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verschiedene: Die Gartenlaube (1897)

Der Schlüssel.

Eine nächtliche Geschichte von Eva Treu. Mit Illustrationen von G. Mühlberg.

Nein!“ sagte Mutter.

Sie sagte es gleichsam mit drei Ausrufungszeichen und mit einer Entschiedenheit, zu der sich ihre Sanftmut nur in ganz seltenen Fällen aufraffte.

„Nein, Fritz, das schlage dir nur gleich aus dem Sinn; damit fangen wir gar nicht erst an. Nachher willst du ihn immer haben, das kennt man schon. Ein für allemal – nein!“

„Aber es ist ja doch nur ausnahmsweise,“ sagte Fritz, mein Bruder, mit der Miene eines unschuldig Verfolgten.

„Nein! – denn erstens könntest du ihn verlieren und jemand könnte ihn finden, und dann wären wir Gott weiß was für Zufälligkeiten ausgesetzt. Denke, du ziehst ihn, ohne es zu merken, mit dem Taschentuch aus der Tasche, ein schlechter Mensch geht hinter dir her, hebt ihn auf, verfolgt dich bis in deine Wohnung – da sind wir ihm ja doch rettungslos preisgegeben!“

„Aber Mutter, wer wird doch gleich auf etwas so Unwahrscheinliches verfallen!“

„Und zweitens,“ fuhr Mutter fort, als wenn sie gar nicht unterbrochen worden wäre, „zweitens wünsche ich nicht, daß du dir das späte Nachhausekommen angewöhnst. Abgesehen von den Unzuträglichkeiten für dich selbst, bist du unser einziger männlicher Schutz, und ich wünsche, daß du abends und nachts zu Hause bist.“

Unter anderen Umständen wäre der „einzige männliche Schutz“ meinem noch sehr jugendlichen Bruder möglicherweise schmeichelhaft gewesen. Wie die Sache aber lag, machte er durchaus keinen Eindruck auf ihn. Und als Mutter jetzt unseren Hausthürschlüssel, denn um diesen handelte es sich, vom Schlüsselbrett nahm, ihn in die Tasche steckte und mit etwas geröteten Wangen das Zimmer verließ, da blieb Fritz außerordentlich verdrießlich bei mir, die ich mit meinem Zeichenbrett am Fenster saß, zurück.

Wir waren erst vor einem Monat aus unserem weltentlegenen Kleinstädtchen nach Dresden gezogen, Mutter, Fritz und ich, und der sehr große Wechsel in der Umgebung war uns allen noch etwas verwirrend, ja in mancher Weise beängstigend. Mutter wäre überhaupt am liebsten geblieben, wo sie war, da aber meines Bruders’ ganz entschiedene Begabung für Malerei für ihn eine Uebersiedelung in eine Kunststadt nötig machte und auch ich lebhaft wünschte, mein bescheideneres, aber doch auch ganz hübsches Zeichentalent auszubilden, so hatte sie es nicht über sich gewinnen können, uns allein in die wilde Welt hinausflattern zu lassen, sondern hatte ihren behaglichen Haushalt daheim bei uns aufgelöst und war opfermütig mit uns nach Dresden übergesiedelt.

Fritz, mit der überlegenen Energie männlichen Geistes ausgerüstet, fand sich verhältnismäßig schnell zurecht, und auch ich’ gewann der schönen Stadt mit ihren mancherlei immer wechselnden Interessen und den Unterrichtsstunden an der Kunstgewerbeschule schnell Geschmack ab, aber unser Mütterchen fühlte sich zunächst noch ganz unglücklich in der neuen Umgebung. Ueberall sah sie sich und uns nach ihrer Meinung von den Gefahren der Großstadt umringt, jeder fremde Mensch, der an die Flurthür kam, versetzte sie in Aufregung. Die meisten hatten nach ihrer Beschreibung immer verdächtig ausgesehen, so, als wollten sie die Gelegenheit zum Einbrechen ausspioniere, und hätten wir ein Dienstmädchen gehabt, so würde Mutter mir wohl nie erlaubt haben, allein in die Gewerbeschule zu gehen, sondern das Mädchen hätte mich stets begleiten müssen. Zum Glück hatten wir aber bloß eine Aufwartefrau, die unsere Wohnung des Morgens reinigte und dann ihrer Wege ging. Bis jetzt war unsere Mutter immer die vertrauensvollste Seele von der Welt gewesen – die große Stadt hatte das Gift des Argwohns in ihr gutes Herz gegossen.

Heute nun war der Krieg um den Schlüssel ganz unverhofft entbrannt, weil Fritz, der bis dahin immer rechtzeitig um zehn Uhr zu Hause gewesen war, erklärt hatte, heute etwas länger fortbleiben zu wollen, da er eine Zusammenkunft mit mehreren Freunden verabredet hätte. Mutter aber gab vorläufig weder den Flurthürschlüssel, noch den Hausschlüssel aus der Hand. Sie behauptete, kein Auge zuthun zu können, so lange auch nur ein einziger ihrer Schlüssel sich außerhalb des Hauses befände.

Um Zehn pflegte sie zu Bett zu gehen, dann schlossen wir die Flurthür ab und legten die Kette vor. Um halb Elf wurde die Hausthür von den Bewohnern des Parterres abgeschlossen denn einen Portier pflegte es damals in Dresdener Häusern noch nicht zu geben. Ich weiß nicht, ob es jetzt damit anders ist.

„Es ist ja doch einfach lächerlich“, sagte Fritz, mit majestätischen Schritten, die Hände in den Taschen, im Wohnzimmer auf- und abgehend, „einfach lächerlich! Wie kann denn ein erwachsener Mensch jeden Abend nur Zehn zu Hause sein, Milly?“

„Bis Elf hat Mutter dir ja heute Urlaub gegeben, Fritz, wir sitzen dann auf, bis du kommst.“

„Ach ja, bis Elf!“ sagte Fritz mit wegwerfendem Hohn. „Du, Milly, die Wahrheit zu sagen, es liegt mir ja gar nicht viel daran, eine Stunde länger auszubleiben, aber so etwas ist doch Ehrensache! Die anderen hänseln mich ja, wenn sie merken, wie ich am Gängelband geführt werde. Mit neunzehn Jahren ist man doch wirklich kein Kind mehr!“

„Nein, da gehört man schon mehr zu den älteren Herren,“ sagte ich ernst, immer weiter zeichnend.

„Und kurz und gut – Mutter geht ja doch zu Bett, sie ist um Zehn ja immer todmüde – du wirst natürlich allein bis Elf auf mich warten. Sollte es dann vielleicht eine Viertelstunde später werden, so fürchte, bitte, nicht gleich, daß man mich totgetreten hat. Solltest du aber doch solche Sorgen nicht unterdrücken können, so behalte sie, bitte, für dich und melde sie Mutter nicht!“

„Nun, auf eine Viertelstunde soll es mir nicht ankommen.“

„Du weißt, meine Uhr geht immer nach, es ist kein Verlaß auf sie. Wird es also eine halbe Stunde später, so räuspere ich mich auf der Straße unter dem Fenster. Ich denke, das wird man hier oben hören können? „Ich denke wohl. Wir können ja nachher einmal Probe machen.“

Fritz nickte. „Also, wie gesagt, wird es eine kleine Stunde später, so räuspere ich mich und du kommst recht leise herunter und schließest die Hausthür auf. Wozu sollen wir Mutter erst wecken? Das hat ja keinen Zweck. Sie bedarf des Schlafes.“

„Nein, das würde keinen Zweck haben,“ stimmte ich bei, „und die Viertelstunde will ich schon auf dich warten, Friedel. Sieh nur zu, daß die Uhr nicht gar zu sehr nachgeht“.

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verschiedene: Die Gartenlaube (1897). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1897, Seite 124. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1897)_124.jpg&oldid=- (Version vom 5.7.2023)