Streifzüge eines Feldmalers III.

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Titel: Streifzüge eines Feldmalers III.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 712
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[708]

Streifzüge eines Feldmalers. Nr. 3. Jacques Dubois.
Von Chr. Sell in Düsseldorf.

[712] Streifzüge eines Feldmalers. III. (Mit Abbildung.) Die Details des entsetzlichen Rückzuges der Bourbaki’schen Armee sind unseren Lesern noch in guter Erinnerung. Wir haben in Bild und Text eine ausführliche Beschreibung jenes unglückseligen Uebergangs über die Schweizer Grenze gebracht, der, wie wir schon damals äußerten, in seinen Einzelnheiten gewiß ein noch ergreifenderes Bild von dem Elend und den Scheußlichkeiten des Krieges dargeboten hat, als der berüchtigte Uebergang der weiland großen Armee des ersten Napoleon auf ihrem Rückzuge aus Rußland über die Beresina. Aus diesen Tagen des Schreckens und des Entsetzens nun erzählte ein Husar, der jene Kämpfe unter Werder’s und Manteuffel’s siegreicher Leitung mitgemacht hatte, Folgendes, das unserm Feldmaler Christian Sell als Vorwurf zu seinem heutigen Bilde diente:

„Ueberall stießen wir bei unserer Verfolgung auf die entsetzlichen Trümmer dieser in allen ihren Elementen aufgelösten Armee. Oft genug empfingen wir den Eindruck, wie wenn zuletzt den Fliehenden gar nicht mehr daran gelegen sei, die nahe Grenze der neutralen Schweiz zu erreichen; sie waren so stumpf und willenlos geworden, daß sie sich schließlich in jedes Schicksal fügten und sich wiederholt in Trupps von dreißig und vierzig Mann durch Husarenpatrouillen von zwei und drei Mann gefangen nehmen ließen. Sie wollten nur um jeden Preis ein Ende ihres augenblicklichen Jammers herbeigeführt wissen; denn schlimmer konnte es für sie in keinem Falle mehr kommen. Wie bitter kalt es in jenen Tagen des Januar war, ist bekannt; da suchten denn die herrenlosen, todtkranken Pferde zu großen Haufen in den Dörfern oder Gebirgsschluchten Schutz gegen den eisigen Wind und unerträglich scharfen Frost; Menschenleichen, tief im Schnee liegend, bezeichneten den Weg, den die fliehende Armee genommen; Waffen und Armaturstücke jeder Art bedeckten unabsehbar den Boden.

An der Spitze einer Patrouille passirte ich einen Hohlweg, der voll von Pferdeleichen war. Plötzlich stutzte mein Pferd; schon glaubte ich auf einen Feind gestoßen zu sein, der sich vielleicht in seiner letzten Verzweiflung noch zur Wehr setzen wolle, und machte mein Gewehr fertig, als ich hinter einem Felsblock sich langsam eine Hand emporheben sah. Es war ein ganz erschöpfter französischer Soldat, mit wunden Füßen und halb mit Schnee bedeckt. Der Arme, starr von Kälte, hatte in dieser fürchterlichen Lage schon mehr als vierundzwanzig Stunden zugebracht.

Im Nu war ich aus dem Sattel, meine Feldflasche mit Rothwein in der Hand. Schon ein paar Tropfen, die ich mühsam durch seine Lippen preßte, schienen ihm wohl zu thun. Sprechen konnte er vor Schwäche nicht und so übergab ich die Jammergestalt meinen nachfolgenden Cameraden von der Infanterie, die auch für seine Fortschaffung sorgten. Als ich von meinem Patrouillenritt heimkehrte, vernahm ich, daß man den Kranken an die Aerzte überliefert hatte und daß er in guter Pflege war. Ich ließ mich einen Gang nach der Ambulance nicht verdrießen. Obgleich ich nun schon seit Wochen, ja Monaten so viele französische Kranke und Verwundete um mich gesehen hatte, deren Schicksal mir natürlich durchaus gleichgültig geblieben war, kümmerte mich doch das Loos dieses Einzelnen, dem mich ein glückliches Geschick in dem Augenblick zugeführt hatte, als das Licht seines Lebens gewiß am Verflackern gewesen war. Die Aerzte hofften ihn denn auch zu retten, obschon sein Körper von den überstandenen Strapazen auf’s Aeußerste gelitten hatte. Aber Jacques Dubois – so hieß der Franzose – war noch jung und mit jedem Tage erholte sich seine Gesundheit mehr und mehr. Ich besuchte ihn, so oft es mir der Dienst gestattete, und Dubois erzählte mir von seiner Heimath. Er war der Sohn eines Uhrmachers und in der Nähe von Lyon zu Hause. Er gehörte zu den Vernünftigeren unter den Franzosen, die ich im Laufe des Krieges hatte kennen lernen, und verschloß sich nicht gegen die Erkenntniß der bittern Wahrheit, daß alles dies Unglück sich über Frankreich hatte erfüllen müssen.

‚O,‘ rief er einmal mit blitzendem Auge, ‚wir sind tapfer, wie Ihr, aber wir waren Alle betrogen – von unserer Regierung, von unseren Priestern, von unseren Generälen, von unseren Eltern, von uns selbst.‘

Später ward Jacques Dubois in die Gefangenschaft nach Deutschland gebracht; wir nahmen herzlichen Abschied, und Dubois, so niedergeschlagen ihn der Anlaß machte, der ihn aus Frankreich entführte, schien es doch nicht ungern zu sehen, daß er Gelegenheit erhielt, das von seinen Landsleuten so gründlich geschmähte Deutschland einmal aus eigener Anschauung kennen zu lernen.

Der Eindruck scheint kein ungünstiger gewesen zu sein; denn während der Tage des Friedensschlusses erhielt ich von Jacques Dubois plötzlich und unerwartet einen Brief, in welchem er mir seine Freude aussprach, nun bald wieder in sein schönes Frankreich zurückkehren zu können, und das Bedürfniß, mir für diese Freude, deren Möglichkeit er allein mir, seinem Lebensretter, zuzuschreiben habe, gerade in dem Augenblick, da sich die französische und deutsche Nation wieder versöhnt die Hände reichen wollten, noch einmal herzlich zu danken. ‚Ich habe,‘ schloß sein Brief, ‚Ihr Volk achten und kennen lernen, ich werde das auch zu Hause offen sagen – ach, ich wiederhole es Ihnen, wir waren Alle betrogen.‘

Selbstverständlich ließ ich diese freundlichen Zeilen nicht ohne Erwiderung, weiß aber nicht, ob mein Brief an seine Adresse gekommen ist, denn bis heute habe ich von Jacques Dubois nichts mehr gehört.“