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Autor: Elsbeth Montzheimer
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Titel: Stiefmütterchen
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aus: Märchen
Herausgeber:
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Entstehungsdatum: 1923
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag: Leipziger Graphische Werke A.-G.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[109]
Stiefmütterchen

Irmela hatte gar früh ihre gute Mutter verloren und darum eine Stiefmutter bekommen, was ihr großen Kummer bereitete, da alle Muhmen und Basen ihr begreiflich zu machen suchten, daß eine Stiefmutter etwas sehr Schlimmes sei. Auch in vielen dem Mägdlein bekannten Märchen kam etwas Aehnliches vor, so daß es ordentlich Angst vor der neuen Stiefmutter hatte und dieser aus dem Wege ging, so viel sie konnte.

Doch gar bald merkte Irmela, daß die Stiefmutter nicht so böse war, denn sie erhielt von dieser wie sonst gutes Essen, bekam auch nicht, wie sie gefürchtet, viel Prügel, sondern wurde bei etwaigen Anlässen zur Strafe nur liebevoll ermahnt und gerecht bestraft.

Als sie trotzdem in ihrer Zurückhaltung gegen die zweite Mutter beharrte, sah sie oftmals deren Blicke traurig auf sich gerichtet, bis sich Irmelas Herz endlich der trefflichen Frau zuwandte.

Nicht lange währte das Glück. Das Mägdlein ward schwer krank.

Die Mutter pflegte es so aufopfernd, daß sie selbst der heimtückischen Krankheit verfiel.

Als das Kind genesen war, trug man die gute Stiefmutter zu Grabe; sie war ein Opfer treuerfüllter Pflicht geworden.

Nun erkannte die Genesene erst recht, wieviel sie in dieser Mutter verloren; sie betrauerte die Entschlafene von ganzem Herzen, und es blieb fortan ihr einziger Wunsch, selbst einmal [110] verwaisten Kindern eine zweite Mutter zu werden, um diesen alle Liebe zu geben, die sie der Beweinten noch schuldig geblieben war.

Irmela war zu einer schönen Jungfrau erblüht, der viele Freier nahten, ohne daß sie bisher einem ihr Jawort zu geben vermochte, denn in ihrem Herzen lebte immer noch der Wunsch aus ihrer Kinderzeit.

Da kam eines Tages ein Bewerber um ihre Hand, dessen Gemahlin gestorben war. Dieser bat sie inständig, seine zweite Gemahlin zu werden, da er sich so einsam fühle und vor allem seine beiden Kinder der Mutter entbehrten.

Da willigte die Jungfrau ein, beglückt, daß ihr Wunsch sich erfüllen sollte. O, diese Kinder, die sie noch nicht kannte, wollte sie mit ihrem ganzen Herzen lieben, wollte ihnen eine gute, treue Mutter werden.

Die Hochzeit ward gefeiert, und das nunmehrige Stiefmütterchen war auf dem Wege zum neuen Heim.

Man durchritt das letzte Stück Wald, als Stiefmütterchens Gemahl plötzlich in die Ferne deutend sagte: „Dort kommen Rainer und Sitta, unsere beiden Kinder. Wohin mögen sie wollen? Sollten sie so ganz allein zu unserem Empfang herbeieilen?“ Da bat Stiefmütterchen: „Laß mich ihnen entgegengehen, mein Gemahl, indessen du uns hier erwartest.“

Der Vater willigte ein. So wandelte die schöne, junge Frau den beiden entgegen, die Hand in Hand daherschritten.

Der ältere Knabe pflückte dem jüngeren Schwesterchen Blumen und schien sich überhaupt als ihren Beschützer zu betrachten, da er den Arm um ihren Hals legte und Sitta sich ängstlich an den Bruder schmiegte, als die hohe Frauengestalt plötzlich vor ihnen auftauchte. Vier Blauaugen blickten zu der Unbekannten auf, die, ihre Hände auf die blonden Scheitel legend, fragte: „Liebe Kinder, ihr kommt ganz allein durch den Wald, wohin wolltet ihr?“

[111] „Fort,“ antwortete der Knabe zutraulich, „wir bekommen nämlich heut eine Stiefmutter, und die ist gewiß garstig mit uns, wie unsere alte Barbe meint, und da wollen wir fortlaufen!“

Erschrocken vernahm die Fragende diese Antwort. „Dachtet ihr nicht daran, wie sehr ihr hiermit euren Vater und eure neue Mutter betrübt?“ fragte sie mit sanfter Stimme, ohne sich zu erkennen zu geben.

„Nein, daran dachten wir nicht,“ bekannte Rainer freimütig, „aber wir mögen doch keine Stiefmutter, wir wollen lieber mit dir gehen, denn du bist nicht garstig, und dich mögen wir leiden.“ Bewundernd blickte der Sprechende bei diesen Worten zu dem gütigen Antlitz auf und in die Augen, in denen es feucht schimmerte.

Eben wollte Stiefmütterchen die Kinder in ihre Arme ziehen und ihnen sagen: „Ich bin ja eure neue Mutter, und ich will euch sehr lieb haben; habt auch ihr mich recht lieb,“ da kam der ungeduldige Vater, aus dessen Munde sie die Wahrheit erfuhren.

Da entwanden sich die Kleinen erschrocken den Armen des Vaters, und anstatt sich dieser Mutter zu freuen, blickten sie vorwurfsvoll zu ihr auf und seufzten: „Warum hast du uns dies nicht gleich gesagt? Hätten wir das gewußt, hätten wir dich nicht so gern gemocht.“

Und diesen Worten entsprechend gestaltete sich das Verhalten der Kinder: Klein-Sitta sah in der neuen Mutter eben stets nur die „Stiefmutter“, und die alte Barbe bestärkte sie in diesem Vorurteil.

Aehnlich ging es dem Knaben, der bei der törichten Barbe immer verderblichen Hinterhalt fand.

Es kostete der Mutter manche heimliche Träne, doch ihre Geduld erlahmte nicht, denn zuweilen schien es, als ob in den [112] Kindern die Liebe zu Stiefmütterchen erwachen wolle. So verging die Zeit.

Eines Tages, als die Eltern nicht daheim waren und die Kinder in Frau Irmelas Gemächern spielten, rannten sie in tollem Lauf gegen ein kostbares Kristallgefäß, daß es zur Erde fiel und zerbrach. In ihrer Angst liefen die kleinen Uebeltäter zu Barbe, die sogleich händeringend kreischte: „Ihr armen Kinder, wie wird es euch ergehen, wenn die Mutter sieht, daß ihr eines ihrer schönsten Hochzeitsgeschenke zerstört habt; gerade dieses Stück hält sie besonders wert!“ Das tat den beiden sehr leid; sie hätten die Mutter gern um Verzeihung gebeten, doch Barbes Worte: „Ihr armen Kinder, wie wird es euch ergehen,“ gellten fort und fort in ihren Ohren, so daß das keimende Vertrauen zur Stiefmutter wieder erstickt wurde; ihre Angst wuchs.

Da liefen sie, weil ihnen nichts Besseres einfiel, fort, hinaus in den Wald, immer weiter und weiter. Sie merkten nicht, wie die Bäume mißbilligend ihre Wipfel schüttelten, merkten nicht, wie sie drohend ihre grünen Arme ausstreckten, sie flohen, bis sie an einen Wegweiser kamen. Was da oben stand, vermochten sie nicht zu entziffern. Aber plötzlich knarrte es in seinem alten Holz, und aus diesem Knarren hörten sie es deutlich heraus:

„Wohin des Weges, Kinder, sagt,
Warum daheim euch’s nicht behagt,
Daß ihr zur Fern’ die Schritte lenkt,
Wodurch ihr eure Mutter kränkt?“

Eine Antwort bekam der Wegweiser aber nicht, denn mit scheuem Blick auf den Fragenden machten die verblendeten Kinder einen weiten Bogen um ihn herum, ihren Pfad unbekümmert weiter verfolgend.

Im Tannengeäst saß eine Drossel im schwarzen Federröcklein, die äugte verwundert auf die eilenden Kinder herab, [113] die auf dem schmalen Wege einen Augenblick ausruhend, jetzt ihren Anruf vernahmen:

„Türi – türo –
Was lauft ihr so?
Seid wohl auf der Flucht?
Daheim man nach euch sucht! –
Türi – türo –
Was lauft ihr so?“

Ja, Drossel hatte ganz recht, die Kinder liefen töricht und blindlings waldein, gar nicht bedenkend, wohin der Weg sie führte und was sie eigentlich im Walde wollten. Ihnen schien es gleichgültig, was Bäume, Wegweiser, Vögel und der ganze Wald von ihnen dachte, ja, daß selbst die alte Unke sich über sie zu wundern schien, die, an einer feuchten Stelle unter einem Wegerichblatt hervorglotzend, den voranschreitenden Rainer fragte:

„Jung’ – Jung’ – Jung’ –
Sag’ wohin
Unk – unk – unk –
Steht dein Sinn?“

Da murrte Rainer, der ewigen Fragerei überdrüssig: „Du alte Unke, wer wird so neugierig sein? Was verstehst du von Stiefmüttern, vor denen man fortlaufen muß!“

„Sollen wir nicht umkehren?“ fragte Sitta zaghaft. Doch Rainer schüttelte den Kopf: „Wir werden schon irgendwo hinkommen.“

Eigentlich war das nun zwar nicht besonders weise, denn „irgendwohin“ mußte man allerdings gelangen. Aber Sitta, gewohnt, des Bruders Ueberlegenheit anzuerkennen, folgte gehorsam.

Und wirklich, als die Kinder jetzt um ein Gebüsch herumbogen, erblickten sie etwas ganz Wunderbares: eine Felswand lag vor ihnen, die ein mächtiges Tor bildete.

[114] Als beide ein Stückchen in dieses Tor hineingingen, gewahrten sie etwas noch viel Wunderbareres: nämlich ein Schloß, das, aus mächtigen Felsquadern erbaut, mit jener Felswand verwachsen zu sein schien.

Mit ungemessenem Erstaunen schritten die Kinder bis zur Freitreppe, die in einen von Felsensäulen getragenen Vorbau führte. Aber was für Säulen waren das? Viel, viel dicker als die dicksten Waldbäume ragten sie mächtig empor, daß das Dach sicher auf ihnen ruhte. Und nun trat eine Frauengestalt ihnen entgegen, mit gütigem Antlitz, in langem, lichtblauem Gewande, die den kleinen Flüchtlingen winkte.

Eingeschüchtert, und doch voll Vertrauen, folgten beide der Voranschreitenden bis in ein prächtiges Gemach, in dem ein einladendes Mahl bereitstand. Obwohl die Kinder zu gern gewußt hätten, wer ihre freundliche Wirtin sei, wagten sie doch nicht zu fragen, und bei der angenehmen Beschäftigung, der sie gleich darauf oblagen, trat auch ihre Neugierde in den Hintergrund, denn Fleisch, Brot und Milch sowie die köstlichen Erdbeeren mundeten doch zu gut, besonders wenn man so hungrig war. Ihre gastliche Wirtin hatte augenscheinlich Vergnügen an ihrem Appetit und sagte, als die gesättigten Kinder ihr dankten:

„Preist’s als Glück, daß ihr gefunden
Meine stille Waldesklause,
Seid hier sicher vor Gefahren
In der Treue festem Hause.“

Die Kinder verstanden zwar den Sinn ihrer Worte nicht recht, aber sie fühlten sich sehr wohl bei dieser Frau und empfanden, daß diese es gut mit ihnen meinte. Darum folgten sie ihr auch schnell, als sie, abermals voranschreitend, ihnen winkte.

Nun standen sie in einem Garten, in dem lauter blaue Blumen blühten: Augentrost, Vergißmeinnicht, Immergrün und Enzian, daß es aussah, als läge dort ein Stück Himmel.

[115] „Warum hast du lauter blaue Blumen hier in deinem Garten?“ fragte Rainer endlich, seinen Blick zutraulich zu der Frau emporhebend, die ernst lächelnd antwortete:

„Reicher Segen blauer Sterne
Blüht in meinem Garten immer,
Blau ist das Symbol der Treue,
Denn sie liebt den blauen Schimmer.“

Bald standen sie an einem Weiher, dessen Wasser so klar war, daß man bis auf den Grund sehen konnte.

Verwundert bemerkten es die Kinder, und Rainer fragte: „Was ist das für ein Wasser?“

Da blickte die schöne Frau lange und ernst in die Kinderaugen, und in ihrer Antwort lag ein vorwurfsvoller, eindringlicher Ton, als sie, auf das Wasser zeigend, sprach:

„Ach, Tränen sind es, ohne Zahl,
Die auf der Welt in Herzensqual
Von zweiten Müttern sind vergossen,
Wenn Kinderherzen fest verschlossen
Und trotzig abgewendet blieben,
Statt solche Mütter auch zu lieben,
Auf daß sich ihre Herzen einen,
Und sie nicht ferner Tränen weinen.“

Rainer und Sitta empfanden den Vorwurf, so daß sie beschämt in die klare Flut schauten und dabei vor sich hin seufzten: „Ach!“

So leise es den Kinderlippen auch entschlüpft war, die Treue hatte es dennoch vernommen, so daß sie nach dem Grunde des Seufzens fragte.

Da sahen die Kinderaugen scheu zu ihr auf, und stockend, von heißen Tränen unterbrochen, gestanden die Geschwister der gütigen Fee alle ihre Versäumnisse gegen die Mutter und erzählten, warum sie dem Elternhause entlaufen waren. Zuletzt [116] folgte in zagender Scheu die Frage: „Sind denn wirklich auch von unserer Mutter Tränen in diesem Wasser?“

Da nickte die Treue; ja, sie erzählte den Kindern, daß sie alles, was diese ihr mitgeteilt hatten, schon gewußt habe, daß sie auch hoffe, die Kinder würden sich nun bessern und ihrer Mutter hinfort nur Freude machen.

Beide versprachen es eifrig; sie hatten wirklich den besten Willen. Ihre Tränen versiegten schnell, als sie jetzt, die Blicke hebend, am gegenüberliegenden Ufer des Weihers ein noch nicht bemerktes Blumenfeld entdeckten, das wie eine Insel rings von Wasser umgeben erschien, und das, von lichten Sonnenstrahlen beleuchtet, in wundervollem Blau herübergrüßte. Ehe sie noch fragen konnten, hob die Treue sie in einen bereitstehenden Nachen, der ganz von selbst, pfeilgeschwind über das Wasser gleitend, im nächsten Augenblick schon an der Blumeninsel hielt.

Die Treue führte die Kinder nun dicht an die blaue Fläche, und was sahen sie? Lauter Stiefmütterchen, in den schönsten blauen Farben, daß es war, als schauten tausend und abertausend blaue Augen die Kinder an.

„O, lauter blaue Stiefmütterchen!“ jubelten sie, „und so viele, viele – warum hast du ein so großes Feld davon?“

Da blickte die Treue wieder ernst auf die Kinder nieder und sagte:

„So viel treue zweite Mütter
Ich auf meinen Wegen finde,
So viel solcher lieber Blumen
Auf der Insel mir erblühen,
Daß sie mir ein Zeichen werden,
Wie viel Treue wohnt auf Erden,
Wohnt, gepaart mit Mutterliebe
In den Herzen zweiter Mütter.“

Da schoben sich die warmen Kinderhände zutraulich in die ihrer Gönnerin, und nochmals Besserung versprechend, stiegen [117] die Geschwister wenige Minuten später am andern Ufer wieder aus dem Nachen, um sich zur Heimkehr zu rüsten. Sie wollten nun so schnell wie möglich wieder zu Hause sein, hatten sie doch die Scheu vor der Heimkehr fast gänzlich verloren.

Die schöne Frau gab ihnen noch ein Stück Weges das Geleit und beschrieb ihnen den Weg genau. Bevor sie sich von ihnen verabschiedete, zeigte sie auf den ihren schön geformten Arm umschließenden eigenartig gearbeiteten Goldreif, indem sie sprach:

„Seht hier den Reif von echtem Golde,
Wie fest umschließt er meinen Arm,
Ein Sinnbild wahrer echter Treue,
Die gleich sich bleibt in Freud’ und Harm;
Die fest auch glaubt an gutes Wollen,
Dem Mißtrau’n wehrt, der bösen Saat.
Gelobt es mir bei diesem Reifen,
Daß ihr voll Treu’ der Mutter naht.“

Bei diesen Worten nahm sie die Hände der Kinder, sie auf dem Goldreif vereinend, und beide gelobten es freudigen Herzens. Hierauf klatschte sie in die Hände. Da kam ein schneeweißes Täubchen angeflattert, das sich auf die Schulter seiner Herrin setzte. Erstaunt sahen es die Kinder, aber noch erstaunter waren sie, als die Treue in die Luft greifend, plötzlich zwei lichtblaue Bänder in der Hand hielt, die sie leicht um Täubchens Füße schlang. Jedem Kinde eines dieser langen Bandenden in die Hand gebend, sprach sie:

„Band in lichter Bläue
– Zeichen wahrer Treue –
Soll euch der Führer sein;
Durch des Täubchens Schwingen
Soll es heim euch bringen,
Eh’ der Abend bricht herein.“

[118] Sie ermahnte die Geschwister noch, die Bänder nicht loszulassen, denn wenn sie ihnen etwa in tändelndem Spiel entglitten, mußte Täubchen in ihr Schloß zurückfliegen und durfte sie nicht weiter führen. Dann sei sie, die Treue, machtlos, ihnen weiteren Schutz zu gewähren.

Alles gut zu beachten, versprachen die beiden, und wenn sie, als sie eilig dem Täubchen folgten, wirklich einmal stehen blieben, um einen Falter, eine schöne Blume oder was es sonst war, zu betrachten, so brauchte Täubchen nur zu rufen:

„Krrruh – kurruh –
Kinder lauft zu!“

und die Ermahnten folgten diesem Ruf.

Ein gutes Stück Weges hatten die beiden zurückgelegt, denn trotzdem es zu dämmern begann, leuchtete Täubchens Gefieder gar hell vor ihnen her, selbst die Bänder schienen sich in durchsichtige Strahlen zu verwandeln. Das machte den kleinen Wanderern Spaß. Sie schlangen spielend den leuchtenden Schmuck um Hände und Arme, daß Täubchens Mahnung öfters nötig wurde; aber beide hielten wenigstens ihre Bänder fest.

Doch jetzt lief ein wunderschöner Käfer gerade vor Rainer quer über den Weg, daß der Knabe sich neugierig bückte, denn einen so eigenartigen Sechsfüßler hatte er noch nie gesehen. Das Tier glich einem Hirschkäfer, war aber ganz gelb und glänzte dabei, als sei er aus Gold.

Rainer konnte sich an dem prächtigen Tiere nicht satt sehen, er versuchte, es zu fangen, doch aalglatt entglitt es seiner Hand, geschwind weiter laufend.

Er folgte in hastigen Schritten; der Eifrige schien für alles taub.

Vergebens mahnte Täubchen, vergebens flehte Sitta: er hielt zwar das Band fest, lief aber immer noch dem kleinen Waldwunder nach, bis dieses plötzlich verschwunden war.

[119] Mit beiden Händen bog er Gras und Farnkräuter auseinander, fühlte er im Moose, der Flüchtling war nicht zu entdecken.

Da hörte Rainer nochmals der Schwester ängstlichen Ruf; ihm fiel zugleich die Mahnung der Treue ein, darum sprang er nun eilig durch das niedrige Unterholz, um Sitta schnellstens einzuholen.

Doch wo war denn sein Band? Ach, erst jetzt bemerkte er mit Schrecken, daß es ihm bei seinem unbesonnenen Suchen nach dem Käfer entglitten war; keine Spur des glänzenden Streifens war zu entdecken.

Eine tödliche Angst befiel ihn: wie, wenn er die Schwester nun nicht wiederfand? Vielleicht ließ auch sie, um ihn zu suchen, die gute Taube und das Wunderband im Stich? Ach, was hatte er da angerichtet! Nochmals hörte er den Ruf, und da schimmerte es auch hell durch das Grün, daß er beglückt diesem hellen Punkt zusteuerte. Doch fast erschrocken blieb er beim Näherkommen stehen, denn das, was er da sah, war ja gar nicht sein Schwesterchen, sondern eine hohe Frauengestalt, deren Aeußeres ihm noch mehr Verwunderung einflößte, als der Anblick des Käfers dies getan hatte. Genau so gelb wie das Käferkleid war nämlich das Seidengewand der Frau, das in glänzenden Falten geschmeidig von ihren Schultern herniederfloß, während das rote Haar ebenfalls gleißte.

Wie sie nun so mit den weißen Armen winkte und ihre grünlich schillernden Augen auf den Knaben heftete, glich sie einer goldenen Schlange; ihre Stimme fragte lockend: „Wohin geht denn dein Weg, mein Knabe?“

„Nach Hause will ich,“ lautete Rainers kurze Antwort, denn ihm flößte die Erscheinung Unbehagen ein.

Diese schien das nicht zu bemerken, denn sie fuhr in eindringlichem Tone fort: „Und so allein geht das Bürschchen durch den Wald? War niemand bei dir?“

[120] „Doch,“ nickte Rainer, „mein Schwesterchen, aber ich verlor es aus den Augen und suche es eben.“

„Ei, das trifft sich gut,“ ließ die Frau sich vernehmen, „ich sah das Kind und will dich zu ihm führen.“

Sie nahm einfach den Knaben bei der Hand, ihn mit sich ziehend, und er folgte, da er das Schwesterchen doch wiederfinden mußte.

Freilich, so weich und warm wie die Hand der Treue war die seiner Führerin nicht; ihre Finger waren knochig, und an ihrem Arm glänzte auch kein so schöner Goldreif, als die Treue ihn trug. Doch das war ja Nebensache; wenn die Frau ihn nur wieder zu Sitta führte, so mochte der Druck ihrer Finger ihn schmerzen, ihm galt es gleich.

Und wirklich! Da, – als beide um einen Felsblock bogen, kam Sitta, verweint, aber noch ihr Band haltend, daher, geführt von der guten Taube. Glückselig ob des Wiederfindens umarmten sich die Geschwister, aber selbst jetzt hielt die Kleine ihr Band sorglich fest. Dann erst gewahrte sie Rainers Begleiterin, die einige Schritte zurückgeblieben war und mit eigentümlichem Gesichtsausdruck die kleine Szene beobachtet hatte.

Auch Sitta fühlte bei ihrem Anblick ein rätselhaftes Unbehagen, doch das kostbare Seidenkleid flößte ihr trotzdem Bewunderung ein, und als die Fremde auch sie fragte, wohin sie wolle, antwortete sie freundlicher, als vorhin der Bruder.

„Also nach Hause wollt ihr, Kinder, wirklich? Ei, ei, – und fürchtet euch nicht vor Strafe?“

„Weißt du denn, warum wir fortgelaufen sind?“ fragte Rainer erstaunt, denn er hatte dieser Frau kein Wort davon erzählt. Ob sie auch so allwissend war wie die andere im blauen Gewande?

„Freilich weiß ich das; ich sah zufällig durchs Fenster, als ihr das Gefäß zerbrochen hattet, und hörte recht gut, was eure Kinderfrau sagte.“

[121] Scheu betrachteten die Geschwister die rätselhafte Frau, doch Sitta flüsterte: „Laß uns fort, Täubchen wartet.“

Wirklich ertönte auch eben das „Krrruh – kurruh – Kinder lauft zu!“ warnend, fast ängstlich.

Als die gelbe Frau das Vorhaben der Kinder erkannte, lachte sie: „Es scheint mir fürwahr possierlich, daß zwei Kinder nicht schnell genug heim kommen können, um ihre Strafe zu empfangen.“

„Wir haben sie verdient und wollen sie gern tragen,“ erklärte Sitta jetzt mutig, „und unsere Mutter hat uns lieb, sie darf nicht noch mehr um uns weinen.“

„Glaubt ihr wirklich, daß eure Stiefmutter um euch weint?“ fragte die Gelbe spöttisch, „wer sprach euch denn solches Märlein vor?“

„Die gute blaue Frau, die Treue, hat es uns gesagt,“ bekräftigte Rainer jetzt bestimmt, „und was die sagt, das glauben wir.“

„O, ihr Leichtgläubigen!“ Die Unbekannte sprach es, dabei listig von der Seite blinzelnd. „Glaubt mir, eure Stiefmutter ist froh, daß sie euch los ist.“

„Aber die Treue sagte doch ganz anders; nein, du gelbe Frau bist garstig, du weißt gar nicht, wie gut unsere Mutter ist,“ antworteten beide.

Doch die Unbekannte schien nicht empfindlich zu sein; sie versuchte die blonden Köpfe zu streicheln und raunte: „Ihr verblendeten Kinder, wenn ihr mir nicht glaubt, werdet ihr euer Wunder erleben.“

So und ähnlich fuhr sie fort, während sie den Kindern folgte, bis diese wieder in ihrer guten Meinung wankend wurden.

„Ja, wer weiß, vielleicht hat diese Frau doch recht,“ dachten sie endlich. Und als sie noch ein Stück Weges in ihrer Begleitung [122] gemacht hatten, seufzten sie: „Ach, wie wird es uns daheim ergehen!“

Mit triumphierendem Lächeln erlauschte die Gelbe diese Seufzer; sie wußte nun, daß ihre bösen Reden nicht ohne Wirkung geblieben waren. Die Kinder waren ihr verfallen, weil sie vergaßen, was sie unlängst der Treue gelobt hatten.

Im nächsten Augenblick schlüpfte die Gelbe durch das Buschwerk, den beiden höhnisch nachwinkend.

Die Geschwister aber schlichen nun müde und einsilbig weiter, so sehr Täubchen auch mahnte, denn ihre Zuversicht war entschwunden.

Da lief eine goldig schillernde Eidechse über den Weg, nach der Sitta sich schnell bückte, unmutig ausrufend: „Warum sollen wir so eilig heim, da es hier im Walde so viel Wunderbares gibt?“ Während dieser Worte entglitt ihr das lässig gehaltene Band, was sie nicht sogleich bemerkte, denn im selben Augenblicke tummelte sich eine ganze Schar solcher Goldeidechsen spielend vor den Geschwistern. Täubchen jedoch flog davon, traurig girrend:

„Krrruh – kurruh –
Muß zur treuen Fru, –
Melden was geschehen,
Was ich mußte sehen:
Wie die Kinder treulos sprachen,
Untreu ihr Gelöbnis brachen.“

Wohl erschrak Sitta sehr, als sie merkte, daß Band und Taube entschwunden waren, doch die letzten Worte der treuen Führerin hörten beide nicht, da sie viel zu eifrig den wunderbaren Geschöpfen folgten.

Sie verloren denn auch sehr bald den rechten Weg, daß sie endlich weinend nicht aus noch ein wußten; dazu ward es dunkler und dunkler.

[123] Dicht vor ihnen lag ein düsterer Teich, an dessen Rande die Erlenbüsche eigentümlich rauschten. Es klang fast wie eine Lockung, doch sie wurde von einem Frosch übertönt, der aus Leibeskräften rief:

„Quak – quak – brekquequequix –
Fort! – Fort! – hier wohnt die Nix’.“

Da erschraken die beiden gar sehr, liefen in der ersten besten Richtung weiter, bis sie ganz erschöpft in das Moos sanken.

Wohin sollten sie sich nun wenden? Ihr Weinen half ihnen nichts; als sie aber wieder um sich blickten, leuchtete es seltsam durch das Dunkel: es waren glänzende gelbe Nachtfalter, die die Kinder umgaukelten. Diese, ihre Müdigkeit vergessend, suchten sie zu haschen. Sie folgten den Wunderfaltern, die alle an einer bestimmten Stelle haltmachten; es war ein Gebäude, wie die Kinder gerade noch erkennen konnten.

Doch ihre Hoffnung, es möchte das Schloß der Treue sein, wurde getäuscht. Dünn und gebrechlich erschienen die Säulen der Vorhalle, als ob jeder heftige Windstoß das ganze Bauwerk wie ein Kartenhaus umwerfen könne, und häßlich gelb waren die Schlingpflanzen, die überall wucherten.

Es blieb den Geschwistern aber kein anderer Ausweg, als hier um Obdach zu bitten, wollten sie nicht im Walde vielleicht elend umkommen.

Die Schmetterlinge zeigten ihnen schon den Weg; eine Zickzacktreppe führte hinauf bis an das ebenfalls sehr gebrechlich erscheinende Tor. Das flog im gleichen Augenblick auf, als die Kinder es erreichten, und schloß sich ebenso schnell wieder hinter ihnen.

Erschrocken blickten sie auf, als plötzlich die gelbe Frau vor ihnen stand, sie mit spöttischem Gruße bewillkommend. Ohne eine Antwort abzuwarten, führte sie beide in einen prächtigen [124] Saal, dessen Decke von noch dünneren Säulen getragen wurde, und dessen Wände und Polster genau so gelb waren wie das Kleid der Frau.

Auch hier stand ein gedeckter Tisch bereit, doch so großen Hunger die Kleinen auch verspürten, es schmeckte ihnen nichts, obwohl der gelbe Honig, das goldgelbe Brot und der gelbe Eiertrank tadellos waren.

Nach dem Essen streckten sie sich todmüde auf die ihnen zur Ruhe angewiesenen Polster und schliefen, bis die helle Morgensonne sie weckte.

Da öffnete sich die Tür, und die listigen Augen der gelben Frau lugten um die Ecke.

Die Geschwister wußten noch nicht, wer ihre Wirtin eigentlich war, doch sprangen sie auf, um sie zu begrüßen.

Sie zog beide Geschwister ohne viel Worte mit sich in den Garten, der sich weithin erstreckte; doch wie sonderbar war der beschaffen! Alles gelb, wohin das Auge blickte: Goldregen, Hahnenfuß, Löwenzahn, Arnika, Strohblumen und andere gelbe Blumen, daß es den Augen ordentlich weh tat.

Rainer verlieh seinen Gedanken zuerst Worte, indem er enttäuscht ausrief: „Ach, dein Garten ist wüst, – den mag ich nicht anschauen. Hast du keinen Weiher und keine blauen Stiefmütterchen wie die Treue?“

Da ward das Lächeln der Frau sauer, als ob sie Essig geschluckt hätte, und schrill klang ihre Stimme, als sie jetzt antwortete: „Ei, mein Söhnchen, meine Pflegeschwester hat es dir wohl angetan mit ihrem langweiligen blauen Garten? Ich könnte auch einen solchen haben, wäre ich nicht meiner Pflegemutter entlaufen. Ja, ihr Kinder, ich habe es ähnlich gemacht wie ihr selbst. Eure blaue Freundin und ich wuchsen bei einer alten, ernsthaften Frau auf, bei der Weisheit, die sehr eifrig bemüht war, uns zum Wohle der Mitmenschen zu erziehen. Auch ich mußte damals blaue Kleider tragen, denn ich sollte [125] ebenso wie meine Pflegeschwester umherziehen und die Menschen treuer und besser machen. In unserer freien Zeit mußten wir beide unserer Pflegemutter helfen, Schicksalsfäden zu spinnen, die sie gebrauchte, um Eigenwillen, Oberflächlichkeit und andere Fehler der Menschen damit zu binden; sie hat die Schicksale vieler Menschen in andere, bessere Bahnen geleitet. Ich aber konnte der alten wunderlichen Frau die Sache nie recht machen; ich hatte auch zu ihren Arbeiten keine Lust, was gingen mich die Schicksale der Menschen an? Genug, ich entwischte eines schönen Tages, schuf mir ein Heim nach meinem Geschmack, lebte frei, wie ich wollte, kurz, ich wurde das gerade Gegenteil meiner Pflegeschwester.“

„Dann bist du wohl die Untreue?“ fragte Rainer erschrocken, – und als die Gefragte mit einem leichtfertigen „Ja“ antwortete, ergriff er schnell die Hand des Schwesterchens, um so schnell wie möglich dem unheimlichen Bereich der Schlimmen zu entfliehen.

Doch schon vertrat die Gefürchtete ihnen schadenfroh den Weg. „Wer mir verfallen ist, den gebe ich nicht wieder frei, ihr seid untreu geworden, darum seid ihr nun in meiner Macht, und zwar so lange, bis ihr mir gesagt habt, wie viele Blumen in meinem Garten blühen. Kommt!“

Es half kein Bitten, kein Weinen; sie zog die Kinder unsanft an einen Sumpf, auf dem häßliche gelbe Blumen wucherten.

„So, ihr fragt nach meinem Weiher. Hier ist er; das sind Tränen, die aus Zorn, Bosheit, Heuchelei und dergleichen mehr von den Menschen vergossen[1] worden sind. Und seht ihr, dort stehen auch Stiefmütterchen, alle gelb, so wie ich es liebe, und die zeigen, wieviel böse Stiefmütterchen es gibt, denn allemal, wenn ich eine solche finde, wächst hier eine neue Blume hinzu.“

[126] „Die Treue hatte viel mehr Stiefmütterchen,“ flüsterte Sitta dem Bruder zu, und dieser antwortete ebenso: „Ja ich glaube es jetzt auch, daß es viel mehr gute Stiefmütter gibt als böse.“

Die Untreue bekam vor Aerger über diese Worte ein ganz gelbes Gesicht und herrschte die Kinder an: „So, nun zählt!“

Die Kleinen fingen schluchzend an; aber alle Augenblicke verzählten sie sich, und wie sie von vorn anfingen, war hier eine Blume welk geworden, dort eine neue aufgeblüht, und so kamen sie nicht zustande mit ihrer Arbeit.

Am Abend frohlockte die Untreue: „Ihr werdet noch bis zum jüngsten Tage zählen können, – niemals könnt ihr frei werden.“ Und als die Kinder sie inständig baten, sie doch fort zu lassen, antwortete sie höhnisch: „Habe ich euch darum mit Goldkäfern, Eidechsen und Schmetterlingen hergelockt? Nein, ich lasse euch nicht frei, eure Stiefmutter müßte euch denn erlösen; aber die wird sich wohl hüten, um euretwillen sich in Gefahr zu begeben.“ –

Es waren seit dem Verschwinden der Kinder schon mehrere Tage vergangen, die den trostlosen Eltern wie eine Ewigkeit erschienen, denn alles Forschen und Suchen war bisher erfolglos geblieben.

Soeben ritt der Vater mit einigen Knechten in die umliegenden Dörfer, um daselbst nochmals zu forschen, und Frau Irmela saß bleich und verweint am Fenster. In den letzten Nächten war kaum Schlaf in ihre Augen gekommen, so daß ihre Lider jetzt schwer herabsanken.

Wie lange ihr Schlummer gewährt hatte, wußte sie nicht, doch wundersam gestärkt erwachte sie plötzlich durch den Gesang einer Schwarzdrossel, die, auf einem Holderbusch dicht vor dem Fenster sitzend, schon eine Weile die Schläferin anäugte. Nun flötete sie:

[127]

„Türü – türo – tüu –
So höre, gute Fru, –
O höre, hör’ mir zu,
Türu – türo – tüu.“

Als Frau Irmela sich erstaunt hinausbeugte, – wippte Frau Drossel gar wichtig mit dem Schwänzchen und schmetterte:

„Türitri – türio – türiei –
Sind im Walde die törichten zwei,
Sind gefangen und wünschen sich frei, –
Türitri – türio – türiei.“

Da ward Frau Irmela sehr erschrocken und seufzte laut: „Ach, wenn du mir den Weg zeigen willst, liebe Drossel, will ich mit dir gehen, um die Verlorenen zu suchen.“

Schnell warf Frau Irmela dem Vogel einige Atzung hinaus, versah sich selbst mit dem Nötigsten, steckte auch ihren goldenen Patenbecher, ein ihr besonders wertvolles Andenken, zu sich und eilte bald, unbekümmert um Frau Barbes Zetern, in den Wald.

Schwerer und schwerer ward Frau Irmelas sonst so leichter Schritt, als sie viele Stunden gewandert war, denn ihr hoffender Mut schwand, da alles Rufen, Suchen und Forschen vergeblich blieb.

Da stieß sie einen Ruf des Erstaunens aus, denn dicht vor ihr schimmerte es blau durch das Gebüsch, und als Irmela das Grün zurückbog, fiel ihr Blick auf eine schöne Frauengestalt, die eben beschäftigt war, ein umgebogenes Bäumchen wieder aufzurichten. Sie schaute mit milden blauen Augen zu der Wandermüden auf, die ihr vertrauensvoll von ihrem Gram erzählte und sie angstvoll fragte, ob sie die Kinder nicht gesehen habe.

Die blaue Frau, die natürlich niemand anderes war als die Treue, erzählte der Betrübten, was sie von den Kindern wußte.

[128] Frau Irmela hörte erbleichend, daß diese trotz der besten Vorsätze in die Hände der Untreue gefallen seien, und sagte schnell, daß sie die Kinder befreien wolle, wenn sie nur den Weg zu deren Aufenthaltsort wüßte.

Da erzählte die Treue ihr die Geschichte ihrer einstigen Pflegeschwester, wie sie die Kinder von der Untreue selbst erfahren hatten; nur daß sie noch berichtete, wie ihnen, die man beide die „Treue“ nannte, einst der gelbe Neid begegnet sei, dessen bösen Einflüsterungen es gelang, die andere ihrer Pflicht abwendig zu machen.

Während beide Frauen so durch den Wald dahinschritten empfand Frau Irmela deutlich, wie die Nähe ihrer holden Begleiterin ihr neuen Mut und neue Kräfte verlieh, so daß alles Zagen von ihr gewichen war, als die Treue stehen blieb und, auf das eben erreichte, vom letzten Abendschein beleuchtete Haus der Untreue deutend, also sprach:

„Ueber dieses Hauses Schwelle
Mußt du ungeleitet schreiten,
Auch allein, Stiefmütterchen,
Sei getrost, ich harre dein.
Kann dir doch vielleicht noch nützen,
Du getreue, zweite Mutter,
Ob auch Untreu’ Schlimmes sinnt:
Sei getrost, Stiefmütterchen!

Frau Irmela stieg mit erwartungsvollem Herzklopfen, aber doch von froher Zuversicht erfüllt, die Zickzacktreppe hinan.

Da trat ihr die gelbe Untreue hämisch lächelnd entgegen. Frau Irmela fragte nach den Kindern.

„Ha, ha, ha, eine Stiefmutter will ihre nichtsnutzigen Stiefkinder erlösen,“ gellte die höhnische Entgegnung so laut, daß Rainer und Sitta sie deutlich vernahmen und herbeieilten, um zu Frau Irmela zu flüchten.

[129] Einen Augenblick sah die Untreue der kleinen Szene beglückten Wiederfindens zwischen Mutter und Kindern zu, dann entriß sie die Kleinen mit hartem Griff den Mutterarmen, und hart klangen ihre Worte: „Halt! Noch seid ihr nicht aus meinem Bann erlöst, denn ebensowenig, wie ihr meine Blumen zählen könnt, wirst du, Stiefmutter, deine Aufgabe lösen: Irgendwo im weiten Walde sprang mein Goldreif von meinem Arme; ich suchte ihn vergeblich, den mußt du mir verschaffen.“

Wohl war es ihr sehr hart, die Kinder noch länger der Willkür der schlimmen Frau preisgegeben zu wissen, doch wollte Frau Irmela nicht rasten, bis sie das Rettungswerk vollbracht hatte.

Beide Hände streckte sie der Treue entgegen, erzählte ihr alles, fragte, welche Bewandtnis es mit dem Goldreif habe, und bat dann um Rat und Hilfe.

Die Gütige versprach, ihr beizustehen, zeigte auf ihren fest um den Arm geschmiedeten Goldreif und gab die Auskunft:

„Sie trug den gleichen Reifen
Als Pflegeschwester mein,
Solang’ sie treu den Pflichten
Blieb makellos und rein.
Doch als sie untreu wurde,
Sprang ihr der Reif entzwei,
Sprang hüpfend fort; im Dickicht
Fand ihn die Wasserfei.
Sie nahm das Kleinod mit sich,
Den Reif von Golde schwer,
Barg ihn in Wassers Grunde, –
Kein Aug’ erblickt ihn mehr.
Im dunklen Nixenweiher
Liegt er seit jener Nacht,
Im tiefen, tiefen Walde,
Wo Nixe ihn bewacht.“

[130] „Ich bitte dich, du allzeit Getreue, zeige mir den Weg zu jenem Nixenweiher und sage mir, was ich tun soll, daß die Nixe mir den Goldreif gibt,“ flehte Frau Irmela, und ihre Führerin nickte Gewährung, sie weiter und weiter in das Waldesdunkel hineinführend.

Aber auch ihre Gegnerin schlummerte nicht. Mit höhnischem Lächeln schlich sie in der Nacht an den Sumpf in ihrem Garten, wo zu dieser Zeit immer ihre Lieblinge, die Irrlichter, zu tanzen pflegten.

Die gelbe Gestalt winkte dem größten der Irrlichter, das gehorsam wie ein Hund sogleich herangehüpft kam. Mit beschwörender Gebärde raunte die Untreue:

„Wachse und glühe und bleib’ mit zur Seite,
Sei mir im Walde willkomm’nes Geleite.“

Hochauf reckte sich das Irrlicht, um dann in unruhigen Sprüngen bald sich duckend, bald hell aufleuchtend, seiner Herrin zu folgen, die sogleich im dichten Walde verschwand. Einmal glaubte sie, Frau Irmela in der Ferne zu erspähen, da zischte sie:

„Flimm’re, du Irrlicht, in flackerndem Tanze,
Hüpfend und gleißend in wechselndem Schein;
Führ’ in die Irre den nächtlichen Wand’rer,
Weitab vom Ziele noch tiefer waldein.“

Frau Irmela machte ihre Gefährtin auf den hüpfenden Lichtschein aufmerksam und bat, man möge doch zu jener Stelle eilen. Aber die Treue hob warnend die Hand, zog Stiefmütterchen nach der entgegengesetzten Richtung und mahnte:

„Untreu’ – Irrlicht – sind Gefährten,
Die wohl gerne sich gesellen!
Hüte dich vor ihnen beiden,
Wo sie deinen Weg verstellen.

[131]

Hüte dich vor ihren Ränken,
Ihrer Tücke, ihrem Flirren, –
Laß ihr Gleißen dich nicht kümmern,
Geh’ den rechten Weg ohn’ Irren.“

Immer dunkler ward das Dickicht, bis die Führerin erklärte, daß sie dem Nixenweiher ganz nahe seien.

Der Nixe im Weiher war es in dieser Nacht besonders behaglich zumute; sie ließ ihre weißen Arme vom Wasser benetzen und spielte mit einem schweren Goldreif.

Jetzt gerade versenkte sie den Schatz wieder in die Tiefe, legte das Haupt auf ein Wasserrosenblatt und flüsterte:

„Rauschet, ihr Erlen
Leis in der Nacht;
Rauschet und säuselt,
Unke hält Wacht.
Wiegt mich in Schlummer
So lieblich und schön
Durch eurer Lieder
Flüsternd Getön;
Wiegt mich, ihr Wellen,
Schwarz wie die Nacht, –
Nixe will träumen,
Unke hält Wacht.“

So sanft auch die Erlen rauschten, und so leise die Unke auch ihr „unk – unk –“ rief, der Nixenschlummer währte nur eine kurze Spanne Zeit, denn Frau Irmela stand jetzt am Ufer des Weihers, der Nixe ihre Bitte vortragend.

Die Wasserfei glaubte zu träumen, denn außer der Untreue, die mit ihren Irrlichtern hier öfter vorbeikam, und außer den zwei wandermüden Kindern, die sie vor Tagen erblickt hatte, war seit langer Zeit niemand in ihre Nähe gekommen.

[132] Die Arme im Nacken verschlungen, blinzelte die Nixe zu der jungen Frau hinauf.

„Du suchst den Reifen schwer von Gold,
Dies Kleinod ich dir geben sollt’?
Gib mir ein andres Kleinod schnell,
Den Patenbecher blinkend hell.“

Kalt wie Wasserflut klangen die Nixenworte, daß Frau Irmela erschauerte. Ach! gerade dieses Andenken herzugeben, ward ihr schwer, doch zog sie den Becher sogleich hervor, indem sie antwortete: „Nimm ihn, Nixe, denn die Kinder sind mehr wert als schnödes Gold. Gib mir den Reifen.“

Die Nixe griff hastig nach dem Becher, ihn sofort in die Tiefe versenkend. Dann sprach sie wie vorhin:

„Für den Becher hier von Gold
Ich den Reifen geben sollt’?
Größ’rer Schatz der Reif mir war,
Gib mir noch dein goldnes Haar.“

Stiefmütterchen erschrak, denn diesen Schmuck des Hauptes gibt wohl niemand gern her.

Aber trotzdem. Seufzend nahm sie den von der Nixe dargereichten messerscharfen Binsenhalm in Empfang, mit dem sie in Ermangelung einer Schere ihr Haar abschnitt.

Kaum hatte die Nixe es erhalten, als sie, mit kaltem Blick die Opfermutige betrachtend, ihr zurief:

„Im Nixenteich die Wasserfei
Gibt ihren Goldreif noch nicht frei, –
Sie heischt dafür der Dinge drei!“ –

Händeringend stand Frau Irmela am Ufer, ratlos stammelnd: „Was ich besaß, gab ich dir, willst du vielleicht noch meine goldnen Nadeln?“

Verächtlich blickte die Nixe auf den Schmuck. Dann fuhr sie fort, – und es klang hohl wie das Gurgeln des Wassers:

[133]

„Der Reif in sich’rer Tiefe ruht, –
Zeig’ erst noch größern Opfermut,
Gib mir von deinem Herzensblut.“

Als die Nixe untertauchend, im nächsten Augenblick den Goldreif verlockend emporhielt, ergriff Frau Irmela entschlossen eine der langen Nadeln, um sie in ihr Herz zu stoßen.

Doch in diesem Augenblick höchster Lebensgefahr wurde ihre Hand von der starken Hand der Treue ergriffen und abgelenkt. So stach sich Stiefmütterchen nur in die Hand, und einige rote Blutstropfen fielen ins Wasser. Der Nixe Macht war gebrochen. Sie war im Wasser verschwunden; am Ufer aber lag der Goldreif. –

Die Untreue hatte mit ihrem Irrlicht den nächtlichen Wald kreuz und quer durchwandert und war gerade von fern Zeugin gewesen, als Stiefmütterchens Nadel das Herz suchte.

Triumphierend, mit schadenfrohem Gelächter war sie ihrer Behausung zugeeilt, wähnend, daß die ihr unbequeme Frau ein Opfer ihres Wagemutes geworden wäre. Sie rüttelte die Kinder unsanft aus dem Schlaf und schrie ihnen zu: „Eure Mutter gab der Nixe ihr Herzblut, sie ist tot, darum wartet nicht mehr auf Erlösung, sondern beginnt euer Tagewerk.“

Rainer und Sitta weinten bitterlich, als sie solches vernahmen, und schluchzten: „Wir sind an allem schuld!“

Aber kaum hatten sie also geklagt, als Stiefmütterchen, von der Treue geführt, über die Schwelle trat. Noch bleich und mit abgeschnittenem Haar erschien Frau Irmela ihnen fremd, aber da blickten schon ihre gütigen Augen tief in die Kinderherzen hinein, während ihre Arme die reuig Schluchzenden umschlangen, und ihr Mund flüsterte: „Habt mich lieb, Kinder, seht, ich habe euch erlöst.“

Dann trat sie festen Schrittes zu der gelben Frau, reichte ihr den Goldreif und sprach: „Ich hielt mein Wort; nun halte du das deine.“

[134] Erdfahl vor Schrecken hatte die Untreue alles gesehen und gehört. Da trat die Treue hervor, deren schöne blaue Augen die einstige Pflegeschwester sowie auch die Kinder fest anblickten, während sie sprach:

„Seht, welch treue zweite Mutter,
Die voll Mut ihr Leben wagte,
Um zwei Kinder zu erlösen!
Tief im Grund des Nixenteiches
Lag der goldne Reif begraben,
Der als Lösungspreis erkoren.
Ihren goldnen Patenbecher
Gab sie hin als Opfergabe, –
Doch war Nixe unersättlich,
Heischte auch die goldnen Haare,
Und zuletzt sie gleich dem Vampyr
Selbst ihr Herzblut noch begehrte.“

Kein Wort wagte die Untreue zu erwidern, sie sank wie vernichtet in sich zusammen, als die Treue mit erhobener Stimme fortfuhr:

„Untreu sein,
Schafft nur Pein,
Bringt manch Leid und Schmerzen,
Friedlos macht’s die Herzen.
Aber Treu’
Schenkt stets neu
Glück und Ruh hienieden,
Und gibt Herzensfrieden!“

Jubelnd dankten Rainer und Sitta dem treuen Stiefmütterchen und ihrer Gefährtin, beiden aufrichtig Besserung gelobend.

Glückselig, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, schritten alle vier bei dem ersten Morgenstrahl durch den Wald.

[135] Plötzlich sprang an ihnen ein Goldreif vorüber. Die Treue hob ihn auf, es war wirklich der Reif der Untreue, der noch die Spuren vom Schlamme des Nixenteiches an sich trug.

Doch als die Treue ihn mit ihrer Hand berührte, schwanden auch diese häßlichen Zeichen einer sündigen dunklen Zeit. Die Treue streifte das Kleinod schnell über Frau Irmelas Arm, und da sie ganz in der Nähe der Heimat angelangt waren, nahmen sie bewegten Abschied. Noch lange fühlte die treue zweite Mutter den herzlichen Abschiedskuß der Freundin, noch lange glaubte sie die liebe, sanfte Stimme zu hören:

„Will, Stiefmütterlein, dir zum Angedenken,
Als Lohn der Treue den Goldreif schenken;
Er sei dir auf fernerer Lebensbahn
Ein Pfand meiner Freundschaft, ein Talisman,
Der niemals vom Arme der Pflichttreuen springt,
Der immer nur Segen und Glück dir bringt!“

Frau Irmela fand noch ihren geliebten Patenbecher, auf dem altgewohnten Platze stehend, als letzten Abschiedsgruß der Treue vor.

Die Prophezeiung derselben erfüllte sich an Frau Irmela. Noch viele glückliche Jahre lebte Stiefmütterchen mit Gemahl und Kindern zusammen in Liebe und Treue verbunden. Rainer und Sitta machten ihrer zweiten Mutter hinfort nur Freude. O, wie oft schauten sie auf Frau Irmelas kurze Haare, dachten an den verschwundenen köstlichen Haarschmuck und bemühten sich voll Reue doppelt, ihr Dankbarkeit und Liebe zu zeigen.

Nur langsam wuchsen die Haare wieder, aber endlich umgaben sie noch prächtiger, noch länger als früher die edle Gestalt.

Und wenn irgend einmal etwas Frau Irmela bekümmerte, so betrachtete sie nur ihren Goldreif, dann war ihr jedesmal, als höre sie die Stimme der geliebten Freundin:

„Sei getrost, Stiefmütterchen!“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: vergessen