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Philon: Ueber Joseph (De Josepho) übersetzt von Leopold Cohn

schliesslichen guten Ausgang auf Gott zurückführte und keinen Groll mehr empfand über alles Unangenehme, was er früher zu erleiden hatte, und seine ausserordentliche, mit Bescheidenheit gepaarte Charakterfestigkeit: 247|trotz der schlimmen Lage, in der er sich befand, hatte er weder als Sklave schlecht geredet über die Brüder, die ihn doch verkauft hatten, noch damals, als er ins Gefängnis abgeführt wurde, aus Unmut ein Geheimnis ausgeplaudert, noch bei seinem längeren Aufenthalt daselbst nach der Sitte der Gefangenen, die ihre p. 76 M. misslichen Schicksale sich mitzuteilen pflegen, irgend etwas verraten; 248|als ob er nichts wüsste von dem, was ihn betroffen, äusserte er nicht einmal, als er die Träume deutete, sei es den Eunuchen sei es dem Könige, obwohl er da eine günstige Gelegenheit zum Erzählen hatte, irgend etwas über seine edle Abstammung, auch nicht als er zum Stellvertreter des Königs ernannt wurde und die Leitung und Verwaltung von ganz Aegypten übernahm, (während er es doch hätte tun können), um nicht als ein Mann von niederer und dunkler Herkunft zu erscheinen, sondern als wirklicher Edelmann, und nicht als Sklave von Geburt, sondern als einer, der durch schreckliche Anschläge solcher, von denen sie am wenigsten ausgehen durften, ins Unglück gestürzt war. 249|Ausserdem wurde ihm noch grosses Lob gespendet wegen seines gerechten und freundlichen Verhaltens; denn da sie den Uebermut und die Unbildung anderer Herrscher kannten, bewunderten sie bei ihm die Art, wie er gar nicht prunkte und stolz auftrat, und dass er auf ihrer ersten Reise, als er gleich, sowie er sie sah, sie hätte töten oder in ihrer äussersten Not ihnen wenigstens die Nahrung verweigern können, sie nicht nur nicht bestrafte, sondern ihnen sogar, als ob sie Gnade verdient hätten, die Lebensmittel umsonst gab und das Geld ihnen zurückzugeben befahl. 250|So völlig unbekannt war aber der feindliche Anschlag und der Verkauf, dass die vornehmen Aegypter ihm ihre Freude ausdrückten, als ob seine Brüder eben zum ersten Mal angekommen wären, und sie zu Gaste luden und eilends dem Könige die frohe Nachricht brachten; und alles war voller Freude, nicht anders als wenn der Boden wieder fruchtbar

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Philon: Ueber Joseph (De Josepho) übersetzt von Leopold Cohn. Breslau: H. & M. Marcus, 1909, Seite 208. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhilonJosGermanCohn.djvu/055&oldid=- (Version vom 6.9.2017)