Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Zwei Schiffbrüche
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 612–613
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zwei Schiffbrüche.

Ein englisches Kriegsschiff, genannt „Birkenhead,“ zieht stolz und leicht, obgleich mit einem ganzen Regiment Soldaten belastet, durch den Ocean. Die Küste Afrikas, deren Bestimmung, ist schon in Sicht und Alles freudig geschäftig, die Landung vorzubereiten. Besonders eifrig sind die verschiedenen Soldatenfrauen, sich und ihre Kinder recht schmuck zu machen, um gleich beim ersten Betreten des frischen Bodens der Wilden in ihrer Weise der englischen Flagge Siege zu verschaffen. Mitten in dieser bienensummenden, ameisenwimmelnden Geschäftigkeit bekommt Jeder plötzlich einen gewaltigen Stoß, so daß Weiber und Kinder aufschreiend durcheinander purzeln. Der Kriegdampfer erhielt seinen Todesstoß von einem tückisch unter der Oberfläche lauernden Felsen und fing an, rasch zu sinken.

„In der halben Stunde sind wir alle unter Wasser!“ sagte der Ingenieur, nachdem er die Wunde unten im Schiffe gesehen.

„Keine Rettung möglich?“ fragte der Commandeur.

„Keine. Die Boote reichen kaum für die Frauen und Kinder hin.“

„Nun denn rasch mit allen in die Boote.“

Die Boote werden losgeschnitten, die schreienden Kinder und wehklagenden Frauen gewaltsam gepackt und hinuntergetrieben, ohne daß man allen erlaubt, den letzten Kuß auf die Wange des Gatten oder Vaters zu drücken, da keine Zeit mehr dazu ist. Der Commandeur befiehlt mit kurzer, militärischer Strenge, wer die Frauen und Kinder begleiten und leiten soll. Jetzt dröhnten die Wirbel der Trommeln durch das Schiff und riefen das ganze Regiment auf Deck. In wenig Minuten standen sie Mann an Mann in Reih und Glied. Der Commandeur theilte in kurzen, ernsten Worten mit, als wär’ es ein Tagesbefehl von einem Obern, daß das Schiff nach einigen Minuten versunken sein werde, daß Jeder als Mann und Soldat sterben und einen Namen zur Ehre der englischen Nation zurücklassen müsse. Frauen und Kinder seien gerettet und in den Händen des Staates und Gottes. Das Meer, das sie als Grab aufnehme, sei ein herrlicher Kirchhof: es berge fast nur brave Engländer. „Lasset uns mit Ehren zu ihnen hinabsteigen!“ Jetzt gab er Befehl zum Laden. Mit militärischer Pünktlichkeit geschah’s. Schon bis über die Knieen im Meere, standen sie immer noch in Reih und Glied und nahmen jetzt durch eine volle Salve Abschied von der sonnigen, warmen Oberfläche des Meeres und den Frauen und Kindern auf den Booten. Schulter an Schulter, Mann an Mann, sanken sie hinunter lautlos, Jeder zu stolz, den geringsten, feigen Versuch zu machen, ob er wenigstens sich retten könne. Die Pulverdampfwolke des Abschiedsgrußes zog still in die Lüfte nach Oben, das Regiment englischer Soldaten still verschwand es in den Wogen des Oceans.

Diese große, einfache Thatsache, erst einige Monate alt, bedarf weiter keiner poetischen Lobrednerei. Sie ist noch aus den Zeitungen im frischen Andenken und läßt sich deshalb ohne Vermittelung mit einem jüngern Ereignisse von wilderem dramatischen Effekte vergleichen.

Das große amerikanische Postdampfschiff „Arctic,“ eines der vier schnelligkeitsberühmten von Collies, ging am 27. September Mittags, nur noch 40 Meilen vom Cap Race, mit mehr als 800 Menschen unter. Die Sache ist aus den Zeitungen wohl bekannt genug und am Ende auch schon wieder unter dem Kanonendonner und den Leichen von Sebastopol verschüttet und vergraben. Wir rufen die schauderhafteste aller Scenen, die wie ein unvertilgbarer dreihundertfacher Kainsstempel auf der Stirne der amerikanischen Nationalgottheit, dem Goaheadism[1], brennt, auch nur deshalb zurück, um die demoralisirende Macht dieses Götzen leibhaftig zu zeigen im Contraste zu der vorher angedeuteten Tragödie, welche die göttliche, Heldenmuth einflößende Gewalt eines scheinbar ganz wesenlosen Ideals zur erschütterndsten tragischen Geltung und Anschauung bringt.

Die Collies-Dampfer fuhren mit den Cunard’schen (denen der concurrirenden englischen Gesellschaft) seit Jahren um die Wette und es gehörte zu dem stereotypirten Stolze der Yankees, daß die Collies’ die Marktpreise der Baumwolle in Liverpool und Manchester oft Stunden früher auf die New-Yorker Börse brachten. Aber das Dampfschiff „Arabia“ der Cunard’s wußte immer noch oft genug den Ruhm der Collies zu schmälern, so daß es Letzteren besonders darauf ankam, diese Arabia zu verdunkeln. Als diese nun am 16. September Liverpool verlassen, kam es dem „Arctic,“ der am 20. folgte, ganz besonders darauf an, den berühmten Rivalen, wenn auch nur um einige Minuten, zu schlagen. Zwar waren schon öfter bei solchen Wetthetzjagden Schiffe nur um eines Haares Breite vor Zerschmetterung vorbeigesaust; aber was schadete das? Galt es doch, ein gnädiges Lächeln von Baumwollspeculanten und Sklavenzüchtern auf der New-Yorker Börse zu erwischen. Capitain Luce auf dem „Arctic“ war schon ganz überzeugt, daß er diesmal einen glänzenden Sieg erringen würde. Fragte er doch nichts nach dem Nebel an der Neufundland-Bank, sondern ließ mit krachenden Maschinen ohne Lärmsignale durch das hier fast stets nebel- und schiffbedeckte Meer hindurchwüthen. So rannte ein kleiner französischer Dampfer „Vesta“ plötzlich von dem Bette einer großen Woge herauf in den hinunter stürzenden „Arctic,“ welcher eine große, breite Wunde nahe am Kiel unten bekam, während die „Vesta“ sofort bis in ihren untersten Raum zerschmetterte und in wenig Minuten sank. Die Wunde des „Arctic,“ 5 Fuß lang und 11/2 Fuß breit, war sofort tödtlich, da sie unter der [613] Wasserlinie befindlich, sofort das Schiff füllte und von Außen angebrachte Segeltücher nicht schlossen, weil Eisensplitter von der „Vesta“ die Wunde umgaben. Nach zwei Stunden, während welcher das Schiff bis auf etwa 20 Meilen nach dem Lande gekommen war, erreichte das Wasser die Maschinenräume und verlöschte das Feuer.

Capitain Luce verliert den Kopf! Er läuft auf dem Deck hin und her, giebt unsinnige Befehle, welche von seinen 150 Schiffsdienern (aus der niedrigsten Hefe von Ireländern) verspottet werden, da diese dem Kopflosen gegenüber ihre eigenen Köpfe brauchen. Sie bemächtigen sich rücksichtslos der 5 Boote und wehren mit Colt’schen Drehpistolen die zartesten Frauen, Töchter und Kinder der vornehmsten amerikanischen Gesellschaft ab.

Von den 300 Passagieren gehörten beinahe die Hälfte reichsten d. h. vornehmsten, höchsten amerikanischen Familien an. Sie hatten Vergnügungsreisen in’s alte England gemacht und kehrten eben zurück. Unter ihnen war auch Collies selbst mit Familie, der große gefeierte Held des amerikanischen Postgoaheadism! Das Meer hatte mit seinem Ruhme und seinem Gelde eben so wenig Erbarmen als die 150 Schiffsdiener: er verschwand spurlos mit aller seiner Herrlichkeit.

Das Schiff arbeitete 4 entsetzliche Stunden an seinem Tode und war während dieser Zeit Zeuge der entsetzlichsten, brutalsten Scenen, deren man Menschen gewiß nicht leicht fähig halten wird. Unter den 420 Passagieren waren über 150 Frauen und Kinder. Unter den 120 Geretteten ist nicht ein einziges weibliches Wesen, nicht ein einziges Kind. Man denke hier an die Engländer auf Birkenhead! Die grobknochigen, athletischen Feiglinge der Schiffsbedienung warfen die zarten Wesen, Mütter mit wunderschönen lockigen Kindern auf den Armen – die ausgesuchtesten Schönheiten aus Amerika’s berühmter Flora – mit starken, Fäusten und Fußtritten zurück, wenn sie Rettungsversuche in ihre Boote machten, obgleich viele davon mehr Personen tragen konnten. Gegen Männer richtete man, wie gesagt, eben so feige Colt’sche Revolvers. Dabei entwickelten die Ireländer – trunken durch die plötzlich umgekehrten socialen Verhältnisse – als Herren einen entsetzlichen Humor, in dem sie sich mit Proviant und sonstigen Schätzen versahen und ihre Abfahrt vorbereiteten. Die Demoralisation und Bestialität des einem unmoralischen Systeme Unterworfenen trat in ganzer Entsetzlichkeit hervor, wie es sich immer zeigen wird, wenn gewaltsame Bande von Systemen, welche Humanität und des Menschen heiligste Ansprüche und Rechte einem Götzen unterwarfen – durch plötzliche Eingriffe höherer Mächte ohnmächtig und feig zusammenbrechen und reißen. Ordentliche Herrschaft und Bedienung hätten hier, wie wir es in einem Briefe aus Amerika näher aus einander gesetzt finden, alle Passagiere retten können, obgleich nicht durch Boote, denn solche Fürsorge wäre zu kostspielig gewesen und hätte vielleicht der Schnelligkeit Eintrag gethan. Aber die Zeit reichte vollkommen hin, die Bretter der Radgehäuse, Ober-Kajüten u. s. w. zu einem großen Floßwerk zusammenzuschlagen und mit Mast und Segeln zu versehen, groß genug, alle Personen aufzunehmen und dem Lande zuzuführen. Dazu gehörte freilich ein ganzer Mann, nicht ein feiger Sklave des Goaheadism, und eine ganze, einsichtige, gehorsame Bedienung.

Man kann es dem Capitain noch zum Ruhme anrechnen, daß er nicht mit seinen feigen brutalen Bestien das Schiff verließ, sondern aushielt und mit seinem Sohne im Arme – der einzige noch zurückgebliebene Offizier – unterging. Daß er aber nach seiner wunderbaren Rettung, mit Verlust seines Sohnes – in New-York wie ein Halbgott empfangen und wie das goldene Kalb der Wüste förmlich angebetet ward, läßt sich nur durch eine Art von Wahnsinn im amerikanischen Leben erklären, vielleicht aus dem Wahnsinn der Goaheadism-Abgötterei. Vielleicht betet man in ihm den tragischen Helden dieses Cultus an und will zeigen, daß er als Schuldiger an dem Tode von 300 selbst sehr reicher Personen gar nicht in Betracht komme gegen seinen Heroismus, durch Schnelligkeit sich auf der Börse Lorbeeren zu erwerben. Alle Verhältnisse betrachtet, konnte man den Schuldigen bemitleiden, verachten oder ihm auch Glück wünschen zu seiner wunderbaren Rettung, aber ihn wie einen Triumphator von Stadt zu Stadt zu empfangen und ihm in New-York das Prachtzimmer des Rathhauses anzubieten, daß er sich hineinsetze, um dort die Huldigungen der Anbeter zu empfangen, das ist ein Umstand, den der Arzt eigentlich nur in einem Irrenhause, die Menschheit aber nicht in der Hauptstadt der vereinigten Republiken Amerika’s finden sollte.

„Mir ist der Mensch oberstes Princip,“ rief G. Sand bei Gelegenheit der Rettung eines Menschenlebens, als man ihr vorwarf, daß sie bei dieser Rettung ihr – politisches Princip verleugnete. Die Amerikaner scheinen vor ihrem goldenen Kalbe im Prunkzimmer des New-Yorker Rathhauses auszurufen: „Uns sind die Baumwollenpreise, die Schnelligkeit der Marktberichte und Course oberstes Princip, denn wir vergessen ihm gegenüber mehr als 300 unserer Weiber und Kinder und reichsten Geldfürsten. Letztere sind ja blos Personen.“

Kein Zorn, keine Scham über die brutalste Scene der schauderhaftesten Menschenopfer in den Armen ihres Molochs, nein Entschluß zu sühnen, sich zu bessern, menschlich handeln zu wollen, ein blos anbetendes Entzücken über den Märtyrer, den geretteten Urheber von 300 Mordthaten, weil er litt und entlief im Dienste des obersten National-Molochs.

Capitain Luce wurde unter den schwimmenden Trümmern des gesunkenen Schiffs, mit dem Sohne im Arme, unter 300 Sinkenden und Aufkreischenden umhergeschleudert, bis ein aus dem Wasser hervorschießender Balken ihm das Kind erschlug. Jetzt rettete er sich auf ein Stück des losgebrochenen Nothgehäuses, wo noch zehn andere Personen sich über Wasser hielten. Auf diesem Stück wurden die Unglücklichen bis über die Knieen im Wasser stehend, und immer geschleudert und geschüttelt, so daß bald dieser, bald jener in die Fluthen gerissen ward, zwei Tage und zwei Nächte umhergetrieben. Ein Segelschiff, welches endlich herbeikam, fand nur noch drei Personen zu retten: Luce, den reichen Fabrikanten Allee aus New-York und einen deutschen Matrosen, Ferdinand Keyn aus Sondershausen.

Unter den Zehn war während der ersten acht Stunden eine junge, zarte Mutter mit einer zehnjährigen Tochter gewesen. Beides ungemein schwache, feine, blasse Gestalten in reichster Kleidung, die jetzt fast an den zarten, zitternden Gliedern klebt. Die Mutter versprach Tausende von Dollars, wenn man sie rette, versprach alle ihre und ihres Mannes Reichthümer, wenn man wenigstens ihr Kind dem Vater rette, versprach dem Himmel ihre und aller Ihrigen Seelen; aber nur schwach waren und blieben einzelne Griffe des Beistandes, wenn große Wogen über Alle hinwütheten, so daß Jeder mit sich zu thun hatte. Eine besonders gewaltige Woge aus Nacht und Nebel hervorschießend riß Mutter und Tochter und auch zwei Andere fort. Ihr Kreischen verhallte in der Tiefe.


  1. Nur vorwärts um jeden Preis.