Aba Kaissi, der abessinische Räuberfürst

Textdaten
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Autor: Heinrich von Maltzan
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Titel: Aba Kaissi, der abessinische Räuberfürst
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 636–638
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzung: Neueste Streiche des abessinischen Räuberfürsten
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Aba Kaissi, der abessinische Räuberfürst.


Von Heinrich Freiherrn von Maltzan.


Stellt man sich einen mittelalterlichen Raubritter in vergrößertem Maßstabe vor, so bekommt man einen annähernden Begriff von dem, was ich einen „Räuberfürsten“ nenne. Sich selbst wird freilich Keiner so nennen. Das gewöhnliche Wort dafür ist in Abessinien „Rebell“, worunter man hier nicht etwa einen kleinen Verschwörer (solche sind fast alle Abessinier, selbst die anscheinend friedlichsten Unterthanen), sondern einen großen Rebellenführer zu verstehen hat.

Das Rebellenthum ist bei den wechselvollen und anarchischen Zuständen von Habesch ein so eingewurzeltes Uebel geworden, daß man es beinahe als eine dem Lande eigene Institution ansehen kann. Gewöhnlich ist ein solcher Rebell ein Dedschas, ein Titel, der traditionell mit „General“ übersetzt wird. Er hat immer ein kleines stehendes Heer unter seinem Befehl und meist auch eine Provinz unter seiner unmittelbaren Verwaltung. Diese beiden Factoren nun liefern ihm die Mittel, sich, sowie er eine günstige Gelegenheit hierzu erspäht, gegen seinen Lehnsherrn aufzulehnen und sich nicht selten zu behaupten. Eine solche Gelegenheit bricht er sehr oft vom Zaun. Ist der Fürst schwach oder augenblicklich in Verlegenheit, im Nu wachsen die Rebellen wie Pilze aus der Erde. Selbst wenn dies nicht der Fall ist, so sind die Dedschasse dennoch oft tollkühn genug, sich gegen ihn aufzulehnen, wenn sie einen Grund zur Unzufriedenheit zu haben glauben.

Das Rebellenthum liegt gleichsam in der Luft. Die Verlockung dazu ist auch zu groß. Wenn man bedenkt, daß in Abessinien in den letzten hundert Jahren kein legitimer Herrscher mehr regierte, sondern daß alle Fürsten nichts Anderes waren, als glückliche Rebellen, so begreift man, daß ein ehrgeiziger und unternehmender Heerführer sich die Frage stellen muß: warum soll nicht auch ich mein Glück durch Rebellion machen und mich zum Herrscher aufschwingen? Auch der oft genannte Kaiser Theodor war ein Rebell. Alle, die sich jetzt in die Herrschaft von Habesch theilen, sind nichts anderes, mit einziger Ausnahme Menelek’s, des Fürsten von Schoa, dessen Vorfahren schon jene Provinz beherrschten. Indeß dem Fürsten legt man nicht mehr den Namen „Rebell“ bei, sondern nur denen, die es werden wollen.

Jeden Rebellen können wir aber nicht einen „Räuber“ nennen, da man für Denjenigen, welcher Länder raubt, diesen Ausdruck mit dem Titel „Eroberer“ vertauscht hat. Freilich rauben alle Rebellen bei Gelegenheit auch Privatgut, aber der Raub ist doch nicht ihr Hauptgeschäft. Wohl aber giebt es in dem gesegneten Habesch auch solche Guerillaführer, deren vorzüglichster Zweck Rauben und Plündern ist; vielleicht nur einstweilen.

Unter diesen zeichnet sich zur Zeit ein Mann aus, den wir das Ideal eines tollkühnen Raubrebellen nennen können. Dieser Mann ist Aba Kaissi, manchmal auch „Aba Käse“ gesprochen, was aber keineswegs nach dem „Livre des sauvages“ mit „Père du fromage“ zu übersetzen ist, wie ein Franzose gethan haben soll, denn so weit im Deutschen, wie die Indianer Nordamerikas, haben es die Abessinier denn doch noch nicht gebracht. Dieser Aba Kaissi ist für uns Deutsche jedoch aus anderem Grunde interessant. Er hat nämlich die Tochter des berühmten Naturforschers Schimper aus Mannheim, dieses Nestors aller Reisenden in Abessinien, zur Frau. Sie ist übrigens Deutsche nur der väterlichen Abstammung nach, Abessinierin dagegen von mütterlicher Seite, durch Geburt und durch Erziehung. Aba Kaissi soll nicht um die Zustimmung des Vaters gefragt haben, ob dieser ihm seine Tochter geben wolle. Ja, wie man mir sagte, hatte die Tochter gleichfalls ihre Zustimmung nicht ertheilt. Ein Abessinier erzählte mir die Geschichte dieser Brautschaft. Ich will sie hier des Scherzes halber wiederholen, obgleich ich gestehen muß, daß ich keinen felsenfesten Glauben daran habe. Sie mag übrigens als Beispiel dessen dienen, was man in Abessinien für möglich hält.

Dr. Schimper war, so viel ich gehört habe, der Erste, welcher die Kartoffelpflanze in Abessinien einführte. Er schenkte den Bauern Kartoffeln, welche diese anpflanzten und die bei dem fruchtbaren Boden des Landes vortreffliche Ernten zur Folge hatten. Aus Dank brachte ihm nun jährlich jeder dieser Bauern einen Sack voll selbstgezogener Kartoffeln. Der Sohn eines solchen Bauern soll (immer noch nach derselben, keineswegs von mir verbürgten Erzählung) Aba Kaissi gewesen sein. Eines Tags mußte auch er einen Sack voll Kartoffeln in das Haus des Naturforschers tragen. Beim Ausleeren war ihm ein junges Mädchen behülflich, deren Schönheit einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Sie war zwar ziemlich dunkelhäutig, hatte aber glattes Haar von einer Länge und Pracht, wie es bei den krausrolligen, meist kurzhaarigen Abessinierinnen nie vorkommt, dazu regelmäßigere Züge und vollere Formen, als die schmächtigen Töchter des Landes, und dennoch entbehrte sie jenes reizenden, halb schmachtenden, halb schwermüthigen Gesichtsausdrucks nicht, der die Frauen von Habesch so unwiderstehlich und sogar für das Herz des Europäers gefährlich machen kann. In der That kommt es vor, daß solche Mischlinge europäischen und einheimischen Blutes nur das Schöne beider Racen zur Schau tragen. Das Gegentheil ist zwar auch manchmal der Fall, und ich kenne mehrere Beispiele davon; hier aber war dem nicht so. Aba Kaissi wurde auf einmal sterblich verliebt. Da er jedoch kein träumender Schwärmer, sondern ein Mann der That war, so hatte er bald den Entschluß gefaßt, sich seiner Geliebten mit Gewalt zu bemächtigen. Der Kartoffelsack gab hierzu das geeignetste Mittel. Er bat das Mädchen, einige Kartoffeln aus der Tiefe des bereits fast ganz geleerten Sackes herauszunehmen, und hielt ihr diesen zu dem Zwecke so hin, daß sie unwillkürlich den Oberkörper ganz in denselben versenkte. Nun streifte er den Sack über den ganzen übrigen Körper, schnürte denselben zu und trug die so geraubte Geliebte in demselben von dannen. Das verblüffte Mädchen soll nicht einmal geschrieen haben. Im Hause aber merkte es Niemand, da man nur einen Kartoffelsack hinaustragen gesehen hatte. Lange vermißte man sie, ehe man erfuhr, daß sie die Gattin Aba Kaissi’s geworden sei. Wenn diese Geschichte auch nicht wahr ist, so verdient sie es zu sein. Uebrigens sind, wie Edmond About in seinem „Roi des montagnes“ sagt, nicht immer die wahrsten Geschichten die, welche wirklich passirt sind.

Nach dieser Geschichte wäre also der so romantisch zu einer Frau Gekommene ein Bauer gewesen. Nach Anderen soll er jedoch schon seit frühester Jugend dem Kriegerstande angehört haben. Vielleicht war er Beides zugleich. Jedenfalls verschaffte ihm sein Muth und seine militärische Tüchtigkeit ein Commando, wohl jedoch nur untergeordneten Grades, denn zum Dedschas hat er es nie gebracht. Aber das regelmäßige Soldatenleben konnte seinem auf Abenteuer erpichten Sinne nicht lange zusagen. An Gesinnungsgenossen fehlt es einem Manne, der sich zum „Herrn des Weges“, was wir etwa „Ritter der Landstraße“ nennen würden, aufwerfen will, in Abessinien niemals. So fand er bald ein Häuflein Gleichgesinnter, und mit diesen begab er sich „in die Berge“, wie man in Habesch die Schlupfwinkel der Räuber nennt, selbst wenn sie in der Ebene liegen sollten. Er hatte anfangs erstaunliches Glück. Sein Anhang mehrte sich zusehends, denn alle Vagabunden, alles Räubergesindel gesellte sich zu ihm. Bald stand er an der Spitze einer kleinen Armee, die aus den verwegensten, gefährlichsten Menschen bestand und im Stande war, es mit der eines Provinzialgouverneurs aufzunehmen. Ein solches Unternehmen bot sich ihm denn auch wirklich dar, und Aba Kaissi kam auf diese Weise in den Besitz einer Provinz.

[637] Jetzt war er ein großer Mann geworden. Wäre er ein ebenso schlauer Politiker gewesen, als er ein geschickter Parteiführer war, so hätte er nun diplomatische Verhandlungen mit einem der Fürsten, die sich in die Herrschaft von Habesch theilten, anknüpfen müssen, den Einen anerkennen, um dadurch dessen ganzen Anhang zu Freunden zu gewinnen, und nur dem Andern gegenüber fortfahren, sich als Rebell zu geriren. So machten es die anderen Rebellen, und dadurch wurden sie in den Stand gesetzt, sich eine Zeitlang zu halten. Aber Aba Kaissi war kein Diplomat. Er hatte den Geist Ismaels in sich, Seine Hand war gegen Jedermann und Jedermanns Hand gegen ihn. Er war zugleich der Feind Kassa’s, des Fürsten von Tigré, und Woronya’s, des Herrschers von Amhara. Anstatt ein Schildträger des mächtigen Kassa zu werden, bekämpfte er nicht nur diesen gewaltigen Fürsten, sondern zugleich auch dessen Feinde, wodurch er sich selbstverständlich in eine gefährliche Zwischenstellung brachte. In offener Feldschlacht wurde er fast immer geschlagen. Aber er erholte sich jedesmal wieder in dem kleinen Guerillakriege, bei nächtlichen Ueberfällen, plötzlichem Eindringen in das Land des Feindes, durch Ueberlistung, Hinterhalt, Verrath. Für diesen Krieg war er wie geschaffen, für den großen nicht. Aber bewundernswerth war die außerordentliche Elasticität, mit der er nach jeder Niederlage sich wieder erholte.

Er soll wohl achtzehn Mal, wie man zu sagen pflegt, „vernichtet“ worden sein, das heißt seine Armee wurde aufgerieben, zerstreut und er selbst rettete sich mit wenigen Getreuen in die Einöde. Seine Feinde glaubten ihn schon erdrückt. Aber kaum war ein Monat vergangen, so stand er wieder ebenso mächtig da, wie vorher. So lange er seine Provinz noch nicht verloren hatte, fand er stets einen Rückhalt, Proviant, Schießbedarf und selbst Leute, die er im Nothfall für seine Armee preßte. Aber dies war selten nöthig, denn an Strolchen fehlte es fast nie, die, angelockt durch das lustige Beuteleben, das man bei ihm führte, in Schaaren unter seine Fahnen eilten. Die Bauern seiner Provinz hatten es freilich sehr schlecht. Sie wurden ausgepreßt wie Citronen. Aber dennoch waren sie ihm treu. So oft nämlich ein Feind in die Provinz eindrang, fand er nichts zu essen. Das Vieh war weggetrieben, die Speicher leer, die Methfässer ausgeschlagen, so daß der Hunger ihn bald zurück trieb. Furcht war natürlich das Motiv dieser anscheinenden Treue. Bei Manchen auch Interesse, denn die kräftige Jugend sah bald ein, daß es vortheilhafter sei, mit Aba Kaissi die Nachbarländer auszuplündern, als von ihm zu Hause ausgeraubt zu werden. Viele ließen Haus und Hof stehen und wurden Raubsoldaten.

Man erzählt sich viele Anekdoten von Aba Kaissi. Folgende ist recht charakteristisch für abessinische Zustände. Wie alle Abessinier, so ist auch Aba Kaissi ein strenggläubiger Christ, der zuweilen das Bedürfniß empfindet, sich fromm zu zeigen und sich Absolution für seine vielen Sünden zu holen. Letzteres Bedürfniß war eines Tages so stark bei ihm geworden, daß es ihn sogar mitten in des Feindes Gebiet trieb, nämlich nach Axum, der kirchlichen Hauptstadt von Habesch, die zum großen Theile von Geistlichen bewohnt ist, von welchen einige in hohem, abergläubischem Ansehen stehen. Bei einem solchen wollte er sich die Freisprechung von seinen Sünden holen. Er kam mit wenigen Getreuen und unter Bewahrung des Incognito, so gut dies eben gehen wollte, in Axum an. Der Weg war natürlich für ihn ein sehr gefährlicher gewesen. Aber einmal in Axum, riskirt er nichts mehr. Dies ist eine geheiligte Freistadt, wo Niemand verfolgt werden darf. Er fand sich bei dem Geistlichen ein und beichtete. Als Dieser das enorme Sündenregister vernahm, weigerte er sich anfangs, die Absolution zu ertheilen. Indeß, in der koptisch-abessinischen Kirche herrscht der schöne Brauch, daß man die Absolution kaufen kann. Es hat sich sogar ein Gewohnheitsrecht ausgebildet, wonach jede Sünde ihren bestimmten Preis hat. Der Mord ist sehr teuer. Für Diebstahl wird je nach der Höhe der gestohlenen Summe gezahlt. Gewöhnlich nimmt man ein Drittheil derselben als Sühnung an; dann darf aber der Dieb das Uebrige mit gutem Gewissen behalten. Die frommen Diebe gehen deshalb gewöhnlich gleich nach vollbrachter That zum Beichtvater und kaufen sich dort das Recht, einen Theil des Gestohlenen als ihr rechtmäßiges Eigenthum zu betrachten. Aba Kaissi hatte nun so viele Menschen beraubt und umgebracht, daß der Geistliche sich in seinem Gewissen gedrungen fühlte, eine recht hohe Summe als Absolutionspreis zu verlangen. Es wurde gehandelt, gefeilscht, wie es immer in solchen Fällen geschehen soll. Endlich kam man überein und zwar für tausend Maria-Theresia-Thaler. Wenig genug im Vergleich zu den Sünden Aba Kaissi’s, aber ein nettes Sümmchen für den Priester, den es nur Ein Wort kostete. Der Rebell hatte das Geld nicht bei sich, gab aber einen Zettel für die Summe, und der Priester vertraute der „Ehrenhaftigkeit“ des Banditen. Schließlich kam jedoch Aba Kaissi noch mit einer kleinen Privatsünde zum Vorschein.

„Hochwürdiger, ich habe noch ein schweres Verbrechen auf dem Gewissen. Während ich nämlich neulich zur Beichte bei einem reichen Geistlichen war, ließ ich unterdessen durch meinen Diener dessen ganze Kirche mit all ihren goldenen und silbernen Gefäßen ausplündern und auch noch den Privatschatz aller Priester der Kirche, der sich in der Sacristei befand, rauben.“

Dem Beichtvater standen die Haare zu Berge bei Anhören dieses Verbrechens, dessen Opfer er ja am Ende auch hätte werden können. Indeß Aba Kaissi war so reumüthig, zeigte so tiefe Zerknirschung, daß er sich endlich bewegen ließ, auch diese Sünde für einen Zuschlag von fünfhundert Thalern abzuwaschen. Er gab also die Absolution. Beide Theile waren sehr zufrieden. Der Priester hatte ein schönes Geschäft gemacht. Ein noch besseres aber war das gewesen, welches Aba Kaissi zu Wege gebracht hatte. Denn als der Priester bald darauf in seine Sacristei kam, fand er dieselbe völlig ausgeleert. Aba Kaissi’s Spießgesellen waren mit dem Kirchenschatz und dem Gelde der Geistlichen entflohen, und das Schlimmste bei der Sache war, daß sie dies nun Alles behalten durften, denn Aba Kaissi hatte ja schon für das Verbrechen gezahlt, das während seines Beichtens im Werke gewesen war. Der Priester war in seine eigene Schlinge gefallen. Sein Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit Aba Kaissi’s wurde übrigens nicht getäuscht, denn einige Tage später erhielt er richtig die tausend Thaler und auch die fünfhundert, den Preis für seine eigene Beraubung, nebst einem freilich etwas ironischen Dankschreiben seines unvergeßlichen Beichtkindes. Er soll seitdem sehr vorsichtig geworden sein, so oft ein Rebell sich bei ihm zur Beichte einfand.

Aba Kaissi hatte bei dieser Handlungsweise zwei arabischen Sprüchwörtern Recht gegeben. Von einem Betrüger sagt man: „Betrügerischer als ein Wolf“, und dennoch heißt es vom Wolfe: „Selbst der Wolf, wenn er versprochen hat, hält sein Wort.“

Wie von Schinderhannes und anderen Idealen des Räuberthums, so erzählt man sich auch von Aba Kaissi einige wohlthätige Handlungen. Einstmals kam eine arme Frau zu ihm und klagte ihm ihr Leid. Ihr Mann, einer der Unterhäuptlinge Aba Kaissi’s, hatte sich plötzlich von ihr geschieden, ohne ihr die in solchen Fällen übliche Entschädigungssumme zu geben. Aba Kaissi sagte der Frau: „Nun warte, ich werde Dir zu Deinem Recht verhelfen.“ Als nun wieder ein Beutezug glücklich ausgefallen war, ließ er die Frau kommen und schenkte ihr den Beuteantheil ihres geschiedenen Mannes. Als dieser sich einstellte, erfuhr er, daß sein Antheil bereits weggegeben war. Er konnte sich nicht beklagen, denn Aba Kaissi hatte im Einklang mit abessinischer Sitte gehandelt. Er wurde aber sein schlimmster geheimer Feind und hat ihn später auch verrathen. Aba Kaissi hatte gänzlich das orientalische Sprüchwort vergessen: „Ein Spitzbube kann nicht ungestraft den Tugendhaften spielen“ oder „Wenn Du redlich bist, so sei es in Allem; wenn Du aber ein Spitzbube bist, so sei es auch in Allem.“

Ergötzlich ist auch die Geschichte, wie Aba Kaissi sich die Geschenke, welche ein reicher Engländer an Kassa schickte, zu verschaffen wußte. Dieser Engländer hatte gegen Kassa, den jetzigen abessinischen Kaiser, Verpflichtungen, da ihn dieser bei einem Jagdzug wirksam beschützt und sogar einmal aus Lebensgefahr errettet hatte. Dafür sandte er ihm nun als Zeichen seiner Erkenntlichkeit eine ganze Karawane mit Geschenken, worunter auch viele europäische Schießgewehre nebst Munition, in Habesch stets die gesuchtesten Artikel Diese Karawane, welche ein Diener des Engländers, selbst ein Brite, begleitete, wurde nun von ihrem richtigen Wege abgeleitet, ihre Führer theils bestochen, theils durch Drohungen zum Schweigen gebracht. Kurz, der Engländer kam mit den Geschenken statt in dem Feldlager Kassa’s [638] in demjenigen des Rebellen Aba Kaissi an. Dieser hatte allen seinen Leuten Befehl ertheilt, ihn für Kassa auszugeben, und spielte selbst dem Engländer gegenüber die Rolle jenes Fürsten. Der Engländer wurde sehr gnädig empfangen. Er übergab die Geschenke in feierlicher Audienz. Man veranstaltete Feste zu seiner Ehre. Drei Tage lang wurde musicirt, gesungen und getanzt. Des Trinkens und des Jubels war kein Ende. Dann wurde der Brite höchst gnädig mit einigen kleinen Gegengaben und einer Empfangsbescheinigung entlassen. Als er diese seinem Herrn überbrachte, wurde der Betrug erst klar, denn Derjenige, der sich für die Gaben bedankte, war nicht Kassa, sondern der freche Räuberfürst Aba Kaissi.

Ein einziges Mal hat Aba Kaissi ein Bündniß mit einem andern „Rebellen“ geschlossen. Dem Schwur des Fuchses ist nun freilich nicht zu trauen. Das hätte Jener bedenken sollen. Der Bund hatte den Zweck, mit vereinten Kräften einen Hinterhalt zu legen, in welchem man Niemand Geringeren als Kassa selbst fangen wollte. Diese Sache hatte ein so gefährliches Ansehen, daß alle seine Leute Aba Kaissi davon abriethen. Aber dieser versprach ihnen hoch und theuer, daß, die Sache möge ausfallen wie sie wolle, sie dennoch ihren reichen Beuteantheil haben sollten. Er hielt auch Wort. Er fing zwar nicht Kassa, denn dieser hatte ganz zufällig einen andern Weg genommen. Dafür nahm er nun aber seinen eigenen Bundesgenossen gefangen. Letzterer mußte schweres Lösegeld zahlen und mit diesem befriedigte Aba Kaissi seine Getreuen. Seitdem hat Niemand mehr einen Bund mit ihm geschlossen.

Wäre der Räuberfürst vernünftig gewesen und hätte er sich nie weit aus seiner Provinz herausgewagt, er würde heute wohl noch im Besitz derselben sein. Aber der tollkühne Mann hatte andere weitergehende Pläne. Seine Provinz war auch nachgerade dergestalt ausgesogen, daß sie nicht mehr die gewünschten Vortheile für seine Anhänger bot. Da er dieselben nur mit Raub zu zahlen pflegte und in der Nähe nichts mehr zu rauben übrig blieb, so entschloß er sich endlich einen Abstecher in eine entfernte, aber für reich geltende Landschaft zu machen; diese Landschaft war Bogos. Dort befand sich eine kleine, eben erst gegründete italienische Colonie, sowie eine katholische Missionsstation, Alles Lockspeisen für Aba Kaissi, denn selbst der ärmste Europäer besitzt doch immer noch manche Dinge, namentlich Waffen, wonach das Herz des Abessiniers sich sehnt. Ein wirklicher abessinischer Fürst hätte sich nun wohl gehütet, Europäer anzutasten, da die an ihnen verübte Unbill selten ungerochen bleibt. Aber Aba Kaissi war heute hier, morgen dort; ihm konnte eine europäische Intervention nichts anhaben. Er respectirte deshalb auch die Europäer nicht im Geringsten, nahm ihnen ihre Waffen und ihre andere Habe, ließ einem Widerstrebenden die Bastonnade ertheilen und soll sogar gegen eine Italienerin sich allerlei gewaltsame Galanterien erlaubt haben.

Bei dieser Gelegenheit fand ein komisches Mißverständniß statt. Einer der Anhänger des Räuberfürsten, der das Haus eines Italieners ausgeplündert hatte, kam plötzlich zu Aba Kaissi gelaufen und verkündete ihm, er habe mehrere Fässer voll Branntwein gefunden. Nichts konnte willkommener sein. Alle Abessinier sind Freunde geistiger Getränke, die ihre Religion ihnen ja nicht verbietet. Ein Faß wurde angezapft, und nun ergab sich die ganze Armee einer glänzenden Orgie. Man fand zwar einen etwas seltsamen Geschmack an dem Branntwein, aber man dachte sich, es sei eben ein unbekanntes europäisches Gebräu, und trank ruhig weiter; ein hitziges und berauschendes Getränk war es jedenfalls, und das ist ja das Einzige, was der Orientale von einem geistigen Getränk verlangt. Indeß schon nach einigen Viertelstunden zeigten sich fatale Wirkungen von dem Branntwein. Die Meisten fingen an, an Uebelkeiten zu leiden. Einige, die besonders viel getrunken hatten, verriethen sogar Symptome einer ernstlichen Krankheit. Im Orient ist man gleich mit dem Verdacht der Vergiftung bei der Hand; so auch hier. Aba Kaissi ließ die Italiener verhaften. Diese, um sich zu rechtfertigen, baten, man möge doch das angezapfte Faß einschlagen, der Grund der Branntweinwirkung werde sich dann zeigen. Der Grund zeigte sich auch in der That, denn das Faß war voll von Schlangen, Scorpionen, Eidechsen und anderem Gethier. Man war an den Spiritus gerathen, in welchem ein Naturforscher seine Sammlungen conservirt hatte. Wer denkt dabei nicht an die Anekdote von der Köchin, die einen ausgestopften Vogel braten wollte?

Indeß dieser muthwillige Streich war doch der letzte im großen Räuberleben Aba Kaissi’s. Endlich ging Kassa die Geduld aus und er beschloß, den Umstand zu benutzen, daß der Rebell gerade von seiner eigenen Provinz fern war. Er ließ ihm also den Weg abschneiden und ihn von allen Seiten bedrängen. Aber nicht weniger als drei Provinzialgouverneure mit ihren Truppen waren nöthig, um ihn einzuschließen. Aba Kaissi hatte zuletzt nur noch zweitausend Mann, seine Gegner wenigstens das Vierfache, dennoch lieferte er ihnen einen heldenmüthigen Kampf, indem er einen ganzen Tag muthig focht und den Feinden blutige Verluste beibrachte, aber zuletzt unterlag er doch. Der größte Theil seiner Truppen wurde gefangen genommen; eine grausame Strafe erwartete sie. Kassa ließ ihnen Hände und Füße abhauen, die gewöhnliche Strafe für Räuber. Ihr Führer war jedoch entkommen. Nur von dreißig Getreuen begleitet, gelang es ihm, sich in die Berge zu schlagen; aber diese Berge lagen fern von seinem ursprünglichen Werbebezirk, wo er sich sonst nach seinen Niederlagen so überraschend schnell zu erholen pflegte. Hier strömten ihm keine Anhänger zu. Er blieb vereinzelt und war nicht einmal im Stande, sich in den umliegenden Dörfern zu verproviantiren, denn die Bauern hegten hier keinen Respect vor seiner ohnehin zum Schatten gewordenen Macht und widersetzten sich mit bewaffneter Hand. Mitten unter Panthern und Leoparden hauste er eine Zeitlang in der Wildniß, bis es ihm gelang, sich in eine mehr bewohnte Gegend zu schlagen, wo er sein altes Handwerk, jedoch diesmal in sehr verkleinertem Maßstab, wieder aufnahm. Ein Bekannter schrieb mir vor Kurzem aus Massoua: „Aba Kaissi ist jetzt ein ganz gemeiner Räuber geworden.“ So schwindet der Ruhm der Welt!