Schönheitswettstreit, zu dessen Entscheidung Paris als Richter angerufen ward, Lukian. dial. deor. XX 7; dial. mar. 5; symp. 35; Charid. 10 (17). Apul. met. X 30–32. Kolluthos ἁρπαγὴ Ἑλένης, wo es ein goldener Hesperidenapfel ist (v. 58ff.). Apollod. epit. III 2 W. Sallust. de diis et mundo 4. Tzetz. Lykophr. 93. Schol. Eurip. Androm. 276, ferner Hyg. fab. 92 p. 87, 19ff. Sch. Fulg. myth. III 7. Myth. Vat. I 208. II 205f. Serv. Aen. I 27; malum Discordiae wird sprichwörtlich gebraucht, Iustin. XII 15, 11, daher denn auch, seit 1570 zu belegen, unser ,Zankapfel‘, vgl. O. Weise Unsere Mutterspr.2 116. Die Aufschrift auf dem Apfel habe gelautet: Ἡ καλὴ λαβέτω (Lukian. dial. deor. XX 7; dial. mar. 5, 1, vgl. auch die Hypothesis zu Kolluthos ἁρπ. Ἑλ.), oder: Τῇ καλῇ τὸ μῆλον, Tzetz. Lykophr. 93, ferner: Pulcherrimae deae donum, Myth. Vat. I 208, Pulcherrimum donum pulcherrimae deae, Myth. Vat. II 205. Ähnlich habe Iason die galea Discordiae unter die aus den Drachenzähnen hervorgegangenen Männer geworfen, Val. Flacc. VII 467ff. 632ff. Gruppe Gr. Myth. 574, 8. Wie aber der Apfel erst in der jüngern Literatur erwähnt wird, so tritt er auch in den bildlichen Darstellungen des Parisurteils erst spät auf; der Apfel ist Liebessymbol, wofür die Zeugnisse von Aristophanes bis Lukian reichen, vgl. Fränkel Arch. Ztg. XXXI 1873, 38. Robert Bild und Lied 9. Gruppe Gr. Myth. 665, 1. Gleichfalls erst in hellenistisch-alexandrinische Zeit gehört die Version der Aëdonsage in des Boios Ornithogonie (s. Bd. I S. 471): als sich Polytechnos und Aëdon frevelhafterweise rühmten, einander mehr zu lieben als Hera und Zeus, sandte ihnen Hera zur Strafe die E., die zwischen ihnen einen Wettstreit in Kunstarbeiten erregte, bei Ant. Lib. XI. E. ist inschriftlich gesichert auf zwei rf. Vasen mit Darstellung des Parisurteils, nämlich auf derjenigen aus Kertsch in der Ermitage zu Petersburg, wo im Hintergrund, der durch eine Bodenerhebung abgegrenzt ist, zwischen zwei Viergespannen, von denen das eine von der geflügelten Nike, das andere von Iris gelenkt wird, links E. steht, rechts Themis, die der E. in vertraulicher Unterredung die Rechte auf die Schulter legt, vgl. Stephani Compte rendu 1861 Taf. III. Conze Wiener Vorlegebl. Ser. A Taf. 11, 1. Baumeister Denkm. 1165f. Abb. 1356. Sal. Reinach Rép. des vases I 6f.; ferner auf der Kalpis aus Ruvo (Apulien) zu Karlsruhe: E. schaut, bloß in halber Figur sichtbar, mit finsterer Miene über den Berg, als verfolge sie heimlich die Ereignisse, die sie angestiftet, vgl. Gerhard Apul. Vasenb. Taf. D 2 (S. 33). Overbeck Gall. her. Bildw. Taf. XI 1 (S. 233ff.). Furtwängler und Reichhold Gr. Vasenmalerei Taf. 30. Roscher Myth. Lex. [466] III 1619f. CIG 8400. Hierher gehört auch die sf. Vase der Sammlung Coghill (früher Lamberg) mit dem Zug der Göttinnen zu Paris, falls die Lesung E. (für die Aphrodite) nicht zu verwerfen ist bei der schlechten Lesbarkeit der Beischriften, vgl. CIG 7645. Overbeck Gall. her. Bildw. Taf. IX 3 (S. 208f.). Vgl. auch die Inschrift zu Florenz CIG 6840. Endlich erscheint E. auf zwei etruskischen Inschriftspiegeln. Auf einem Spiegel, der vormals den Grafen Gherardesca zu Florenz gehörte, jetzt verschwunden ist, finden sich als Hauptfiguren in der Mitte Hercla und Menrfa; dazu links E., ,eine stattliche, fast nackte, mit Strahlenkrone, Hals; Arm- und Ohrenschmuck, wie auch mit Kreuzband über der Brust, unterwärts mit bedeutsamen Gewächsen, einem Blumenkelch und einer Stachelpflanze, in den Händen aber mit Griffel und Salbgefäß versehene Frau‘, neben Minerva gesenkten Blickes der Göttin zugewandt; rechts Ethis (s. d.); man dachte unter anderem an eine Darstellung von Herakles am Scheideweg, an E. als Göttin des edeln Wettstreits (Hesiod. W. u. T. 11ff.), wozu dann Ethis tritt als Lustgöttin (Voluptas, Ἡδονή); vgl. Dempster De Etruria reg. 12. Gerhard Etr. Spiegel III 153ff. Taf. CLXIV. Fabretti Corp. inscr. Ital. 106; Gloss. col. 390. Ferner sieht man auf dem 1834 zu Bomarzo gefundenen Spiegel im Museo Gregoriano des Vatikan im Hauptbild fünf Figuren: drei Göttinnen, inschriftlich bezeichnet als Alpnu, E. und Euturpa (Εὐτέρπη), bemühen sich sichtlich um die Gunst des in der Mitte stehenden Jünglings Phamu (man dachte an den Sänger Thamyris oder erinnerte an Phemios, den Sänger in der Odyssee); dazu rechts ein Greis mit Beischrift Archaie (oder Archaze), vielleicht die Örtlichkeit andeutend = Ἀρκάς, Ἀρκάδιος; E., bekleidet und mit Armband am rechten Arm, scheint das Halsband in der erhobenen Linken dem Jüngling als Preis für seine Liebe zu bieten, vgl. Bunsen Ann. d. Inst. VIII 1836, 282ff. z. Mon. II 28. Gerhard Etr. Spiegel IV 58ff. Taf. CCCXXIII. Fabretti Corp. inscr. Ital. 2412; Gloss. col. 390. Corssen Über die Spr. d. Etr. I 257f. Roscher Myth. Lex. I 1339. 1439. III 2245f. Zusammenfassendes über E. bei Gust. Koerte Über Personifikationen psycholog. Affekte in der späteren Vasenmalerei (1874) 74ff. Wieseler Über E., namentlich ihre äußere Erscheinung und Darstellung nach Schrift und Bild, Gött. Nachr. 1885, 87–123. Berge De belli daemonibus, Diss. Leipz. 1895, 20ff.; ferner vgl. noch S. Reinach Rép. des vases I 6. 100. 106. 146. 358. II 26. 161. Gruppe Griech. Myth. 574, 8. 665, 1. 6. 1083f. 11.

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