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verschiedene: Die Gartenlaube (1885)

Flammen im Auge, und kann mich nicht besinnen. O, wie soll ich nun an diesen Mann denken, dem meine Seele eben noch nur dankbar in ihrer Zuneigung nachfolgte? O, weßhalb ist Dein Freund nicht seines Weges weiter gegangen und hat uns mit unsern Nöthen und Aengsten allein gelassen? Gehe Du nun wieder und suche Dich auch zu besinnen und sprich kein Wort von dieser Stunde und Stelle, bis der Herr uns geholfen hat, bis er Dich und mich aus dieser Verwirrung herausgeführt hat!“

Sie stand auf ihrem Eigenthum neben der Ruhestelle der Fee und legte die Hände zusammen und sprach jetzt, wieder leise wie ein Kind, das sein Abendgebet spricht:

„Und gieb uns Deinen Frieden, Amen!“

(Fortsetzung folgt.)

Wandelungen in der Sprache.[1]

Schalk und Schelm.

Kaum etwas macht das rosige Antlitz unserer Damen liebreizender als eine gewisse Schalkhaftigkeit, die zumeist beflissen ist, in unschuldigem Uebermuth den Geliebten mit Neckereien zu überhäufen und den Glücklichen gerade dadurch immer mehr ihrer innigen Zuneigung zu versichern, denn „was sich neckt, das liebt sich“, sagt das alte wahre Sprichwort.

Es ist ganz gewiß auch ein klein wenig Spottlust mit in ihren Worten enthalten, wenn Voß’ Luise an ihrem 18. Geburtstage bei Gelegenheit des ihr zu Ehren „im Schatten der alten Familienbuche“ veranstalteten Familienkaffees zum allgemeinen Ergötzen der traulichen Gesellschaft „schalkhaft lächelnd ausruft: Nehmen Sie mir’s nicht übel, Mama hat die Löffel vergessen!“ Welch ein reizendes Bild, die unschuldige Schalkhaftigkeit der lieblichen Jungfrau dem gutherzigen Mütterchen gegenüber! Und Mütterchen kennt den neckischen Schelm zu gut, als daß sie ihm wegen seiner Worte grollen möchte. Schalk und Schelm, beides zugleich ist das Töchterlein, beide sehen ja auch in unserem heutigen Sprachgebrauche einander zum Verwechseln ähnlich, und das frohsinnstrahlende Bild A. Ludwig’s in Nr. 11 der „Gartenlaube“ könnte ebensowohl der kleine Schalk wie die kleine Schelmin unterschrieben sein. Und nicht erst von heute ist die Aehnlichkeit der beiden Begriffe, schon das Mittelalter kannte sie und braucht nicht selten beide Worte allitterirend nebeneinander in fast gleichem Sinne. Freilich, da ist es nicht mehr heitere – unschuldige Neckerei, was sie bezeichnen, sondern kurz gefaßt eine moralisch schlechte, niedere That, und der Schalk zunächst ist nicht mehr, wie ihn Goethe seiner Zeit definiren konnte, eine Person, die mit Heiterkeit und Freude Jemand einen (fügen wir als selbstverständlich hinzu: unschuldigen) Possen spielt,“ sondern ein mauvais sujet, von dem man sich aller bösen Handlungen versehen darf, und von dem das dem 16. Jahrhundert entstammende Volksbuch „der Froschmäuseler“ Georg Rollenhagen’s in Gesetzeston sagt:

Ich hab oftmal das hören sagen,
Kein besser Recht könnt man bescheiden,
Ohn’ daß der Schalk müßt selber leiden,
Was er ein’m Andern hat gethan.

Die romantische Schule, welche mit Vorliebe Worten und Wortbegriffen der deutschen Sprachvergangenheit, mit deren dichterischen Erzeugnissen sie sich vorzüglich beschäftigte, ein neues, freilich zumeist nur sehr kurzes Scheinleben schuf, hat auch dem mitelalterlichen Schalk zu einer unglücklichen Wiedergeburt verholfen, und so ist es nicht wunderbar, daß noch in Tieck’s Drama „Leben und Tod der heiligen Genoveva“ (1800) Pfalzgraf Siegfried dem Bösewicht Golo gegenüber, dessen lichtscheues Treiben er durchschaut hat, in die Worte ausbrechen kann:

„Gottloser Schalk, du kennst sie also nicht,
Die Genoveva nicht, die du verfolgt?
Die fälschlich du verklagt, die du zum Tod
Verdammt?“

Und die Schelme des Mittelalters?

Ueber sie hat Luther’s scharfsinniger Gegner Thomas Murner, der in seiner Jugend als fahrender Schüler Frankreich und Deutschland durchzogen und auf seinen Wanderungen Exemplare der fraglichen Gattung zur Genüge angetroffen hat, ein ganzes Buch geschrieben, das er „Die Schelmenzunft“ nannte und das im Jahre 1512 erschienen ist. Die Schelme, die er kennt und nennt, sehen freilich dem mittelalterlichen Schalke wieder sehr ähnlich, es sind keine harmlosen Necker in der optimistischen Färbung des Wortes von heutzutage, sondern sie verüben „alles weltleuffigen mutwillens schalckeiten und bübereien“, und wie in der Litteratur, so predigt er auch von der Kanzel herab gegen sie. Ein Schelmenstreich von damals ist daher von einem unserer Tage wohl zu unterscheiden. Und in dem auf Murner’s Thätigkeit folgenden Jahrhundert giebt es eine förmliche Romangattung, die sich mit dem Leben und den erwähnten Geniestreichen dieser Schelme beschäftigt: es sind die an spanische Vorbilder sich anlehnenden Schelmenromane des 16. Jahrhunderts, und diejenigen, deren buntbewegtes, abenteuerndes Leben sie behandeln, sind Landstreicher, Vagabunden und meistens rohe und ausschweifende Gesellen. Die Memoiren des Ritters Hans von Schweinichen[2], welcher hart gegen das Ende des angezogenen Jahrhunderts als Abenteurer im Lande herumzog, sind ungefähr als das erste Beispiel ihrer Gattung anzusehen, dem dann schnell hinter einander, erzeugt von dem entgegenkommenden Verlangen des Publikums jener derbsinnigen Tage, andere folgten, und die endlich in dem 1669 erschienenen „Simplicius Simplicissimus“ Grimmelshausen’s gipfelten. Im Dänischen hat das Wort heute noch die Bedeutung Schurke, und man sieht, daß dieselbe traditionell wohl berechtigt ist.

So bezeichnen also auch im Mittelalter Schalk und Schelm fast noch dieselben, im Ganzen wenig vertrauenerweckenden Individuen. Je weiter wir indeß sprachlich zurückblicken, desto sichtlicher nimmt die Aehnlichkeit der beiden Wortbegriffe ab. In der mittelhochdeutschen Sprachperiode des 11. bis 14. Jahrhunderts bezeichnet der schelme zwar immer noch, oder vielmehr bereits den Schuft, der schalc dagegen zumeist einfach den „Knecht“ des Hauses, zu dessen Charakterbilde noch durchaus nicht immer Bosheit und Hinterlist als nothwendige Attribute hinzuzudenken sind, und wenn wir auf das Gothische zurückgehen, in das uns nur noch der Schalk, nicht mehr der Schelm begleitet, so finden wir hier in den Worten des ersten deutschen Bibelübersezers, des Gothen Ulfilas:

Nist siponeis ufar laisarja, nih skalks ufar fraujin seinamma.“[3]

unsern Schalk in seiner ursprünglichen, keinerlei böse Färbung des Charakters enthaltenden Bedeutung Knecht, Diener vor. Und auch in dieser Bedeutung hat er sich fortentwickelt, ja gerade in ihr wird er uns, je mehr wir uns von jener Zeit aus der unserigen wieder nähern, um so interessanter, nicht freilich als Knecht an sich, sondern in seinem verengten Begriffe als Knecht des oder der Pferde (marah, marc, Mähre) des Herrn, als marahschalk oder – Marschalk. Und wahrlich, nicht lange ist der so entstandene Marschalk einfach der Knecht der Rosse geblieben, gar schnell ist er avancirt; er wird zunächst zum Hüter des gesammten Marstalls seines Gebieters, und wenn es in unserem Nibelungenliede heißt

Dankwart der was marschalc“,

so haben wir in demselben keinen Geringeren vor uns als des grimmen Hagen Bruder, einen Recken hochgeehrt. Er tritt in dem Vollgewicht der Würde auf, welches das 13. Jahrhundert dem Marschall beilegte, also etwa als Oberstallmeister und als Führer der reisigen Mannen des Reiches. Ja das wichtige Amt wurde im 14. Jahrhundert sogar erblich und blieb in der Folgezeit bei dem Hause Wettin, so daß der Herzog von Sachsen zugleich des deutschen Reiches Erzmarschall war. Aus der Amtsthätigkeit dieser mittelalterlichen Marschälle und besonders aus dem einen Zweige ihrer Funktionen, der sie als Führer der kaiserlichen Kriegsmannschaft darstellt, hat sich denn allmählich die heutige hohe militärische Würde herausgebildet, wie sie der allbekannte „Marschall Vorwärts“, wie sie der kriegsberühmte Prinz Friedrich Karl, wie sie General von Manteuffel trug, und wie sie heute noch selbst der Kronprinz des Deutschen Reiches und Moltke tragen. Welch eine Entwickelung des ursprünglich so einfachen Wortbegriffes! Dr. Söhns.     


  1. Vergl. „Gartenlaube“ Jahrgang 1883, Nr. 39, S. 639 und Jahrgang 1884, Nr. 20, S. 336.
  2. Herausgegeben von A. Diezmann, Leipzig. Wigand 1868
  3. Der Jünger ist nicht über seinen Meister, noch der Knecht über den Herrn. Matth. 10, 24.

Blätter und Blüthen.

Dienstboten-Ehen in Rußland. Was würde wohl eine unserer deutschen Hausfrauen dazu sagen, wenn eines schönen Tages das naseweise Dienstmädchen Wilhelmine vor sie mit den Worten träte: „Gnädige Frau! Nächsten Sonntag heirathe ich, und zwar den Kutscher Wilhelm vom Herrn Doktor drüben. Sie werden mir gewiß die Ehre anthun, an der Hochzeit theilzunehmen. Montag früh bin ich wieder da.“ Unsere „Gnädige“, wäre sie in den Ueberraschungen der Dienstmädchenstreiche noch so erfahren, würde gewiß denken, sie sei plöslich aus den Wolken gefallen, und nach einiger Erholung von dem grenzenlosesten Staunen würde der unerwarteten Hochzeitseinladung mindestens eine Fluth von Auseinandersetzungen über vierwöchentliche Kündigung und andere im Gesindebuche abgedruckte Paragraphen folgen. Heute heirathen und morgen weiter als Dienstmädchen dienen, das ist in Deutschland undenkbar, wo Ehe und eigener Hausstand zwei unzertrennliche Begriffe bilden.

Aber – andere Länder, andere Sitten – sagt das Sprichwort, und in Rußland befremdet es in einigen Städten keineswegs, wenn der gute Iwan vor seinem Herrn oder seiner Herrin mit einem mächtigen Kniefall niedersinkt und die Bitte an sie richtet: nächsten Sonntag bei der Hochzeit mit seiner Tanja von drüben oder seiner Gruscha aus der Vorstadt die Rolle des Trauvaters oder der Traumutter zu übernehmen. Die also angeredete Herrschaft weiß wohl, daß Iwan und Tanja wegen der Heirath ihren Dienst nicht verlassen und das Versprechen des gemeinsamen Tragens

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