Textdaten
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Autor: –t
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Titel: Tierleben im Schwarzen Meer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 0 b
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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[0 b] Tierleben im Schwarzen Meere. Das Schwarze Meer ist in letzter Zeit Gegenstand von Untersuchungen der hervorragendsten russischen Gelehrten gewesen, die eine Fülle interessanter Thatsachen festgestellt haben. Wohl die interessanteste betrifft das Tierleben dieses Meeres, das einst ein abgeschlossenes Becken, mit schwachsalzigem Wasser angefüllt, darstellte. Infolge des während einer früheren Erdperiode stattgefundenen Einbruchs des Mittelländischen Meeres bildeten sich die unter dem Namen Hellespont und Bosporus bekannten Meerengen; die viel salzreicheren Wasser des Mittelländischen Meeres ergossen sich in das Becken und vernichteten jedenfalls das gesamte, einem viel weniger salzigen Wasser angepaßte Tierleben, dessen Reste auf den Boden niedersanken. Nun sollte man meinen, daß die mit dem salzigeren Wasser eingewanderten Tiere sich in dem Becken in ähnlicher Weise wie die vorherigen Bewohner verbreitet, das heißt im ganzen Becken ausgedehnt hätten. Aber dem ist nicht so.

Denn während wir aus den in den verschiedensten Tiefen – die größte Tiefe des Schwarzen Meeres beträgt etwa 2500 m – und an den verschiedensten Orten gefundenen Resten der früheren Bewohner den Schluß ziehen können, daß organisches Leben damals überall in dem Becken vorhanden war, beschränkt sich dies jetzt, von der Oberfläche ab, auf eine Tiefe von höchstens 100 Faden (etwa 183 m). Und dies hat seinen Grund darin, daß das Wasser des zum Leben für Pflanze und Tier notwendigen Sauerstoffs von dieser Tiefe an nicht allein völlig ermangelt, sondern daß es sogar mit giftigem Schwefelwasserstoff beladen ist, der, weiter nach der Tiefe zu, mehr und mehr zunimmt. Die Untersuchungen ergaben, daß in 100 Faden Tiefe der Kubikmeter Wasser 330 Kubikcentimeter, in 200 Faden 2200, in 950 Faden 5550 und in 1185 Faden 6550 Kubikcentimeter Schwefelwasserstoffgas enthält.

Woher rührt nun dies Gas?

Auch diese Frage konnte durch die angestellten Untersuchungen beantwortet werden. Wer einmal an faulen Eiern gerochen hat, wird den infernalischen Duft, den sie entwickeln, für alle Zeiten kennen. Dieser üble Geruch wird durch den Schwefelwasserstoff erzeugt, der infolge Zersetzung tierischen Eiweißes entsteht. Auch im Schwarzen Meer ist die Substanz, aus der er mit Hilfe einer Bakterie (Bacterium hydrosulfuricum ponticum) gebildet wird, Eiweiß, und zwar rührt dies von den in den oberen Wasserschichten des Schwarzen Meeres in ungeheuren Mengen lebenden Kleinwesen her. So massenhaft sie entstehen, ebenso massenhaft vergehen sie und sinken zu Boden. In andern Gewässern bilden sie die Nahrung der Bewohner der Tiefsee; hier, wo solche völlig fehlen, werden sie eine Beute der Bakterie, die aus ihnen Schwefelwasserstoff erzeugt.

Daß das Gas die obere, hundert Faden mächtige Wasserschicht nicht auch noch vergiftet, verhindert eine Unterströmung, die aus dem Mittelländischen Meer in das Becken des Schwarzen Meeres hineinführt. Beim Zusammentreffen mit diesem gesunden Wasser wird der Schwefelwasserstoff des vergifteten oxydiert und dadurch entgiftet. Ferner soll gerade in diesen Grenzschichten eine andere Bakterie sehr verbreitet sein, die eine Desinfektion des Wassers in der Weise herbeiführt, daß sie den giftigen Schwefelwasserstoff in unschädliche Verbindungen umwandelt.

Daß derartige in keinem andern Wasserbecken angetroffene Zustände haben eintreten können, erklären die russischen Gelehrten damit, daß durch die engen Meeresstraßen des Bosporus und Hellespont die Einwanderung der neuen Fauna aus dem Mittelländischen Meere nur sehr langsam vor sich gegangen ist und während dessen die Verderben bringenden Bakterien in den Tiefen, die durch den einziehenden Wasserstrom unberührt blieben, Zeit genug hatten, ihre Thätigkeit zu beginnen und das Wasser zu vergiften. –t.