Die deutsche Sprache in Böhmen

Textdaten
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Autor: Dr. Adolf Hauffen
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Titel: Die deutsche Sprache in Böhmen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 640–643
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die deutsche Sprache in Böhmen.
Von Dr. Adolf Hauffen.

Das deutsche Volk Böhmens befindet sich in allen seinen Schichten seit einigen Monaten in einer Erregung, wie sie Oesterreich seit dem Beginne des Parlamentarismus und der nationalen Kämpfe wohl noch nicht gesehen hat. Die Veranlassung gaben die zunächst nur für Böhmen bestimmten, doch alsbald auch auf Mähren ausgedehnten „Sprachenverordnungen“ vom 5. April dieses Jahres.

Diese Verordnungen haben das im Jahre 1890 begonnene (dazumal als Staatsnotwendigkeit bezeichnete) Ausgleichswerk zwischen Deutschen und Tschechen vollends in Trümmer geschlagen. Jener geplante Ausgleich hätte den Deutschen unter Abgrenzung ihres geschlossenen Sprachgebietes und unter Anerkennung ihrer nationalen Rechte dauernden Frieden und Schutz gegen die Slavisierung gewähren sollen. Doch nur kleine Zugeständnisse wurden ihnen zuteil, der Landeskultur- und der Landesschulrat wurden in eine deutsche und eine tschechische Sektion geteilt, dann kam das Werk ins Stocken trotz der dringendsten Forderungen und berechtigten Wünsche der Deutschen, bis diese plötzlich und unversehens mit den neuen Sprachenverordnungen überrascht wurden.

Diese Verordnungen bestimmen im wesentlichen, daß alle nach sechs Jahren in Böhmen und Mähren zu ernennenden Beamten (mit Ausnahme der Lehrpersonen) der tschechischen Sprache völlig mächtig sein und daß schon vom Tage der Veröffentlichung ab tschechische Eingaben auch von den Behörden deutscher Bezirke in tschechischer Sprache nicht nur erledigt, sondern auch verhandelt werden müssen. Daraus ergiebt sich, daß von nun an alle deutsch-böhmischen Jünglinge, die in ihrer engeren Heimat nie ein tschechisches Wort gehört, in ihren Schule keine Gelegenheit gehabt haben die andere Landessprache zu lernen, eine Staatsanstellung als Juristen, Mediziner, Techniker, Postmeister, Hilfsbeamte in Deutsch-Böhmen nur dann erlangen können, wenn sie die schwierige tschechische Sprache so sehr beherrschen, daß sie in ihr fachmännische Berichte abstatten oder mündliche und schriftliche Prozesse führen können. Dazu kommt, daß man an deutsche Beamte gewöhnlich sehr wenige Anforderungen stellt, was die Reinheit ihrer tschechischen Rede betrifft, während man tschechische Beamte in deutschen Gegenden ohne weiteres in Amt und Würden behält, selbst wenn ihr Deutsch nur vom Standpunkt des Humors aus berechtigt erscheint und selbst wenn sie, was tatsächlich täglich vorkommt, die Landleute des Bezirks, die auch vor der Behörde ein mundartlich gefärbtes Deutsch reden, einfach nicht verstehen. Die Folge dieser Verhältnisse muß natürlich eine Ueberflutung Deutsch-Böhmens durch tschechische Beamte und eine bedrohliche Slavisierung seiner bürgerlichen Kreise sein.

Begreiflich, daß die Deutschen des Landes, durch diese Aussichten im höchsten Grade beunruhigt, ja, in ihren Existenzbedingungen bedroht, sich entschlossen haben, den mannhaftesten Widerstand zu leisten, die Verordnungen mit allen gesetzlichen Mitteln zu bekämpfen und auf deren Aufhebung mit allem Nachdruck hinzuwirken. Begreiflich ist es auch, daß die Volksgenossen im Deutschen Reiche nicht gleichgültig bleiben, sondern dem nationalen Ringen ihrer Brüder in Oesterreich eine warmherzige Teilnahme entgegenbringen.

Da aber im Deutschen Reiche die von den Zeitungen sorgfältig geschilderte politische Vorgänge des Tages im allgemeinen viel besser bekannt sind als die geschichtlichen und ethnographischen Verhältnisse des Deutschtums in Oesterreich, so ist der Verfasser dieser Zeilen sehr gern der freundlichen Aufforderung der „Gartenlaube-Redaktion“ nachgekommen, knapp und in einfachen Linien die vielhundertjährige Geschichte der deutschen Sprache in Böhmen, der weit zurückreichende Teil der Deutschen an der glanzvollen Entwicklung des Landes und das Geschick ihres gesonderten Sprachgebietes zu zeichnen.

Dies ist um so notwendiger, als in den vielen tendenziösen Darstellungen tschechischer (neuester Zeit auch französischer) Zeitungen und Bücher die Sachlage so aufgefaßt wird, als wären die Tschechen als ursprüngliche Bewohner auch die „historisch“ allein berechtigten Herren und Vollbürger des Landes und als käme den Deutschen als „spätere Eindringlinge“ und „Fremden“ nur das Recht geduldeter Gäste und Bürger zweiter Ordnung zu. Nun, ganz abgesehen davon, daß gewiß kein Volk der Erde, das heute ein Gebiet thatsächlich besitzt und die Kraft hat, es zu verteidigen, freiwillig aus „historischen Gründen“ darauf verzichten wird, ist die Unrichtigkeit der besagten Auffassung schon dadurch erwiesen, daß jahrhundertelang, ehe Slaven nach Böhmen kamen, das Land von Germanen besetzt war.

Vom Jahre 8 vor Christus ab bis in das 6. Jahrhundert beherrschte Böhmen der germanische Stamm der Markomannen, der dann, dem Ansturm der Avaren weichend, in das westliche Nachbarland zog, wo er, mit anderen versprengten Germanenscharen vereinigt, unter dem Namen Bajuvaren erscheint. Erst im letzten Drittel des 6. Jahrhunderts wurde das entvölkerte Böhmen allmählich und wahrscheinlich kampflos von schwachen Stämmen bezogen, die sich vorerst unter avarischer Botmäßigkeit befanden. Nach dem Tode ihres Befreiers von den Avaren, des Franken Samo, 658, zerfiel Böhmen in mehrere einander befehdende Stammesgebiete, bis es den Herzöge des in der Mitte des Landes (um Prag) hausenden Tschechenstammes bis zum Ende des 10. Jahrhunderts gelang, ihre Herrschaft über das ganze Land auszudehnen, das auch nach diesem Stamme die slavische Bezeichnung „Cechy“ erhielt. Böhmen hatte nun jahrhundertelang eine rein slavische Bevölkerung. Nur im Südwesten des Landes, wo noch heute Bayern wohnen, sind möglicherweise germanische Reste dauernd sitzen geblieben. Trotzdem konnte es sich der politischen und Kultureinflüsse des mächtigen deutschen Nachbarreiches, mit dem es auch geographisch verbunden ist, nicht erwehren. Schon unter Karl dem Großen wurde Böhmen dem Frankenreiche tributpflichtig. Die böhmischen Herzöge, später (seit 1198) die böhmischen Könige, mußten die Oberhoheit des deutschen Kaisers anerkennen. Durch deutsche Priester wurde von 895 ab das Christentum in Böhmen eingeführt. Rasch nahm die Zahl der Deutschen zu, denn sie wurden von den Fürsten des Landes unter günstigen Bedingungen berufen. Der von Sobieslaw II. (1778) den Deutschen ausgestellte, von Wenzel I. um 1231 erweiterte Freiheitsbrief hebt diese Berufung ausdrücklich hervor.

Im 12. und 13. Jahrhundert erfolgte die große Kolonisierung der Grenzgebiete Böhmens durch Deutsche. Die Tschechen hatten nämlich nicht das ganze Land besiedelt. Sie verstanden es nur, den lockern Boden der fruchtbaren Niederung mit der leichte Hacke zu behandeln, sie waren darum bloß an den Flußthälern (der Eger, Elbe usw.) bis nahe an die Grenze, stellenweise sogar darüber hinaus gegangen, aber die von dichtem Wald bedeckten Grenzgebirge ließen sie unberührt. Auch war die Bevölkerung nicht dicht genug, um von innen heraus zu kolonisieren. Als nun nach Eintritt friedlicherer Zeiten die Landesfürsten, einzelne Adlige und Kloster ihren Waldbesitz urbar zu machen wünschten, so mußten sie das mit dem schweren Pflug vertraute, anerkannt beste Kolonistenvolk des Mittelalters, die Deutschen, herbeirufen. Die Grenzgebiete Böhmens also, das Braunauer Ländchen, das Adler-, Riesen-, Iser- und Erzgebirge, der Böhmerwald, große Strecken um Neubistritz, Stecken und Landskron waren niemals von Tschechen besetzt; sie wurden von den Deutschen erst urbar gemacht und auf grüner Wurzel besiedelt. Das beweisen neben zahlreichen urkundlichen Nachrichten das von den tschechischen Runddörfern sich deutlich abhebende fränkische Anlagesystem der alten deutschen Dörfer, sowie die fast ausschließlich deutschen Ortsnamen dieser Gebiete, die durch ihre Verbindungen mit –reuten und –roden, mit –grün und mit –wald ihre Entstehungsweise klar bezeugen. Hier kann also von einem „allmählich germanisierten“ Gebiete nicht die Rede sein.

Während diese Besetzung des Markwaldes durch deutsche Bauern stattfand, umgaben sich die Fürsten des Landes, von denen mehrere deutsche Frauen gefreit hatten, mit deutschen Adligen, Beamten und Künstlern. Am Hofe und auf den Burgen des heimischen Adels fanden die ritterlichen Sitten des Westens Eingang, am wichtigsten aber wurde die Gründung deutscher Städte. In Prag, wo die uralte Stadtgemeinde der deutschen [642] Kaufleute am Poritsch der rasch wachsenden Bevölkerung nicht mehr genügte, mußte unter Wenzel I. die Neustadt bei St. Gallus, unter Ottokar II. die Kleinseite für deutsche Bürger errichtet werden. Ueber das ganze Land verstreut wurden namentlich auf Veranlassung Ottokars II. (1253 bis 1278) käufliche Städte von Deutschen errichtet. Wie die deutschen Bauern des Markwaldes, so waren auch die deutschen Bürger freie Männer, die unabhängig von der tschechischen Gauverfassung unter eigenen Vögten und Richtern und unter königlichem Schutze nach deutschem Rechte lebten. Am Ausgang des 13. Jahrhunderts erlebte die mittelhochdeutsche Litteratur in Böhmen eine beachtenswerte Nachblüte, die auch auf die tschechische Dichtung der Zeit bestimmend einwirkte, es seien in dieser Hinsicht nur die im Lande geborenen Epiker Ulrich von Eschenbach und Heinrich von Freiberg genannt. Im 14. Jahrhundert entstanden deutsche Bibelübersetzungen und hervorragende Prosawerke, mehrten sich deutsche Urkunden und Rechtsdenkmäler, die zuerst jene eigenartige Mischung mittel- und oberdeutscher Lautscheidungen aufweisen, die zu einer Grundlage unserer neuhochdeutschen Schriftsprache geworden ist. Denn auch Karl IV. (1346 bis 1378), zugleich deutscher Kaiser, bot an seinem Hofe neben dem Humanismus der deutschen Litteratur eine Heimstatte dar. In seinem Auftrage schufen deutsche Baumeister, besonders Peter Parler aus Schwäbisch-Gmünd und dessen Schüler, Kirchen, Burgen, Klöster und Brücken, die noch heute unsere Bewunderung erregen. Im Jahr 1348 gründete er die Prager Universität, die als die älteste deutsche Hochschule bezeichnet werden muß, da sie für das ganze deutsche Reich bestimmt war und da von Anfang an die weit überwiegende Mehrzahl ihrer Lehrer und Schüler der deutschen Nationalität angehörte.

Die gezeichneten Verhältnisse wurden völlig geändert durch die Stürme des Hussitismus, einer Bewegung, die aus religiösen Gründen erwachsen war, allmählich eine soziale Bedeutung gewann und in die Spitze des Deutschenhasses auslief. Nach dem Feuertode des Hus im Jahre 1415 ergossen sich die Scharen seiner fanatisierten Anhänger unter Zizkas Führerschaft über das ganze Land, um mit unmenschlicher Grausamkeit die katholisch gebliebenen deutschen Landesteile zu verheeren, Kirchen und Klöster zu plündern, vor allem aber, nachdem die ansehnliche deutsche Bürgerschaft aus Prag vertrieben worden war, im Jahre 1420 die deutschen Städte des Landes mit wenigen Ausnahmen zu erobern und deren Bewohner niederzumetzeln. So gelang es den Hussiten in kürzester Zeit, das Deutschtum im Innern des Landes zu vernichten und größere von Deutschen besiedelte Gebiete namentlich in der östlichen Hälfte des Landes, für immer zu slavisieren.

Die politische Bedeutung der Deutschen in Böhmen lag nun auf Jahrhunderte danieder. Unter schwachen Königen aus verschiedenen, rasch wechselnden Dynastien, unter blutigen Bürgerkriegen wuchs die Macht des Adels, der Stände, die den Bauern allmählich zum Leibeigenen hinabdrückten, den Bürger in seinen Freiheiten verkürzte und dem Deutschtum auch jeden Schein von Recht zu nehmen trachtete. Die alten Freiheitsbriefe wurden gefälscht. In mehreren Erlassen wurden die Deutschen Böhmens als Ausländer bezeichnet, es wurde ihnen verwehrt, ein öffentliches Amt zu bekleiden, im Lande Grundbesitz zu erwerben, vor Gericht in ihrer Sprache zu klagen. Auch die seit dem Jahre 1526 regierenden Könige aus dem Hause der Habsburger konnten der leidenschaftlichen nationalen Partei nicht wehren. Noch im Jahre 1615 erließ Mathias das vielberufene Sprachengesetz des Prager Landtags, das alle früheren Bestimmungen in ihrer auf die Ausrottung des Deutschtums hinzielenden Strenge übertraf. Doch trotz aller Bedrückungen begann das Deutschtum Böhmens im 16. Jahrhundert wieder zu erstarken. Der neu erschlossene Bergwerksbetrieb im Erzgebirge, die immer bedeutender werdende Leinen- und Tucherzeugung im östlichen Nordböhmen mehrte die Dichtigkeit und den Reichtum der deutschen Bevölkerung. Nachhaltig förderte das Deutschtum die in Böhmen sich rasch verbreitende neue Lehre Luthers. Auch die alten tschechischen Utraquisten wurden nun Lutheraner, bezogen ihre Bücher, Priester und Lehrer aus Deutschland und sandten ihre Söhne an die protestantischen Universitäten des Reiches. Unter dem Schutze der Reformation hob sich das Schulwesen und die Litteratur der Deutschen. Michael Weiße und Nikolaus Hermann dichteten volkstümliche geistliche Lieder, Johann Mathesius verfaßte zahlreiche, auch kulturgeschichtlich bemerkenswerte Predigten, der Egerläuder Clemens Stephani schuf wirkungsvolle Dramen.

Auch die deutsche Sprachgrenze rückte im 16. und namentlich im 17. Jahrhundert wieder vor. Man kann diese Bewegung an der Hand der Stadtbücher verfolgen, die allmählich wieder die deutsche Sprache annehmen. Nach den ungeheuren Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, nach den erbarmungslosen Landesverweisungen von vielen Tausenden protestantischen Familien waren weite Strecken Böhmens geradezu entvölkert, und es mußten nun wieder deutsche Kolonisten (zumeist aus Bayern) herbeigerufen werden. So wurden große ehemals tschechische Gebiete, namentlich im westlichen Böhmen bis zum Jahr 1700 allmählich wieder dem Deutschtum gewonnen. Noch stärker war in jener Zeit die Wendung zu gunsten des Deutschtums in dem ganzen öffentlichen und kulturellen Leben Böhmens. Nach der Schlacht am Weißen Berge 1620, war die Macht der Stände gebrochen. Böhmen wurde nun eine Provinz Oesterreichs; von einem rein tschechischen Staate konnte nicht mehr die Rede sein. Die „verneuerte“ Landesordnung Ferdinands II. vom Jahre 1627 erkannte nun auch die Gleichberechtigung der deutschen Sprache an, die schon wegen des Verkehrs mit den kaiserlichen Beamten zu Wien unentbehrlich wurde. Mit der zunehmenden Centralisierung im 18. Jahrhundert wuchs auch die Bedeutung des Deutschtums. Während Kaiser Josef II. die deutsche Sprache in allen Schulen Böhmens einführte, vertauschte im Jahre 1784 auch die Prager Universität die lateinische mit der deutschen Vortragssprache.

Nach langem Schlafe begann in der josefinischen Periode die deutsche Litteratur in Böhmen zu erwachen, von Wien her und in höherem Grade vom neuen Aufschwung des geistigen Lebens in Deutschland befruchtet. Die litterarischen Bewegungen Deutschlands wurden vielfach durch reichsdeutsche Gelehrte an der Prager Universität vermittelt, die sich (wie z. B. A. G. Meißner) an der ästhetischen Kritik und am dichterischen Schaffen fruchtbar beteiligten. Aus diesen Bestrebungen erwuchsen mehrere Zeitschriften, die auch außerhalb Böhmens Mitarbeiter und Leser gewannen, und einzelne bedeutendere Talente, wie der Epiker Egon Eberl und die Erzähler Alfred Meißner und Adalbert Stifter. Weit hervorragender freilich als auf dem Boden der Dichtkunst wurden die Leistungen der ernster gestimmten, arbeitstüchtigen Deutsch-Böhmen auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Industrie, sowie in dem wiederholt maßgebenden Anteil an der politischen Führung des österreichischen Kaiserstaates.

Indessen hatte am Ausgang des 18. Jahrhunderts die tschechische Sprache den tiefsten Grad ihrer politischen und gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit, ihres grammatischen und stilistischen Verfalls erreicht. Fast nur vom Bauernstande gesprochen – denn der Adel und die Bürgerschaft bedienten sich nahezu ausschließlich der deutschen Sprache – konnte sie den Anforderungen der zeitgenössischen Kultur und Bildung nicht mehr entsprechen. Selbst begeisterte böhmische Patrioten verzweifelten an ihrem Wiedererstehen und der böhmische Geschichtschreiber Pelzel sprach 1789 die Ansicht aus, daß Böhmen vollständig deutsch werden dürfte, wie es damals bereits mit Obersachsen, Schlesien und anderen ehemals überwiegend slavischen Ländern der Fall war.

Ueberraschend schnell trat ein Umschwung der Verhältnisse ein. Josefs II. Wirken, so centralisierend es angelegt sein mochte, gab den ersten Anstoß hierzu. Die Verbreitung der Schulbildung, die Befreiung des Bauernstandes brachte neues Leben in jene Schichten des Volkes, aus der die tschechische Sprache wiedergeboren werden sollte, in die bis dahin von der modernen Kultur abgeschnittene Landbevölkerung. Die demokratischen Ideen der französischen Revolution wirkte mittelbar bis nach Böhmen; die Befreiungskriege gegen Napoleon weckten auch bei den österreichischen Slaven das Nationalbewußtsein. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts fällt das neue Aufkommen der tschechisch-nationalen Bewegung. Sprachforscher wie Dobrowsky und Jungmann begannen die tschechische Sprache wissenschaftlich zu ergründen, in Formenbau, Wortschatz und Stil durch Verwendung älterer Formen und durch Anleihe bei verwandten Sprachen auszubilden. Gelehrte und Aristokraten vereinigten sich zur Gründung von Gesellschaften und Unternehmungen, die der Heimatkunde dienen sollten, so entstand die böhmische Museumsgesellschaft 1818. Die Deutschen des Landes förderten [643] anfänglich neidlos all diese Bestrebungen, oder besser gesagt, sie waren sich eines Gegensatzes den Tschechen gegenüber kaum bewußt. Aus der gemeinsam genossenen deutschen Bildung schöpften beide Teile die Kraft, für die geliebte Heimat zu wirken, ohne Deutsches und Slavisches strenge auseinanderhalten.

Zwei Männer vor allem hatten sich unmittelbar aus Deutschland jene Begeisterung und jenes Wissen geholt, das sie befähigte, auf ihr Volk und die gesamte Slavenwelt einen unvergleichlichen Einfluß auszuüben, P. Safarik (1795 bis 1861) und J. Kollar (1793 bis 1852). Aus Jena, wo die beiden in der Zeit der hochgehenden burschenschaftlichen Bewegung studiert haben, stammt die großartige, wissenschaftliche Umfassung des Slaventums durch den Philologen und Litteraturhistoriker Safarik, sowie der poetische und litterarische Panslavismus des Dichters Kollar. In den stürmischen Jahren 1848 und 1849 traten die österreichischen Slaven unter der Führung Palackys mit den in den Schriften Safariks und Kollars niedergelegten nationalen Bestrebungen hervor, die politische Freiheit und sozialen Fortschritt in sich schlossen. Mit der aufbauenden Thätigkeit ihrer kulturellen Entwicklung verbanden die Tschechen jetzt auch die Zurückdrängung und Bekämpfung des deutschen Volkstums. Seit der Gründung der Konstitution 1861 wurden die nationalen Forderungen der Tschechen immer ungestümer und bis zur Gegenwart von immer wachsenden Erfolgen begleitet. Dieser abermalige Wechsel der politischen Machtstellung mußte natürlich auch die ethnographische Sachlage in Böhmen beeinflussen. Das Deutschtum, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts (ähnlich wie im 13. und 14. Jahrhundert) förmlich netzartig über das ganze Land ausgebreitet war, schwand seit 1848 im Inneren des Landes, wo es in arger Minderheit war, rasch dahin. Am raschesten in den Städten, wo sich sehr viel unechtes Deutschtum befunden hatte. In Prag z. B., wo sich 1856 noch 73000 Einwohner zur deutschen, 50000 zur tschechischen Nationalität bekannten, errangen die Tschechen bereits im Jahre 1861 die Mehrheit in der Gemeindevertretung, während heute Prag samt den Vororten bei einer Gesamtbevölkerung von 305909 Seelen nur mehr 40819 Deutsche bewohnen. Auf dem Lande hingegen, in dem geschlossenen Gebiet, wo gutes deutsches Volkstum seit Jahrhunderten auf heimischer Scholle sitzt, dort erhält es sich auch zähe und unvermischt. Darum haben sich die Linien der deutsch-tschechischen Sprachgrenze seit dem Beginn dieses Jahrhunderts trotz aller Bedrängnisse des Deutschtums nur ganz unerheblich zu dessen Ungunsten geändert.

Auf dem deutschen Sprachgebiete, das heute ungefähr 354 Quadratmeilen, also nahezu 38 % der Gesamtfläche Böhmens umfaßt, wohnen vier der Mundart und Herkunft nach verschiedene Stämme. Zunächst findet man die Bayern in der Sprachinsel Budweis, in dem von Niederösterreich hereinreichenden deutschen Gebiet von Neubistritz und im südlichen Böhmerwalde bis hinauf nach Eisenstein. Die Nordgauer oder Oberpfälzer in dem breiten deutschen Gebiet Westböhmens von Eisenstein angefangen bis an das Erzgebirge. Den alten Kern dieses Landesteils bildet das seit dem Anfang des 11. Jahrhunderts rein deutsche Egerland, das erst im Jahre 1322 unter Wahrung seiner alten Vorrechte dauernd an Böhmen fiel, die Reste seiner ursprünglichen Sonderstellung aber bis zum Jahre 1817 sich bewahrte. Das Erzgebirge und das mittlere Nordböhmen bewohnen Obersachsen, während Schlesier das östliche Böhmen vom Jeschken angefangen, ferner die auch nach Mähren sich erstreckenden Sprachinseln des Schönhengstler Gaues und der Umgebung von Iglau besiedeln.

Dieses Sprachgebiet muß als ein völlig geschlossenes bezeichnet werden. Von den 7063 Ortsgemeinden Böhmens sind nur 88 gemischtsprachig, nur 44 davon liegen an der Sprachgrenze. Es ist also zwischen den beiden Sprachgebieten (von einzelnen Ausnahmen abgesehen) nicht einmal ein sprachlich gemischter Gürtel vorhanden, so daß die Sprachgrenze in einer scharfen Linie gezogen werden kann. Die tschechischen Minoritäten sind in den meisten deutschen Bezirken nur geringfügig und sie sind im letzten Jahrzehnt im allgemeinen gesunken. In wesentlicher Zunahme begriffen sind sie nur in jenen deutschen Gegenden, wo ein rücksichtslos betriebener Kohlenbergbau oder eine rasch (mitunter ungesund rasch) wachsende Industrie den deutschen Bauer verdrängt und slavische Arbeiterscharen heranzieht. Die Zahl der Deutschen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Böhmens ist trotz der Ungunst der politischen Verhältnisse in den letzten fünf Jahrzehnten nur ganz unerheblich gesunken. Nach einer Berechnung des Jahres 1846 bildeten die Deutschen in Böhmen 39 % der Gesamtbevölkerung; nach dem verläßlichen amtlichen Material aus dem Anfang der sechziger Jahre nahezu 38 %, nach der amtlichen Zählung von 1880 genau 37,11 %. Nach der letzten Zählung von 1890 stehen in Böhmen 2159011 Deutsche 3644188 Tschechen und 866 Einwohnern anderer Nationalitäten gegenüber, ihre Verhältniszahl gegenüber der Gesamtbevölkerung beträgt 37,199 %, sie ist also im letzten Jahrzehnt sogar gestiegen. Darauf kann nicht oft genug hingewiesen werden, weil gerade in deutschen Kreisen pessimistische Anschauungen über den Rückgang des deutschen Volkstums in Böhmen verbreitet sind, die durch die untrüglichen statistischen Ergebnisse ihre Berechtigung verlieren.

Eines aber darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Deutsch-Böhmen einem durchaus nicht unebenbürtigen oder gar verächtlichen Gegner gegenüberstehen. Die Tschechen sind ein begabter und tüchtiger Volksstamm. Die nationale Kultur, die sie sich in kaum einem Jahrhundert geschaffen haben, ist in der That staunenerregend. Und mögen sie auch die Elemente deutscher Geistesbildung übernommen haben, sie haben es verstanden, sie mit nationalem Geiste zu erfüllen. Mit Recht sind die Tschechen auch stolz auf den gesunden Kern ihrer Landbevölkerung. Es gehört mit zu den nationalen Pflichten, die Tüchtigkeit des Gegners anzuerkennen. Kein Zweifel, einer der schwersten politischen Kämpfe, die je ausgetragen wurden, wird der nationale Verteidigungskampf sein, der den Deutschen Böhmens in den nächsten Jahrzehnten bevorsteht. Aber wie groß auch die Gefahr sein mag, sie dürfen doch mutig in die Zukunft schauen. Das deutsche Volkstum ist von urwüchsiger Kraft, es hat schon die härtesten Kämpfe siegreich bestanden; sicher wird es auch diese Zeiten der Prüfung überdauern und aus den politischen Stürmen, die gegenwärtig das Böhmerland beunruhigen, gestärkt hervorgehen.