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LEDERWAREN UND GOLD- UND SILBERSCHMIEDEKUNST
(15. mai 1898)


Wenn man an der scholle klebt, kommt einem niemals zum bewußtsein, welche schätze die heimat birgt. Das vorzügliche wird zum selbstverständlichen. Hat man sich aber draußen umgesehen, dann tritt ein umschwung in der wertschätzung des heimischen ein.

Als ich vor jahren die heimat verließ, um die architektur und das gewerbe auf der anderen seite des atlantischen ozeans kennen zu lernen, war ich noch völlig überzeugt von der überlegenheit des deutschen kunsthandwerkes. In Chicago ging ich mit stolzem hochgefühl durch die deutsche und durch die österreichische abteilung. Mitleidig lächelnd blickte ich auf die amerikanischen „regungen des kunstgewerbes“. Wie hat sich das geändert! Der jahrelange aufenthalt drüben hat bewirkt, daß mir noch heute die schamröte ins gesicht steigt, wenn ich bedenke, welche blamage das deutsche kunsthandwerk in Chicago erlebt hat. Diese stolzen prachtleistungen, diese stilvollen prunkstücke, sie waren nichts weiter als banausische verlogenheit.

Zwei gewerbe waren es, die unser prestige retteten. Das österreichische prestige, nicht das deutsche, denn die deutschen hatten auch hier nichts gutes aufzuweisen. Diese gewerbe waren die ledergalanteriefabrikation und die gold- und silberschmiedekunst. Sie taten es nicht in gleicher weise. Während es jene auf allen gebieten ehrlich meinte, traf man diese auch im verlogenen lager.

Damals hatte ich eine stille wut über diese sachen. Da gab es portemonnaies, zigarren- und zigarettentaschen,

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/14&oldid=- (Version vom 1.8.2018)