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verschiedene: Die Gartenlaube (1897)

den Fingern auf der Tischplatte trommelnd, recht blassen Gesichts auf ihre Mitteilung.

„Mutter hat mir das Märchen erzählt, Herr Doktor,“ begann sie, „vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen sagen muß, daß es nie zur Wahrheit werden kann. Ich bin sehr unglücklich darüber, daß ich Ihnen vielleicht weh thue, ich will Ihnen aber auch den Grund meiner Weigerung sagen – sehen Sie, ich habe einen andern lieb und werde ihn nie vergessen können – das Drum und Dran erlassen Sie mir wohl! Sie aber haben Anspruch auf eine Braut, die nicht nur Ihre Frau wird, sondern deren ganzes Herz Sie auch ausfüllen. Und nun bitte ich Sie um eines, Herr Doktor, um Ihre Freundschaft, wenn Sie mir dieselbe später einmal schenken können. Ich weiß es, Sie sind ein guter, kluger Mensch, und Sie verstehen meine Weigerung.

Sie hielt ihm die Hand hin, zögernd erfaßte er sie und drückte einen unbeholfenen Kuß auf dieselbe, dann trat er rasch von ihr fort ans Fenster und sprach kein Wort.

Aenne blieb noch ein paar Minuten, ihn traurig ansehend. „Machen Sie es der Mutter nicht zu schwer,“ bat sie, dann verließ sie die Stube. Und dort innen blieb einer, der setzte sich plötzlich wie todmüde an den Arbeitstisch, legte die Stirn in die Hand, und ein echter, großer Schmerz um die verlorene liebste Hoffnung seines Lebens schüttelte ihn.

Sie liebte einen andern, den sie nie vergessen konnte! Da war freilich nichts zu wollen! Da war kein Hoffen möglich!

Wer mochte es nur sein, der Glückliche? Und warum kam er nicht und riß sie an sein Herz? Was mußte er für ein Kamel sein, der so ein Mädchen harren und warten läßt, Jahr auf Jahr! dachte neidisch der arme Doktor. Vielleicht weiß es dieser Kerl nicht einmal, räsonnierte er weiter, vielleicht hat er gar ’ne Frau, die er in einer dummen Stunde genommen – möglich. Armes Kind! Ach, Aenne, du gute, reizende, ehrliche Aenne – und das ist nun das Ende der Geschichte meiner schier närrischen Liebe zu dir, und wir sollen auch womöglich noch ganz freundschaftlich weiter miteinander verkehren! Der Teufel mag dein Freund sein – ich kann’s nicht!

Nach einem Weilchen saß er in dem offenen Wagen und fuhr über die Berge nach dem einsamen Hüttenwerk, wo die typhuskranke Frau eines Beamten seiner wartete, und der Kutscher, der den allezeit gesprächige, leutseligen Herrn zu unterhalten gedachte und heute keinerlei Antwort erhielt auf seine Bemerkungen, wandte sich verwundert nach seinem schweigenden Fahrgast um. „Jesses, Herr Doktor, Se hebbe woll ’nen Schnuppen? Ihnen thränen ja de Oogen ordentlich!“

„Ja freilich, einen eklichen Schnupfen“, gab er zu, „Gott weiß, wo ich ihn mir geholt habe!“

„Na, darnach werd’s klar im Koppe“, tröstete der Alte gutmütig.

„Das thut auch not!“ pflichtete seufzend der junge Arzt bei.

(Fortsetzung folgt.)


Heinrich v. Stephan †.

Seit lange hat eine Trauernachricht nicht einen so weiten und tief schmerzlichen Wiederhall geweckt wie diejenige, die der Draht der deutschen Reichspost in den ersten Nachtstunden des 8. April von Land zu Land und von Stadt zu Stadt übermittelte. Heinrich von Stephan tot! Wer kennt nicht diesen Namen? Den Mann, der ihn trug, zählte Deutschland zu seinen besten und größten Söhnen, stand er doch mitten in jener stolzen Reihe der großen Männer, die mit Rat und That den großen Aufschwung Deutschlands herbeiführten und in langer Reihe von Jahren in Krieg und Frieden das Band der Einheit um die deutschen Volksstämme fester und fester schlangen. Und in der weiten Welt, in fremden Ländern diesseit und jenseit der Oceane, hatte dieser Name einen nicht minder hellen Klang. Heinrich von Stephan, der größte Postmann unserer Zeit – er hat weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus gewirkt, er, der Begründer des Weltpostvereins, hat auch die Völker der Erde einander genähert!

Heinrich von Stephan.
Nach einer Aufnahme von Loescher und Pritsch, Hofphotographen in Berlin.

Es war noch schlimm um das deutsche Postwesen bestellt, als Heinrich Stephan, der als Sohn eines schlichten Handwerkers am 7. Januar 1831 zu Stolp in Pommern das Licht der Welt erblickt hatte, nach Vollendung der Gymnasialstudien in den preußischen Postdienst trat. Durch seine Begabung und Arbeitskraft zeichnete er sich bald vor seinen Amtsgenossen aus und wurde bereits im Jahre 1856 ins Generalpostamt nach Berlin berufen. Er stieg hier von Stufe zu Stufe zum Postrat und Oberpostrat empor. Engeren Kreisen der Fachgelehrten wurde sein Name durch eine Reihe von nationalökonomischen und geschichtlichen Aufsätzen sowie durch sein Werk „Geschichte der preußischen Post“ bekannt; die Aufmerksamkeit der öffentlichen Welt lenkte er aber erst im Jahre 1866 auf sich, wo er nach Frankfurt a. M. kam, um die Thurn- und Taxis’sche Post abzulösen und sie mit der preußischen zu verschmelzen. Damit hatte er den Rest mittelalterlichen Feudalwesens im deutschen Verkehrsleben beseitigt und eine neue Aera desselben eröffnet. Seine Pläne zu weiteren Reformen des deutschen Postwesens und zu einer internationalen Regelung des Postverkehres fanden in Berlin Anklang, so daß Stephan am 26. April 1870 zum Generalpostmeister des Norddeutschen Bundes ernannt wurde. Der Krieg unterbrach seine reformatorische Thätigkeit; er stellte Stephan vor eine neue Aufgabe; die Post mußte in den Dienst des Heeres in Frankreich treten. In kurzer Zeit verstand der neue Generalpostmeister diese Aufgabe mit erstaunlichem Geschick zu lösen, er schuf die „Feldpost“, die allein im Verkehr der Truppen mit dem Heimatlande täglich nahezu eine halbe Million Sendungen beförderte. Mit einem Schlage wurde damals der geniale Generalpostmeister berühmt, ja, mehr als dieses im besten Sinne des Wortes.

Als der Frieden kam, konnte nun Stephan mit Nachdruck an die Verwirklichung seiner weitreichenden Pläne schreiten. Im Innern baute er die deutsche Reichspost auf, schuf eine einheitliche Postgesetzgebung, neue, segensreiche Verkehrsmittel, wie die Postkarten, die Postanweisungen und Postaufträge, er ermäßigte die Portosätze, führte einen einheitlichen Tarif für Pakete ein; er übernahm auch die Telegraphenverwaltung des Reiches und setzte den Worttarif bei Telegrammen fest; durch unterirdische Kabelleitungen verband er die Haupt- und Großstädte des Reiches, er ebnete dem Telephonverkehr die Wege, die Rohrpost in Berlin ist sein Werk, und er leitete auch die Reichsdruckerei. Geradezu märchenhaft ist der Aufschwung, den die deutsche Reichspost unter seiner schöpferischen Leitung genommen hat. Generalpostmeister Stephan hat gegen 2000 neue Postgebäude in allen Teilen des Reiches ausgeführt, verzehnfacht hat er die Zahl der Telegraphenanstalten, versechsfacht die der Postanstalten und um Tausende und aber Tausende das Heer der Postbeamten vermehrt.

Nicht minder segensreich war sein Wirken nach außen hin. Fördernd stand er dem deutschen Handel zur Seite, er schuf die transoceanischen Reichspostdampferlinien und sorgte für Herstellung von Postanstalten in unsern jungen Kolonien. Sein größtes Werk auf diesem Gebiete, eine Kulturthat ersten Ranges, war aber die Gründung des Weltpostvereins. Die grundlegende Anregung hierzu gab er bereits in einer Denkschrift aus dem Jahre 1868; verwirklicht hat er seine Idee erst auf den Postkongressen zu Bern im Jahre 1874 und zu Paris im Jahre 1878.

Der erste Generalpostmeister des Deutschen Reiches wurde vom Kaiser Wilhelm I. wiederholt ausgezeichnet. Im Jahre 1880 wurde er zum Staatssekretär des Reichspostamtes ernannt, 1885 wurde ihm der erbliche Adelstand verliehen und 1895 ehrte ihn der regierende Kaiser dadurch, daß er ihn in den Ministerrang erhob.

Das ist in knappen Umrissen der Lebenslauf des Mannes, dem die „Gartenlaube“ bereits im Jahre 1887 (vgl. S. 857 des betreffenden Jahrg.) einen ausführlichen Artikel gewidmet hat. Damals stand der Generalpostmeister noch in voller Rüstigkeit da. Von Jugend aus ein tüchtiger Turner und ein geübter Schwimmer, war er auch ein guter Bergsteiger und ein Freund des Weidwerks. Man mochte glauben, daß er ein sehr hohes Alter erreichen werde, die heimtückische Zuckerkrankheit hat seine Kraft untergraben. Zu früh für uns ist er heimgegangen, aber doch nach rühmlich vollbrachtem Lebenswerk, das so segensreich war für sein Volk und die Menschheit und noch lange goldene Früchte tragen wird. M. H.     


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verschiedene: Die Gartenlaube (1897). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1897, Seite 299. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1897)_299.jpg&oldid=- (Version vom 6.7.2023)