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Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.

Peter von Gmünd genannt Parler
Dombaumeister in Prag
1333–1401.
Eine auf Urkunden und Denkmale gegründete biographische Studie
von
Bernhard Grueber.
(Schluß.)

Der Dombaumeister und Buchdrucker Matthäus Roritzer veröffentlichte im Jahre 1486 ein in seiner Offizin gedrucktes Werkchen, die Grundregeln des gothischen Stils enthaltend.[1] In diesem Buche sagt Roritzer, daß er die mitgetheilten Regeln nicht aus sich selbst geschöpft habe, sondern es sei alle dieses: „schon früher durch die alten, der Kunst Wissende, und fürnehmlich durch die Jungkherrn von Prag so erklärt worden.“ Diese Stelle in einem 1486 gedruckten und von einem berühmten Dombaumeister verfaßten Buche erregte begreiflicherweise großes Aufsehen und rief die eingehendsten Untersuchungen hervor. Nachdem Ch. Ludw. Stieglitz auf Roritzer’s Buch aufmerksam gemacht, beschäftigte sich Sulpiz Boisserée zunächst mit der Frage, wo und in welcher Weise die Jungkherrn thätig gewesen seien. Von der richtigen Ansicht ausgehend, daß an den Bauhütten stets einige erfahrene Männer als Lehrer wirkten, welche von Ort zu Ort reisten, um die Prinzipien des Stiles und die Reinheit der Disziplinen aufrecht zu erhalten, glaubte er in den Prager Meistern dergleichen Lehrer erkennen zu dürfen, weil Roritzer sie als „alte der Künste Wissende“ bezeichnet hatte. Nun entdeckte Boisserée in den Münsterbaurechnungen zu Straßburg die Taufnamen „Johann und Wenzel“, jedoch ohne Angabe einer näheren Bezeichnung, und vermuthete, weil der letztere Name einen spezifisch böhmischen Klang hat, auf die Jungkherrn gestoßen zu sein. Er wandte sich hierauf an den als Archäologen bekannten Professor E. Wocel in Prag mit der Anfrage, ob sich daselbst keine Nachrichten über die Jungkherrn vorfänden. Wocel, Philolog von Fach, durchblätterte die Verzeichnisse der Lukasbruderschaft, fand hier die Namen: Johann, Wenzel und Peter Panicz, und säumte nicht, weil das böhmische Wort Panicz dem deutschen Junker und dem französischen Damoiseau (Sohn des Herrn) entspricht, die Panitze mit den


  1. Puechlen von der fialen gerechtigkait. Ein überaus seltenes Druckwerk, von Matthäus Roritzer verfaßt und in seiner Buchdruckerwerkstatt mit auffallend kleinen Lettern gedruckt. Die Schrift besteht nur aus 12 Blättern in Quartformat, ist mit Holzschnitten ausgestattet und dem Bischofe Wilhelm von Reichenau zu Eichstädt gewidmet. Es sollen im Ganzen nur sechs oder sieben Originalexemplare vorhanden sein, von denen eines die Bibliothek in Regensburg, ein zweites das Nationalmuseum in München besitzt. Die übrigen Exemplare sind nach England gekommen. Das Buch wurde zuerst im Jahr 1844 von Carl Heideloff, und 1845 mit wesentlichen Verbesserungen von A. Reichensperger, Trier bei F. Lintz, neu aufgelegt.
Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.. H. Lindemann, Stuttgart 1878, Seite 193. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:WuerttVjhhLG_Jhg_01.djvu/201&oldid=- (Version vom 1.8.2018)