Streifzüge bei den Kriegführenden/2. Noch immer in der Stadt des Czaren

Textdaten
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Autor: Paul d’Abrest
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Titel: 2. Noch immer in der Stadt des Czaren
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 372–375
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Streifzüge bei den Kriegsführenden.

2. Noch immer in der Stadt des Czaren.
Rückkehr des Kaisers. – Der schöne Menschenschlag an der Newa. – Russische Präcision. – Kaiserliche Waggons und ihre Napoleonische Vorgeschichte. – Die Physiognomie der Romanows. – Empfang des Kaisers und eine begeisterte Generalität. – Der Leibkutscher des Czaren – St. Petersburg im Festschmuck. – Die Söhne des Don und des Dnieper. – Eine ergreifende Pause vor der Kasanskirche. – „Große Illumination“, die „Mai-Parade“ und die Mündigkeitserklärung des Herzogs von Leuchtenberg. – Ein französisches perpetuum mobile.

Unten auf dem Kriegsschauplatze rücken Infanteristen und Kosaken in langen, sackähnlichen Kitteln und in der sonstigen mehr zweckmäßigen als eleganten Kriegsausrüstung ihrem Ziele, der Ueberschreitung der Donau, näher. Hier aber in der russischen Reichshauptstadt konnte man sich die ganze soeben verlebte Woche hindurch an den prunkvollen, verschwenderisch ausgestatteten Galauniformen, an dem goldenen Funkeln und dem albernen Blinzeln der Elite der russischen Armee gar nicht satt sehen. Bei drei rasch aufeinander folgenden Anlässen war es uns vergönnt, die russische Garde in voller Parade ausrücken zu sehen und beinahe hätten wir – wenn uns der Himmel zu einem Schnellrechner gnädigst ausgestattet haben würde – Gelegenheit gehabt, bis auf etliche Kopeken die Unsummen zu berechnen, welche die Ausrüstung eines solchen Regiments oder einer derartigen Schwadron verschlingt. Die drei erwähnten Anlässe waren folgende: Die Rückkehr des Kaisers aus Kischineff, die große Mai-Parade und die Mündigkeitserklärung des Großfürsten Sergius.

Nachdem Alexander der Zweite von Kischineff aus den Türken als Czar und als Rechtgläubiger den Handschuh hingeworfen, nachdem diese Reise eine historische, weltbewegende Bedeutung erhalten, nachdem die Moskauer Slavenfreunde durch ihren dröhnenden Jubel die Luft um den Kreml herum erschüttert hatten, konnte die Landeshauptstadt den Kaiser nicht phlegmatisch und kühl wieder innerhalb ihrer Mauern begrüßen. Kühl? Nun, wenn die Gefühle der Petersburger von Wärme überströmten, so hatte das Wetter zu Ehren Seiner Majestät nicht mildere Saiten aufgezogen. Wir schrieben den siebenten Mai, und der Polarwind drang noch immer bis in’s Mark, als wir [373] ahnungslosen, pelzentbehrenden Mitteleuropäer in dem pfeilschnellen Drosky über die Perspective rasten, dem Nicolai-(Moskauer) Bahnhofe zueilend, wo die Ankunft der Majestäten für punkt zehn Uhr angesagt war. Viele hatten den nämlichen Weg genommen, und die Evastöchter legten, um den Kaiser und sein glänzendes Gefolge zu sehen, die nämliche löbliche Neugierde an den Tag – wie die Männer. Einzelne der Schönen, die unter ihren rothen Pelzmänteln die anmuthigsten Pariser Sommertoiletten bargen, brachten es bis in den für die officielle Suite der Generalität bestimmten Wartesalon, wo die Spitzen der Generalität und die höchst ehrbar aussehenden Vertreter der Dumba (Stadtverordnete) sich eingefunden hatten.

Man mag über Rußland denken wie man will, dem schönen kräftigen Menschenschlage, der da im hohen Norden gebietet, kann man die Anerkennung nicht versagen. Aber nicht allein die adeligen Gardeofficiere dürfen sich als Muster von schmucker, hochaufgeschossener, aber doch geschmeidiger Eleganz qualificiren, die einfachen Gensd’armen die sich bemühen, unter dem herandrängenden Publicum ein wenig Ordnung aufrecht zu erhalten, sind wirkliche Prachtstücke. Ständen sie nicht in des Czaren wohlnährenden Diensten, sie könnten sich auf Jahrmärkten dreist als „Riesen“ für mäßiges Entrée bewundern lassen. Daß die blendend weißen Tunikas, mit Sternen und Orden bedeckt, die vielen silbernen Tressen und die großen blanken Helme mit den goldenen Adlern und den weißen Federbüschen zu den Gestalten und Physiognomien vortrefflich paßten, versteht sich von selbst.

Karte des europäisch-orientalischen Kriegsschauplatzes.

Militärische Präcision war von jeher am Petersburger Hofe unumgängliches Gebot; die peinliche Beobachtung der für einen bestimmten Zweck angesetzten Minute stammt noch aus der Zeitepoche Nicolaus’; diese Eigenschaft ging nun vollständig auf den Sohn über, der ja durch väterliche Anlagen und Erziehung durch und durch Militär ist. Der Kaiser wartet auf Niemanden, läßt aber auch Niemanden auf sich warten – das wußten recht gut die Führer des Hofkreises. Wie der kleine Zeiger der Bahnhofuhr Zehn markirte, rollte auch der Zug in die Halle. Es war ein stattlicher Train, aus etwa acht bis zehn Salonwagen und ungefähr vier Packwagen bestehend. Voran befanden sich der eigentliche Salonwagen des Kaisers und jener der Kaiserin. Die beiden Waggons sind Musterexemplare des Comforts und fürstlichen Luxus auf Schienen. Wenn man durch das äußere Gebäude, welches ein zierliches Gitter aus vortrefflich gearbeitetem Gußstahl umgiebt, in das Innere des Raumes tritt, so kann man sich in den schönsten Salon eines Lustschlosses versetzt glauben. Schwere seidene Gardinen rauschen um die hohen Thürfenster; den Boden bedeckt ein kostbarer Aubusson-Teppich, auf welchem dem Klima zu Liebe die blendend weißen Felle von Polar-Bären ausgebreitet liegen. Die Tische und Chiffonièren sind aus dem schönsten Ebenholze und in ausgesuchtester Weise gearbeitet, die Fauteuils, Touffs und Canapés aus Repsstoff, jener goldmatten bräunlichen Farbe, welche die Pariser eine Zeit lang, man weiß nicht recht warum, Couleur Bismarck nannten. Die Wände schmücken Bilder und venetianische Spiegel, und aus allen Ecken duften die seltensten Tropenpflanzen, ebenso wie auf dem Tische, der in der Mitte des Waggons steht, ein weißes Bouquet niemals fehlen darf. Dies der Hauptsalon; das Schlafzimmer, mit anstoßender Toilettekammer, und der kleine Speisesalon, wo zur Noth ein Tisch von zehn Couverts gedeckt werden kann, entspricht dieser Ausstattung.

Außerdem haben aber diese fahrenden Prachträume eine historische Bedeutung. Sie gehörten früher dem Herrscher der Franzosen, ehe sie von dem Gebieter Rußlands erstanden wurden. In diesem Salonwagen eilte Napoleon, kurz nach dessen Herstellung, dem italienischen Kriegsschauplatze zu, um Lorbeerernte zu halten; in diesem Wagen durchfuhr er fast alljährlich [374] das Land, welches heute sein Andenken dem Fluche oder der Vergessenheit geweiht und welches ihn damals mit schwelgenden Ovationen aufnahm und die kleinste Reise zu einem Triumphzuge gestaltete. Diese Waggons führten von der Grenze nach Paris und von Paris bis zur Grenze sämmtliche Fürsten Europas, die dem großen und blendenden Jahrmarkt von 1867 mit ihrem Besuch den Glanz einer Apotheose des Napoleonismus verleihen sollten, und zum letzten Mal fuhr der Hofzug den französischen Grenzmarken zu an jenem Julimorgen, wo der Kaiser ziemlich incognito, ohne die Hauptstadt zu berühren, von Saint Cloud aus direct sich zur Armee verfügte. Man kennt das Uebrige.

Der Kaiser war gefangen, und der Hofzug kam unter den Hammer, mit dem Silberzeug, mit der Tischwäsche, mit den schönen Porcellan-Services der Tuilerien, mit den feurigen Weinen des Schloßkellers, die heute auf den Weinkarten der maison dorée und des Café Anglais neben Cliquot und Chateau Lafitte verzeichnet sind. Der Kaiser von Rußland hatte, als er zur Ausstellung nach Paris kam, die zweckmäßige und gleichzeitig prachtvolle Einrichtung des kaiserlichen Hofzugs gewürdigt. Er ließ die Waggons ankaufen, seine Mittel gestatteten es ihm ja, und setzt nun darin den Lauf der Weltgeschichte, die sich in unserem Zeitalter auf Schienen bewegen muß, fort. Denn es war eine historische Fahrt, von welcher er da zurück kam, eine Fahrt, welche, wie Lord Derby in seiner Berliner Depesche erwähnte, Folgen nach sich ziehen könnte, die Niemand im Stande ist voraus zu sehen. Vielleicht mochte der Herrscher aller Reußen während der langen Fahrt nachgedacht haben über Heil und Unheil, welches die Kriegsmächte, wenn sie einmal entfesselt werden, zu bringen im Stande sind, denn als er die drei mit Teppichen belegten Stufen des Waggons herab ging, da lagerte eine Wolke auf dem ausdrucksvollen und echt mannhaften Gesicht des Czaren. Ein russischer College, mit dem ich mich auf dem Bahnhofe befand, hatte mich gewarnt, ich möchte, im Falle man eine dicht neben uns stehende Deputation in den Empfangssalon hineinführen sollte, mich derselben ja nicht anschließen, weil ich sonst der Gefahr ausgesetzt gewesen wäre, dem Kaiser mit der Deputation zusammen vorgestellt zu werden. Ich horchte auf diesen Wink - aber in dem Sinne des Reporters, der darauf verzichtet Weltmann zu sein und vor Indiscretion nicht zurückschreckt, wenn seine Dreistigkeit belohnt zu werden Aussicht hat. Und dem Menschen, auf dessen Geheiß Millionen und abermals Millionen bereit sind sich in den Kampf zu stürzen, in diesem Augenblicke recht nahe zu sein, das lohnte sich. Ich entging übrigens auch der Gefahr einer unberufenen Vorstellung und kann behaupten, daß Seine Majestät keine Gelegenheit hatte sich um meine Person zu kümmern, worüber man nicht klagen darf, wenn das alte russische Sprüchwort nicht trügt: „Je näher dem Czaren, desto näher dem Tode.“

Die eingehende Beschreibung der Physiognomie des Kaisers Alexander darf mir wohl erspart bleiben; er ist ja als alljährlich wiederkehrender Badegast in Deutschland hinlänglich bekannt, und dann sorgen ja die illustrirten Blätter und die Auslagekästen der „Kunsthändler“ gerade jetzt für die Popularisirung dieser mit den Ereignissen so mächtig und eng verknüpften Physiognomie. Man weiß, daß seit drei Generationen das Haus Romanow die Eigenthümlichkeit besitzt, für den Thron lauter schöne Männer zu stellen. Der erste Alexander, derjenige, welchen der napoleonische Senat nach erhaltener Zusage, daß ihm seine Renten nach wie vor gesichert blieben, als den „modernen Trajan“ begrüßte, fiel durch den schwärmerisch-mystischen Anflug, der auf seinem regelmäßigen, sympathischen Gesichte lagerte, auf. Sein Bruder Nicolaus, den ein deutscher Hofschriftsteller, der den Weihrauch zu schwingen versteht, in einem Werke über die Kaiserin Alexandra Feodorowna (Prinzessin Charlotte von Preußen) „den schönsten Mann der Welt“ nennt, war in der That der vollkommenste Typus classischer altgriechischer Plastik.

Kaiser Alexander der Zweite vereinigt den mystisch-schwärmerischen Zug seines Oheims mit der künstlerischen Vollkommenheit der Formen seines Vaters: man hat den Denker vor sich, aber man fühlt gleich, daß er den Degen an der Seite führt, und die prägnante militärische Physiognomie wird durch einen sanften, leisen Hauch von Schwärmerei in gefälliger Weise gedämpft. Der Kaiser, der eben seinen neunundfünfzigsten Geburtstag gefeiert hat, sieht kaum so alt aus – kaum laufen einige weiße Fäden zwischen den einst dicht-dunklen Backenbart; die hohe schlanke Erscheinung ist ungebeugt, die Haltung sowie der Tritt voll starken Selbstbewußtseins. Wie erwähnt, lag auf dem Antlitz des Herrschers, als er in dunkler Uniform, das Ordensband um den Hals, den Helm auf dem Kopfe, dem Wartesalon zuschritt, eine Wolke, als er aber der glänzenden Generalität ansichtig wurde – all dieser Recken in scharlachrothe, grüne, blaue Uniformen gehüllt, mit Gold und Silber bedeckt, die mächtige Wehr an der Seite, welche in lautes Hurrah ausbrachen und die Helme mit Begeisterung über ihre Häupter schwangen – da verschwand die Wolke von der kaiserlichen Stirn; das Gesicht hellte sich auf. Bei dem Anblick solcher Stützen seiner Macht mochte der Czar alle Sorgen und Befürchtungen verscheuchen – hatte er doch alle Mittel, um seine Größe und die Größe des Reiches zu vertheidigen, die Mittel, selbst der Tücke des Schicksals Paroli zu biegen. Der Kaiser erwiderte den Gruß der Officiere und richtete nun an einzelne derselben einige Worte.

Ich hatte schon öfters Gelegenheit, solche „Empfange“ auf Bahnhöfen mitzumachen. Ich sah in Venedig Victor Emanuel, diese Bärenfigur mit den hervorleuchtenden Augen, mit der Gräfin Wimpffen vertraulich plaudern, während er auf den Zug, der den Kaiser Franz Joseph mitbrachte, wartete; ich sah diesen mit ungezwungener, einfacher Eleganz sich in natürlichster Weise mit dem Einen oder Andern unterhalten; ich wohnte auch der Begrüßung des Marschalls Mac Mahon auf seiner Lyoner Reise ganz in der Nähe bei. Nun, das Ceremoniell mag hier wie da so ziemlich dasselbe sein und sich blos durch die Farbe der Uniformen unterscheiden – es ist doch nicht dasselbe, ob ein constitutioneller Souverain, auch wohl das Staatsoberhaupt einer Republik, sich mit seinen Untergebenen unterhält, oder ob ein Autokrat von noch so milden Umgangsformen und liberalem Sinn einige Worte an hohe Officiere und Beamte richtet. Da kleidet sich der Verkehr in die steifsten Formen der theatralischen Etiquette aus jeder Mundbewegung des Monarchen spricht die Machtfülle, aus der Haltung der Angeredeten die absolute Unterwürfigkeit. Wie hoch er auch gestellt sein mag, es steckt in jedem Russen sehr viel von jenem Gefühl des Muschik, der den Czaren als ein höheres, gewissermaßen überirdisches Wesen betrachtet, welches nie fehlen, nie irren kann, und dieses Gefühl tritt im Mienenspiel desjenigen, der vor dem Czaren steht, zum Vorschein.

Die Vorstellungen dauerten nicht lange – nach etwa fünf Minuten trat ein Adjutant auf den Perron des Bahnhofes, über den zum Schutze gegen etwaige Unbill des Wetters ein breites Zelt von bunter Leinewand ausgespannt war, und winkte mit der Hand dem Kutscher eines der zahllosen Wagen, welche in dem Vorhofe des Bahnhofes harrten. Es war eine einfache viersitzige Equipage, auf deren Bock durchaus nicht etwa reichbetreßte Lakaien saßen, sondern ein Pferdelenker in dem höchst einfachen russischen Costüm, die lange dunkelgrüne, bis an die Fersen reichende, mit einem hellfarbigen Gurt zugeschnürte Kutte um den Leib und auf dem Kopfe den zierlosen niedrigen Filzhut mit schmaler Krempe. Dieser Anzug – eine Livrée kann man das nicht nennen – ist der nämliche für den gewöhnlichen Lohnkutscher, den sogenannten Istvoschik (fünfzehn Kopeken für die Fahrt), wie für den Leibkutscher des Kaisers. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Fuhrmann und dem Stallbediensteten aus vornehmen Hause liegt in dem Körperumfang und dem blühenden, wohlgepflegten Aussehen des letzteren.

Das kaiserliche Haus geht hier mit gutem Beispiele voran, und die Last des imponirenden Körperbaues des Leibkutschers des Czaren erdrückt fast den Bocksitz. Um den Wagen des Kaisers, den zwei feurige Orloffs-Traber zogen (edle Thiere, die per Stück ihre fünftausend Rubel werth sein mögen), drängte sich nun ein Knäuel von Officieren, die das Gefährt sechs- oder siebenfach umringten und und lautem Hurrahgeschrei vor, hinter, um den Wagen liefen, als dieser sich in Bewegung setzte und auf dem Pflaster des Newski Prospects zu rollen begann.

Hier war der Anblick noch lebhafter als zuvor. Es hatten mehrere Häuser Flaggen herausgesteckt; an Balcone waren Teppiche befestigt, ja, selbst von den „Imperiales“ der Tramway-Stellwagen wehten kleine tricolore Standarten. Und der ganzen Länge des breiten Newski entlang war Mann dicht neben Mann aufgestellt, die Gardegrenadiere, jedes Regiment mit [375] der hellaufgeputzten Musikbande, sehr schön uniformirt, aber im Spiele sehr mittelmäßig, daneben die Garde-Reiter, deren Montur lebhaft an die weißen Kürassiere in Deutschland erinnert, Husaren in allen möglichen Farben des Regenbogens, die man dem Schnitte ihrer Kleidung gemäß für ungarische Honveds halten könnte, und neben diesen wieder die sagenhaften Söhne des Don und des Dnieper, die Kosaken. Wie tönt dieses Wort durch alle Gaue und Gefilde! Der Kosak ist in den volksthümlichen Begriffen jener wilde Centaur mit den beutegierigen, räuberischen Augen, dessen Name gleichbedeutend ist mit Plünderung. Es thut mir leid, eine Illusion zerstören zu müssen, aber die Reiter in der hellblauen oder rothen Uniform, die neben ihren Cameraden auf der Perspective Aufstellung genommen, sahen in der That nicht mord- und raublustiger aus als deutsche Husaren oder französische Chaffeurs d’Afrique. Im Gegentheil, vielen sprach aus dem Gesicht der ein wenig übermüthige, aber gutmüthige Zug, der dem slavischen Typus eigen ist. Als der Kaiser und hinter ihm das großfürstliche und militärische Gefolge an den Schaaren der Krieger, die, nebenbei bemerkt, ohne Gewehre ausgerückt waren, vorüberfuhr, da erdröhnte die Luft von den mit kräftiger Stimme ausgestoßenen Hurrahs, und das Getöse pflanzte sich fort, von Stelle zu Stelle, bis der Zug unter der doppelten Triumphpforte, die zum Winterpalast führt, eingebogen war.

Aber vorher wurde eine ergreifende Pause vor der Kasanskirche gemacht. Dieses Gotteshaus, eine Nachahmung der San Pietro Basilica in Rom, ist die ältere Kathedrale Petersburgs, während heute die Isaakskirche die erste Stelle einnimmt. Jedoch bleibt die Kasanskirche mit ihren Trophäen von schwedischen, türkischen, polnischen und französischen, im Rauche der Schlachten geschwärzten Standarten, mit dem unter einem Glasrahmen sorgsam verwahrten Marschallsstabe Davoust’s ein historischer Ort. Auf der großartigen steinernen Treppe, welche mit Teppichen bedeckt und mit Blumen bestreut war, hielt der Metropolit mit dem schimmernden Gepränge seiner Popen.

Die byzantinische Kirche übertrifft an Reichthum und Ueberladung der Ornate um ein Bedeutendes die katholische, ebenso wie der Ritus ein viel ceremoniöserer und umständlicherer ist. So strotzt das weiße Obergewand des Metropoliten von Diamanten, die vermöge ihrer Seltenheit, der Reinheit ihres Wassers und ihrer Größe ein ungeheueres Capital repräsentiren. Auch die Popen sind mit Edelsteinen wie übersäet. Sämmtliche Geistliche tragen sehr langes, in der Mitte abgetheiltes Haar, sodaß man sie, von rückwärts betrachtet, recht wohl für Damen, die im Begriffe sind, sich zu frisiren, halten könnte. Warum aber dieser Aufzug auf der Treppe des Tempels? Geduld! Der kaiserliche Zug hält in dem Moment stille, als er auf dem weiten runden Platz vor der Kirche erscheint. Als rechtgläubiger Christ kann der Czar seine Hauptstadt nicht wieder betreten, ohne sofort sein Angesicht vor Gott in den Staub zu beugen. Der Czar schreitet die Treppe hinauf; der Metropolit streckt beide Arme zum Segen aus und begiebt sich in die Kirche. Die Popen folgen ihm nach. Eine gewaltige Menge füllt den ungeheuern Raum, und man kann bei der Gelegenheit die überschwengliche Frömmigkeit beobachten, die dem russischen Bauern wie dem russischen Bürger eigen ist. Zehnmal wirft sich mit automatischer Regelmäßigkeit der Muschik zu Boden und bekreuzigt sich wohl drei oder vier mal dazwischen. Dann schleppt er sich auf den Knieen bis zu einem heiligen Bilde und sucht, immer knieend, mit dem Munde einen Kuß bis wenigstens an den Rahmen hinauf zu reichen. Während des Gebets wirft er sich plötzlich auf die Kniee und küßt den Boden, aber mit einer clownartigen Gewandtheit. Er erinnert durch diese brüske Gymnastik viel mehr an das Wesen der orthodoxen Juden, als an die kalte, steife, gewissermaßen salonfähige Liturgie der katholischen Kirche, die doch ebenfalls Kniebeugungen und Bekreuzigungen vorschreibt. Nur kurze Zeit blieb der Kaiser in der Mitte der knieenden und flehenden Gläubigen – er verrichtete mit ernster Miene ein kurzes Gebet, und bald setzte sich der Zug wieder in Bewegung, der unter dem breiten Portale des Winterdienstes verschwand.

Abends sollte es „große Illumination“ geben, aber nach französischen, deutschen oder italienischen Begriffen fiel die Beleuchtung recht dürftig aus. Kaum waren einige der öffentlichen Gebäude mit Gasflammen und venetianischen Lämpchen versehen; die Privathäuser waren stockfinster.

Der zweitnächste Tag brachte die „Mai-Parade“. Es ist dies ein alljährlich wiederkehrendes militärisches Fest, dem aber jetzt die besondere Weihe der kriegerischen Ereignisse verliehen wurde. Die Einzelheiten der Mai-Parade sind zu bekannt, als daß eine Schilderung derselben hier noch von Interesse sein könnte.

Das dritte Fest endlich, welches die Woche abschloß, die Mündigkeitserklärung des Herzogs Sergius von Leuchtenberg, war nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt. Die Stadt feierte dasselbe allerdings durch ein erneuertes Beflaggen der Häuser und Abends durch die Wiederholung der „Illumination“. Aber der Wind und der Regen spielten diesmal arg mit und bliesen die Gasflammen aus. Die Ceremonie fand im großen Saale des Winterpalastes statt und besteht bekanntlich darin, daß der mündig gewordene, das heißt in’s siebenzehnte Jahr getretene Kronprinz den Eid leistet, die Selbstherrschaft beizubehalten, für das Evangelium und das Kreuz einzustehen und die Integrität des Reiches zu wahren. Dieser Eid wird in Gegenwart der Granden des Reiches abgenommen, zu welchen sich auch der gesetzgebende Körper gesellt. Wie schon bekannt sein dürfte, besteht der größte Theil des diplomatischen Corps aus Generälen. Wenigstens sind drei Großmächte, Deutschland, Frankreich und Oesterreich, durch Kriegsoberste vertreten. Die originellste Figur darunter ist wohl jene des französischen Botschafters, General Leflô. Denken Sie sich einen weißen Fuchs mit kahlem Scheitel und einem artig vorspringenden Schnäuzlein. Dazu das leibhaftige perpetuum mobile, unfähig einen einzigen Augenblick an der nämlichen Stelle zu beharren, immer springend und tändelnd, dabei aber voller „Esprit“ und ein gewaltiger Jäger, was dem russischen Kaiser sehr gefällt. Das Diplomatische des Generals Leflô besteht wohl darin, daß er seinen französischen Landsleuten die Ueberzeugung beibrachte, daß er in St. Petersburg unentbehrlich sei, weil er sich durch seine Witze und seine Tüchtigkeit als Waidmann beim Czaren sehr beliebt gemacht hätte.

Bekanntlich hatte der Vorgänger Leflô’s, General Fleury, einst nach Paris gemeldet, er stehe sich mit dem Kaiser so gut, daß er mit demselben in einem Schlitten fahre, in welchem Jeder der beiden Passagiere nur mit einer Hälfte seines Postamentes zu sitzen käme. Die Franzosen glauben Alles, und Leflô bleibt Hahn im Korbe, erscheint bei jeder Revue in seinem Generalsrocke und bei allen Festlichkeiten im schwarzen Fracke, mit weißer Weste und taubengrauen Hosen. Es ist ungefähr das Costüm, welches er vor siebenundzwanzig Jahren als Quästor der Nationalversammlung trug, als die Häscher Napoleon’s sich seiner bemächtigten. Er wurde damals nach Vincennes abgeführt. Und heute – liegt jener, der ihn verhaften ließ, im Grabe und er, der es unter der Achtundvierziger Republik bloß zum Quästor der Kammer gebracht, ist wohlbestallter und reichbesoldeter Gesandter am glanzvollsten Hofe Europas. Es war auch ein Stück Zeitgeschichte, das an meinen Augen vorüberfuhr, als der Gesandte mit dem schlauen Fuchsgesichte aus dem Palais d’Hiver fuhr und den reichbordirten Hut nach allen Seiten lüftete, zugleich verbindlich und mit theatralischer Beweglichkeit grüßend.

Paul d’Abrest.[1]
  1. Da die Adresse des Herrn Verfassers uns augenblicklich nicht bekannt ist, so bitten wir ihn an an dieser Stelle, uns Petersburger Erlebnisse und Ereignisse etc. von jetzt ab nicht mehr zu schildern, uns vielmehr nur vom Kriegsschauplatze selbst aus seine Berichte zugehen zu lassen.
    D. Red.