Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Einer der ältesten lat. Kirchensschriftsteller
Band IV,2 (1901) S. 19381941
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Cyprianus. 1) Einer der ältesten und grössten Schriftsteller der lateinischen Kirche, um 250. Geboren um 200 wohl zu Karthago von reichen Eltern, mit vollem Namen Thascius Caecilius Cyprianus – doch soll er nach Hieron. de vir. ill. 67 das cognomentum Caecilius erst bei seiner Bekehrung dem Presbyter Caecilius zuliebe angenommen haben –, wurde er ein angesehener Rhetor in seiner Vaterstadt. 246 wurde er Christ: der Presbyter, der ihn gewann, hiess nach Pontius vita 4 Caecilianus, nach Hieron. a. a. O. Caecilius. Nach kurzer Zeit empfing er selbst die Presbyterweihe, und 248 wählte man ihn zum Bischof von Karthago. Er hatte schwere Aufgaben zu erfüllen. 250 brach die decische Verfolgung aus. C. hielt sich in sicherem Versteck, bis er 251 zurückkehren konnte: durch Mittelspersonen hat er auch in der Zwischenzeit seine bischöflichen Pflichten treu erfüllt. Als 257 die valerianische Verfolgung begann, wurde C. nach Curubis verbannt, ihm der Process gemacht – die acta proconsularia liegen noch vor, Cypr. opp. ed. Hartel III, CX–CXIV – und er nahe bei Karthago am 14. September 258 hingerichtet. Als nach der decischen Verfolgung die Menge der lapsi (Abgefallenen) und die Schwierigkeit, Einverständnis über ihre Behandlung seitens der Kirche zu erzielen, die Kirche fast mit dem Zerfall bedrohte, indem Novatian in Rom die Wiederaufnahme der lapsi schlechthin verweigerte, Felicissimus in Karthago sie ohne jede Garantie gewährt wissen wollte, auch die Autorität des Klerus, insbesondere des Episcopats, auf dem Spiele stand, insofern die Confessoren sich das Recht, von ihrem überschüssigen Verdienst an die lapsi mitzuteilen, zusprachen, hat in erster Linie C.s Tact und von Eigensinn freie Energie in Africa Ordnung geschafft; in Rom hat er die Vermittlungspartei gegen die Extremen wirksam geschützt, und nur mit einem der zeitgenössischen Bischöfe von Rom, Stephanus (254–257), ist er nach anfänglichem Frieden zerfallen, als in dem damals wieder aufgenommenen Ketzertaufstreit C. Einverständnis mit den africanischen Bischöfen wie mit den kleinasiatischen die Gültigkeit einer Ketzertaufe bestritt, ein Standpunkt, den nach der constantinischen Zeit zwar die Donatisten in Africa eifrig festhielten, eben deshalb aber die dortigen Katholiken mit möglichster Schonung C.s aufgaben. Die grossartige praktische Thätigkeit, die C. entfalten musste, erklärt, dass wir von ihm besonders viele und kirchengeschichtlich wertvolle Briefe besitzen. Die Sammlung derselben, aus 81 Nummern bestehend, ist keineswegs vollständig [1939] – aus der Zeit vor 248 ist überhaupt kein Schreiben von ihm erhalten – andrerseits enthält sie auch viele nicht von ihm, sondern an ihn gerichtete Briefe, einer der längsten ist ep. 75, das aus dem Griechischen übersetzte zustimmende Antwortschreiben des Kleinasiaten Firmilianus an C. in Sachen der Behandlung der Ketzertaufe; in dem von Mommsen veröffentlichten, 359 niedergeschriebenen Verzeichnis der Werke C.s (s. Herm. XXI 1886. 142ff. XXV 1890, 636ff.) werden nur etwa die Hälfte seiner jetzt bekannten Briefe notiert, sie haben aber bald eine ungeheure Verbreitung gefunden. Allerdings soll es von allen seinen Schriften, die übrigens öfters sämtlich als epistulae behandelt worden sind, gelten, wenn Hieron. de vir. ill. 67 es überflüssig nennt eius ingenii indicem texere, cum sole clariora sitzt eius opera, und ganz abgesehen von der Begeisterung, mit der Lactantius und Prudentius ihn feiern, Lucifer von Calaris und Pacianus ihn als Autorität benützen, zeigt gerade das Mommsensche Verzeichnis, das die Werke C.s, und nur diese, neben den libri canonici Alten und Neuen Testaments ganz in den gleichen Formen aufzählt, wie nahe C. daran war, ein kanonischer Schriftsteller für die Kirche zu werden. Die ‚Geschichte der cyprianischen Litteratur‘, wie sie bis zu der Zeit der ersten erhaltenen Hss. K. Götz Basel 1891, geschrieben hat, ist ein wichtiger Beitrag für die Geschichte des kirchlichen Geistes.

Unter C.s Abhandlungen pflegt auch eine zu stehen, an der er nur einen gewissen Anteil hat, die sententiae episcoporum numero LXXXVII de haereticis baptizandis, das Protokoll über die Abstimmungen aller Beisitzer einer von C. geleiteten Synode vom J. 256 in der Ketzertaufsache. Im wesentlichen eine Spruchsammlung aus der Bibel, bei der der Verfasser verantwortlich nur für die Auswahl ist und für die Formulierung der zu belegenden Thesen z. B. quod sacrificium vetus evacuaretur et novum celebraretur oder parentibus obsequendum, bilden die drei Bücher testimoniorum ad Quirinum, von denen das dritte nachträglich hinzugefügt worden ist. Für die Geschichte des Textes der ältesten lateinischen Bibel ist dies Werk von höchster Bedeutung; seine Echtheit anzuzweifeln liegt kein Grund vor, nur muss der Text mit Hülfe der im Apparat bei Hartel I 35–184 verzeichneten Varianten erst neu constituiert werden. Einen ähnlichen Charakter trägt ad Fortunatum de exhortatione martyrii. In den meisten seiner Tractate behandelt C. ethische Fragen, als Apologet bezw. Polemiker tritt er auf in ad Demetrianum und quod idola dii non sint; letztere neben ad Donatum wohl eine der ältesten Arbeiten des Christen C., falls die Echtheit aufrechterhalten werden kann. Am wichtigsten für C.s Gegenwart wie für spätere Geschlechter sind die principiell so bedeutsamen Abhandlungen de lapsis und de catholicae ecclesiae unitate geworden; in letzterer ist der katholische Kirchenbegriff schon in fast classischer Correctheit entwickelt.

Der Schriftsteller C. ist wie der Theolog kein Mann ersten Ranges; an Eleganz des Stils wird er von Lactanz, an Originalität und Fülle der Gedanken von Tertullian, von dem er z. B. in de bono patientiae und de dominica oratione [1940] stark abhängig ist, ohne ihn in der Form nachzuahmen, an Tiefe der religiösen Empfindung von Augustin weit übertroffen; er schreibt einfach, eher zu breit als zu knapp und immer bemüht, den Leser unfähig zum Widerspruch zu machen; aber er ist der vollendete persönlich vornehme Typus des Durchschnittschristentums der Generationen, die ihn zu einem apostolischen Manne erhoben. Einige Stücke der cyprianischen Sammlung sind ins Griechische und von da ins Syrische übersetzt worden; aber es hängt mit seiner echt lateinischen Natur zusammen, dass ein erhebliches Interesse für ihn im Orient nicht zu spüren ist, schon nicht bei Eusebios. Unter den massenhaften Ausgaben der Werke C.s – um von Auswahleditionen ganz zu schweigen – ist eine der mangelhaftesten die bei Migne Patrol. lat. IV, die gediegenste die von Hartel im Corpus script. eccl. lat. Vindob. III, pars I–III 1868-1871 (s. darüber de Lagarde Symmicta, Gött. 1877, 65ff.).

Unbewusst hat sich C. auch ein Verdienst um die kirchliche Litteratur erworben, insofern sein Name eine Reihe von interessanten, grossenteils alten Schriften, die sicher nicht von ihm herrühren, vor der Vernichtung bewahrt hat. Die pseudocyprianischen Werke füllen bei Hartel, obwohl er noch manches fortgelassen hat, den ganzen dritten Band; aber nur weniges von dem hier Gebotenen ist inhaltslos, wie die gefälschten vier Briefe p. 272–282 und die beiden Gebete p. 144–151 und der erst von Erasmus verfertigte Tractat de duplici martyrio ad Fortunatum. Über die Carmina (Hartel p. 283–325) s. unter Nr. 2. De pascha computus ist eine sprachlich und sachlich eigenartige chronologische Abhandlung aus dem J. 243; de aleatoribus eine im Vulgärlatein – ebenso wie fünf Briefe der cyprianischen Sammlung, zusammen mit jenem am besten ediert von A. Miodonski Anonymus adv. aleat., Erlang. 1889 – geschriebene Predigt gegen das Hazardspiel. Viel jünger als C. ist ihr Verfasser nicht; Harnack will ihn sogar im römischen Bischof Victor (etwa 189–199) erkennen (Texte u. Untersuch. zur Gesch. d. alt-christ. Litt. V 1, 1888). Die Schriften de spectaculis und de bono pudicitiae hat C. Weyman Hist. Jahrb. XIII 1892, 737. XIV 1893, 330, nach ihm A. Demmler Theol. Quartalschrift, Tübg. 1894, 223 als Eigentum des Novatianus erkannt und erwiesen; weniger einleuchtend hat Harnack Texte u. Untersuch. XIII 4, 1895, de laude martyrii für eine Schrift Novatians vom J. 249/50 erklärt. De rebaptismate kann zwar nicht von C. stammen, da hier gerade der entgegengesetzte Standpunkt betreffs der Ketzertaufe begründet wird, um so sicherer aber von einem geistig gar nicht gering zu schätzenden bischöflichen Zeitgenossen des Karthagers. Ad Novatianum, am Schluss unvollständig, will Harnack Texte u. Untersuch. XIII 1, 1895, ins J. 257/8 verlegen und dem römischen Bischof Sixtus II. zuschreiben. Adversus Iudaeos steht bereits 359 im Mommsenschen Verzeiclmis – ebenso de laude martyrii – unter den echten Werken des C. Die weitere Erforschung der Geschichte der cyprianischen Überlieferung wird wohl noch manches Rätsel lösen. Ob unser C. der bei Sammlung der notae Tironianae beteiligte ist – so Schmitz [1941] Symbola philol. Bonn. 540 – wird kaum noch auszumachen sein, der Name war nicht ganz selten.

Vgl. F. W. Rettberg Thascius Caec. Cypr., Gött. 1831. B. Fechtrup Der h. Cypr. I, Münst. 1878. O. Ritschl Cypr. v. Karth. u. Verfassung d. Kirche, Gött. 1885. Götz s. o. Harnack Gesch. altchristl. Litt. I 688–723.