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denn man hatte sich erhoben, und Daisy war sogleich hinausgegangen.

Das Leben floß dahin, wie immer, wie jeden Tag. Wie immer, schleppten sich die Tage langsam und langweilig hin; der Morgen erhob sich schläfrig und neblig, der Mittag kam blaß heran, erschöpft und traurig, die Abende waren von Fieberluft und Nervosität durchschwängert, die Nächte aber dehnten sich ohne Ende und lauschten, gleichsam ganz versunken, dem unaufhörlichen Regen, dem Rauschen der Bäume; ein unendlicher Reigen vergessener Augenblicke, Tausende von Gesichtern, Tausende von zerstobenen Gedanken glitten wie in den Tiefen eines Spiegels durch Zenons Hirn, das keiner Sammlung mehr fähig war, und an seinen Augen vorüber, die blind waren für alles Äußerliche und nur immer angestrengt in eine geheimnisvolle, zauberhafte Ferne des Erwartens starrten. Er wartete auf das Zeichen von Daisy.

Auf das versprochene „morgen“, dort an jenen fernen, blauen Meeren. Er wartete ruhig, voll Vertrauen, bis sie käme und sagte: Komm!

Und Tag für Tag stand er auf mit dem glühenden Hoffen, daß es sogleich in Erfüllung gehen würde, daß sich heute die Pforten des erträumten Paradieses öffnen müßten, doch nach einigen Tagen voll ekstatischer Erwartung fuhr Daisy mit dem Mahatma auf einige Zeit nach Dublin. Er wurde unruhig, aber er begleitete sie zur Bahn, zusammen mit Yoe und vielen Anhängern. Im letzten Augenblick noch, ganz kurz vor der Abfahrt, versenkte Daisy ihre glühenden Augen in seine und flüsterte:

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Władysław Reymont: Der Vampir. Albert Langen, München 1914, Seite 202. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Reymont_-_Der_Vampir.djvu/202&oldid=- (Version vom 1.8.2018)