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nicht etwa, wie man sie in Norddeutschland wohl antrifft, farblose Götter- und Helden-Bilder, sondern der frohen Gegend gemäß bunt angemalte Heilige. Die Mutter Gottes thronte über allen. Aus den vierzehn Nothelfern waren die vorzüglichsten auserlesen. Der heilige Rochus in schwarzer Pilgerkleidung stand voran, neben ihm sein brottragendes Hündlein. Die ganze umliegende Gegend war in Bewegung, alte und neue Gelübde dankbar abzutragen. In der Kapelle des heiligen Rochus wollte man seine Sünden bekennen und Vergebung erhalten. Auch sollte der gehinderte, unterbrochene, ja oft aufgehobene Wechselverkehr der beiden Rheinufer, der am besten durch diesen Heiligen unterhalten wurde, glänzend wiederhergestellt werden. Mancher wollte auch nur in der Masse der zu erwartenden Fremden längst vermißten Freunden wieder begegnen.

Eine Gesellschaft aus Wiesbaden, in welcher sich der Dichter Goethe als Kurgast befand, wollte dem Feste gleichfalls beiwohnen. Man hielt die letzte Rast im Gasthofe zur Krone zu Rüdesheim. Er war an einem alten Turme angebaut und ließ aus den vorderen Fenstern rheinabwärts, aus der Rückseite rheinaufwärts blicken. Doch suchten die Gäste bald in’s Freie zu kommen. Ein vorspringender Steinbau war der Platz, wo man die Gegend am reinsten überschaute. Flußaufwärts sah man von hier aus die bewachsenen Auen in ihrer ganzen perspektivischen Schönheit; unterwärts am gegenseitigen Ufer Bingen, weiter hinabwärts den Mäuseturm im Flusse.

Von Bingen heraufwärts erstreckt sich nahe am Strome ein Hügel gegen das obere flache Land. An seinem östlichen Ende sieht man die dem heiligen Rochus gewidmete Kapelle.

Die Gesellschaft aus Wiesbaden besuchte an diesem Tage das weit sich erstreckende Rüdesheim hinabgehend das alte römische Kastell, welches sich durch seine treffliche Mauerung dort erhalten hat. Man trat daselbst in einen brunnenartigen Hof. Der Raum ist eng, hohe schwarze Mauern steigen wohlgefügt in die Höhe, rauh anzusehen, denn die Steine sind äußerlich unbehauen, eine kunstlose Rustica. Die steilen Wände sind durch neuangelegte Treppen ersteiglich; in dem Gebäude selbst findet man einen eigenen Kontrast wohleingerichteter Zimmer und großer, wüster, von Wachfeuern und Rauch geschwärzter Gewölbe. Man windet sich stufenweise durch finstere Mauerspalten hindurch und findet zuletzt auf turmartigen Zinnen

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Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Tonger & Greven, Berlin 1886, Seite 81. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Rheinlands_Sagen_und_Geschichten.djvu/91&oldid=- (Version vom 1.8.2018)