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schied, hatte er ihn aufgefordert, noch denselben Nachmittag mit ihm spazieren zu reiten; er wollte ihm die Honneurs der Gegend machen. –

Das Wetter hatte sich indessen geändert. Die Luft war feucht-weich, fast warm. Der Sonnenschein kämpfte mit dem Nebel. In den weiten Breznitzer Wäldern glitzerte und flimmerte alles von Tau, und ein schillernder bläulicher Dunst verwischte die Fernen. Gegen den Dunst hoben sich die Bäume in ungewöhnlich tiefen, satten Farben ab. Die Birken mit grellweißen Stämmen und goldig schimmerndem Laub, mit schwermütig-launiger Anmut dem Tod entgegenschauernd, mischten sich zwischen den großartigen Ernst der hohen alten Kiefern, die, unverändert schwarzgrün, sich von dem Wechsel der Jahreszeit nichts anhaben ließen. Die Eichen, von bronzefarbigen Blättern verhüllt, streckten ihre knorrigen Äste in den Himmel, dann plötzlich sah man’s hinter ihnen wie eine Feuersbrunst aufglühen. Es waren die Zweige eines Ahornbaumes. Das Moos, teilweise vom Nebel verwischt, leuchtete an andern Stellen smaragdgrün. Die rötlich verschwimmenden Strahlen der tiefstehenden Nachmittagssonne breiteten sich lang über den Boden aus, malten leuchtende Regenbogenfarben in die schleichenden Nebelschleier und verkrochen sich wohlig in das feuchte Moos. Es machte den Eindruck, als ob das Moos aus einem goldigen Untergrund herauswüchse.

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Ossip Schubin: Vollmondzauber. Stuttgart: J. Engelhorn, 1899, Band 1, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Vollmondzauber.djvu/019&oldid=- (Version vom 1.8.2018)