Textdaten
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Autor: Eva Treu
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Titel: Der gute Regen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 636–639
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[636]
Der gute Regen.
Humoreske von Eva Treu.

Ja, natürlich, nun regnete es wieder!

Seit acht Tagen war es so gewesen: frühmorgens die klarste, blaueste Luft, dann, gegen neun Uhr, drei oder vier Wolken „wie eines Mannes Hand“, die langsam und unfreundlich heraufzogen und sich, man wußte nicht wie, plötzlich über den ganzen Himmel ausgebreitet hatten, dann zuerst ein paar versprengte, gleichsam widerwillige Tropfen, und endlich, etwa von zehn Uhr an, ein ganz gelassener, besonnener Regen, der völlig den Eindruck machte, als wenn er sich gründlich und gewissenhaft auf seine Aufgabe vorbereitet hätte und nicht die Absicht hege, aufzuhören, ehe er nicht alles, Berge, Bäume, Menschen, Häuser bis herab zum kleinsten Gräschen, einer sorgfältigen Abwaschung unterzogen hätte.

Dann, gegen Abend, wenn man bereits einen verzweiflungsvollen Spaziergang unter Schirm und Regenmantel gemacht und sich grollend seines durchnäßten Schuhwerks entledigt hatte, pflegte ein plötzlicher Sonnenblick die Wolken zu zerteilen, es wurde trocken und klar, jetzt, da sich niemand mehr recht daran erfreute, man hoffte – optimistisch wie Sommerfrischler nun einmal zu sein pflegen – auf einen schönen nächsten Tag, und der kommende Morgen brachte genau dieselben freudigen Ereignisse.

Wie gesagt, so war es nun seit einer Woche, und im allgemeinen herrschte die Anschauung vor, daß man besser gethan hätte, zu Hause in seiner bequemen Wohnung zu bleiben, wo man sich wenigstens nicht moralisch verpflichtet fühlte, täglich trotz aller Nässe seinen Weg zu machen, um die teuer bezahlte Bergluft auszunutzen. Heute jedoch hatte die Sache in der Frühe hoffnungsvoller ausgesehen als gewöhnlich, und die gut gehaltenen Spazierwege, auf welchen sich die Regenspuren immer schnell wieder verwischten, waren deshalb ungewöhnlich belebt gewesen. Ja, ein paar Wanderer hatten sich sogar unternehmungsfroh bis in eine ziemliche Entfernung von der kleinen Sommerfrische über die nächsten Berge gewagt. Und als nur eine halbe Stunde später wie zur gewohnten Zeit der Himmel sich doch mit plötzlicher Geschwindigkeit, als entsänne er sich erschrocken einer versäumten Pflicht, dunkel bezog und gleich darauf die ersten Tropfen fielen, da konnten nur die Vorsichtigen noch ihre nahen Wohnungen erreichen, die Wagemutigen mochten sehen, ob sie in irgend einem der an den Wegen stehenden Schutzpavillons wenigstens ein Unterkommen bis zur nächsten Regenpause fänden.

Zwei dieser Versprengten eilten auf verschiedenen Wegen dem gleichen Pavillon zu, ohne jedoch voneinander zu wissen.

„So, da hätten wir die Bescherung ja wieder einmal,“ sagte ein großer, blonder, junger Mann mit einer Brille, indem er eintrat und den Regenschirm, auf dem übrigens erst wenige Tropfen glänzten, schloß und in einen Winkel steckte. „Es wird ja wohl gleich in vollem Gange sein, da ist es doch wohl besser, vorläufig unter Dach und Fach zu treten.“ Er trat noch einmal in den Eingang, sah in den Regen hinaus, der schnell an Heftigkeit zunahm, und wischte sich die Brille ab.

Durch hervorragende Schönheit zeichnete er sich nicht aus, doch hatte er das intelligente Gesicht eines wissenschaftlich gebildeten Mannes, hübsche, ehrliche Augen und eine elegante, durch einen gut sitzenden Anzug vorteilhaft gehobene Figur.

Vielleicht zählte er achtundzwanzig Jahre, schwerlich mehr, denn auf seinem Gesichte lag bei aller Klugheit ein gewisser träumerischer Ausdruck, der einem späteren Alter abhanden zu kommen und schon bei Herren, welche die ersten Zwanziger überschritten haben zu den Seltenheiten zu zählen pflegt.

Und diesem träumerischen, für seine Jahre so ungewöhnlichen Ausdruck ganz entsprechend, hatte er auch in diesen Tagen etwas verübt, was sonst eigentlich ebenfalls nur von ganz jungem Menschenvolk begangen wird und gewöhnlich den gelinden Spott verständiger Menschen herausfordert; er hatte sich Hals über Kopf in ein Mädchen verliebt, mit dem er bis jetzt kein einziges Wort gewechselt, und das er nur vier- oder fünfmal aus einiger Entfernung gesehen hatte.

Aber kaum der vier- oder fünfmal hätte es von Rechts wegen bedurft. Sein Herz, mit dem er bis dahin eigentlich immer recht vorsichtig umgegangen war, weil er zu den Leuten gehörte, die sehr ideale Ansprüche an die Frauen stellen, welche ihnen gefallen sollen, hatte schon nach der ersten, flüchtigen Begegnung rettungslos lichterloh gebrannt. Nicht einmal wie „sie“ hieß, wußte er, nicht, woher sie kam, gar nichts, nur die eine überwältigende Thatsache, daß sie entzückend war, hatte sich ihm vollständig ins Bewußtsein eingeprägt. Natürlich dachte er auch jetzt an sie, und ein wahres Glück war es eigentlich, daß er in diesem trostlosen Regen wenigstens an etwas so Reizendes denken konnte; es wird nicht jedem so gut in solchen trüben Tagen.

Er hatte sich jetzt auf die Bank gesetzt, die im Innern des Pavillons rings an den Wänden herum angebracht war, und einen Band Shakespeare – es war eine sehr gute englische Originalausgabe – hervorgezogen, hielt auch das Buch aufgeschlagen vor sich hin, aber die Lektüre schien nicht recht vorwärts zu schreiten, über die Blätter hinweg schauten seine Augen sinnend in den Regen hinein, und nun legte er gar das Buch beiseite und lehnte den Kopf an die Wand zurück.

Vor einigen Tagen war „sie“ plötzlich an der Seite einer älteren Dame an der Wirtstafel aufgetaucht, sie, die lieblichste Mädchenerscheinung. Ob die ältere Dame die Mutter oder eine Tante sei, hatte er bis jetzt nicht herausbekommen. Nie hätte er mit seinem scheuen Zartgefühl es über sich gewonnen, etwa den Kellner auszufragen und diesem dadurch sozusagen einen Einblick in sein Interesse zu gewähren. Eine Aehnlichkeit bestand keinenfalls zwischen der alten, etwas gewöhnlich aussehenden und der jungen Dame, also mochten die beiden wohl Tante und Nichte sein. Die Tante hatte er indessen kaum angesehen, so sehr hatte die Nichte seine Aufmerksamkeit gefesselt: eine schlanke, fein aufgebaute Figur, der das lose, bauschige, die zarten Formen nur leicht andeutende Sommerkleid vortrefflich stand, ein ovales, mattrosiges Gesicht mit langbewimperten, seelenvollen Kornblumenaugen und fein gezeichneten dunklen Brauen, die sich ganz eigenartig ausnahmen zu dem hellblonden, lockigen Haar, das in flockigen, weichen Wellen das schöne Köpfchen umgab, und über dem allen ein Hauch von Poesie, von Mädchenhaftigkeit, von zwanzigjähriger Jugend – nein, wirklich, er hatte den Blick nicht wieder abwenden können! Leider saß er so, daß nur dann und wann ihr Kopf, gewöhnlich im Profil, für ihn sichtbar wurde, und nur ein paarmal hatte sie ihm das Gesicht voll zugewendet, so zum Beispiel einmal, als der Kellner ihm eine Bestellung überbracht hatte, von der er trotz des etwas ungebührlich lauten Tones, in dem sie gemacht wurde, keine Silbe verstand, so daß Jean sie wiederholen mußte.

Seitdem hatte er „sie“ ein paarmal gesehen, nicht nur täglich [637] an der Mittagstafel, sondern er war ihr auch mehrmals auf Spaziergängen begegnet. Beinahe mußte er über sich selbst lachen, nun er daran zurückdachte. Wirklich, nein, er war doch immer noch derselbe Tölpel, der er von Knabenzeiten her Mädchen gegenüber stets gewesen war! Hätte nicht jeder andere junge Mann von nur einigermaßen schneidigen Umgangsformen es fertig gebracht, irgend eine Gelegenheit vom Zaun zu brechen, um sich den Damen vorzustellen? Nur er natürlich, der schüchterne, schwerfällige Mensch, der er nun einmal war, er hatte nichts dergleichen gethan. Nicht einmal sie anzusehen hatte er gewagt, wenn ihn ihr Kleid fast gestreift hatte, während er ihr dann nachher wieder nachsah, so lange noch ein Zipfel von dem hellen Gewand zu erblicken war. Er fühlte sich sogar überzeugt, rot geworden zu sein. Lächerlich – einfach lä–cher–lich!

Und doch, dieses befangene Wesen war stärker als er, und wie er es schließlich anstellen wollte, sich ihr zu nähern, ihr von seiner Liebe zu sprechen und um ihre Hand anzuhalten – lauter Dinge, die jedenfalls und notwendig geschehen mußten – darüber war er noch vollständig im unklaren.

Geschehen aber mußte und sollte es, denn wenn es je auf der Welt ein Mädchen gab, welches ausdrücklich für ihn geschaffen war, so konnte es nur dieses sein; gleich von Anfang an war er darüber nicht in Zweifel gewesen. Es war wirklich einmal jene Liebe auf den ersten Blick, von der so viel gefabelt wurde.

Nicht im entferntesten war es ihm bis jetzt in den Sinn gekommen, sich zu fragen, ob das schöne Mädchen reich oder arm sei. Er selbst befand sich in so günstigen Vermögensverhältnissen, daß diejenigen seiner künftigen Frau ihn gleichgültig lassen dursten.

Nach Kleidung und Auftreten konnten die Damen allerdings nur einem recht wohlhabenden Hause angehören, doch hatte er sich mit solchen Erwägungen bis jetzt nicht abgegeben.

Nein, er saß nur und träumte von zwei blauen Augen voll Seele, ganz wie ein unpraktischer Mensch, der er auch war, während er den Shakespeare verkehrt in der Hand hielt.

Wie würde es ihn beglückt haben, wenn er gewußt hätte, daß unterdessen die Besitzerin der blauen Augen – sie waren wirklich sehr blau – auf einem anderen Wege, als auf dem er gekommen war, ebenfalls dem Schutzpavillon mit eiligen Schritten zustrebte, ja, wie groß würde seine Freude erst gewesen sein, hätte er geahnt, daß sie nur deshalb sich so weit hinausgewagt hatte, weil sie auf dem ganzen Spaziergange, ehe es zu regnen begann, an ihn, gerade an ihn gedacht und darüber versäumt hatte, nach Himmel und Wolken zu sehen.

Jetzt freilich waren ihre Gedanken nur bei ihrem hübschen Sommerkleide, welches ihr zierlicher Schirm nur sehr mangelhaft vor den fallenden Tropfen schützte, und bei ihren neuen, braunen Lederschuhen, welche die Nässe vollständig verdarb. Man kann nicht gleichzeitig an alles denken, und Kleider und Schuhe, besonders wenn sie noch nicht einmal bezahlt sind, bleiben immer Dinge von Wichtigkeit, selbst wenn man verliebt ist. Denn [638] natürlich war sie verliebt, und selbstverständlich wollte sie sich verloben. War sie denn nicht mit Mama auch diesen Sommer ausdrücklich zu diesem Zwecke in die Sommerfrische gereist?

Wenn ein junger, reicher, eleganter, unverheirateter Graf ein so augenfälliges, ihn selbst offenbar ganz überwältigendes Interesse für einen faßt und dasselbe so offenkundig zeigt, wie dieser junge, elegante Graf es that, so verliebt man sich selbstverständlich in ihn, darüber brauchte sie ja selbst in Gedanken gar kein weiteres Wort zu verlieren.

Im vorigen Jahre hatte ein Herr sie ausgezeichnet, den sie fälschlich für einen Lieutenant in Civil gehalten hatte. Sie hatte nachher sehr viel Verdruß mit Mama darüber gehabt. Vor zwei Jahren hätte sie sich um ein Haar mit einem reichen Kaufmann verlobt, aber er war dann schließlich doch abgereist, ohne sich erklärt zu haben. Vor drei Jahren war die Geschichte mit dem jungen Gutsbesitzer, von dem sich dann herausstellte, daß er schon anderweitig verlobt war. Es giebt ja so schlechte Menschen!

Jedesmal hatte sie die Reise mit der festen Absicht angetreten, sich zu verloben, und infolgedessen war sie natürlich auch jedesmal verliebt gewesen, aber etwas so Reiches, Vornehmes und Sicheres wie dieses Mal hatte sich eigentlich noch nie geboten. Selbst die etwas argwöhnische Mama hatte es noch heute früh beim Ankleiden gesagt und deshalb auch nichts dagegen eingewendet, daß sie das hübsche, neue Sommerkleid anzog.

Eigentlich hübsch war er ja nicht gerade, und wenn sie nicht gleich am ersten Mittag gehört hätte, wie der Kellner ihn „Herr Graf“ anredete, so würde sie vielleicht gar nicht besonders auf ihn geachtet haben. Aber nach Tische hatten Mama und sie gleich in der Fremdenliste nachgesehen und nach einem Grafen gesucht, und da hatten sie auch richtig an einem der letzten Tage verzeichnet gefunden. „Graf Breitenburg“.

Nun kannte Mama zufällig die gräflich Breitenburgische Familie dem Namen nach und wußte, daß sie enorm reich sei. Darüber also konnte man sich beruhigen und als Mama dann im Laufe des Nachmittages bei dem Kellner einige beiläufige Erkundigungen über den Grafen Breitenburg. eingezogen hatte – ja, so etwas verstand Mama! – da stand auch das fest, daß er bis jetzt keine Frau habe. Denn der Graf, sagte der Kellner, pflegte schon seit mehreren Jahren hierher zu kommen, und er galt im allgemeinen für einen Weiberfeind. Damit wußte man vorläufig alles Wissenswerte. Der „Weiberfeind“ schien allerdings zuerst ein Hindernis zu sein, doch hatte Mama schon am zweiten Mittag herausgebracht, daß der Graf – wie entzückend es klang – „Der Graf!“ – beinahe Essen und Trinken vergaß, um nach den beiden Damen verstohlen hinüber zu sehen.

Gräfin werden – so hoch hinauf hatte sie nie geträumt. Zwar, Mama hatte oft gesagt. „Wenn man so aussieht wie du, Adelgunde, mein Kind, so kann man hohe Ansprüche machen, aber ihr hätte ja ein ganz gewöhnlicher Millionär ohne den Grafentitel auch genügt, ja, er brauchte nicht einmal gerade Millionär zu sein, sie wußte ja, daß es deren nicht übermäßig viele giebt. Aber wenn man den Grafentitel und die Million, oder doch so ungefähr eine Million, sagte Mama, miteinander bekommen könnte, und wenn der Mann noch dazu gut aussah und offenbar nett war, so besann man sich natürlich nicht lange!

Bis dahin war sie vorhin gekommen in ihren Gedanken, die eigentlich nur eine Wiederholung dessen waren, was sie gestern abend vor dem Einschlafen mit Mama durchsprochen hatte. Man kann nicht immer mit seiner Mama derselben Meinung sein, aber in diesen Dingen stimmten beide vollständig überein. Mama hatte bereits zwei ältere Töchter mit großem Geschick verheiratet, und zwei jüngere waren zu Hause geblieben in der kleinen, heißen, auf den Hof hinausgehenden Hinterwohnung. Macht es doch keinen guten Eindruck, wenn man so viele Töchter auf einmal mit in die Sommerfrische bringt. Außerdem würden auch die Ausrüstung und der Aufenthalt für alle zugleich gar zu teuer geworden sein. Die Handwerker und Kaufleute waren ohnehin so eigen mit dem Borgen.

Als sie aber in ihrer Wiederholung so weit gekommen war, begann eben der Regen zu fallen, und da sie nicht mit einem ausreichenden Schirm versehen war, richteten sich von da an ihre Gedanken natürlich nur noch auf ihr Kleid, ihren Hut und ihre Schuhe. Alles zu seiner Zeit. Platzregen und Zukunftsträume!

Hoch aufgeschürzt, ängstlich von Stein zu Stein hüpfend, so eilte sie durch den strömenden Regen dahin. Dabei hatte sie, indem ihr die Tropfen in das Haar und das Gesicht sprühten, ein sehr unbehagliches Gefühl, als wenn dieselben dort irgend ein Unheil anrichteten, welches es ratsam erscheinen lassen mochte, später, wenn der Regen nachließ, möglichst unbemerkt nach Hause zu gelangen. Die Frisur war sicher verdorben, vielleicht mehr.

Nun, zum Glück kam da ja ein Schutzpavillon in Sicht. Sobald sie den nur erreicht hatte, war sie ja vorläufig geborgen.

Nun trat sie in das fensterlose, kleine Gebäude, das sein einziges Licht durch die Thür erhielt. Der kleine Raum war ganz dämmerig, teils des bedeckten Himmels wegen, teils, weil sie selbst die Lichtöffnung versperrte, indem sie eintrat. So entging es ihr, daß sich bereits jemand im Pavillon befand, der junge Mann nämlich, welcher im Hintergrunde mit seinem Shakespeare auf der Bank saß. Er freilich hatte sie natürlich sofort sehen müssen, und eine heiße Blutwelle strömte ihm zum Herzen. „Sie!“ – in der ersten Ueberraschung und Befangenheit regte er sich gar nicht, nur das Buch legte er sachte aus der Hand. Da war sie ja nun, die heiß ersehnte Gelegenheit, sich ihr zu nähern! Vortrefflicher Regen! Wenn er doch nur noch recht lange dauern wollte!

Die junge Dame legte inzwischen ihr Buch – denn auch sie hatte ein solches bei sich – auf die Bankecke neben der Thür und begann ihre Toilette zu mustern, und unwillkürlich folgten die Augen des Mannes den ihrigen. Zuerst nahm sie den Hut ab und betrachtete ihn von allen Seiten, besonders vorteilhaft schien die Nässe ihm nicht gewesen zu sein. Die Schuhe hatten weniger Schaden genommen, als sie gefürchtet hatte, aber das Kleid hatte einen breiten feuchten Saum.

Nun zog sie einen kleinen Handspiegel aus der Tasche und musterte ihre Frisur, so gut es gehen wollte. Sie brauchte sehr lange Zeit dazu.

„Schade“, dachte der junge Herr mit einem kleinen unwillkürlichen Seufzer des Bedauerns, „ein kleines bißchen eitel scheint sie zu sein. Aber,“ fügte er gleich hinzu, „das ist wohl erklärlich, wenn man so jung ist und so aussieht. Dann aber räusperte er sich, um sich bemerkbar zu machen, denn es widerstand seiner ehrlichen Natur, den Lauscher zu spielen.

Beinahe ließ sie den Spiegel fallen vor Schreck, dann wurde sie dunkelrot bis an die blonden Haare. Der Graf! fast hätte sie es laut gesagt in ihrer Ueberraschung. Welches Zusammentreffen, wie günstig und förderlich! Ja, so ein Regen konnte wirklich auch zu etwas gut sein, und der beschädigte Hut sollte sie nicht weiter reuen.

Wenn nur der Spiegel nicht so klein gewesen wäre. Sie hatte durchaus kein sicheres Urteil über den Zustand ihrer Frisur, und dann – der Regen war ihr doch auch ins Gesicht gesprüht. Jedoch da half nun nichts, und es war ja auch zum Glück dämmerig in dem kleinen Pavillon.

„O, wie Sie mich erschreckt haben,“ sagte sie, die Hand auf das Herz legend, das wirklich lebhaft klopfte.

„Das bedaure ich sehr, mein Fräulein. Es war natürlich durchaus nicht meine Absicht. Er fand es passend, aufzustehen und zu ihr hinzutreten.

Noch nie war er ihr so nahe gewesen, sie stand an den einen Pfosten der Thüröffnung gelehnt, und was an Licht überhaupt vorhanden war, das fiel auf sie.

„Nein, zwanzig – da habe ich sie doch wohl aus der Entfernung ein bißchen zu jung taxiert,“ dachte er, indem er seine kurzsichtigen Augen beinahe schüchtern über sie hingleiten ließ, „vierundzwanzig, fünfundzwanzig, so viel mag sie doch wohl zählen. Ja, wenn man kurzsichtig ist!“

„Auch Sie sind vor dem Regen hierher geflüchtet?“ fragte sie, ihm das Gesicht zuwendend. Das Haar, das sonst in lockigen Wellen das Köpfchen umgab, war vom Regen glatt und schlicht geworden und hing ihr in unordentlichen, dünnen Strähnen um die Stirn. Sein Auge haftete ganz betrübt darauf, während er zerstreut antwortete: „Ja, ich war glücklicher als Sie, mein Fräulein, ich bin gar nicht naß geworden. Ihr hübsches Kleid hat, wie ich sehe, Schaden genommen.“ Bei sich dachte er indessen: „Also das Haar war bloß so kunstvoll gebrannt! Das ist nun wirklich schade, es sah so allerliebst aus.“

„Na, als Millionär brauchte er sich um ein paar Flecken im [639] Kleide auch nicht gerade zu sorgen,“ dachte das Mädchen, unangenehm berührt, „das müßte man ihm abgewöhnen.“

„Wenn es doch nur nicht so viel regnen wollte,“ sagte sie laut, „sonst ist es hier ja süß.“

Süß! Er zuckte zusammen, als hätte man ihn geschlagen.

Sie bemerkte es nicht. „Meine Mama sagte noch gestern, Adelgunde, sagte sie, in einer netteren Gegend sind wir noch auf all unseren Reisen nicht gewesen. Besonders die Berge und die Tannen die sind doch gar zu niedlich, nicht wahr?“

„Ja, sehr niedlich.“ Gütiger Himmel, schroffes Felsgestein und hundertjährige, himmelaufragende Tannen, deren majestätische Wipfel die Wolken berührten, das nannte dieses Mädchen niedlich! Er sah sie durch seine Brille ganz erschrocken an. Er war feinfühlig in dergleichen. Und Adelgunde hieß sie auch noch!

„Wie er mich ansieht,“ dachte Adelgunde, „es muß nicht so schlimm sein mit meiner Frisur, sonst würde er nicht so entzückte Augen machen. Ein bißchen langweilig scheint er zu sein, aber wenn man Graf ist und Millionär –“

„Aber das Meer ist doch noch niedlicher,“ sagte er.

„O, süß! Ja, das Meer ist reizend, und dann ist es auch so modern!“ Sie schlug die sanften Augen schüchtern zu ihm auf. „Sie sind gewiß auch sehr für Natur – ach, ich schwärme so riesig dafür! Meine Mama sagt immer: Wenn unsere Adelgunde nur schöne Natur hat und ein gutes Buch, da braucht sie weiter nichts.“

‚Aber sie hat ja Puder auf ihrem Gesicht!‘ dachte der junge Mann so entsetzt, wie nur ein ganz ehrlicher Mensch es bei solcher Entdeckung sein kann. Als sie ihm das Köpfchen so schwärmerisch zugewendet hatte, war eben ein heller Lichtstreif darauf gefallen, und so, ganz in unmittelbarer Nähe sah er, was seinem kurzsichtigen Blick aus der Entfernung bockig verborgen geblieben war: ein wenig Puder auf den Wangen, ein wenig Karmin auf den Lippen, ein wenig Tusche in den feingeschweiften Augenbrauen. Es war keine dick aufgetragene Schminke, nur ein Hauch von allem sozusagen, aber doch genug, um seine Begeisterung für ihren frischen Jugendreiz kläglich zu ernüchtern. Die Regentropfen hatten den Puder an einigen Stellen fortgeschwemmt, es machte den Eindruck, als lägen mattgelbliche Flecken auf milchweißem Grunde.

‚Was für Augen er macht,‘ dachte das Mädchen wieder, den überraschten Blick gänzlich mißverstehend, ‚wenn er bloß ein kleines bißchen mehr sprechen wollte!‘ – „Sie haben dort wohl ein sehr schönes Buch?“ fragte sie laut mit lieblichem Lächeln.

„Gewiß, mein Fräulein, ein herrliches Buch, es ist Ihnen aber sicherlich bekannt.“ Damit reichte er ihr seinen Shakespeare.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf Inhalt und Titelblatt. „Diese französischen Sachen lese ich nicht,“ sagte sie reserviert, „meine Mama findet sie nicht passend für junge Mädchen. Sie sagt, ein gediegenes deutsches oder englisches Buch sei immer das beste.“

Er stöhnte innerlich. War es denn möglich, war dies das Mädchen, welches er aus der Ferne angebetet hatte wie ein dummer Junge? „Und dürfte man fragen, welche deutschen Schriftsteller Sie bevorzugen, mein Fräulein?“

„Ach, ich habe hier ein reizendes Buch – süß! Man muß dabei so weinen.“ Dabei griff sie nach dem Buche, das sie vorhin auf die Bank gelegt hatte, es war ein sehr wenig sauber aussehender Leihbibliothekband. Einen Augenblick zögerte er, ihn anzufassen, dann nahm er ihn doch, schlug ihn auf und – ja wirklich, er konnte beinahe belustigt, lächeln trotz der schmerzlichen Enttäuschung, die er eben durchmachte – er erblickte die schlechte deutsche Uebersetzung eines seichten französischen Romanes.

Guter Gott – guter Gott – und dieses Mädchen hatte er – wo hatte er doch seine Augen gehabt? Wie war es möglich gewesen, nicht zu sehen, daß hinter diesem hübschen Lärvchen kein Gehirn steckte? Und dieses Mädchen hatte er – o, gesegneter Regen, der den blendenden Schimmer von diesem „Ideal“ abgewaschen hatte!

„Freilich, reisen ist noch reizender wie schöne Bücher,“ sagte sie, das Köpfchen auf die Seite legend, um zu ihm emporzusehen. „Sie, Herr Graf, sind gewiß sehr viel gereist?“

Herr Graf? Wer ihr nur das verraten hatte? Uebrigens, von Rechts wegen hätte er sich ja längst vorstellen sollen. Er gestand sich selbst, daß es eigentlich flegelhaft sei, es bisher unterlassen zu haben. Allerdings schien sie ja auch ohne das ganz gut unterrichtet zu sein. „Gewiß, mein Fräulein, ich mache jährlich meine kleine Reise,“ antwortete er.

„Klein? O, Sie sollen doch die halbe Welt und mehr gesehen haben, Herr Graf.“

„O behüte – hier und da ein wenig! Wer kann Ihnen doch das erzählt haben? Ueberhaupt, wer weiß denn hier eigentlich von mir? Jedoch gestatten Sie zunächst, daß ich mich Ihnen vorstelle, es hätte längst geschehen sollen. Sozusagen sind wir ja Tischnachbarn. Graf –“

„Ach, ich weiß schon.“ Sie sah lächelnd zu Boden und spielte mit dem Griff ihres Schirmes. „Wir hörten den Namen zufällig, er ist ja sehr bekannt – so kam es denn von selbst –“

„Mein Name bekannt? Ich wüßte wirklich nicht!“

„Aber gewiß – doch, Herr Graf. Und es wurde dann auch so viel von Ihren großen Reisen –“

„Groß – groß! Nun, so weit ein armer Schulmeister denn eben kommt in den Ferien, mein Fräulein. Da sind die Grenzen ja sehr eng gezogen.“

Der Schirm fiel aus der kleinen Hand polternd zu Boden.

„Ferien – Schulmei –“ stotterte Adelgunde.

„Aber freilich, mein Fräulein. Es scheint doch fast, als ob Sie sich in meiner Person irrten. Graf, Lehrer am –“

„Am Gymnasium zu Wesenheim,“ wollte er vollenden, aber er hielt inne, so verstört sah ihn das hübsche Mädchen an.

„Graf – Lehrer – so sind Sie nicht Graf Breitenburg?“

„Nicht die Spur, mein Fräulein. Graf Breitenburg ist der ältere Herr mit der hohen Stirn, der Ihnen bei Tische gegenüber sitzt. Ja, der hat allerdings Reisen um die halbe Welt gemacht. Dem erlaubt es aber auch sein Geldbeutel und seine Zeit.“

„Er ist nicht Graf, er ist nicht Millionär,“ dachte das Mädchen mit unsagbarer Enttäuschung. O, wie dumm, wie dumm, wie dumm war sie gewesen! An diesen ganz simplen Herrn Graf, der nichts war als ein bloßer Lehrer, hatte sie so viele Gedanken, so viel Herzklopfen, so viel liebliche Blicke verschwendet! Gedankt sei dem Regen, der ihr noch zur rechten Zeit die Augen geöffnet hatte! Wo hatte sie nur vorher ihren Verstand gehabt? Daß dieser gewöhnlich aussehende, schüchterne Mensch kein Graf sein könnte, hätte sie wohl auch wissen können, und Mama ebenfalls. Da war doch der Herr ihr gegenüber, der wirkliche Graf Breitenburg, eine ganz anders aristokratische Erscheinung, ein Herr in seinen besten Jahren mit einem sehr anziehenden Gesicht.

Sie trat von dem jungen Manne weg und sah in den Regen hinaus. Wenn er doch nur weggehen wollte, dieser langweilige Mensch, den sie eigentlich von Anfang an nicht hatte ausstehen können! „Ob es denn noch nicht bald besser wird?“ sagte sie wie zu sich selbst.

Ob er ihre Gedanken las? Ein sehr großes Kunststück wäre es nicht gewesen. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, mein Fräulein,“ sagte er mit einer kühlen Artigkeit, zu der er sich noch vor einer halben Stunde völlig unfähig gefühlt haben würde, „es scheint sich ein wenig aufzuhellen, aber es kann doch noch lange fortregnen. Für mich mit meinem Schirm ist der Weg immerhin passierbar, für Sie ist er unmöglich. Ich werde nach Hause gehen und Ihnen aus dem Hotel einen Mann mit einem Schirm schicken, der meinige reicht für uns zwei nicht.

Sie neigte kühl den Kopf. „Wenn Sie so gut sein wollen, es wäre wohl wirklich das beste.“

„Also empfehle ich mich, mein Fräulein.“ Er spannte seinen Schirm auf und ging.

„Gott sei Dank!“ sagte er aufatmend, als er draußen war, „lieber im ärgsten Klatschregen waten, als mich mit dem Gänschen noch weiter unterhalten. Na – und in die war ich verliebt!

„Gott sei Dank!“ flüsterte das Mädchen, ihm nachsehend, „daß der langweilige Mensch fort ist und daß ich noch rechtzeitig merkte, was für ein ,Graf’ er ist!

Und dann setzte sie sich hin und weinte über den verstoßenen Traum von der Gräfin und der Million, so daß auch der letzte Rest Puder noch fortgeschwemmt wurde und ihr Taschentuch kleine rote Karminflecke bekam.