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hineingekommen wäre – den Eindruck einer Blume, die ein Sonnenstrahl aus ihrer herben Knospenhülle gelockt hat.

Während die Schwester den Obersten und seinen Adjutanten vorstellte, sah Gina – sei’s aus Koketterie, sei’s aus Befangenheit – von den Herren weg und machte sich mit dem Kranz auf dem Kreuz zu schaffen, den sie zurecht rückte.

Ein langer, schräger Nachmittagssonnenstrahl schimmerte auf den goldenen Buchstaben der Grabschrift. Swoyschin las die Worte:

Kein Bursch um sie warb,
Das Mägdelein starb,
Hat Lieb’ nie gekannt,
Ist das Herz ihr verbrannt.
Ist der Todesengel gekommen,
Hat’s in die Arme genommen,
Hat’s auf die Lippen geküßt,
Und als sein Liebchen begrüßt!

„Du könntest doch endlich aufhören, dich mit der liebeskranken Müllerin zu beschäftigen,“ sagte indessen Emma fast barsch.

„Was willst du, sie thut mir leid!“ murmelte Gina, „sterben, ohne das große Glück des Lebens kennen gelernt zu haben! Es ist schrecklich!“

Der Oberst kam sofort zu der Überzeugung, daß Gina Ginori nichts andres sei als eine schauderhafte Poseuse! Etwas ironisch fragte er: „Was nennen Sie das große Glück des Lebens?“

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Ossip Schubin: Vollmondzauber. Stuttgart: J. Engelhorn, 1899, Band 1, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Vollmondzauber.djvu/121&oldid=- (Version vom 1.8.2018)