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Philon: Ueber Joseph (De Josepho) übersetzt von Leopold Cohn

sterblichen Vaters zu gedenken? Haben wir doch den unvergänglichen, den unsterblichen, den ewigen (Vater), „der alles sieht und alles hört“[1], auch das was im stillen geschieht, der stets auch das sieht, was im innersten Winkel der Seele vorgeht: ihn rufe ich als Zeugen an für die aufrichtige Versöhnung in meinem Gewissen. 266|Denn — wundert euch nicht über meine Worte — „Gottes bin ich“ (1 Mos. 50,19)[2], der eure schlimmen Pläne in ein Uebermass von Glück verwandelt hat. Seid also ohne Furcht, in Zukunft soll eure Lage eine noch günstigere sein als die, deren ihr euch zu Lebzeiten des Vaters erfreut habt“. 267|(44.) Mit solchen Worten beruhigte er die Brüder und bekräftigte seine Versprechungen noch mehr durch die Tat, da er nichts an Fürsorge für sie ausser acht liess. Auch nach den Zeiten der Hungersnot, als die Bewohner sich schon wieder der Fruchtbarkeit des Landes und des Ueberflusses erfreuten, stand er in hohen Ehren bei allen, da man sich erkenntlich zeigte für die in schwierigen Zeitläuften empfangenen Wohltaten. 268|Sein Ruf drang von Stadt zu Stadt, und überall wurde der Ruhm dieses Mannes verkündet. Er lebte 110 Jahre und starb in glücklichem Greisenalter, nachdem er den Gipfel der Schönheit, Einsicht und Redegewandtheit erreicht hatte. 269|Zeugnis für seine körperliche Schönheit ist die Liebe, die ein Weib zur Raserei für ihn entflammt hat; Zeugnis für p. 79 M. seine Einsicht die gleichmässige Standhaftigkeit in den vielen Wechselfällen des Lebens, durch die er Einklang in die misstönenden und Harmonie in die an sich unharmonischen Dinge zu bringen vermochte; Zeugnis für seine Beredsamkeit die Deutung der Träume, seine Gewandtheit in der Unterhaltung und die entsprechende Ueberredungskunst, durch die er es erreichte, dass keiner der Untergebenen gezwungen, sondern jeder freiwillig ihm gehorchte. 270|Von seinen Lebensjahren verlebte er die ersten siebzehn bis zum Beginn


  1. Zitat aus den Homerischen Gedichten, wo diese Worte vom Sonnengotte gebraucht werden (Il. III 277. Od. XI 109. XII 323).
  2. Die Septuaginta übersetzt die Worte Josephs התחת אלהים אני‎ (bin ich an Gottes Statt?) durch τοῦ θεοῦ γάρ εἰμι ἐγώ (ich bin Gottes, ich gehöre Gott an).
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Philon: Ueber Joseph (De Josepho) übersetzt von Leopold Cohn. Breslau: H. & M. Marcus, 1909, Seite 212. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonJosGermanCohn.djvu/059&oldid=- (Version vom 6.9.2017)