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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[733]

No. 45.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


„Darf ich nicht erst das Bild wegstellen?“ sagte Brandow.

„Auf keinen Fall!“ rief Alma, „ich kann mich nicht davon trennen; und für Sie, lieber Freund, müßte es doch doppeltes Interesse haben. Sehen Sie doch nur, wie kräftig diese Buchen hier im Vordergrund! wie bequem der Blick in den zweiten Plan hinübergleitet und in süßer Ruhe dort verweilt, um dann recht sehnsuchtsvoll in die blaue duftige Meeresferne hinauszuschweifen, oder sich mit Lust auf der braunen Haide zu ergehen.“

„O gewiß, gewiß,“ sagte Brandow, ohne das Bild, das ihm jetzt unmittelbar gegenüberstand, anzusehen; „es soll Dollan sein, nicht?“

„Soll sein!“ rief Ottilie, „aber Herr Brandow, Sie wollten es ja damals selber kaufen! erinnern Sie sich denn nicht, als Ihre Frau und ich vor dem Bilde standen und Sie herzutraten?“

„O gewiß, gewiß!“ sagte Brandow.

„Ich möchte wetten, unsere Herren sind jetzt dort auf jener braunen Haide,“ sagte Alma.

„Gewiß, sicher,“ sagte Brandow.

„Unmöglich!“ rief Ottilie, „oder sie müßten dort ein Unglück mit dem Wagen gehabt haben, was wir denn doch nicht fürchten wollen.“

„Freilich, o gewiß nicht!“ sagte Brandow, sich mit dem Taschentuch die Stirn trocknend.

„Sie sind angegriffen, Herr Brandow; ich darf Ihnen eine Erfrischung anbieten!“ fragte Ottilie, nach der Klingel greifend und dann aufstehend, um dem Dienstmädchen, das alsbald eintrat, ihre Befehle zu ertheilen. In demselben Augenblick beugte sich Alma vornüber und flüsterte, Brandow die Hand hinhaltend: „Mein theurer Freund, wie freue ich mich, Sie zu sehen! Was haben Sie denn mit Hugo gehabt? ich dächte doch, es läge in unser Aller Interesse, daß Ihr gute Freunde bleibt.“

Brandow hatte die kleine weiße Hand genommen und flüchtig an seine Lippen geführt.

„O gewiß, gewiß, meine schöne Freundin,“ sagte er; „ich bin ja eben deswegen hier, es ist eigentlich gar nichts, ich war etwas aufgeregt durch – ich – o meine gnädige Frau, weshalb das? ein Glas Wein, wenn Sie durchaus befehlen, sonst bitte, bitte, keine Umstände!“

Er hatte sich zu Ottilien gewandt, Alma zog sich schmollend in ihre Ecke zurück; Brandow war heute doch sehr sonderbar, so kalt, so gar nicht wie sonst. Alma beschloß, ihn dafür zu strafen, wenn Gotthold kam, und, um die Strafe noch zu verschärfen, die paar Minuten bis dahin noch ganz besonders liebenswürdig zu sein.

Aber die Minuten vergingen, die Pendule schlug elf Uhr, sie schlug ein halb zwölf – seit Brandow’s Kommen war eine Stunde vergangen, und noch immer ließ sich kein Wagenrollen vernehmen, nur das Sausen der hohen Pappeln auf dem kleinen Platze vor dem Hause und das Klatschen des Regens gegen die Fensterscheiben, so oft eine Pause in dem Gespräche eintrat. Und es trat, je später es wurde, desto öfter eine solche Pause ein, da Ottilie gegen ihre Gewohnheit fast gar nicht an der Unterhaltung theilnahm, Alma, wie immer, genug zu thun glaubte, wenn sie durch gnädiges Lächeln die Erlaubniß gegeben, sie zu amüsiren, und Brandow heute Abend gar nicht der angenehme Gesellschafter war, für den er im Allgemeinen galt. Die Unruhe, mit welcher er von einem Gegenstande zum andern sprang, hatte etwas Fieberhaftes, sein Lachen klang gezwungen; und dann schien er wieder gar nicht zu bemerken, daß schon seit längerer Zeit kein Wort gesprochen war, und saß da, auf das Bild starrend, bis er plötzlich sich zusammenraffte und von Neuem zu sprechen begann mit einer übertrieben lauten Stimme, deren harter Klang Ottilien jedesmal erschreckte. Ottiliens Unruhe war von Minute zu Minute gestiegen. Sie war schon ein paar Male aufgestanden, an das Fenster getreten und hatte, die Vorhänge zurückschiebend, in die Nacht geblickt, die der trübe Schein der Lichtchen in ein paar schaukelnden Laternen wo möglich noch dunkler machte.

„Ich ängstige mich doch gar zu sehr,“ rief sie endlich, sich wieder vom Fenster in das Zimmer wendend.

„Es ist allerdings auffallend,“ sagte Brandow; „wir haben jetzt zehn Minuten vor Zwölf; sie müßten seit einer Stunde hier sein.“

„Und auch mein Mann kommt nicht,“ sagte Ottilie.

„Sei doch froh, wenn er sich amüsirt,“ sagte Alma. „Wollen Sie schon fort, lieber Freund?“

„Ich will versuchen, uns Aufklärung zu verschaffen,“ erwiderte Brandow, der sich hastig erhoben und seinen Hut genommen hatte.

„Sie werden doch sich nicht noch einmal in die Nacht hinauswagen?“ rief Alma.

„Aber Alma!“ sagte Ottilie.

[734] Brandow war im Begriff zu gehen, als die Hausglocke ertönte, ein schwerer Tritt durch das Comptoir kam und alsbald Herr Wollnow in’s Zimmer trat. Ottilie eilte ihm entgegen und theilte ihm in ein paar Worten mit, wie die Sachen standen. Herr Wollnow begrüßte den späten Gast mit höflicher Kälte. Er sehe noch keinen rechten Grund, besorgt zu sein, wenn es Herr Brandow nicht sei.

„Aber er ist besorgt!“ rief Ottilie.

„Dann würde Herr Brandow schon längst aufgebrochen sein,“ entgegnete Wollnow.

„Ich bin besorgt und bin es auch wieder nicht,“ sagte Brandow. „Die Nacht ist ja dunkel und der Weg an einer und der andern Stelle nicht besonders; aber mein Hinrich Scheel ist ein notorisch ausgezeichneter Fahrer, und – ja, das fällt mir eben ein – Gustav von Plüggen ist denselben Weg gefahren, und zwar wenige Minuten vor unseren Freunden.“

„Was nicht ausschließt, daß der einen oder der andern Partie, oder auch beiden ein Unfall zugestoßen,“ erwiderte Wollnow. „Ich sage Unfall, meine Damen, nicht Unglück; aber auch ein Unfall – das Brechen eines Rades oder dergleichen – ist in einer solchen Nacht kein Spaß; und ich bin allerdings dafür, daß man unseren Freunden entgegengeht. Ich werde Sie begleiten, Herr Brandow, wenn es Ihnen recht ist.“

„Gewiß, ohne Zweifel, aber ich bin beritten,“ erwiderte Brandow.

„So nehmen wir im Fürstenhofe einen Wagen; ist etwas passirt, kann ihnen nur ein Wagen etwas nützen.“

Alma fand es gar nicht artig von den Herren, die Damen in solchem Augenblicke allein zu lassen, während Ottilie ihrem Gatten einen Shawl aufnöthigte und ihm mit einem geflüsterten „Du bist mein braver Emil“ den herzlichsten Kuß gab.

Wollnow hatte verlangt, daß die Damen im Zimmer blieben. Als die Thür geschlossen war, sagte er: „Ich bin überzeugt, daß ihnen ein Unglück zugestoßen ist; und Sie sind es auch, nicht wahr?“

Die schwarzen Augen des Mannes leuchteten in dem Scheine des Lichtes, das er in der Hand trug, so seltsam und blickten so scharf und forschend; – Brandow zuckte zusammen, als wenn ihm vor Gericht eine Frage gestellt wäre, von deren Beantwortung der Ausgang seiner Sache abhing.

„O gewiß nicht, keineswegs!“ stammelte er, „das heißt: ich weiß allerdings nicht, was ich davon halten soll.“

„Ich auch nicht,“ entgegnete Wollnow kurz, das Licht auf einen Tisch in der Nähe der Hausthür stellend und den Riegel zurückschiebend.

Das Licht fiel hell auf die Thür, und als Wollnow die Thür öffnete, gähnte die Nacht schwarz herein. Plötzlich stand in der Thür auf dem schwarzen Hintergrunde der Nacht eine Gestalt, bei deren Anblick selbst der gelassene Wollnow bebte, während Brandow, der unmittelbar hinter ihm ging, mit einem dumpfen Schrei zurücktaumelte – die Gestalt eines Mannes, dessen Kleidung, als sei er eben aus der Erde heraufgestiegen, von Nässe durchtränkt und über und über mit Sand und Lehm beschmutzt war, dessen bleiches, von dunklem Barte umrahmtes und von dem breitkrämpigen Hute überschattetes Gesicht durch eine schmale Blutspur, die von der Schläfe aus über die Wange lief, grausig entstellt war.

„Um des Himmels willen, Gotthold, was ist geschehen?“ rief Wollnow, beide Hände nach dem Freunde ausstreckend und ihn auf den Flur ziehend.

„Wo sind die Damen?“ fragt Gotthold leise.

Wollnow deutete nach dem Wohnzimmer.

„So lassen Sie sie fort; Sellien liegt im Fürstenhofe, wir haben ihn eben verbunden; er ist noch immer ohne Besinnung; Lauterbach zweifelt, daß er durchkommt; ich glaubte, es sei besser, wenn ich die Botschaft brächte. Du hier, Brandow?“

Brandow hatte seine Fassung wiedergewonnen; es war ja lächerlich, daß er sich so ohne Noth geängstigt. Der Schuft hatte ein Katzenleben, und was lag ihm an dem Andern!

„Ich erwartete Euch hier schon seit beinahe zwei Stunden,“ sagte er. „Aber wie ist denn das möglich gewesen? armer Gotthold und der gute Sellien! Ich muß nach ihm sehen. Du bleibst nun doch wohl hier und auch Sie, Herr Wollnow?“

Brandow wartete keine Antwort ab; er stürzte zur Thür hinaus und verschwand in der Nacht.

Wollnow’s Auge blitzte hinter ihm her; aber er verschwieg das Wort, das ihm auf den Lippen zu zucken schien.

„Und Sie selbst, lieber Gotthold?“ sagte er.

„Ich bin noch so davon gekommen,“ sagte Gotthold. „Aber was soll nun geschehen? Wie wollen wir es der Frau beibringen?“

„Ich möchte ihn erst noch selbst sehen. Man weiß, daß ich Euch entgegen wollte, und wird mich nicht vermissen.“

„So kommen Sie!“

Die Freunde schritten hinaus. Wollnow hatte Gotthold seinen Arm gegeben. „Lehnen Sie sich fest auf,“ sagte er, „ganz fest, und sprechen Sie nicht!“

„Nur noch Eines. Die Zehntausend, die Sellien bei sich trug, sind verloren. Wir merkten es erst, als wir ihm hier den Rock aufschnitten.“

„Wie kann es verloren sein, wenn Ihr ihm den Rock aufschneiden mußtet?“

Gotthold antwortete nicht; das Ohnmachtsgefühl, das er schon unterwegs ein paar Male kaum überwältigt hatte, kam wieder über ihn; er mußte sich nun wirklich sehr fest auf Wollnow’s Arm stützen.

So erreichten sie, nicht ohne Anstrengung, den Fürstenhof, wo Alles in größter Aufregung war, trafen aber bereits Brandow nicht mehr. Er hatte, wie der Wirth erzählte, sobald er die Nachricht von dem Verluste des Geldes erfahren, sein Pferd zu satteln befohlen und war fortgeritten, ohne den Herrn Assessor vorher gesehen zu haben. Da könne er doch nichts nützen, habe er gemeint; das Geld werde aber ohne ihn schwerlich gefunden werden.

„Vielleicht auch nicht mit ihm,“ murmelte Wollnow.

Der Zustand des Assessors war unverändert. „Wenn er nicht bald wieder zu sich kommt, haben wir keine Hoffnung, den Patienten durchzubringen,“ sagte Doctor Lauterbach.

Doctor Lauterbach hatte bald zwei Patienten. Gotthold war an dem Bette Sellien’s in Ohnmacht gefallen.

„Ich sagte es ja,“ sagte der Doctor, „ein Wunder, daß er so lange ausgehalten hat. Es ist wirklich ein böser Zufall.“

„Wenn es ein Zufall ist,“ murmelte Wollnow.




23.


Für Herrn Wollnow und seine Gattin folgten ruhelose Tage und Nächte. Es hatte sich die Möglichkeit herausgestellt, den Assessor trotz seiner schweren Verletzungen in das Wollnow’sche Haus zu transportiren, wo er denn allerdings in jeder Beziehung besser aufgehoben war, während man Gotthold, den man im Vergleich zu Jenem kaum verletzt nennen konnte, in dem Fürstenhofe lassen mußte. Er hatte in starkem Fieber gelegen, stundenlang sogar ohne Besinnung, in heftigen Phantasien; Doctor Lauterbach hatte bedenklich den Kopf geschüttelt und von einer Gehirnerschütterung gesprochen, die nicht unmöglich, von einer inneren Verletzung, welche äußerst wahrscheinlich sei – Herr Wollnow war in großer Sorge gewesen und hatte, was er nur von Zeit erübrigen konnte, an dem Bette des Kranken zugebracht.

„Der Fall des Assessors ist ja eigentlich sehr einfach,“ sagte Herr Wollnow; „er hat den linken Schenkel glatt gebrochen und den rechten Arm regelrecht aus dem Gelenk gefallen; der Arm ist glücklich eingerenkt und das Bein liegt in einem vortrefflichen Gypsverbande – für den Assessor bin ich nicht bange, den werdet Ihr Frauen schon wieder in die Höhe bringen; mit Gotthold ist das etwas Anderes; wir wissen noch immer nicht, woran wir sind; da bin ich unentbehrlich.“

Ottilie meinte, er werde sich immer da für unentbehrlich halten, wo Gotthold sei; im Uebrigen habe sie gar nichts gegen eine Vorliebe, die sie durchaus theile; Gotthold komme ihr schon ganz wie ihr Sohn vor.

Herr Wollnow nahm dieses wunderliche Geständniß lächelnd entgegen; und dasselbe, etwas melancholische Lächeln spielte ein und das andere Mal über sein ernstes Gesicht, während er an dem Bette des Kranken saß und ihm das weiche lockige Haar aus der heißen Stirn strich und das feine, jetzt bleiche, jetzt in Fieber geröthete Antlitz mit einem andern Antlitze verglich, das ihm einst als Vorbild und Ausdruck aller Schönheit erschienen war und dessen Erinnerung seine treue Seele so treu bewahrt hatte.

[735] Und viel seltsames Gedenken, das diese Erinnerung wach gerufen, überkam ihn, während er so saß, in den langen, stillen Stunden, Gedenken, das sich ihm schmeichelnd nahte und das er doch von sich abwehrte, weil es ihn wegzuheben suchte von dem festen Grunde, auf den er sich und sein Haus gestellt und auf dem er fest stehen bleiben mußte, sollte er nicht sich selbst und was ihm anvertraut war, zu einem Spiele der Wellen und der Winde machen. Nein, nein! nicht blos Gott geziemt es, zu sagen, es sei gut, was er gemacht; auch der Mensch muß es von seinem Schaffen sagen dürfen, muß es sagen können, wenn er sich den Muth und die Kraft bewahren soll, die dazu gehört, das Geschaffene nun auch zu bewahren. Er hatte sich sein Theil erwählt; war es das schlechtere, war es das bessere? gleichviel! er hatte es erwählt, und damit war Alles gesagt. Nicht die Besseren – die Schlechteren sind es, die sich noch entscheiden wollen, wenn Alles längst entschieden ist.

Aber für ihn, der den Jahren nach sein Sohn sein konnte – den er so gern – nein, nein! das nicht, so nicht; aber er liebte ihn, weil er so gut und edel war, liebte ihn, wie der ältere Mann den jüngern lieben kann und darf, den er schwanken sieht auf derselben Stelle wirr verschlungener Lebenspfade, die einst sein Herzblut getrunken – für ihn war ja noch nichts entschieden. Konnte die Entscheidung nicht so ausfallen, daß das Herz nicht erst sein bestes Blut vergießen mußte, bis es ruhig genug war, die Lehren der Weisheit zu verstehen? Wie gern hätte er ihm ein Glück gegönnt, das er selbst hatte entbehren müssen! Ein volles Glück war es ja auf keinen Fall mehr – zu viel war geschehen, das seinen schweren Schatten in alle sonnigste Zukunft warf – aber wie diese Stirn nun einmal geformt, wie diese Augen nun einmal geschnitten – für ihn war es vielleicht doch das einzig mögliche Glück. Es lag am Ende in der Race, in der Gewohnheit des Denkens, Fühlens, auf Kind und Kindeskind herabgeerbt von jenen alten germanischen Bärenhäutern, die ihre dürftige Heimath nicht zu verbessern suchten, sondern einfach aufgaben, die in der Schlacht keine andere Strategie kannten, als sich mit Ketten Einer an den Andern zu schließen, und im Spiel sich lieber selbst verspielten, als dem Unglück eine Concession machten. Und nun gar er! der Sohn eines solchen Vaters, einer solchen Mutter, die Beide an diesem Ueberschwange der Empfindung, die nicht mit sich markten und handeln lassen will, zu Grunde gegangen waren! Auch lag der Fall hier doch wesentlich anders; es spielte hier ein Moment herein, das damals gänzlich gefehlt, ein Moment, das, was er sonst als Frevel an der Gesellschaft entschieden verdammen mußte, fast zu einer That der Menschenliebe zu machen schien – zu einer Nothwendigkeit, und die doch immer in seinen Augen eine traurige Nothwendigkeit war!

Freilich war nach dieser Seite fast noch Alles Vermuthung und mußte Vermuthung bleiben, mindestens so lange Diejenigen, welche die Opfer jenes – Unglücksfalles auf der Haide geworden, nicht im Stande waren, zu sagen, was sie selbst wußten, welche Beobachtungen sie etwa vorher und nachher gemacht hatten. Zwar den Aussagen des Assessors war wohl im besten Falle nur ein geringer Werth beizulegen, da aus dem Wenigen, was Gotthold am ersten Abend mitgetheilt, zur Genüge hervorging, daß Jener so ziemlich unzurechnungsfähig gewesen und nun auch wirklich, nachdem er wieder klar denken und sprechen konnte, bei der Behauptung blieb, er wisse von gar nichts und müsse entschieden geschlafen haben, bis die Katastrophe hereinbrach. Aber Gotthold selbst, der ganz gewiß mit seinen offenen feinen Künstlersinnen Alles gesehen, gehört und beobachtet hatte, was überhaupt nur zu sehen, zu hören und zu beobachten war – er konnte ohne Zweifel ein Material liefern, das ein kluger, thätiger Untersuchungsrichter zu schätzen wußte.

Als einen solchen konnte man freilich den Justizrath von Zadenig in der benachbarten Hauptstadt der Insel, in dessen Sprengel der Fall gehörte, kaum bezeichnen. Herr Justizrath von Zadenig sah in dem Falle nach keiner Seite etwas Außerordentliches. Daß Wagen an mehr oder weniger gefährlichen Stellen umgeworfen werden könnten und Brieftaschen oder dergleichen dabei verloren gingen, müsse Jeder zugeben, und daß der Weg über die Dollaner Haide dergleichen Stellen aufzuweisen habe, sei bekannt, zum Mindesten ihm – dem Justizrath von Zadenig –, der die Geschichte der beiden Vettern Wenhof, die ja zum Theil auf der Dollaner Haide spiele, sehr genau kenne, wie sie Jeder kenne, der, wie er, aus einer alten Familie der Insel stamme. Die Brandows seien keine alte Familie und die Weise, wie sie seiner Zeit zu Dahlitz gekommen, wohl nicht vollständig zu rechtfertigen; aber Dahlitz hätten sie ja nicht mehr, und Karl Brandow wegen des Zustandes der Dollaner Wege zu chicaniren, auf denen drei oder vier Generationen der Wenhofs unbelästigt hin- und hergefahren seien – das halte er – der Justizrath von Zadenig – denn doch für unerlaubt, um so mehr, als die Spitze der Chicane sich gar nicht gegen Brandow, sondern vielmehr gegen seinen eigenen Schwager, den Herrn Landrath von Swantewit auf Swantewit, richten würde, der allerdings in letzter Instanz für den Zustand der Communal- und Vicinalwege verantwortlich sei. Wenn indessen Herr Wollnow, vor dessen Respectabilität und Klugheit er die höchste Achtung habe, meine, daß die Sache an Ort und Stelle untersucht werden müsse, so wolle er sofort den Referendar von Pahlen hinschicken und ihm sogar einen Gensd’arm mitgeben, was immer noch besonders officiell und feierlich aussehe – und damit würde Herr Wollnow doch gewiß zufrieden sein.

Herr Wollnow war es, weil er von dem indolenten, im Uebrigen vortrefflichen alten Herrn erreicht hatte, was erreicht werden konnte, und kehrte, nachdem er noch einige Geschäfte abgewickelt, nach Prora zurück, um in der Thür des „Fürstenhofs“ Karl Brandow zu begegnen, der heute, wie alle vorhergegangenen Tage, hereingeritten war, sich persönlich Nachricht über das Befinden der Kranken zu holen.

„Es steht vortrefflich!“ rief er Herrn Wollnow entgegen. „Seit einer Stunde ist sein Kopf vollkommen klar; ich habe nicht versucht, bis zu ihm zu dringen, da ich mir sage, daß trotzdem noch jede kleinste Aufregung sorgfältig vermieden werden muß; aber ich sprach Lauterbach, der ganz betrübt ist. Er hatte sich auf eine Gehirnentzündung vorbereitet und sieht nun, daß er darum kommt. Auch Sellien geht es, den Umständen entsprechend, gut; ich kann heute mit leichterem Herzen zurückreiten, als die Tage vorher. Wie wird sich meine Frau freuen! Ich bringe sie morgen vielleicht mit. Die Erlaubniß Ihrer Frau Gemahlin habe ich. Also auf Wiedersehen morgen, Herr Wollnow, auf Wiedersehen!“

„Ein fesches Pferd, der Fuchswalach,“ sagte der Hausknecht, dem Davongaloppirenden nachschauend, „aber gegen den Hengst, den er Sonntag Nacht ritt, ist er doch nichts, das war ein Capitalpferd.“

Auch Wollnow’s Blicke waren dem schlanken Reiter, der so bequem und sicher im Sattel saß, gefolgt. „Wenn er der Schurke ist, für den ich ihn halte, so wird ihm auf alle Fälle schwer beizukommen sein. Und ich darf Gotthold nichts merken lassen, es würde ihn furchtbar aufregen und vorläufig ohne Grund. Zum Wenigsten will ich ‚einen Grund, der sicherer ist‘. Ein Schauspiel thäte es freilich nicht; die Schlinge, die den Buben fängt, müßte etwas feiner sein.“

Gotthold streckte dem Freunde, als derselbe bei ihm eintrat, eine bleiche fieberfreie Hand entgegen.

„Da,“ sagte er, „fühlen Sie selbst; und nun, lassen Sie sich in diesem Händedruck danken für Ihre Güte, für Ihre Liebe. Ich bin nicht so ganz von Sinnen gewesen, daß ich nicht durch alles phantastische, wirre Zeug, mit dem ich mich gequält, von Zeit zu Zeit deutlich Ihr Gesicht gesehen hätte, und immer mit demselben schönen, mitleidsvollen Ausdruck, dessen ich mich erinnern werde, und für den ich dankbar sein werde, so lange ich lebe.“

Gotthold’s Stimme zitterte, und seine Augen glänzten feucht. – „Es ist nicht die Schwäche der Krankheit,“ sagte er; „ich will es nur gestehen: es ist die Macht einer für mich neuen Regung. Ich habe so wenig Gelegenheit gehabt, für Dienste der Liebe dankbar zu sein. Die, welche anderen Menschen zeitlebens das Vorbild uneigennütziger, aufopfernder Liebe ist – die Mutter starb mir so früh – ich habe sie kaum gekannt; von dem Vater trennte mich eine, wie ich glauben muß, unübersteigliche Kluft, und seit zehn Jahren irre ich in der Welt – durch tausend Verhältnisse, tausend Beziehungen, fortwährend in lebhaftem Verkehr, in der Mitte und manchmal sogar der Mittelpunkt einer großen Freundesschaar, und doch im tiefsten Grunde meiner Seele einsam – einsam und nach einer Liebe schmachtend, die mir so spät von einem Manne wurde, der mich, den ich vor wenigen Tagen zum ersten Male sah, zwischen welchem und mir [736] bis dahin keinerlei Beziehungen stattgefunden hatten, als die allergewöhnlichsten geschäftlichen.“

Auf des Kaufmanns ernstem, dunklem Gesicht lag eine tiefe Rührung, als er nach einer kleinen Pause mit einem eigenthümlich weichen, leisen Klang seiner tiefen Stimme sagte:

„Und wenn ich Sie und Sie mich nicht erst vor wenigen Tagen gesehen; wenn ich Sie, als Sie ein Knabe von vier, fünf Jahren waren, schon auf dem Arm geschaukelt hätte; wenn das Interesse, das ich an Ihnen nehme, auf einem viel tieferen Grunde ruhte, als auf unseren geschäftlichen Beziehungen; wenn es sich mit Allem verknüpfte, was die Poesie und den Glanz meines Lebens ausmacht: wie dann, mein lieber junger Freund, wie dann?“

„Sie haben meine Mutter gekannt?“ fragte Gotthold ahnungsvoll, „Sie müssen sie ja gekannt haben!“

„Ich habe sie gekannt und – ich habe sie geliebt. Sie kennen und lieben war für mich damals Eines, ja scheint mir noch in diesem Augenblicke zu einander zu gehören, wie Licht und Wärme.“

„Und meine Mutter – hat Sie geliebt. Sprechen Sie es aus und lösen Sie das Räthsel, das bis jetzt für mich unlösbar über dem Verhältniß meiner Eltern geschwebt hat.“

Wollnow schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ sagte er, „so ist es nicht; und wenn es einen Augenblick schien, war es eben nur ein Schein, und es ist der schmerzensreiche Stolz meines Lebens, daß ich mich durch diesen Schein nicht blenden ließ, daß ich durch ihn hindurch den rauhen Pfad erkannte, den mich die Pflicht, den mich die Ehre wandeln hieß.“

„Sie verdichten das Räthsel, anstatt es zu lösen,“ sagte Gotthold.

„Ist mir doch selbst bis auf diese Stunde so Manches in diesem Drama räthselhaft geblieben,“ erwiderte Wollnow, die Augen mit der Hand bedeckend; „nur das Eine nicht, wie ein Mann von dem Gepräge Ihres Vaters, ein so hochbegabter, von der heiligen Leidenschaft der Wahrheit durchglühter Mensch, in dem Herzen Ihrer nicht minder begabten, nicht weniger hochstrebenden Mutter eine allmächtige Liebe erwecken mußte. Ich sage Ihnen, mein Freund, wenn es je eine Liebe gab, wie Sie sie neulich schilderten, so war es die, welche diese beiden schönen auserwählten Menschen zu einander trieb, zwei Flammen gleich, die einander entgegenrauschen. Wer Zeuge dieses herrlichen Schauspiels war, er stand bewundernd und sprach: es kann ja nicht anders sein! Mein armer geliebter Eduard sagte es; für ihn war es ein Todesurtheil; ich sagte es ebenfalls und ich glaubte, das Herz sollte mir brechen; aber mein Herz war stärker, als ich dachte, und dann: ich wollte leben! Da lebt sich’s denn schon, mein Freund, wenn es auch anfänglich ein recht elendes, erbärmliches Stück Leben ist.“

Wollnow schwieg, weil er fühlte, daß er mit auch nur einiger Fassung nicht weiter sprechen konnte. Nach einer Weile hob er wieder an:

„Ich bin jetzt nicht im Stande zu beurtheilen, ob ich ein Unrecht that, als ich mich Ihnen gegenüber zu diesen Geständnissen hinreißen ließ; ich würde aber gewiß ein Unrecht begehen, – an dem Andenken Ihrer Eltern, an Ihnen, lieber junger Freund, ja, an mir selbst, wollte ich jetzt nicht Alles sagen, wenn dieses Alles auch nur wenig, und dieses Wenige furchtbar bedeutsam für die traurige Ungewißheit des Menschenlooses ist.

Das schöne junge Paar war hierher gezogen; ich sah sie nach wenigen Jahren, als mich die Geschäfte meines Hauses in diese Gegend führten, zufällig wieder, denn ich wäre einer Begegnung, welche für mich nur schmerzlich sein konnte, gewiß aus dem Wege gegangen. Aber an meinem Wagen brach, als ich durch Rammin kam, unmittelbar vor dem Pastorhause ein Rad. Ich wurde herausgeschleudert mit einer solchen Heftigkeit, daß ich mir den Arm aus dem Gelenke fiel, und die Gastfreundschaft Ihrer Eltern auf mehrere Wochen in Anspruch nehmen mußte. Sie können sich meiner nicht mehr erinnern; ich sehe es noch vor mir, das lockige, großaugige Bübchen, das vergnüglich in dem Garten zwischen den Asterbeeten zu den Füßen seiner Mutter in der Herbstsonne spielte und, Gott sei Dank, keine Ahnung davon hatte, was der düstere Blick bedeutete, mit dem die junge, schöne Mutter so oft über das spielende Kind weg in das Leere starrte. Ach, für sie blühten die Blumen nicht, für sie schien die liebe Sonne nicht; um sie war Alles dunkel, und dunkel war es in ihr, in ihrem jungen heißen Herzen. Und so war es in dem heißen Herzen des Mannes, den sie einst, der sie einst so leidenschaftlich geliebt, den sie und der sie – ich bin fest davon überzeugt – noch in diesem Augenblick mit nicht geringerer Leidenschaft liebte, in diesem Augenblick, wo sie sich bereits zu hassen schienen, vielleicht zu hassen glaubten. Ach, lieber Freund, ich will nicht predigen; ich will nicht unsern Streit von neulich wieder aufnehmen; aber wie kann ich anders, als die Wunde berühren und sagen: es war auch hier wieder – und hier in einer verhängnißvollen Weise – jene Maßlosigkeit, die sich nicht begnügen will mit dem, was ist; nicht daran arbeiten will, aus dem, was ist, das Mögliche zu machen; sondern, sich loslösend von den natürlichen Bedingungen, nach der Verwirklichung eines Phantasiegebildes strebt. Diese beiden herrlichen Menschen, die sich einander so viel bieten, so viel sein konnten, achteten dieses Viel für Nichts, weil es nicht Alles war. Er sollte nicht nur der Gottesstreiter sein, vor dem sie anfangs bewundernd geknieet, er sollte sich auch als jeder Tugend theilhaftig erweisen, die das geistvolle, vielumworbene Mädchen je in einem Manne bewundert hatte; sie sollte zu ihren übrigen Reizen, mit denen sie die Natur verschwenderisch geschmückt, auch noch – ich weiß nicht, welche mystische Krone tragen, ohne welche alle Erdenschönheit in den Augen des schwärmerischen Apostels werthlos war. Und anstatt nun zu versuchen, die nothwendigen Unterschiede der Naturen durch liebevolles Entgegenkommen, durch Geduld, durch Sanftmuth so viel wie möglich auszugleichen, und über den Rest, der immer bleiben wird, mit Ehrfurcht vor der Allkraft, von der wir nur ein Theil sind, wegzusehen, steigerte jedes mit verhängnißvollem Trotz seine specielle Kraft in’s Uebermaß: er wollte nur durch einen Spiegel in dem dunklen Wort sehen und lesen; sie, die immer viel zu stolz gewesen, um eitel zu sein, behauptete, daß ihr der Spiegel nichts sage, als daß sie jung und schön sei, wie es die Welt sei, trotz aller Kopfhänger und Grillenfänger. Und nun dieser seltsame Kampf in dem stillen Pfarrhaus eines kleinen Dorfes auf einem vom Weltverkehr damals noch fast abgeschlossenen Eiland, – was Wunder, daß die beiden Unglückseligen aus tiefen Wunden bluteten, und verbluten mußten, wenn – sie sich nicht zur rechten Zeit trennten, denkt und sagt in einem solchen Falle die Welt. Ich weiß es wohl; aber ich für mein Theil dachte nicht so. Ich sagte mir: diese beiden Menschen können sich nie mehr vergessen und nie verlieren, und wenn sie eine Welt zwischen sich legten, und nächst ihnen selbst würde es Derjenige am meisten büßen, der wahnsinnig genug wäre, zu dieser Trennung die Hand zu bieten. So sagte ich auch der jungen Frau, die ihr Leid vor mir nicht verbergen konnte oder wollte; ich sprach zu ihr – wie ich es für meine Pflicht hielt, mit herzlicher Eindringlichkeit; und, ich darf es ja wohl bekennen, indem ich so sprach, übertönte ich die Stimme nicht meiner Ueberzeugung, aber meines eigenen Herzens, das in diesen wunderlichen Scenen mir die übervolle Brust zu sprengen drohte. Jetzt erst erfuhr ich, daß ich dem schönen Mädchen, bevor der Rechte kam, viel näher gestanden, als ich je zu hoffen, zu ahnen gewagt – erfuhr es in abgerissenen Worten, Andeutungen, die aus dem heißen, leidenschaftlichen Herzen wie Funken von einem lodernden Feuer stiebten. Daß ich von diesem Feuer nicht ergriffen wäre – wie könnte ich es leugnen! daß es mir unsäglich schwer geworden, ihm zu widerstehen, ich darf es ja sagen. Ja, mein Freund, ich habe gerungen, wie jener Erzvater in der Wundernacht, und aus meiner schwerathmenden Brust, wie er, die zaubermächtigen Worte gekeucht: ‚Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!‘

Und war es denn, um von mir zu schweigen, kein Segen, daß von der Ruhe, zu der ich mich durchgerungen, ein Etwas in die Seele der jungen verzweifelten Frau überging? daß sie – was in einer solchen Lage Alles ist – Zeit gewann, zu sich zu kommen, sich daran zu erinnern, was sie einst besessen; sich zu fragen, ob sie es nicht wieder besitzen könne, wenn sie nur wolle? Ich sehe noch den Blick, mit dem sie mir beim Abschiede die Hand reichte; den tiefen, seelenvollen Blick, in dem doch ein Schimmer der Hoffnung leuchtete; ich höre noch ihre süße Stimme die Worte sagen, die mir reichster Lohn für Alles waren, was ich gethan und gelitten, die Worte: „Ich danke Ihnen, mein Freund!“

[737]

Johanna Sebus.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übergezeichnet von R. Risse in Düsseldorf.




„Und ich danke Ihnen,“ sagte Gotthold, die Hand des tiefbewegten Mannes ergreifend und mit Wärme drückend; „danke Ihnen von ganzem Herzen, denn Sie haben nach Ihrer Ueberzeugung gehandelt, und was kann ein Mensch mehr thun? wenn Sie auch nicht verhindert haben, daß meine arme Mutter an gebrochenem Herzen gestorben ist.“

Wollnow blickte düster vor sich nieder; Gotthold fuhr mit schmerzlichem Lächeln fort:

„Freilich, es ist noch besser so zu sterben, jung zu sterben, als mit dem gebrochenen Herzen weiter zu leben, sich zur Qual und Anderen nicht zur Freude, wie es das Schicksal meines armen Vaters war. Und er kann sich selbst mit dem Schatten [738] meiner Mutter nicht versöhnt haben! Weshalb hätte er sonst, als er mich einst voll Zorn von sich stieß, mit bleichen Lippen gemurmelt: ‚Du bist wie Deine Mutter!‘ Nein, nein, mein Freund, ich ehre Ihre Weisheit; aber ich glaube, man muß weise geboren werden – lernen läßt sich das nicht.“

„Am wenigsten in einer Lection,“ sagte Wollnow mit freundlichem Ernst, „und diese hat lange genug gedauert, zu lange, wenn ich den Zustand des Schülers bedenke.“

Gotthold protestirte dagegen; er fühle sich vollkommen wohl und ausreichend kräftig, um noch lange fortdebattiren zu können, und das Thema habe für ihn einen dämonischen Zauber.

„Und gerade deshalb lassen Sie uns davon abbrechen,“ erwiderte Wollnow, „und beantworten Sie mir lieber, wenn Sie wirklich noch die Kraft haben, ein paar Fragen, bezüglich Ihrer Unglücksfahrt. Ich will es nur gestehen, daß ich dieselben halb und halb im Auftrage der hohen Obrigkeit an Sie richte. Wenigstens behauptet Justizrath Zadenig, daß ohne Ihre Aussage kein Schritt weiter in der leidigen Angelegenheit zu thun sei, und er hat mich gebeten, sie gewissermaßen zu Protokoll zu nehmen.“

Gotthold blickte erstaunt auf. – „Um was handelt es sich?“


(Fortsetzung folgt.)




 Album der Poesien.

 Johanna Sebus.[1]

Der Damm zerreißt, das Feld erbraust,
Die Fluthen spülen, die Fläche saust.
     „Ich trage Dich, Mutter, durch die Fluth,
     Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut.“
     „Auch uns bedenke, bedrängt wir sind,
     Die Hausgenossen, drei arme Kind!
     Die schwache Frau! … Du gehst davon.“ –
     Sie trägt die Mutter durch’s Wasser schon.
     „Zum Bühle da rettet euch! harret derweil;
     Gleich kehr’ ich zurück, uns Allen ist Heil.
     Zum Bühl ist’s noch trocken und wenige Schritt;
     Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!“

Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust,
Die Fluthen wühlen, die Fläche saust.
     Sie setzt die Mutter auf sichres Land;
     Schön Suschen gleich wieder zur Fluth gewandt.
     „Wohin? Wohin? die Breite schwoll;
     Des Wassers ist hüben und drüben voll.
     Verwegen in’s Tiefe willst Du hinein!“
     „Sie sollen und müssen gerettet sein!“

Der Damm verschwindet, die Welle braust,
Eine Meereswoge, sie schwankt und saust.
     Schön Suschen schreitet gewohnten Steg,
     Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg,
     Erreicht den Bühl und die Nachbarin;
     Doch der und den Kindern kein Gewinn!

Der Damm verschwand, ein Meer erbraust’s,
Den kleinen Hügel im Kreis umsaust’s.
     Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund
     Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund;
     Das Horn der Ziege faßt das ein’,
     So sollten sie Alle verloren sein!
     Schön Suschen steht noch strack und gut:
     Wer rettet das junge, das edelste Blut!
     Schön Suschen steht noch, wie ein Stern;
     Doch alle Werber sind alle fern.
     Rings um sie her ist Wasserbahn,
     Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran.
     Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf,
     Da nehmen die schmeichelnden Fluthen sie auf.

Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort
Bezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort,
     Bedeckt ist Alles mit Wasserschwall;
     Doch Suschens Bild schwebt überall. –
     Das Wasser sinkt, das Land erscheint,
     Und überall wird schön Suschen beweint. –
     Und dem sei, wer’s nicht singt und sagt,
     Im Leben und Tod nicht nachgefragt!

 W. v. Goethe.


  1. Goethe selbst hat es der Nachwelt verkündet, daß es am 13. Januar 1809 war, wo eine siebenzehnjährige Jungfrau, die schöne Johanna Sebus aus dem Dorfe Brienen, ein Opfer ihres Heldenmuthes und ihrer Menschenliebe geworden. Als zu den Schrecken des Eisgangs im Rhein auch noch das Verderben durch den Dammbruch bei Cleverham hinzukam riss, rettete Johanna die Unglücklichen aus der Wassersnoth, bis sie selbst darin umkam. Das ist der Gegenstand unseres Bildes, vor dem man wieder recht schmerzlich an die Verirrung so vieler unserer Maler erinnert wird, die noch heute lieber in das Nebelgebiet der Heiligenlegende, als in das lebensvolle Buch unserer Volksgeschichte greifen, um sich die Stoffe für ihre Darstellungen zu suchen. Um so mehr freuen wir uns, daß unser Künstler mit gesundem deutschen Geist seine Wahl traf und mit seinem Bilde ein Werk lieferte von ebenso vollendeter technischer Durchführung, als geistiger Bedeutsamkeit. Auch wer das Auge nur auf die beiden Gesichter der Hauptgruppe wendet, die der Mutter und der Tochter, muß in jenem den vollen Ausdruck der Angst wie in diesem die Ruhe des Gottvertrauens und des Muthes bewundern. Wir wünschen diesem Werk recht viele ebenbürtige Nachfolger.
    D. Red.




„Kommt, laßt uns unseren Kindern leben!“


Von Dr. Moritz Schuster.


Mit dem Antheil an dem erhebenden Gemeingefühl des eigenen erstarkenden Volkes, womit unsere große Zeit jeden rechtschaffenen Deutschen beglückt, erwächst demselben, wie Leserin und Leser der Gartenlaube an sich selbst werden erfahren haben, ein lebhafteres Bewußtsein jener höheren Pflichten, deren allgemeine Erfüllung die einzige Bürgschaft bietet für eine dauernde Sicherung des Wohles der Einzelnen wie des Staates. Zu diesen Pflichten gehört unbestritten in erster Linie möglichste Mitwirksamkeit zur Vervollkommnung der Erziehung und Bildung der Jugend. In leider nur zu großem, aber jedenfalls sehr bequemem Vertrauen pflegten seither die meisten sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß dies das wohlbestellte Amt der öffentlichen Schulen ausmache, in denen wir ja den anderen Völkern überlegen seien. Aus drei Gründen aber kann ein zu großes Vertrauen in dieser Richtung als dem öffentlichen Wohle nur nachtheilig erscheinen. Einmal schwächt es das allgemeine Interesse und den Blick für die Verbesserung der öffentlichen Bildungsanstalten; sodann enthält und befördert es die falsche Meinung, daß die öffentlichen Schulen Lehr- und Erziehungsanstalten in gleichem Maße seien und sein könnten, so daß sie das Haus aller besonderen Verpflichtung zum Erziehen und Bilden überhöben; und endlich lenkt jenes Vertrauen die Aufmerksamkeit ab von den vorschulpflichtigen Lebensjahren der Kinder und erzeugt und begünstigt so die verkehrte Ansicht, als ob während dieser Zeit mit denselben weder hinsichtlich der Zucht noch der Lehre etwas Ersprießliches anzufangen sei.

Und doch darf die neuere deutsche Pädagogik vor allem ihren Stolz setzen gerade darein, mit dem Fröbel’schen Kindergarten für das vorschulpflichtige Alter ein Institut geschaffen zu haben, das zur Erfüllung der Vorbedingungen einer möglichst vollkommenen körperlichen und geistigen Erziehung und Bildung unserer Kinder einen höchst wichtigen, zum Theil nothwendigen Beitrag gewährt, ja sogar den Keim zu einer Reform unserer öffentlichen Schulen und ihres Bildungsideals in sich birgt. Es erscheint daher wohl an der Zeit und im öffentlichen Interesse geradezu geboten, auch durch diese weitverbreiteten Blätter die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Kindergarten ganz ausdrücklich hinzulenken und zu ernstlicher Betrachtung desselben anzuregen. Denn nachdem von den Pädagogen ein Diesterweg und Karl Schmidt, von den Aerzten ein Bock und Virchow sich wiederholt und nachdrücklich für den Fröbel’schen Kindergarten verwendet haben, kann auf Seiten unbefangener Denker füglich nicht mehr von einem Mißtrauen in Bezug auf denselben die Rede sein, sondern nur noch von Unkenntniß.

Friedrich Fröbel’s Vorgänger in der vernunftgemäßen [739] Behandlung der aufblühenden Kinderwelt war bekanntlich Heinrich Pestalozzi. Er bot zuerst den Schulkindern nicht blos Worte, erniedrigte sie nicht zu „A-B-C-Puppen“, sondern verlangte, daß das Kind die Worte auch verstehe und zunächst mit allen seinen Sinnen die Dinge selbst nach ihren wichtigsten Eigenschaften kennen lerne. Da aber der Mensch die Dinge nicht blos kennen lernen will, sondern sie auch als Mittel zu seinen Zwecken gebrauchen, kurz, da der Mensch nicht blos in sich hineinlernen, wenn es auch noch so naturgemäß geschähe, sondern auch wiederum aus sich heraus wirken und schaffen will, so fühlte Pestalozzi selbst eine Lücke in seiner Pädagogik; er fühlte, daß sein A-B-C der Anschauung einer Ergänzung bedurfte, und hier ist nun in der Entwicklung der pädagogischen Ideen die Stelle, wo Friedrich Fröbel, Pestalozzi ergänzend, eintritt mit dem Grundsatze des freien Schaffens, der freien Selbstthätigkeit.[1]

Das eigentliche Motiv der Fröbel’schen Pädagogik ist also die Idee, den Menschen von seiner schaffenden Seite zu erfassen, seinen Trieb zu schaffender Selbstthätigkeit als Hebel zur Erziehung desselben zu benutzen. Es ist leicht zu bemerken, wie dieses Princip das Pestalozzi’sche ergänzt. Sorgt nämlich die von Pestalozzi erstrebte Veranschaulichung dafür, daß des Kindes Vorstellungen richtige und nachhaltige, oder lebenskräftige seien, so will das Princip der schaffenden Selbstthätigkeit, daß innerlich erzeugte Vorstellungen nicht todt im Glasschranke des Gedächtnisses aufgespeichert daliegen, sondern wiederum heraustreten, sich verkörpern, und zwar vor Allem zur Erweckung von Muth und Selbstvertrauen, von Fleiß und freier, eigentriebiger Lust zur Thätigkeit, denn diese Eigenschaften müssen dem Kinde früh schon zu Eigen gemacht werden, wenn es im Handeln und Arbeiten je zu Tüchtigkeit und zu geistiger und körperlicher Geschicklichkeit und Geläufigkeit gelangen soll. Es ist selbstverständlich, daß von dem Erzieher, welcher den Trieb zur Selbstthätigkeit mit Erfolg benutzen will, von vornherein eine Auswahl von erprobten Darstellungsmitteln getroffen und eine Stufenfolge derselben eingehalten werden muß. Eine solche Auswahl und Stufenfolge für die ersten sechs Lebensjahre hat nun Fröbel auch aufgestellt, aber er hat sie nicht ersonnen und erkünstelt, wie der Sache Unkundige meinen und sagen, sondern aus dem Leben gegriffen. An die Spitze dieser Spiel- und Beschäftigungsmittel stellt er mit unbestrittenem Rechte den Ball, der dem kleinen Kinde in einer demselben faßbaren Größe und nach und nach in den sechs Hauptfarben zu reichen ist und zwar bald frei, bald an einem Faden schwebend. An diese Gabe reihen sich, etwas größer und aus Holz gearbeitet, eine Kugel, ein Würfel und, als Vermittelung dieser Gegensätze, eine Walze.

Das Princip der schaffenden Thätigkeit tritt aber deutlicher erst mit der dritten Gabe hervor. Es besteht diese aus einem würfelförmigen Kästchen, das acht gleiche Würfelchen enthält und den ersten Fröbel’schen Baukasten bildet. Das nächste Baukästchen, die vierte Gabe, besteht aus acht länglichen Täfelchen, die zusammen einen mit dem vorigen gleich großen Würfel bilden. Diesem folgen als fünfte und sechste Gabe noch zwei weitere, etwas größere, aber ebenfalls würfelförmige Baukästchen, die wiederum vielfach getheilte Würfel enthalten. Uebrigens muß man nicht meinen, daß dem Kinde daneben nicht auch anderes Spielzeug gegeben werden dürfte. Dasjenige aber, womit das Kind zumeist etwas anfangen kann, wird ihm bald von selbst das liebste werden, und das sind eben die Baukästchen. Dazu kommt, daß der Inhalt derselben dauerhafter ist, als jenes Spielzeug, mit dem sich bald nichts Anderes anfangen läßt, als das Ende, die versuchte Umwandelung bis zur Zerstörung.

Neben dem Bauen bietet der Kindergarten noch mancherlei andere Beschäftigungen, wie das Stäbchenlegen, Ausnähen durch Punkte bezeichneter Figuren, das Flechten, Zeichnen etc., alle trefflich geeignet, des Kindes Trieb zu schaffender Thätigkeit zu fördern. Daß die Kinder dabei auch wirklich nutzbare Sächelchen fertigen, setzt sie in den Stand, durch Verschenkung derselben Anderen eine Freude zu bereiten und Liebe und Dankbarkeit zu beweisen. Und das nun ist ein Moment von allergrößter Bedeutung, zumal in einer Welt und in einer Zeit, in welcher die Liebe in Vielen so leicht, so gar leicht erkaltet. Aber es soll in den Kindern auch Aufmerksamkeit auf die Gewächse des Gartens erweckt und es sollen ihnen diese lieb und die Pflege derselben durch eigene Bethätigung angenehm gemacht werden. Ferner werden den Kleinen passende Erzählungen geboten; es werden mit ihnen leichte Freiübungen vorgenommen, geeignet, die Kraft und Gesundheit des Körpers zu fördern, worin die Kindergärtnerin überhaupt einen wesentlichen Theil ihrer Aufgabe erblicken muß. Endlich sollen die Kinder im Kindergarten schon vom dritten Jahre an mit anderen menschenwürdig umgehen und in geselligem Spiele sich mit einander schuldlos freuen lernen, ein Erziehungsmittel, dessen möglichst frühe Anwendung von höchster Wichtigkeit ist, das aber vom Elternhause allein meist gar nicht und von der Schule erst drei Jahre später und nur in weit unvollkommenerer Weise gewährt werden kann.

Durch die Schöpfung des Kindergartens hat Fröbel die Mütter keineswegs ihrer heiligsten Pflicht der erziehlichen Fürsorge für die Kleinen enthoben, wohl aber hat er der Familienerziehung theils ein Musterbild, theils eine Ergänzung gegeben, der rechten Schule somit, die an geweckten, lebendigen Kindern ihre Freude hat, die besten Dienste geleistet. Den Jungfrauen insbesondere aber hat er die vortheilhafteste Gelegenheit geschaffen, im wichtigsten Theile aller weiblichen Bildung, in der Kunst der Erziehung kleiner Kinder, die wünschenswertheste Vollendung zu erlangen. Freilich, alle Rathschläge Fröbel’s als unbedingt richtig ohne Weiteres zu befolgen, wäre ein Zeichen arger Beschränktheit oder Denkunfähigkeit, wie aller Glaube an menschliche Unfehlbarkeit. Es ist ja nicht zu leugnen, Fröbel’s Denken erscheint in seinen Schriften meist wenig klar, auch wo er nicht mit den schwierigsten Begriffen und Problemen der Metaphysik zu thun hat, sein Stil ist nur zu oft schwülstig und abstoßend und seine Verschen vollends – zumal wenn man sie in Masse in der herausfordernden Form gedruckter Zeilen vor sich sieht – sind vielfach[WS 1] äußerst läppisch und kindisch; aber dennoch und trotz alledem und alledem ist und bleibt sein Verdienst um die Pädagogik – um die Menschen ein außerordentliches. Es ist nun eine heilige Pflicht der Lebenden, an dem lebendigen Werke des Dahingegangenen fortzuarbeiten und es fort und fort zu vervollkommnen. Es giebt jetzt auf dem Felde der Pädagogik in der That nichts Wichtigeres, als Fröbel’s Hauptidee weiter zu entwickeln und allgemeiner und auch auf dem Felde der Schule verwirklichen zu helfen, vor Allem aber seinen Wahlspruch: „Kommt, laßt uns unseren Kindern leben!“ anzunehmen und mit seiner Hingebung zu befolgen.

Mit den Kindergärten sind übrigens nicht die Kinderbewahranstalten zu verwechseln. Diese behalten die drei- bis sechsjährigen Kinder solcher Eltern, welche beiderseits ihrer Nahrung nachgehen, nicht blos drei bis fünf Stunden, sondern den ganzen Tag über und geben denselben gegen geringe Zahlung auch die Kost. Da solche Anstalten, so weit mir bekannt, zur Zeit noch nicht von Kindergärtnerinnen, wohl aber hier und da von Diaconissinnen geleitet werden, so kann den Kleinen in denselben erziehliche und bildende Einwirkung unmöglich in wünschenswerther Weise zu Theil werden. Diese milden Stiftungen scheinen nicht selten von ängstlich frommen Leuten gegründet worden zu sein, die da meinen, gute Menschen erziehen zu helfen, wenn sie dafür sorgen, daß die Kleinen veranlaßt werden, möglichst oft Gebetsworte nachzusagen und biblische Geschichten anzuhören, die kaum im dritten Schuljahre am Platze sind. Ein Frauenzimmer, die eine solche Anstalt leitete, erklärte mir einst mit unheimlicher, ich möchte fast sagen, tückischer Affectation: „Mit kleinen Kindern kann man nicht genug beten!“ In einer andern Bewahranstalt hing das Bild des blutenden gekreuzigten Christus. Eine derartige Methode, fromme Menschen zu bilden, zeugt, wenn sie mit voller Ueberzeugung gehandhabt wird, von tiefstem Mißtrauen gegen die Menschennatur, und so erscheinen hier Die, welche sonst als die Gläubigsten gelten, als die Allerungläubigsten. Sie gehören zur Partei gewisser Classen von Theologen; den Pädagogen sind sie schnurstracks entgegengesetzt, denn diese brauchen vor Allem ein Herz voll Vertrauen zur Menschennatur, voll Glauben an des Menschen Zukunft, voll Hoffnung auf seine Entwickelung und voll Liebe zu seiner Bestimmung: das Wahre zu erforschen, Gutes zu schaffen und Schönes zu gestalten. Es sind eben die [740] zwei alten Gegensätze, die uns hier vor Augen treten: ängstliche Frömmigkeit knechtischen Befangenseins einerseits und heitere Religiosität kindlicher Freiheit andererseits. Welch ein fröhliches thätiges Leben würde in alle Kinderbewahranstalten einziehen, wenn in jeder derselben eine tüchtige Kindergärtnerin angestellt würde!

Welch schönes Bild edler Menschlichkeit und wahrhaft religiöser Lebensgemeinschaft wäre es ferner, wenn die erwachsenen Töchter vornehmer Familien, anstatt ihre reichliche Muße nur mit elendem Putze und nichtigen Gesellschaften oder Romanen zu vergeuden, oder anstatt, wie es von Seiten der besseren zum Theil jetzt geschieht, in Kinderbewahranstalten die Kleinen im Stricken zu unterweisen, wenn diese die Kinder zu den geistweckenden, die Lust am Schaffen nährenden und sittliches Leben in heiterer Freiheit begründenden Beschäftigungen und geselligen Spielen des Kindergartens anleiteten! Wie zauberisch fördernd und hebend müßte die aus höherer ästhetischer Bildung und feineren socialen Verhältnissen herstammende äußere Idealität solcher freiwilligen Hülfstanten – denn Tanten heißen die Kindergärtnerinnen bei ihren Zöglingen – auf die Kinder einwirken! Und wäre bei den Jungfrauen, die solcher Aufgabe in der rechten Gesinnung und Weise sich unterzögen, blos der äußere Schein der Idealität vorhanden? Nein! Zu den Edelsten ihres Geschlechts würden sie gehören; die äußere süße Weihe, die sie umgäbe, wäre nur der einfache, natürliche Ausdruck des innern Adels ihrer Seele. Um aber so wirken zu können, um des höchsten, bisher ungenossenen Glückes und Vortheils ihrer Stellung theilhaft zu werden und um einst ihrer zu erwartenden köstlichen Bestimmung, der Erfüllung mütterlicher Erziehungspflichten, würdig entgegenzugehen – dazu müßten diese erwachsenen Töchter vor Allem eine Zeitlang einen guten Kindergarten beobachten und daneben ein geeignetes Buch studiren.

Zu einiger Bekanntschaft mit der Kindergartenpädagogik sollte aber auch schon den älteren Schülerinnen der Volksschulen dadurch Gelegenheit gegeben werden, daß man sie, etwa je Zwei und Zwei, einige Zeit einen solchen als Gäste besuchen ließe, damit sie zum Mindesten ein deutliches Bild vernünftigen Umganges mit Kindern und wenigstens einige Kenntniß der wichtigsten Kinderbeschäftigungen erlangten. In Ermangelung besserer Unterweisung, welche freilich die Schule gewähren sollte, würde schon dies ungemeinen Nutzen stiften, da solche Mädchen zunächst als Kinderwärterinnen und später als Mütter mit Kinder umgehen müssen, ohne eine andere deutliche Vorstellung von Erziehung zu haben als die, welche ihrer eigenen höchst mangelhaften entspricht. Für die Aufnahme und möglichste Unterweisung solcher Gäste auf Seiten der Kindergärtnerinnen müßte diesen letzteren allerdings von der Behörde eine Entschädigung gezahlt werden. Es könnte hier ein Magistrat mit wenigen Thalern sehr, sehr viel Gutes stiften. Dabei ist es eine für die Dauer unabweisbare Forderung der Pädagogik, jeder Volksschule einen Kindergarten organisch einzufügen, eine Maßregel, die für die ganze Schule von heilsamstem Einflusse sein muß, und zwar ganz besonders auch dadurch, daß sie die Keime der Kindergartenpädagogik auf dem Felde der Schule entwickeln helfen wird. Heil den Obrigkeiten, die ihre Ehre auch darein setzen, solcher Forderung entgegenzukommen!

Auf der andern Seite ist aber nicht außer Acht zu lassen, daß zu Unterweisung sowohl der älteren Schülerinnen der Volksschule, wie der erwachsenen Töchter vornehmer Familien nur wirklich gute Kindergärten gewählt werden dürfen, das heißt nur solche, die von Damen geleitet werden, welche für ihren Beruf begabt sind und tüchtige Ausbildung genossen haben. Denn es giebt allerdings auch minder gute Kindergärten und Kindergärtnerinnen, die ihren Namen kaum verdienen, Anstalten, wo entweder todte Faulenzerei und blind tappende Unwissenheit, oder peinliche, ewig am Kinde herumarbeitende Schulmeisterei herrscht, bei der die Kinder immer im Trabe und Athem erhalten und von einem Spiele zum andern, von einer Beschäftigung zur andern förmlich gejagt werden und wo man die Kinder in schulmäßig lehrhafter Manier über Dinge unterrichtet, die noch gar nicht für sie passen. Die Hauptsache, das Eine und Alles ist hier die Persönlichkeit der Kindergärtnerin selbst, ihr eigenstes Wesen, ihr Gemüth und ihr Verstand, ihre Gesinnungsart und Gefühlsweise. Alles, was sie ist, wird sich, zum großen Theile ihr selbst unbewußt, den Kindern gegenüber offenbaren und am meisten und wirksamsten, wenn sie mit denselben sich allein befindet.

Aus dem Gesagten ergiebt sich aber auch, daß die Kindergärten einer geeigneten Inspection unterworfen, die guten anerkannt, die üblen mit Stillschweigen übergangen und möglichst beseitigt werden sollten. Daß freilich die Kinderbewahranstalten zu einer öffentlichen pädagogischen Inspection und Umgestaltung noch weit mehr herausfordern, das liegt auf der Hand.

Inzwischen giebt es aber viele Eltern, welche, ohne die Hülfe einer Kinderbewahranstalt beanspruchen zu mögen, dennoch, des Kostenaufwands wegen, nicht im Stande sind, ihre Kinder einen Privat- oder Bürgerkindergarten besuchen zu lassen. Es sind daher hier und da, besonders in Berlin, durch Vereine Volkskindergärten gegründet worden, das heißt Kindergärten, die durch den geringen Honorarsatz von monatlich fünf Groschen auch den ärmeren Eltern es ermöglichen, ihren Kindern den Segen einer besseren frühen Erziehung zukommen zu lassen. Auch Leipzig hat bereits seinen ersten Volkskindergarten aufzuweisen (Braustraße), die erste Frucht seines „Vereins für Volkskindergärten“. Daß die Eltern die Bedeutung dieses Instituts, das am 15. Mai d. J. eröffnet wurde, sehr wohl erkannten, beweist die Thatsache, daß binnen wenigen Tagen die Zahl der Anmeldungen von Kindern bis auf fünfundsiebenzig stieg, so daß der Verein entschieden auf Erweiterung der Localität Bedacht nehmen mußte. Das neue „Haus zum Volkskindergarten“ ist heute, wo wir diesen Bogen zum Druck abgeben, mit der, nach guter alter Sitte, aus Tannenzweigen und Blumen gewundenen Krone des sogenannten „Richtfestes“ geschmückt und durch eine recht würdige Feier zum Asyl für Kinder armer Eltern geweiht worden.

Möchten sich – man muß dies im Interesse des ganzen deutschen Volkes dringend wünschen – in allen Städten dergleichen Vereine bilden und in ihrem Bemühen von den Behörden und Regierungen kräftig unterstützt werden. Je früher die Kinder der Armen bauen und schaffen und mit Lust und Liebe arbeiten lernen, desto weniger werden sie einst geneigt sein, sich der pessimistischen Partei fanatischer Niederreißer und Zerstörer anzuschließen, desto mehr werden sie einst im Stande sein, den kostspieligen und nichtsnutzigen Genüssen des Rauchens, des unmäßigen Trinkens von Spirituosen und des Kartenspielens zu entsagen und ihre Freude in der Arbeit zu finden und an Schöpfungen des Geistes.

Möge mir gestattet sein, zum Schluß noch einer deutschen Frau zu gedenken, deren Namen kein Freund der Kindergärten ohne das Gefühl freudigster Bewunderung und tiefster Hochachtung zu nennen vermag. Es ist die Frau Baronin Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin, die mit unermüdlicher Ausdauer durch persönliche Bemühungen und theoretische und praktische Anregungen aller Art in den verschiedensten Orten und Ländern die Gründung von Kindergärten bewirkt hat. Nicht geringes Verdienst erwarb sie sich außerdem durch die Schrift „Die Arbeit und die neue Erziehung nach Fröbel’scher Methode“, die wir hiermit ernstlicher Beachtung dringend empfehlen. Als Lehrbücher der Kindergartenpädagogik und insbesondere der Beschäftigungen sind vorzugsweise zu nennen die Schriften von Goldammer in Berlin, Köhler in Gotha und von Seidel und Schmidt in Weimar.




Ein preußischer Bischof als Teufelsbanner.


Einer der hellsten Sterne am ultramontanen Himmelsgebäude Aachens ist Herr Laurent, Bischof von Chersonesus in partibus infidelium. In einem Dorfe der Gegend geboren und von seinem Vater zum Grobschmied herangebildet, hatte er schon so manches Stück Eisen auf dem Ambos verarbeitet, als der Beruf in ihm erwachte, mit dem Werkzeug der Kirche menschliche Seelen krumm zu schlagen und Geister platt zu hämmern. Rheinischen Jüngern der Kirche, welche den Weg der Gymnasialbildung, besonders die Mathematik und die deutschen Aufsätze zu schwierig oder zu ketzerisch finden, bietet sich, um zu den ersehnten sieben [741] Weihen zu gelangen, ein weniger dorniger in belgischen und holländischen Klöstern dar, wo der Priesterling durch praktische Uebungen dressirt und beiläufig mit dem Kirchenlatein zugestutzt wird, ohne daß er den gefährlichen classischen Heiden allzusehr in den Weg läuft. Auch unser wackerer Eisenschläger betrat ihn und zwar mit so günstigem Erfolg, daß er bald als ein mächtiges Rüstzeug der streitenden Kirche erkannt und in verhältnißmäßig jungen Jahren 1842 zum apostolischen Vicar für das Großherzogthum Luxemburg mit dem Ringe eines Bischofs ernannt wurde.

Die größte That, welche er dort verrichtete, war eine Teufelsaustreibung. Es war ein luxemburgisches Landmädchen, welches an Krämpfen unter Mitleidenschaft des Gehirns litt, welche Krankheit kenntnißlose Gläubige gewöhnlich für Teufelsbesessenheit ansehen. Sie hatte nach Laurent bis zum Einfahren des bösen Geistes in ihrem fünfzehnten Lebensjahre „ein unschuldiges und christliches Leben geführt“. Warum sollte sie auch nicht? Die Krankheit hat mit der Sittlichkeit unmittelbar ja nichts zu thun, und vor der Entwickelung sind wohl die allermeisten Kinder „unschuldig“. In dieser Zeit aber werden die Nerven von Mädchen häufig so stark angegriffen, daß bei Schwächlingen Krämpfe und Geistesstörungen, also Besessenheit, leicht eintreten können. Als überzeugendes Kennzeichen, daß der Böse wirklich in ihr nistete, wird angegeben, daß ihr Gebrüll und ihre Gotteslästerungen einige Male sogar in der Kirche eintraten. Der schlichte Menschenverstand müßte gerade daraus das Gegentheil schließen, denn die Kirche ist doch das Haus Gottes, und man muß denn doch annehmen, daß Gott stärker ist als der Teufel und daß er mit ihm wohl fertig werden würde, wenn er von ihm in seinem eigenen Hause „gelästert“ würde.

Wir lassen nun die Erzählung dieser Teufelsaustreibung so, wie Herr Laurent sie den Studenten des Klosters der Redemptoristen[WS 2] zu Witten in der Provinz Limburg selbst vorgetragen und dann in einer Flugschrift in holländischer Sprache (Luxemburg, 1843) veröffentlicht hat, in der wortgetreuen Uebertragung der „Rhein. Zeitung“ hier folgen:

Ein junges Mädchen in Deutsch-Lothringen, das immer ein musterhaftes, unschuldiges und christliches Leben führte, wurde in ihrem fünfzehnten Jahre von dem bösen Geiste besessen. Zu den mannigfaltigen Zeichen hiervon gehört, daß sie bei verschiedenen Gelegenheiten die Zukunft vorhersagte, Geheimnisse entdeckte und die lateinische Sprache rein, das Französische und Deutsche vermengt sprach. Ihre gewöhnliche Sprache war die plattdeutsche. Sie wurde zuweilen mit großer Gewalt hin- und hergeschleudert und heulte auf eine schauerliche Art.

Der böse Geist vergnügte sich damit, sie öfter innerlich zu quälen, sowohl durch verzweifelte Gedanken, Gotteslästerungen, als durch Verwünschungen. Sie war zuweilen sehr wild; ihr Gebrüll und entsetzliches Geschrei fand sogar einige Male in der Kirche statt, wodurch auch endlich die Priester die Ueberzeugung gewannen, daß sie wirklich vom Teufel besessen war. Die Geistlichen beschlossen, den Bischof von Metz von diesem Vorfall in Kenntniß zu setzen, welcher sogleich einige Priester beauftragte, die Beschwörungen vorzunehmen. Diese Beschwörungen aber waren fruchtlos. Der Teufel trieb mit ihnen Spott und fügte ihnen allerlei Beleidigungen zu. Das arme Mädchen blieb also fünfzehn Jahre in diesem betrübten Zustande; seit dieser Zeit war sie das Unglück ihrer Angehörigen und erfüllte dieselben oft mit Angst und Schrecken durch ihre teuflischen und betrügerischen Formen, welche der böse Geist sie bewog anzunehmen.

Endlich, vor drei Jahren, beauftragte der Bischof von Metz einen Jesuiten mit der Beschwörung, da die der anderen Priester keinen Erfolg gehabt hatte. Die Beschwörung[WS 3] des Jesuiten war ebenfalls fruchtlos; und es sagte der Teufel zu dem Jesuiten:

„Allein könnt Ihr mich nicht austreiben, dazu sind deren drei nöthig.“

Der Jesuit trug nun darauf an, ihm die beiden Andern zu nennen. „Falls Pater Potot hier wäre, der könnte wohl etwas ausrichten.“

Man brachte nun das unglückliche Mädchen auf das Grab von Pater Potot. (er war im Jahre 1836 im Geruch der Heiligkeit gestorben); äußerlich schien sie ruhiger und stiller, aber der Teufel erklärte, er wolle nicht weichen. Der Jesuit drang auf’s Neue in ihn, ihm die dritte Person zu nennen, aber der Teufel wollte nicht. „In dem Falle,“ sagte er, „daß Ihr mich mit ihm nach Luxemburg bringt, bin ich gezwungen, zu verziehen.“

Die Besessene wurde denn auch zu unserer lieben Frau nach Luxemburg gebracht; eine neuntägige Andacht wurde hier gehalten, der zufolge sie beichten und communiciren konnte, woran sie seit verschiedenen Jahren durch den Teufel verhindert worden war; sie hatte nichtsdestoweniger mit ihm einen großen Kampf zu bestehen, denn der Teufel hielt sie mit festgeschlossenen Klauen zurück; einmal währte es ihm zu lange, so daß der Geistliche viele Mühe hatte, ihr die heilige Hostie zu reichen, und beim Schluß seinen Arm sehr weit ausstrecken mußte. Uebrigens verstrich diese neuntägige Andacht gut, das Mädchen war sehr ruhig und kehrte auf ihr Dorf zurück, wo man sie vollkommen genesen glaubte; sie konnte auch ohne Hinderniß beichten und communiciren. Jedoch hatte sich der Teufel nicht im Mindesten aus ihr zurückgezogen; er ließ das Mädchen die abscheulichsten Versuchungen erleiden, allein sie erachtete sich für genesen, ohne Zweifel glaubend, daß diese schlechten Versuchungen nur der Art wären, wie sich ihnen ein jeder in Versuchung gerathende Mensch unterziehen muß.

Auf diese Weise von ihrer eingebildeten Genesung überzeugt, ging sie jedes Jahr mit ihrer Schwester nach Luxemburg, um, des Dankes voll, dort eine neuntägige Andacht zu verrichten.

Als ich nach Luxemburg kam, erzählt weiter Bischof Laurent, schätzte ich mich glücklich, in einer Stadt meinen Wohnsitz aufzuschlagen, die so gefeiert ist durch die berühmten Wallfahrten zur heiligen Jungfrau, durch deren Fürbitte dort so viele Wunder stattgefunden haben. Ich fragte einen meiner Geistlichen, ob hier vielleicht auch noch seit kurzer Zeit ein Wunder sich ereignet, worauf er mir antwortete, daß ein Lothringer Mädchen seit ihrem fünfzehnten Jahre (zu dieser Zeit ist sie vierunddreißig Jahre alt) vom Teufel besessen, durch die Fürsprache unserer lieben Frau von Luxemburg gegenwärtig, seit drei Jahren, von dem bösen Geiste erlöst worden, daß sie jedes Jahr, begleitet von ihren Schwestern, nach Luxemburg komme, einer neuntägigen Andacht obzuliegen, und daß die Zeit, wo sie sich dieser gewohnten Verrichtung unterzöge, sich nahte. Ich äußerte den Wunsch, sie zu sehen, und man gab mir das Versprechen, sobald sie käme, mich sofort in Kenntniß zu setzen.

Am fünften Sonntag nach Ostern (1. Mai 1842) verrichtete ich in meiner Kirche die heilige Messe und theilte nach derselben das heilige Abendmahl aus, wobei meine Aufmerksamkeit durch eine weibliche Person gefesselt wurde, welche, ihr Haupt auf die Brust geneigt, es erhob, die heilige Hostie in Empfang zu nehmen, plötzlich es jedoch wieder fallen ließ, auf eine Weise, die mein Erstaunen erregte; einige Zeit später setzte mich mein Vicarius davon in Kenntniß, daß die weibliche Person, welche vom Teufel besessen gewesen, bereits vor einigen Tagen angekommen wäre, und daß er glaube, ich habe ihr am Sonntage das heilige Abendmahl verabreicht; darüber nachsinnend, erinnerte ich mich an jenes Mädchen, welche ihr Haupt auf so sonderbare Art fallen ließ, obgleich ich noch sehr weit entfernt war, Dasjenige, was noch bevorstand, auch nur zu vermuthen.

Man ließ das Mädchen mit ihren Schwestern zu mir kommen; ihr Gesicht war dem eines Engels gleich, sie war voller Hochachtung vor dem Geistlichen; sie warf sich vor mir auf die Kniee, mich um den Segen ersuchend; ich wünschte ihr Glückseligkeit mit der großen Gnade, welche sie durch Fürsprache unserer lieben Frau von Luxemburg erfleht hatte; aber in diesem Augenblicke zeigte sich der Teufel auf’s Neue bei ihr (da er sie ganz und gar nicht verlassen hatte, sondern sich in ihrem Innern festgeklammert hielt) unter den abscheulichsten Gestalten; ihr Mund öffnete sich bis zu den Ohren, gleich dem Maule einer Löwin, und ihre Augen schienen glühenden Kohlen gleich. Mit diesem furchtbaren Aeußern flog sie mit einem Male auf mich zu, ja fast bis in’s Angesicht; es ist mir gar nicht möglich, den plötzlichen Schreck, der mich befiel, zu beschreiben; ich hatte nichts weniger als dies erwartet, und nur mit großer Mühe gelang es mir, noch die Hand aufzuheben, um das heilige Kreuz zu machen; bei diesem Zeichen ward das Mädchen in meinem Zimmer nach allen Richtungen hin- und hergeschleudert, zu gleicher Zeit Stühle und Alles, was ihr im Wege stand oder lag, umwerfend; getrieben endlich unter einen Tisch, lag sie da wie ein wildes Thier, vor Wuth schäumend und brüllend. Ich stand ganz und gar wie vernichtet da, denkend, warum Gott, bei [742] meinem sündigen Willen, dies in meiner Gegenwart geschehen lasse; meine Kräfte kehrten zurück, ich eilte mit großen Schritten aus der Thür, sie sorgfältig hinter mir verschließend. Vor Schrecken noch zitternd, beschied ich sofort meinen Secretär und meine Vicarien zu mir, um ihnen die nöthige Macht zu verleihen, damit sie an meiner Stelle die Beschwörung verrichten könnten; aber andererseits sagte ich zu mir selbst: „Wie! sollte ich so feigherzig sein können, mich in meiner eigenen Wohnung besiegen zu lassen? Nein!“

Und selbst habe ich alsdann die Beschwörung unternommen; mir wurde dabei durch meinen Secretär und meine Vicarien beigestanden; das Resultat hiervon war blos, daß des Teufels Macht geschwächt und daß das Mädchen wieder beruhigt wurde. Der Teufel hatte sich vorgenommen, den folgenden Tag dem Mädchen viele Leiden zu bereiten; ich verbot ihm solches, worauf er mich bedrohte, indem er sagte: „O, das werde ich Euch anschreiben!“

Ich bestimmte den folgenden Sonntag (8. Mai) zur Ausführung der weiteren Beschwörung, welche nach der Vesper, Abends fünf Uhr, stattfinden sollte. Der Teufel hatte mir gedroht, daß er es mir entgelten wolle, und in der folgenden Nacht that er solches wirklich. Er hat mich Qualen ausstehen lassen, welche ich bis dahin nicht gekannt; Alles verdunkelte sich um mich und mir erschien es, daß ich den Glauben verlieren würde; mich überfielen Anfälle von Verzweiflung und Mißtrauen auf Gott, welche mich noch erschrecken und erschüttern; ich fühlte, daß der Teufel in Wahrheit in meiner Behausung sich befand, und wirklich hätte ich die Stelle, wo er war, mit meinem Finger bezeichnen können, so lastete auf mir seine Gegenwart.

Ich war schon im Begriff, Hülfe zu rufen, that es aber nicht; also ging endlich diese ängstliche Nacht vorüber und ich konnte freier Athem schöpfen, jedoch blieb mir noch die Furcht bis zum folgenden Sonntag. Dieser Tag kam und zufällig langte auch denselben Tag König Wilhelm der Zweite in Luxemburg an, welcher mich gerade um fünf Uhr (festgesetzte Beschwörungsstunde) zum Diner einladen ließ; ich war darüber sehr vergnügt und betrachtete dies als eine göttliche Schickung, welche nicht erlaubte, daß ich in dieser Sache thätig sein sollte.

Ich beauftragte deshalb damit sieben oder acht Priester, „sub praecepto obedientiae“, d. h. indem ich sie zum Gehorsam verpflichtete, weil sie schauderten, die Sache in’s Werk zu setzen. Denselben Sonntag begannen sie in der festgesetzten Stunde ihre Beschwörung, das davon unterrichtete Volk war außerhalb der Kirche und betete. Der Teufel verspottete und beschimpfte die Priester auf allerlei Art und Weise und während der Beschwörung brüllte er wie ein Löwe; da indessen die Priester nichts über ihn gewinnen konnten, wurden sie betrübt und sehr muthlos und ließen mich zu verschiedenen Malen rufen. Um acht Uhr konnte ich erst kommen, und als ich mich bis auf fünfzig Schritte der Kirche genähert hatte, hörte ich bereits das abscheuliche Gebrüll des Teufels; als ich in die Kirche kam, wurde das Mädchen mit Kraft über die Brustlehne des Chors geworfen und fiel mit einer schrecklichen Gewalt auf die harten Steine der Kirche nieder, man dachte, daß alle Knochen des unglücklichen Geschöpfes zerschmettert sein würden, sie befand sich aber unverletzt; die Priester holten sie zurück und schleppten sie mit ihren Stolen zum Chor zurück; beständig trachtete der Teufel, sich den Stolen zu entreißen, aber man hielt ihn darin gefesselt. Als ich in das Chor eingetreten, sah ich das gräßliche Gesicht mit funkelnden Augen. Als der Teufel mich sah, rief er aus:

„Ach! Dieser wird mich verjagen, denn er ist weiß und ich bin schwarz!“

Ich antwortete ihm: „Nein! ich bin nicht weiß, ich bin ein armer Sünder! Du bist schuld daran, Du hast unsere Stammeltern verführt; ich bekenne, ein Sünder zu sein; Du aber bist voller Hochmuth; Du gestehst nicht, daß Du schwarz bist!“ Der Teufel ward hierdurch beschämt.

Ich begann die Beschwörung wieder, jedoch mit vieler Mühe, denn alle die vorigen Anfälle von Verzweiflung und Mißtrauen auf Gott erneuerten sich in mir. – An diesem Tage richtete ich meine Frage in Hochdeutsch an den Teufel. Das Mädchen redete von Zeit zu Zeit ihre gewöhnliche Sprache, wenn aber der Teufel sprach, so waren ihre Lippen unbeweglich und seine Stimme war von der ihrigen gänzlich verschieden. – Während der Beschwörung verkroch sich der Teufel verschiedene Male in das tiefste Innere des Mädchens, worauf sich wirklich ihr natürliches Gesicht zeigte, mit demselben engelgleichen Ausdrucke; dann flehte sie stets zur heiligen Jungfrau und rief mir zu: „Geht fort! ich bitte Euch, geht doch fort!“

Wir lasen alsdann die Litanei aller Heiligen und bei den Worten: „Sancte Michaëlis,“ wurde die Besessene auf das Lebhafteste beunruhigt; ihr Angesicht war eisig kalt; der Teufel wieherte und schäumte vor Wuth; verzweifelnd begann er auszurufen: „Der Erzengel hat mich aus dem Himmel verjagt und doch bin ich auch Erzengel, so gut wie er.“

An diesem Tage wollte der Teufel mein ganzes verflossenes Leben veröffentlichen, ich zwang ihn aber zum Schweigen; er versuchte solches von Zeit zu Zeit von Neuem, aber ein männlicher Befehl leistete ihm Widerstand. Als endlich meine Geistlichen und ich sehr abgemattet waren, versuchte ich, es heute zu Ende zu bringen; ich beschwor den Teufel, augenblicklich abzuziehen, und daß die ganze katholische Kirche durch das „Angelus“ die Fleischwerdung des Wortes verehre; aber der Teufel begann zu spotten und zu lachen: „Ha! ha!“ rief er aus, „für heute ist es zu spät!“ – und wirklich, das „Angelus“ war schon vor einer Viertelstunde eingeläutet. Ich merkte mir ganz besonders das Wort „für heute“ und gedachte ihn beim Angelus des folgenden Tages auszutreiben; ich fragte ihn wohl zwölfmal deshalb, denn er machte jedesmal bei meinen Fragen ein großes Geräusch, um mich nicht zu hören, wodurch ich genöthigt wurde, meine Frage zu wiederholen: „warum er denn heute nicht abziehen und um welche Zeit er von dannen gehen wolle?“ Hierauf antwortete er endlich verschiedene Male: „Nein! heute nicht.“ – Ich fragte ihn: „Wann denn?“ worauf er mir wiederholt zurief! „Nein, heute nicht!“ Endlich rief er voller Raserei aus: „Morgen! morgen um neun Uhr! Aber ich werde sie noch quälen; ich werde sie eine schreckliche Nacht zubringen lassen.“

Ich gebot ihm, das Mädchen in Ruhe zu lassen; darauf kehrte er seine wüthenden Blicke gegen mich und rief mir drohend zu: „Dann werde ich Dich diese Nacht quälen!“

Diese Nacht war mir fürchterlich, ja noch ärger als die erste. – Des andern Tags um sieben Uhr begannen wir wiederum von Neuem und ersuchten das außerhalb der Kirche versammelte Volk, den Rosenkranz zu beten, damit das Mädchen weniger leide; ich that an diesem Tage die Fragen alle in lateinischer Sprache, weil sie alsdann nicht wußte, was sich mit ihr zutrug, und ihr die Antworten des Teufels unbekannt blieben. Ich war an diesem Tage des Teufels genugsam Meister; muthlos, mit niedergebeugtem Haupte lag er auf dem Boden; nichtsdestoweniger sah man seitwärts noch glühende Strahlen wie Flammen aus seinen Augen schießen.

Im Chor befanden sich auch die Schwestern der Besessenen, welche nebst einer andern bejahrten Frau beteten. Der Teufel war wüthend, diese Frau bei sich zu sehen; von Zeit zu Zeit wandte er sich ihr zu, spuckte nach ihr und rief: „Geh’ fort, Gottlose! was thust Du hier? Geh’ fort, Gottlose!“

„Geh’ selbst von dannen!“ antwortete die Frau. „Geh’ in die Hölle! brenne!“

Ich legte nun ein Kreuz auf das Haupt der Besessenen; dieses Kreuz enthielt ein Stückchen vom wahren Kreuze. Der Teufel, hierdurch ganz zerschmettert, rief aus: „O! man brennt mich! man schneidet mich! man durchkneipt mich!“

Der böse Geist theilte dem Mädchen mit, was vorging; sie konnte nichts sehen, rief aber aus: „O heiliges Kreuz, ich bete dich an!“

Alsdann befahl ich dem Teufel, den Herrn anzubeten und seine wirkliche Gegenwart im heiligen Sacramente des Altars zu bekennen; er that solches auch, sich sehr tief verbeugend, welches ihm viele Mühe kostete. Er sagte, von dem Herrn sprechend: „O dieser Jude! Galle hätte er trinken müssen!“ Er sagte dies mit solchem spottenden Tone, daß wir Alle schauderten.

Oft beteten wir das „Gloria patri“, welches dem Teufel viele Qualen verursachte, und als wir das „Sanctus“ beteten, verfiel er in eine schreckliche Raserei. Ich sagte ihm alsdann: „Hochmüthiger Geist, Du hast Deinen eigenen Willen angebetet, aber man hat Dich in die Tiefe der Hölle gestürzt; diesen Lobgesang, ‚Sanctus! Sanctus! Pleni!‘ etc. hättest Du in alle Ewigkeit im Himmel singen müssen.“ Dies ließ ihn wie ein Löwe brüllen; alsdann sangen wir die „Litanei unserer lieben [743] Frau“, und der Teufel hatte keine Macht mehr, er war ganz entmuthigt. Ich fragte ihn: „Mit wie Vielen bist Du über das Mädchen gekommen?“

Er antwortete: „Erst allein, dann mit Zehn und endlich mit sehr Vielen!“

Ich fragte ihn um seinen Namen und er nannte mir ein Wort, welches ich nicht verstehen konnte, es lautete „Ro-Ro-Ro-Ro“. – Ich befahl alsdann dem Teufel, auszuziehen.

„Und wohin muß ich denn?“ –

„„In den Abgrund, woher Du gekommen bist!““ war meine Antwort.

„Dürfte ich denn wohl in einen Juden fahren?“ sagte er wiederum.

„„Nein, Du kehrst zur Hölle zurück!““

Zu wiederholten Malen rief er alsdann aus: „Brennen! brennen in der Hölle, brennen für ewig!“

Er weinte wie ein Kind und mit einem so klagenden und jammernden Tone, daß wir alle mit ihm geweint haben würden, hätten wir nicht gewußt, daß es der Teufel wäre.

Ich gebot ihm dann, doch endlich auszuziehen und Niemandem weder Schaden noch Leid anzuthun und auch kein Geräusch zu machen. Wir hörten alsdann verschiedene Male Geräusch einer Stimme, welche aus den Eingeweiden der Erde zu kommen schien; dann richtete sich das Mädchen auf und war vom Teufel befreit. Sie hatte ihr engelgleiches Gesicht zurückerhalten, wir Alle athmeten eine neue Luft ein und wir Alle fühlten eine große Freudigkeit, welche etwas Außerordentliches hatte.

Vor Fröhlichkeit außer sich, wußte das Mädchen nicht, was sie thun sollte. Sie nahm zwischen den Priestern und mir Platz am Fuße des Altars, und wir sangen das Te Deum. In diesem Augenblick trat das Volk in den Tempel. O! das war eine feierliche Stunde! – Nach dem Te Deum kannte das Mädchen vor Freude sich selbst nicht mehr. Sie dankte Gott und der heiligen Jungfrau. Sie sagte zu mir: ‚Der Maria muß ich auch danken!‘ Mit einem Male erklomm sie, auf ihren Knieen kriechend, die Stufen des Altars, und auf der obersten angelangt, begann sie, durch die feurigste Dankbarkeit angespornt, den Rosenkranz vorzubeten; wir antworteten ihr und die ganze versammelte Gemeinde betete mit uns. Hiermit haben wir endlich geschlossen, ganz getröstet und doppelt belohnt für Alles, was uns der Teufel zu Leide gethan hatte.

Das Mädchen besuchte mich noch verschiedene Male und ist nun wieder in ihr Dorf zurückgekehrt. Ich vergaß noch anzuführen, daß während der Tage, die der ersten Beschwörung folgten, ich dem Mädchen das heilige Abendmahl reichte; sie konnte weder das Haupt erheben noch die Zähne öffnen; endlich befahl ich dem Teufel, den Kopf in die Höhe gehen zu lassen und die Zähne zu öffnen, welches er mit vielem Widerstand und sehr langsam that, gerade als wäre dazu viel Kraft erforderlich gewesen. Während der Beschwörung und obgleich das Mädchen nach allen Seiten hin und her geschleudert und in die Höhe geworfen worden war, blieb sie stets ganz bedeckt. –

Wir danken hierfür Gott dem Herrn!

So weit der Herr Bischof. Auf wie lange diese Beschwörung geholfen, verräth er nicht. Wahrscheinlich trat eine eben solche Pause in den Anfällen der armen Kranken ein, wie das schon öfter vorher, selbst jahrelang, geschehen war.

Trotz dieser großen That konnte sich der Bischof der Ungläubigen von Chersonesus nicht lange in Luxemburg halten; er versah es darin, daß er in dem deutschen Lande die deutsche Sprache in seinem Bereiche begünstigte, was den dortigen Franquillons durchaus mißfiel. Und in der That scheint mir darin eine Folgewidrigkeit zu liegen. Spricht der Priester mit Gott und Teufel lateinisch, damit es das Volk nicht verstehe, sondern glaube, so kann er auch zum deutschen Bauer französisch sprechen. Der wird das auch um so höher schätzen und bewundern und um so fester glauben. Wie dem auch sei, Laurent verließ nach wenigen Jahren sein apostolisches Vicariat und schlug seinen Sitz im glaubenstreuen Aachen auf, wo er sich noch heute mit der Einsammlung von Peterspfennigen beschäftigt und hin und wieder in der „Constantia“ und in anderen ultramontanen Versammlungen eine vernichtende Philippica gegen den „Kirchenräuber“ Victor Emanuel schleudert. Schade nur, daß der italienische König nichts davon erfährt und deswegen niemals dadurch Störungen in seinem Schlafe oder Appetit empfindet. Teufel hat der hochwürdige Herr, so viel bekannt, in Aachen nicht ausgetrieben. Vermuthlich wagen sie sich gar nicht in die heilige Stadt.

Auf meinen Spaziergängen begegnete mir einige Male ein alter Geistlicher von mittlerer Größe und mit einem Hute, der in den vierziger Jahren des Jahrhunderts in der Mode gewesen war, jedesmal in Begleitung eines jungen Mannes, mit dem er sich in französischer Sprache mit lauter, rauher Stimme unterhielt. Das Wort „diable“ fiel mir nicht auf; aber der Jünger schien von ihm über etwas Belehrung zu erhalten, was dessen größtes Interesse fesselte. Das war der Teufelsbanner von Luxemburg.

Edw. Kr.




Ludwig Feuerbach’s letzte Jahre am Rechenberg bei Nürnberg.


Mit einem geheimen Widerstreben, und doch im Bewußtsein eine heilige Pflicht zu erfüllen, komme ich dem Wunsche des Herausgebers dieser Blätter nach und will es versuchen, ein wenn auch nur skizzenhaftes Bild der letzten Lebensjahre des großen Todten zu entwerfen, die er in dem nebenstehenden einsamen Häuschen, eine Viertelstunde vor Nürnberg draußen am Fuß des Rechenbergs, zugebracht. Dieses Bild kann schon deswegen keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen, weil ich erst die letzten vier Jahre das beneidenswerthe Glück hatte, in die Nähe des ebenso großen als verkannten Geistes zu kommen, und ihn auch im engen Kreis der Familie, in seinem häuslichen Leben kennen zu lernen. Aber die Versicherung darf ich vorausschicken, daß die folgenden Mittheilungen auf strengster Wahrheit beruhen, und daß, was ich nicht selbst gesehen und miterlebt, ich aus dem Munde seiner älteren Freunde, seiner Wittwe und Tochter selber habe.

Die Stätte selbst betreffend, auf der des einsamen Philosophen Wohn- und Sterbehaus sich befindet, dürfte es den Wenigsten bekannt sein, daß sie an sich schon von historischer Bedeutung ist. Hier war es, wo am 17. Mai im Jahre 1552, – nachdem Karl der Fünfte mit seinen Spaniern, Italienern und Niederländern den Bund der protestantischen Fürsten gesprengt, und Moritz von Sachsen mit Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, dem Landgrafen Wilhelm von Hessen, dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Culmbach, und, trotz der Warnung Melanchthon’s, sogar mit Heinrich dem Zweiten von Frankreich einen neuen Bund geschlossen hatte, wie es hieß, um „des Reichs deutscher Nation Libertät und Vergleichung rechter, wahrer, christlicher Religion wiederzubringen und zu erhalten“, – wo einer dieser Verbündeten, der wilde Markgraf von Brandenburg, genannt Alcibiades, sein Lager aufgeschlagen, und von der Höhe des Berges aus mit seinem schwersten Geschütz die damals freie Reichsstadt zwingen wollte, daß auch sie sich diesem Bund gegen den Kaiser anschließe. Heute noch sind die Spuren sichtbar, welche die brandenburgischen Kugeln im weltberühmten Festungsgürtel Nürnbergs an der Mauer des sogenannten „Lauferthores“ zurückgelassen. Verschwunden aber ist das hohe, solid aus Steinen erbaute Schloß, welches damals diese Anhöhe krönte, und welches der Brandenburger als Hauptstützpunkt für seinen Angriffsplan benutzt hat; im nämlichen Jahre noch, nachdem die Gefahr vorüber, ließ der Rath der Stadt Nürnberg das Gemäuer desselben bis auf den Grund abtragen, die Steine hinwegführen und, um sich für alle Zukunft gegen eine Wiederholung solcher Beschießung von diesem Berge aus zu sichern, ihn um ein gut Theil niedriger legen.

Statt des Schlosses oben wurde am Fuß des Berges ein Gärtnerhaus erbaut, und dieses ist es, welches, hart an der nach Lauf und Hersbruck führenden Straße gelegen, nachdem es mannigfache Verwandlungen erfahren, Ludwig Feuerbach’s letztes Asyl geworden ist. Uebergegangen in den Besitz der alten Nürnberger [744] Patrizierfamilie von Behaim, bildet es mit zwei kleineren Gebäuden, einer großen Scheune, geräumiger Stallung, Garten und Berg ein zusammenhängendes größeres, von zwei Pächtern übernommenes Bauerngut, dessen einer den unteren Stock bewohnt, während Feuerbach in den oberen Räumlichkeiten sich eingerichtet hatte. Von der Straße aus, rechts von unserem Bilde, führt jetzt ein großes steinernes Thor mit eisernem Gitter in den sehr geräumigen Hof, und auf einem bequemen Gartenwege mit einzelnen Stufen, zwischen einem hohen Doppelzaun von beschnittenen Buchenhecken hindurch gelangt man zur Anhöhe, welche mit einer Anzahl hoher Pappelbäume geschmückt ist. An einem derselben ist eine Ruhebank angebracht, nach Osten zu; dort hat der große Einsiedler vom Rechenberg oft gesessen und hat im Anblick seiner geliebten Berge Vergessen gesucht für sein eigenes Vergessensein, wenn’s ihm im Hause da unten zu eng geworden. Und daß es ihm oft zu eng wurde, daß er sich fort und hinaussehnte, hinaus zu Menschen, die ihn verstehen, hinaus in andere kommende Jahrhunderte, als deren vorzeitiger Bürger er sich fühlte, wer könnte darüber sich wundern!

Es hat lange gedauert, bis Feuerbach überhaupt in dieser Wohnung sich zurechtfand, bis sie ihm heimisch wurde. Die vierundzwanzig Jahre, die er ununterbrochen von 1836 bis 1860 in seinem geliebten Bruckberg bei Ansbach zugebracht, sie galten ihm, trotz der auch dort ihm auferlegten Einsamkeit, als die schönsten seines Lebens. Dort hatte er seine ersten, seine meisten, seine epochemachendsten Werke geschaffen. Das letzte, mit dem sein nicht rastender Geist sich trug, „Gottheit, Freiheit und Unsterblichkeit“, das hat er hier am Rechenberg vollendet, aber Niemand weiß, mit welch unsäglichen Geburtswehen, unter welchen Schmerzen des Heimwehs und des Gefühls seiner Armuth!

Es war im September des Jahres 1860, als er mit den Seinen, Frau und Tochter und einer nahen Verwandten, von Bruckberg vertrieben – weil das ganze Vermögen seiner Frau im Betrieb der dortigen Porcellanfabrik verloren gegangen – die neue Wohnung am Rechenberg bezog. Der Winter stand vor der Thür, aber die Wohnung war so wenig für einen Winteraufenthalt hergerichtet, daß er nur mit Mühe und großer Selbstbeschränkung eine winzig kleine Kammer ausfindig machte, in welcher er glaubte sein Werk vollenden zu können. Er ließ sich einen Ofen setzen und machte sich an die Arbeit, aber er sah sich getäuscht. Nicht nur daß der zu beengte Raum der Kammer, welche nur ein einziges Fenster hatte, seine geistige Arbeit an sich schon erschwerte – unmittelbar unter ihm befand sich die Küche des Pachtbauern und der Boden, der ihn trennte, war so dünn, daß er den ganzen Tag über den unendlich prosaischen Lärm, der von Löffeln und Messern, Häfen, Tellern und Pfannen und dem gesammten Kochgeschirr herrührte, in seinen Ohren hatte. Dazu kam das beständige Bellen des im Hof an der Kette liegenden Hundes, das Knarren und Rasseln der Wagen und Wagenketten des Pachtbauern, das Zuschlagen der Thüren – es war, als müßte er verzweifeln. Die Seinen litten mit ihm; denn soweit sie sich auch Mühe gaben, wenigstens im oberen Geschoß größtmögliche Stille zu halten, es war schon deswegen nicht durchzuführen, weil die Treppe vom unteren Stock herauf unmittelbar auf die Thür dieses erbärmlichen Studirzimmers ausmündete. So mußte der in seiner ohnedies aufreibenden Geistesarbeit ewig Gestörte sich zuletzt entschließen, auf dem Speicherboden unmittelbar unter dem Dache in allernothdürftigster Weise sich ein Dachkämmerchen herzurichten, und hier war es, wo er sein letztes Werk wenigstens dem Abschluß näher brachte, bis ihm die wärmere Jahreszeit gestattete, sein sehr geräumiges, aber im Winter nie benutzbares Studirzimmer zu beziehen. Wie sehr er sich seit seinem Wegzug von Bruckberg durch diese Wohnungsnoth in seinem Arbeiten gestört fühlte, das beweist wohl am besten die Thatsache, daß sein letztes Geisteswerk „Gottheit, Freiheit und Unsterblichkeit“, obwohl in Bruckberg vor 1860 schon begonnen, erst 1866 zu Ende gedieh.

Es waren freilich noch andere Gründe, welche auf seine Arbeitslust schwerhemmend und seine Gemüthsstimmung niederdrückend einwirkten, vor Allem, daß er sich an seinem neuen Wohnort so viel einsamer und verlassener fühlte, und zwar verlassen nicht nur von lange gewohntem täglichem Umgange, sondern auch weniger mehr aufgesucht von Freunden aus der Ferne. Wohl finden sich in seinem Tagebuche von Männern, die ihn auch am Rechenberg noch besuchten, Namen aufgezeichnet wie Venedey, Karl Vogt, Genée, Herwegh, Vaillant aus Paris, Rüstow, Löwe von Calbe, A. Meißner, C. Blind, Prutz, Pfau, Schweden und Russen, unter Letzteren namentlich Bolyn, Professor aus Helsingfors, und von Khanikoff, der ihn mit seiner ganzen Familie wiederholt aufsuchte, etc.; aber diese Besuche vertheilen sich auf eine Reihe von Jahren, und die längste Zeit war er allein mit den Seinigen.

Um Menschen zu suchen, wenigstens unter Menschen zu sein, ward es ihm daher Bedürfniß, öfter allein oder mit seiner Familie nach Nürnberg hineinzugehen, meist des Abends, und die Besitzer des „Frühlingsgartens“, des „Hirschen“, des „Grauen Katers“, des „Goldenen Rosses“, wo er dann sein gutes bairisches Bier trank und manchmal auch sein einfaches Abendbrod zu sich nahm, sie wissen zu erzählen, daß, wenn es ihm glückte, zusagende Gesellschaft zu finden, auch dieser sonst so ernste und schweigsame Denker nicht nur sehr lebendigen Antheil an politischen und religiösen Debatten nahm, sondern auch sehr heiter und aufgeräumt sein konnte und seine große Freude an harmlosem Scherz wie an derbem Witz gehabt hat. Aber nur zu oft kam er recht traurig und enttäuscht nach Hause, – er hatte Niemanden gefunden! Da überkam ihn dann mit ganzer Macht das Gefühl des Alleinseins, er sehnte sich zurück nach seinem unvergeßlichen Bruckberg; er beklagte, daß er nicht dieses oder jenes Handwerk gelernt, um seine trüben Gedanken durch mechanische Arbeit sich zu vertreiben; er verwünschte sein Schicksal, das ihn zum Gelehrten, zum Schriftsteller gemacht, und in seiner höchsten Verstimmung rief er nicht selten aus: „Ich wollte, ich wäre ein Holzhacker!“

Was ihn in dieser trüben Stimmung noch mehr bestärkte, das war seine ökonomische Lage. Das Vermögen seiner Frau war verloren, auf sein eigenes väterliches hatte er freiwillig verzichtet; seine Pension, die er nach bairischem Gesetze als Sohn seines Vaters, des Criminalisten Anselm von Feuerbach, bezog, reichte für die bescheidensten Bedürfnisse nicht hin, und die Honorare für seine Werke deckten oft kaum die Ausgaben, welche er für Anschaffung von Büchern, die er zu seinen Studien bedurfte, vorher schon gemacht hatte. Er sah sich daher schon damals in die peinliche Nothwendigkeit versetzt, Gaben der Verehrung und Liebe, welche Freunde in zartester Weise ihm zufließen ließen, annehmen zu müssen. Es wird später aus Anlaß des Nationaldankes, der in seinem letzten Lebensjahre ihm gewidmet wurde, noch einmal von diesen früheren Hülfeversuchen seiner Freunde die Rede sein; aber hier schon muß es gesagt werden, mit welch widerstrebenden Gefühlen, getheilt zwischen herzlichem Danke und Vorwürfen gegen sich selbst und sein Schicksal, er sich zur Annahme solcher Freundesgaben verstanden hat.

Seine letzte Trösterin, zu der er immer seine Zuflucht nahm, war die Natur. Konnte ihm auch die nächste Umgebung Nürnbergs das nicht bieten, was ihm in seinem Bruckberg so lieb geworden war, wo er nach allen Seiten hin botanische und mineralogische Excursionen gemacht, und bei den letzteren immer seinen Steinhammer mitgenommen hatte, so wußte er doch auch hier mit der Zeit seine Lieblingspartien zu finden, die er entweder allein, oder mit seiner Familie, seinem Bruder Friedrich, am meisten mit seiner Tochter Leonore, wiederholt aufsuchte. Ein Gang nach dem ganz nahe gelegenen „Plattners-Schlößchen“ mit seiner reizenden Parkanlage, auf die „Alte Veste“ bei Fürth, oder ein weiterer Ausflug auf den „Morizberg“ und die hinter Hersbruck sich erhebenden höheren Berge, wo er Versteinerungen suchte, in die „fränkische Schweiz“ mit ihren berühmten Höhlen u. a., das war ihm ein Hochgenuß, erhöht durch die Zwiegespräche, in die er sich in schlichtester, leutseligster Weise am liebsten mit den einfachen, ungekünstelten Söhnen der Natur einließ.

Allmählich hatte er sich mit seinem neuen Wohnorte ausgesöhnt, das heißt in’s Unabänderliche sich ergeben, aber eine stille, unbefriedigte Sehnsucht ist ihm immer geblieben.

In seinem Hause hielt er sich am liebsten während der wärmeren Jahreszeit in seinem großen, mit Solenhofer Kalkplatten belegten Studirzimmer auf, dessen Fenster auf drei Seiten in’s Freie gehen, nach dem Garten, der Straße und dem Hofe, wie es unser Bild dem Leser in anschaulicher Weise zeigt. Von diesem Studirzimmer führte eine Thür auf den ebenfalls rechts, der Straße zu, angebrachten kleinen Altan, von wo er einen freundlichen

[745]

Feuerbach’s Wohnhaus am Rechenberg bei Nürnberg. Nach der Natur aufgenommen von J. Geyer.

[746] Ueberblick über die ganze Gegend hatte, und wo er sich wahrscheinlich durch zu langes Verweilen in der herbstlichen Abendluft, sich vergessend über den ihm lieben Besuch eines russischen Freundes, die Erkältung zugezogen, welche seinen endlichen Hingang beschleunigte.

In diesem Studirzimmer hatte er seine große, äußerst werthvolle Bibliothek, deren einer Theil auf seinem Schreibtische und mehreren anderen Tischen, auf kleineren und größeren Regalen, der andere, namentlich die großen schweinsledernen Folianten, auf den Brettern rings an den Wänden ihren Platz hatten. Es herrschte hier die größte Ordnung. Zwischen den Büchern hatte er auch Steinen, Muscheln und drei Originalschädeln von Negern und Indianern ihre Stelle angewiesen. Der große Schreibtisch stand in der Mitte; er arbeitete auf einem einfachen Stuhle sitzend, hatte sich aber unmittelbar dahinter einen kleinen Divan gestellt, auf dem er sich nach seinen Arbeit ausruhte. An den Wänden hingen zahlreiche Bilder, Portraits von alten und neuen Dichtern und Philosophen, in einfachen Rahmen; einige, wie Spinoza, Giordano Bruno u. A., hatte er sich auf dem Trödlermarkte in Nürnberg gekauft.

An Bildern, zumal an künstlerisch-schönen, hatte er immer eine große Freude, und da störte es ihn selbstverständlich nicht, wenn sie ihre Entstehung auch einer der seinen ganz entgegengesetzten Weltanschauung verdankten. Eine Madonna von Raphael entzückte ihn; die sixtinische hing an einem bevorzugten Platz im Familienwohnzimmer, und vor einer anderen steinernen Marienstatue mit dem Kind, welche in der „Hirschelgasse“ in Nürnberg, aus alter Zeit herrührend, an einem Hause angebracht ist, blieb er oft stehen, sich in den Anblick der jungfräulichen Reinheit und weiblichen Innigkeit versenkend.

Die Kunst überhaupt liebte er in hohem Grade, freute sich darum auch an einer gelungenen Theateraufführung, aber diese Genüsse waren, theils wegen der Entfernung seines Wohnhauses von der Stadt, theils in Folge seiner ökonomischen Verhältnisse, so spärliche, daß er während der zwölf Jahre auf dem Rechenberge wohl kaum mehr als zwei Mal das Theater besucht hat. In seinen jungen Jahren hatte er selbst die Flöte gespielt; Mozart war und blieb sein Liebling; eine Sonate von ihm, oder eine einfache Volksmelodie, die seine Tochter ihm auf dem Clavier spielte, das machte ihm ein glückliche Stunde. Auch hatte er seine ganz besondere Freude an einem harmonisch-schönen Glockengeläute. Wenn die Glocken von St. Sebald oder St. Lorenzen in der Stadt zusammenläuteten, da ging er oft auf seinen kleinen Altan hinaus, um es deutlicher zu hören, und die Seinen bemühten sich dann ängstlich, daß Alles im Hause ganz still sei, damit er in seinem Genusse nicht gestört werde. Das Anhören dieses Glockenconcertes ersetzte ihm Theater und die anderen Concerte, auf die er verzichten mußte.

Es ist ein tiefes, ein rührend kindliches, wahrhaft ergebenes Gemüth, das ihm diesen Verzicht möglich machte, und wer überhaupt Ludwig Feuerbach, wie er wirklich leibte und lebte, nicht nach den entstellenden Zerrbildern seiner pfäffischen Gegner, sich vorstellen will, der muß vor Allem wissen, daß die Tiefe und Innigkeit seines Gemüthes der Hoheit und Kühnheit seines Geistes vollkommen ebenbürtig war. Es ist darum der Wahrheit vollkommen entsprechend, wenn der intime Freund des Entschlafenen und seiner Familie, der Secretär des Germanischen Museums, Hektor, in seinem dem Todten gewidmeten Nachruf sagt:

„Und Dein Herz und Dein Gemüth,
Wer wird’s je ergründen?
Des Poeten höchstes Lied
Kann es nicht verkünden.
Polizei nur wär’ gekränkt,
Wenn sie dies erführe:
Daß kein Bettler unbeschenkt
Ging von Deiner Thüre.“

So wenig er zu geben hatte, so gab er doch immer, und beklagte nur, daß er nicht noch mehr geben konnte. Dadurch brachte er einmal seine gute Frau, die ihm eine ebenso hingebende Gattin, als emsige, tüchtige Hausfrau war, in große Verlegenheit. Sie hatten einen lieben Besuch, und er selbst hatte diesem mit sichtbarer Freude mitgetheilt, daß es Mittags einen saftigen Braten gäbe. Als der Freund sich aber zur ausgemachten Stunde einstellte, mußte die Hausfrau sich entschuldigen: Feuerbach hatte inzwischen von der Noth eines ganz in der Nähe wohnenden armen Schusters gehört und diesem den prächtigen Braten in Papier eingepackt eigenhändig in’s Haus gebracht; der Besuch mußte mit etwas Anderem vorlieb nehmen.

Von seinem Gemüthe und seinem immer offenen Auge selbst für die kleinsten Liebesdienste spricht auch ein anderer scheinbar unbedeutender Zug, welchen der Verfasser des oben genannten Nachrufes mir mitgetheilt hat. Sie gingen ihrer Zwei oder Drei in lebhaftem Gespräch durch die Straßen Nürnbergs, und kamen an einem der vielen Brunnen vorbei, aus denen das Wasser mittelst hölzerner Schwengel geschöpft wird, welche im Ruhestand ziemlich hoch am Brunnenstock oder einem daneben stehenden Pfahl in eiserne Haken eingehängt sind, so daß kleineren Kindern es nicht möglich ist, sie mit ihren Händen zu erreichen. Da kam ein Kind mit einem Wassergefäß und machte wiederholt Versuche, den Schwengel in der Höhe aus dem Haken herauszubringen; es gelang ihm nicht. Die mit Feuerbach Gehenden, in’s Gespräch mit ihm Vertieften bemerkten wohl auch das Kind, aber keinem fiel es ein, ihm zu helfen, das Gespräch war ihnen wichtiger; Feuerbach selbst aber dachte oder fühlte anders – er verließ die Sprechenden, trat auf die Seite, holte dem Kinde den Schwengel herunter und half ihm seinen Krug füllen.

Dieser tief gemüthliche Zug seines ganzen Wesens trat in den letzten Jahren seines Lebens in noch stärkerem Grade hervor, als in seinen gesunden Tagen, oder es ist vielleicht richtiger zu sagen, es erschien dem aufmerksamen Beobachter so, weil die Thätigkeit der Denkkraft in ihm zu erlahmen begann. Und davon zeigten sich die frühesten leisen Andeutungen schon im Jahre 1867.

Der deutsche Bruderkrieg war gerade vorüber; Feuerbach hatte ihn, als einen nach seiner persönlichen Ueberzeugung blos dynastischen Krieg, als im Widerspruch mit seiner idealen Weltanschauung auf’s Allerentschiedenste verdammt; da traf ihn der erste Schlaganfall! Als er sich etwas wieder erholt, nahm er mit seiner Tochter Leonore, auf Einladung eines durch seine Schriften gewonnenen warmen Freundes in Oesterreich, einen fünfwöchentlichen Herbstaufenthalt in Goisern bei Ischl, um in der reinen Gebirgsluft seine Gesundheit vollkommen wieder herzustellen. Der Name dieses Freundes Konrad Deubler, Bäcker und Wirth in Goisern, verdient wohl der Nachwelt aufbewahrt zu werden, denn er beweist nicht nur, welche kerngesunde, nach höherer Wahrheit sich sehnende und ringende Menschen trotz aller jahrhundertlangen hierarchischen Verfinsterung Oesterreich in sich birgt, sondern namentlich auch, welcher Opfer für die Wahrheit diese Menschen fähig sind. Konrad Deubler hatte seit Jahren mit anderen seiner Gesinnungsgenossen sich freisinnige Schriften aus Deutschland kommen lassen, so namentlich den damals vielgelesenen[WS 4] Leuchtthurm, aber zuletzt auch Feuerbach’s Werke. Dafür, für „gesetzwidrige“ Verbreitung oder auch nur Haltung solcher Schriften und zugleich für seine als Hochverrath erklärte freie politische Gesinnung erhielt er in den fünfziger Reactionsjahren vier Jahre schweren Kerker, die er in Olmütz und Iglau bis auf den letzten Tag abgesessen hat. Daß ein solches Martyrium der zwischen ihm und Feuerbach, den er zuletzt im Jahre 1865 in Nürnberg aufgesucht, entstandenen Freundschaft eine höhere Weihe gab, ist selbstverständlich. Die Herbsttage, welche sie 1867 zu Ausflügen in die Berge, wozu Feuerbach meist seinen Steinhammer mit sich nahm für mineralogische Aufsuchungen, miteinander benutzten, sie blieben diesem unvergeßlich. Frischgestärkt kehrte er nach Nürnberg zurück; er besuchte im Winter die Vorlesungen, welche damals Karl Vogt hielt, aber dem Auge dieses scharfen Beobachters entging es nicht, daß von dem Schlaganfall ein unheilbares Leiden zurückgeblieben war – und er erklärte daher damals schon in einem Briefe, den er über Feuerbach’s Befinden an Deubler nach Goisern schrieb, daß eine langsam zunehmende Gehirnkrankheit sich jetzt schon angekündigt habe.

Hätte Feuerbach in andern Verhältnissen, in anderer Umgebung, mehr unter Menschen, nicht in dieser Abgeschlossenheit gelebt, und wären nicht gerade in diese für seinen Zustand so verhängnißvolle Zeit die zwei furchtbar blutigen Kriege gefallen, wer möchte es nicht wenigstens für möglich halten, daß das Schwinden seines Geisteslebens ein langsameres gewesen wäre?

Als ich im Jahre 1869 zum ersten Mal das hohe Glück hatte, ihm persönlich nahe zu treten, da nahm er noch lebendigen Antheil an allen großen Fragen der Zeit; die nachwirkende Folge seines Schlaganfalls zeigte sich jedoch immer deutlicher [747] darin, daß die eine Hälfte seines Gesichtes, besonders des Mundes, sichtlich etwas verzogen und das Sprechen ihm erschwert war. Wir sprachen wiederholt, im Beisein entweder seines Arztes Dr. Baierlacher, oder seines Bruders Friedrich, oder des Bibliothek-Secretärs des Germanischen Museums, Hektor, oder aller zusammen, und meist in Gegenwart seiner Familie, von den Ereignissen auf dem politischen, socialen und religiösen Gebiete. So schwer ihm das Sprechen fiel, ward er doch nicht müde, den Militarismus, der auf Kosten der idealen Bestrebungen und mit Hülfe der politische Heuchelei sich der Völker bemächtigt, den Materialismus und die Herzlosigkeit der egoistischen Speculation, den Marasmus der Orthodoxie, die Glaubenslosigkeit der Gläubigen, das Herrsch- und Verdummungssystem des Pfaffenthums aller Farben in derbster, energischster Weise zu bekämpfen. Mir persönlich gegenüber äußerte er wiederholt seine große Freude über den Versuch der „freien religiösen Gemeinden“, auf den Trümmern der alten ausgelebten Religion die Religion der Zukunft, deren „Anfang, Mittelpunkt und Ende der Mensch“, aufbauen zu helfen, und zur genauen Kenntniß seines persönlichen Standpunktes ist die Thatsache von Interesse, daß er sich in den letzten Jahren genau erkundigte, in welcher Weise ein Anschluß an die freien Gemeinden zu geschehen habe, wovon ihn nur der äußerliche Umstand abhielt, daß nach dem Buchstaben des Gesetzes er sich in eigener Person zum Pfarrer seines Kirchspiels hätte verfügen und diesem seinen förmlichen Austritt aus der Kirche erklären müssen. Daß ihm eine solche Formalität gegen seine innerste Natur war, ihm, der mit seiner ersten Schrift früh mit kühnem Tellsprung aus der Kirche heraus sich auf den Boden des freien Geistes geschwungen hatte, das leuchtet von selbst ein. Daß er aber trotzdem sich thatsächlich zum Bunde jener Freien rechnete, beweist namentlich seine Betheiligung an der unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges, im Juni 1870, in Nürnberg veranstalteten festlichen Versammlung von Vertretern und Mitgliedern der freien Gemeinden von Süd- und Westdeutschland, wobei er mit hohem Interesse dem Vortrag E. Baltzer’s im alten Kaisersaal und dem heitern Festmahl beiwohnte, bei welchem der Verfasser dieser Erinnerungen einen mit stürmischem Jubel aufgenommenen Toast auf den unter ihnen weilenden „König des Gedankens“ ausbrachte. Feuerbach hat diesen Toast nicht erwidert, er konnte es schon nicht mehr; aber man sah es ihm an, wie er für viele Jahre vermeintlichen Vergessenseins eine hohe, ihn auf’s Freudigste ergreifende Genugthuung darin fand, als Vertreter und Abgeordnete freier Gemeinden aus Nürnberg und Fürth, Ulm und Pforzheim, Heidelberg und Mannheim, Mainz, Wiesbaden, Rüdesheim, Hanau, Offenbach und Frankfurt mit ihren gefüllten Gläsern sich zu ihm herandrängten und sich selbst wieder freuten, dem kühnen Vorkämpfer in’s matter gewordene, und doch noch immer blitzende Auge sehen zu können.

An dieser Stelle mag auch zur Kenntniß Derjenigen, welche in ihrer Opposition gegen den alten Kirchenglauben so weit gehen, daß sie schon am Worte „Religion“ Anstoß nehmen, und welche sich zugleich einbilden, daß gerade Feuerbach es sei, auf dessen Autorität sie sich in diesem Punkte berufen dürfen, es mag hier mitgetheilt werden, daß sich in seinem Tagebuche, mit Bleistift von seiner eigenen Hand geschrieben, das Concept eines Briefes vorfindet, welchen er gerade in jenem Jahre, und zwar am 28. Februar 1870, an seinen Freund in Goisern bei Ischl gerichtet und in welchem er sich diesem gegenüber über den Austritt aus der Kirche ausspricht. Wohl begreifend, daß Derjenige, welcher wie sein Freund in einem österreichischen Dorfe als Einzelner diesen Schritt thun wollte, in Folge der traurigen dortigen Verhältnisse sich auch zu dem Opfer entschließen müßte, sein Dorf und seine Berge der ewigen Anfeindungen wegen zu verlassen, suchte Feuerbach ihn in seinem speciellen Falle über das Verbleiben in der Kirche damit zu beruhigen, daß er ihm unter Anderm schrieb: „Die Religion, wenigstens die officielle, die gottesdienstliche, die kirchliche, ist so entnervt und entseelt, so creditlos, daß es an sich gleichgültig ist, ob man ihre Formen mitmacht oder nicht mitmacht, denn selbst Diejenigen, die angeblich gläubig sie mitmachen, glauben nur an sie zu glauben, aber glauben nicht wirklich, so daß es sich wahrlich nicht der Mühe lohnt, um eines Glaubens willen, der längst keine Berge mehr versetzt, – seine lieben Berge zu verlassen.“ Es sei hier jede Bemerkung darüber übergangen, wie sehr nahe der so Schreibende an jene in der Politik von ihm so unerbittlich und unversöhnlich bekämpfte Unaufrichtigkeit selbst heranstreift, jede Bemerkung über den gar nicht zu berechnenden Verlust an Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit im öffentlichen Leben, welchen die officielle Aufrechthaltung des alten Glaubens in den Massen angerichtet, wenn selbst solche Heroen in dieser Weise sich aussprechen! Aber die eine Thatsache sei hervorgehoben, daß Feuerbach hier ausdrücklich einen Unterschied macht zwischen „officieller, gottesdienstlicher, kirchlicher“ Religion und zwischen Religion überhaupt! Ein neuer Beweis, daß er nie daran gedacht hat, diese selbst zu bekämpfen, sondern daß seine Aufgabe nur war, die wahre Religion, die der Vernunft, die im Wesen des Menschen selbst begründete, zum Bewußtsein zu bringen.

Dem Kriege gegenüber, der unmittelbar nach der oben erwähnten Festversammlung der freien Gemeinden losbrach, ist Feuerbach stumm geblieben. Schon im Juli 1870 traf ihn der zweite Schlaganfall. Nach diesem war es ihm nicht mehr möglich, in irgend zusammenhängender Weise seine Gedanken auszudrücken; er gab sich oft unsägliche Mühe, aber vergebens, und fing sogar schon an, die Worte miteinander zu verwechseln. Von jetzt an blieb er mehr als bisher zu Hause, am liebsten in seinem Studirzimmer, das ihm mit der Zeit, so schwer ihm anfangs die Angewöhnung gewesen, ein wahrhaft heiliges Asyl geworden war. Geschrieben hat er seit diesem Anfalle nicht mehr; aber die Zeitungen nahm er noch oft zur Hand, deutsche, französische und amerikanische, durchblätterte sie, in seinem Arbeitsstuhle sitzend oder auf seinem kleinen Divan ausgestreckt – ob er sie wirklich gelesen? mit wieviel Verständniß? wer vermöchte dies zu sagen! Ich persönlich erinnere mich, so oft ich auch versuchte, ihm eine Aeußerung, namentlich über den letzten Krieg, zu entlocken, so oft ich auch dieses oder jenes Ereigniß ihm mittheilte, ich erinnere mich nicht, auch nur eine Silbe von ihm darüber vernommen zu haben. War es ihm physische Unmöglichkeit? Oder war es die Trauer seiner Seele, daß heute noch, im neunzehnten Jahrhundert, zwei Völker, deren eines seinen Pierre Bayle, Montesquieu, Voltaire, Rousseau und seine große Revolution gehabt, das andere seinen Leibnitz, Lessing, Kant, Fichte und seine unsterblichen Dichterheroen, beide an der Spitze der Civilisation stehend, kein anderes Mittel wußten, um sich zu verständigen, als daß sie gegenseitig Tausende ihrer Söhne in den Tod schickten? Das Einzige, was während jener Zeit als eine annähernde Kundgebung seiner innersten Gesinnung betrachtet werden könnte, das ist der Brief, den im Januar 1871 seine Tochter Leonore, wie sie erklärte, im Sinne ihres Vaters, an den Herausgeber des „Libero Pensiero“ in Florenz schrieb und in welchem Feuerbach’s persönliche Ansicht dahin angedeutet war, „daß er dem Gange des Krieges bis zum Sturze Napoleon’s mit patriotischer Sympathie gefolgt sei, die Fortsetzung desselben nach dieser Katastrophe aber vom Standpunkte der Humanität aus verurtheilt habe.“

Seit jener Zeit stellte er seine gewohnten Abendgänge nach Nürnberg ganz ein; am liebsten machte er mit den Seinen noch einen kleinen Spaziergang ganz in der Nähe seines Hauses, oder setzte sich Stunden lang, ein Buch in der Hand, droben auf dem Rechenberge auf die einsame Ruhebank, hineinschauend in die Berge.

Eine Klage über seinen Zustand ist ihm nie über die Lippen gekommen, und doch schien er ein ganz klares Bewußtsein desselben zu haben. Nur ein einziges Mal, als ich ihm von einem meiner Freunde, Prediger Elßner, der ihn auch während seines Hierseins öfters aufgesucht, einen schmerzlichen Vorfall in dessen Familie erzählt, da stieß er, vor mir auf einem Stuhle sitzend, die Hände ineinander gelegt und seinen Kopf zu Boden senkend, als Antwort die einzigen Worte heraus: „Ja, das Leben!“ In diese wenigen Worte aber legte er den ganzen markerschütternden Ausdruck des sein Innerstes erfüllenden, durch seinen eigenen Zustand hervorgerufenen Schmerzes. Und ein anderes Mal, als ihn der langjährige Freund des Hauses, Hektor, besuchte und nach seinem Zustande sich erkundigte, da that er die sein unsagbares Unglück und sein Bewußtsein davon bezeichnende Aussage: „Ich bin nicht mehr, ich bin todt!“

Als wolle er den ihn Besuchenden – deren es freilich, mit Ausnahme seiner Verwandten, von Nürnberg aus mit seinen achtzigtausend Menschen, sehr wenige waren: sein Arzt, Hektor und ich –, als wolle er ihnen das Mitleid mit seinem Zustande ersparen, als scheue er sich, in so ruinenhafter Gestalt ihnen entgegenzutreten, [748] entzog er sich zuletzt selbst Denen, die ihm die Liebsten waren, und fing an, gleich der ihre Wandlung vorausfühlenden Nymphe, in seinem kleinen engen Zimmerchen sich förmlich einzuspinnen. Wir kamen in dieser Zeit öfter hinaus, ohne ihn zu sehen oder zu sprechen, und mußten uns begnügen mit den Mittheilungen, welche uns die Seinen über sein Befinden gaben. Aber wenn wir dann wieder einmal ihn selbst sahen, dann sahen wir ihm auch die innige Freude an darüber, daß wir Antheil nahmen an seinem Schicksale, wenn er auch gar nichts oder höchstens einzelne oft ganz unverständliche Worte, ja blos Laute hervorbrachte.

Daß in diesem schmerzlichen Zustande es den Seinen eine unendliche Erhebung gewährte, als sie zu ihrer ungeahnten Ueberraschung sahen, wie der Aufruf an die Nation nicht nur, vielmehr der Aufruf an alle seine Freunde und Verehrer in allen Landen, zumal auch jenseits des Meeres, von Tag zu Tag mehr Wiederhall fand, ist so selbstverständlich wie das halbabweisende Gefühl im Anfange. Als er selbst zum ersten Male davon hörte, war seine Geisteslähmung schon so vorgeschritten, daß er nur wenige Worte dafür fand. Er that eine Aeußerung, aus welcher einestheils seine Freude herausblickte, daß er sich doch getäuscht, wenn er oft glaubte, er gehöre zu den ganz Vergessenen, anderntheils aber doch auch wieder der Zweifel, ob er selbst den Erfolg eines solchen Aufrufes noch erleben werde. Und wer kann einen solchen Zweifel ihm verargen, wer, sage ich, der sein entsagungsvolles Leben im Dienste der Wahrheit und der Menschheit kennt und aus der Geschichte weiß, wie zu allen Zeiten dieser schwerste Dienst den Lebenden wenigstens am schlechtesten immer gelohnt wurde!

War doch, wie oben bereits angedeutet, vor neun Jahren schon von Freunden und Verehrern des Schwerbedrängten ein erster Versuch gemacht worden, um den Mann, wie es im gedruckten Aufruf hieß, „dessen materielle Lage in einem höchst peinlichen und ungünstigen Verhältniß zu der Bewunderung stehe, welche selbst seine erbittertsten Feinde seinem Stoicismus und seiner Ehrenhaftigkeit zu zollen bereit sind“, um ihn „aus seinen bedrängten Verhältnissen zu befreien, um ihm die Sorgen eines bekümmerten Familienvaters zu erleichtern, um von seinen Schultern eine Last zu nehmen, deren Wucht die gewaltigen Schwingen seines reichen Geistes hemmt, in vorderster Reihe fortan zu kämpfen für die höchsten Güter eines menschenwürdigen Daseins“! Dieser Aufruf vom Jahre 1863, ausgehend von zweien seiner Freunde im Verein mit fünf anderen Männern Nürnbergs, ist nur als Manuscript im Stillen verbreitet worden und konnte freilich schon aus diesem Grunde, weil er sich nicht wagte an die große Oeffentlichkeit zu gehen, unmöglich seinen edlen Zweck erreichen, wenn auch, namentlich aus Amerika, damals schon nicht unbedeutende Ehrengaben eingesandt wurden. Wer aber möchte bestreiten, daß es überhaupt sehr schwer ist, für Männer der Wissenschaft, die nicht, wie der Dichter, das Verständniß der Massen für sich haben, zu einem solchen Zweck die Massen zu gewinnen? Um so mehr wollen wir uns freuen, daß der letzte Aufruf gezündet und daß dieses hauptsächlich auch dem Umstand zu danken ist, daß er gerade in der Zeit erschien, wo nach dem riesigen Aufgebot der in blutigen Schlachten und Siegen sich bethätigenden Männerkraft man anfing sich zu erinnern, daß die Menschheit ihre größten Siege doch Denen verdankt, welche das Schwert des Geistes zu führen verstanden haben. Wir wollen uns freuen, daß die Früchte dieses Aufrufs, wenn auch spät, sehr spät, dem Leidenden noch zugutkamen; daß sie den Seinen es ermöglichten, ihm diejenigen Bedürfnisse zu befriedigen und die Erholungen zu gewähren, deren er in seinem traurigen Zustande bedurfte, und daß sie wenigstens für die letzten Tage seines Lebens die Last der Sorgen, zumal auch im Hinblick auf die Zukunft der Seinen, ihm von der Seele nahmen.

Dieser Aufruf, diese Sympathieen, welche ihm in Folge desselben aus allen Ländern, aus Deutschland, Italien, Frankreich, Belgien, England und Amerika ausgesprochen wurden, sie waren der letzte freundliche Sonnenstrahl, der ihm den Abend verklärte; mit diesem Sonnenstrahl im Herzen ist er eingeschlafen, – schmerzlos, lautlos, still und sanft wie ein Kind.

Mit ihm selber aber ist eine Sonne untergegangen! Und wie hat sie gestrahlt, wie geleuchtet! Mögen die Eulengeschlechter unserer und der nächsten Zeit in dem Licht, das er angezündet, nur die wilde, tempelverzehrende Brandfackel eines neuen Herostratus erblicken, die Tieferblickenden der Gegenwart und noch mehr die der Nachwelt werden ihm das dankbare Zeugniß nicht versagen, daß er, wenn sie auch nicht in Allem, was er gedacht und geschrieben, die unfehlbare Wahrheit zu erkennen vermögen, der Erforschung und Erkenntniß der Wahrheit einen ungeheuer großen, ganz unberechenbaren Dienst geleistet hat. Und worin dieser besteht, das haben wir in der ersten Gartenlaube dieses Jahres (S. 18) ihn in seinem eigenen Bekenntniß aussprechen lassen.

Eines nur möchte ich selbst hier noch aussprechen: das ist die feste Ueberzeugung, daß die ganz eigenthümliche Art und Weise, wie Feuerbach seine Lebensaufgabe zu verwirklichen suchte, die Thatsache, daß in ihm der Schriftsteller nicht vom Menschen getrennt war, daß er nicht anders konnte, als in seinen Schriften sich selbst, sein tiefstes, innerstes Wesen ausströmen und ausgeben, daß dieser uns die psychologische und histologische Erklärung seines tragischen Schicksals an die Hand giebt. Er hat Diejenigen für „ganz klägliche, matte und seichte Brüder, für Memmen“ erklärt, welche „die Schriftstellerei als einen außerwesentlichen Actus fassen und betreiben, und denen daher auch wirklich ihre Schriften nur wie faule Zähne ausfallen, ohne daß ihre inneren Lebenskräfte dabei afficirt und consumirt werden“; er hat vom wahren Schriftsteller, vom Dichter wie vom Philosophen, nichts Geringeres verlangt, als daß er mit seiner ganzen Seele, mit seiner ganzen Persönlichkeit dabei sei; er hat deswegen, als ahnte er die ihm bevorstehende Katastrophe, nicht nur die Schriftstellerei überhaupt einen „wahren Kraftaufwand und Lebensverlust“, er hat „jeden wahren Gedanken einen Stich in’s Herz, eine Erschütterung unseres ganzen Seins, – ein Opfer unserer Existenz“ genannt. Feuerbach hat als Denker und Schriftsteller – sich selbst geopfert, er hat es gethan für die Menschheit, – das ist das Tragische und zugleich Versöhnende seines prometheischen Schicksals!

Karl Scholl.




 Ich hatte Dich lieb!

Ich hatte dich lieb, mein Töchterlein!
Und nun ich dich habe begraben,
Mach’ ich mir Vorwürf’, ich hätte fein
Noch lieber dich können haben.

Ich habe dich lieber, viel lieber gehabt,
Als ich dir’s mochte zeigen;
Zu selten mit Liebeszeichen begabt
Hat dich mein ernstes Schweigen.

Ich habe dich lieb gehabt, so lieb,
Auch wenn ich dich streng gescholten;
Was ich von Liebe dir schuldig blieb,
Sei zwiefach dir jetzt vergolten!

Zu oft verbarg sich hinter der Zucht
Die Vaterlieb’ im Gemüthe;
Ich hatte schon im Auge die Frucht,
Anstatt mich zu freun an der Blüthe.

O hätt’ ich gewußt, wie bald der Wind
Die Blüth’ entblättern sollte!
Thun hätt’ ich sollen meinem Kind,
Was alles sein Herzchen wollte.

Da solltest du, was ich wollte, thun,
Und thatst es auf meine Winke.
Du trankst das Bittre, wie reut mich’s nun,
Weil ich dir sagte: trinke!

Dein Mund, geschlossen von Todeskrampf,
Hat meinem Gebot sich erschlossen;
Ach! nur zu verlängern den Todeskampf,
Hat man dir’s eingegossen.

Du aber hast, vom Tod umstrickt,
Noch deinem Vater geschmeichelt,
Mit brechenden Augen ihn angeblickt,
Mit sterbenden Händchen gestreichelt.

Was hat mir gesagt die streichelnde Hand,
Da schon die Rede dir fehlte?
Daß du verziehest den Unverstand,
Der dich gutmeinend quälte.

Nun bitt’ ich dir ab jedes harte Wort,
Die Worte, die dich bedräuten,
Du wirst sie haben vergessen dort
Oder weißt sie zu deuten.

 Fr. Rückert.

* Aus den soeben erschienenen „Kindertodtenliedern von Fr. Rückert“, dem Ergreifendsten, was überhaupt seit Langem gedichtet wurde. Allen Eltern, die ein liebes Kind unter grünem Rasen gebettet, wird diese Sammlung neue Thränen wecken, aber auch mildernden Trost bringen.

Die Redaction.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Ueber Friedrich Fröbel und sein Wirken hat die Gartenlaube im Jahrg. 1853 in Nr. 6 und 8, und über Heinrich Pestalozzi 1859 in Nr. 13 (Babeli) und 1868 in Nr. 35 (der Reformator der Erziehungslehre) ausführliche Artikel gebracht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: viefach
  2. Vorlage: Redemtoristen
  3. Vorlage: Beschörung
  4. Vorlage: vielgesenen