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Als die Zeit kam, wo die Kleine getauft werden sollte, nahmen Vater und Mutter den Kalender zur Hand, um den allerschönsten Namen für dieselbe herauszusuchen; der Vater hätte ihr gern einen romantischen Namen gegeben, allein er bequemte sich, den Bitten seiner Frau nachzugeben, und das kleine Fräulein Hjelm erhielt bei der Taufe in der Egvadkirche, nach der Mutter der Baronesse den Namen „Cäcilia.“

Auf dem Heimwege nun, fuhren sie durch das Dorf Vostrup, wo auf einmal eine zahlreiche Schaar Bauern ihre Aufmerksamkeit erregte. Der Baron ließ halten, in dem Glauben, daß diese Versammlung ihm zur Ehre geschehe, der gute Mann hatte sich jedoch geirrt; es lag etwas ganz Anderes zu Grunde.

Vor der Hütte armer Taglöhnersleute war ein neugeborner, schwächlicher Knabe, in Lumpen eingewickelt, gefunden worden. Da die Leute, denen er gelegt wurde, zu arm waren, um ihn selbst zu ernähren, brachten sie den Knaben zum Vogte, damit er auf Communkosten erzogen werde. Dieser schlaue Mann wußte nun keinen bessern Rath, als die Leute des Kirchenspiels zusammenrufen zu lassen und den Elternlosen auf dem Wege der Versteigerung an den Wenigst-nehmenden loszuschlagen. Das Geschäft war eben in vollem Gange; ein Bauer machte das Gebot, die Verköstigung für achtzehn Schillinge Monatgeld übernehmen zu wollen, als Hjelm aus dem Wagen stieg, um dieser Licitation eigener Art zuzusehen. Da schleppte sich ein altes Weib, auf einen Stock gestützt, zu ihm hin, und legte ihre Hand auf seine Schulter. Unwillig über eine solche Vertraulichkeit wandte sich der Baron gegen sie, die Alte ließ sich jedoch durch seine zürnende Miene nicht abschrecken.

„Denk’ Er an das, was ich Ihm gesagt habe,“ raunte sie ihm in die Ohren, „heute ist es seit jenem Abend, wo die Kleine geboren ward, das Erstemal, daß Er über einen Weg fährt, und hier ist Gelegenheit zu einer guten Handlung.“

So redend verschwand Lisbeth; Hjelm fand sich von ihren Worten getroffen, er ging zum Vogte hin, der ihm auf seine Zusage, das Kind unentgeltlich aufzuziehen, dieses gern überließ. Die Baronesse rümpfte freilich die Nase, als ihr Gemahl mit dem kleinen, schmutzigen Knaben auf den Armen, zum Wagen hintrat, aber der Baron war Herr im Hause, Alles ward geordnet, und acht Tage später ließen sie den Knaben taufen und unter dem Namen „Theodor,“ was soviel als „Gottesgabe“ bedeutet, in das Kirchenbuch von Egvad eintragen. –

Als nun die beiden Kinder größer wurden, gaben sich auch ihre verschiedenen Sinnesanlagen zu erkennen. Theodor hatte eine auffallende Unlust zu jeder sitzenden Beschäftigung; er bildete den vollkommensten Gegensatz zur kleinen Cili, wie man sie nannte. Es war unmöglich, ihm Etwas zu lehren, was mit Nachdenken verbunden war und Ausdauer erforderte; dagegen war er ein trefflicher Schütz und ganzer Jäger. Er konnte schwimmen wie ein Fisch, lief mit dem Sturmwinde um die Wette, und wenn er zuweilen Cili mit auf seine Streifzüge verlockte, fand man sie Beide am Damme außen, in einem losgebundenen Boote sich herumtreibend, oder der verwegene Knabe stieg auf eine von den Tannen, die an der Rückseite des Schloßes standen, während das zarte Mädchen im Garten stehend zu ihm hinaufsah und in kindlicher Freude in die Händchen klatschte, wenn sie den lieben Bruder so hoch oben sah.

Je älter die Kinder wurden, desto fester ketteten sie sich aneinander, merkwürdig genug, da Cili, wie gesagt, den vollkommensten Gegensatz zu Theodor bildete; es war umsonst, daß ihr die Baronesse bei jeder Gelegenheit einschärfte, welcher Unterschied zwischen ihr und dem Bruder herrsche; und eben so wenig half es, daß sie ihr erzählte, was die alte Frau über ihr künftiges Schicksal geweissagt habe. Mutter Lisb’ kam ja selbst, wenn sie so auf den Feldern außen spaziren gingen, ohne daß Jemand darum wußte, sehr oft zu ihnen, liebkoste Beide, und bat sie allzeit, sich lieb zu haben. – So wurden die Kinder dreizehn Jahre alt, Theodor konnte mit genauer Noth lesen, desto besser verstand er aber mit seiner Büchse umzugehen. Er hatte sich einen großen Hund abgerichtet, der nun sein beständiger Begleiter auf allen seinen Ausflügen ward. Zuweilen mehrere Tage von Lönborg abwesend, wußte Niemand, wo er sich die Zeit über aufhielt; die lange, dunkelbraune Haide war sein Tummelplatz und liebster Aufenthaltsort, er kannte die Gegend auf einen Umkreis von vielen Meilen eben so gut, wie der Hase sein Lager kennt. Sein Charakter erlitt bedeutende Veränderungen, oder richtiger, die verborgenen Keime desselben entwickelten sich immer mehr und mehr, aber das Verhältniß zwischen ihm und Cili blieb immer dasselbe. Es schien, als ob sie sich noch fester an den Jungen anschließe; innig und herzlich, wie wenn Beide nur eine Seele hätten.

Um diese Zeit ereignete es sich, daß die Schwester der Baronesse nach Lönborg kam und den Wunsch äußerte, das junge Fräulein mit nach Copenhagen zu nehmen, um dort deren Erziehung zu vollenden. Frau Hjelm war über dieses Anerbieten sehr erfreut, weil sie darin einen Ausweg sah, die Kinder von einander zu trennen, was sie bis jetzt vergeblich versucht hatte. Cili selbst schien daran Gefallen zu finden, sie erzählte es Theodor, und noch am nämlichen Abend will man sie im Garten unten mit der alten Lisb’ in eifrigem Gespräche gesehen haben. Theodor fuhr fort zu singen und zu jubeln wie vorher, am nächsten Morgen aber, als der Wagen der Schwester vor der Thüre hielt, suchte man ihn und Cili vergebens, – sie waren spurlos verschwunden, auch der

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Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 170. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/174&oldid=- (Version vom 29.12.2019)