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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858)

No. 26. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Vorgesichte.
Strandnovelle von Ernst Willkomm.
(Schluß.)


In richtiger Würdigung der gefahrvollen Lage theilte sich der Trupp der jungen Männer sofort in zwei Parteien. Die eine derselben wandte sich südwärts, die andere nordwärts, um einen Punkt aufzufinden, wo die immer beweglicher werdende Eisfläche mit dem Lande zusammenhing. Es war keine Zeit zu verlieren, denn schon verdunkelte sich die Luft mit jeder Minute mehr. Der Wind lief westwärts und ward heftiger. Der in großer Menge fallende Schnee war feucht. Es ließ sich nicht zweifeln, daß binnen wenigen Stunden vollständiges Thauwetter eintreten werde.

Die Gebrüder Mannis befanden sich bei dem südwärts streifenden Trupp. Sie feuerten ihre beiden Begleiter zur größten Eile an.

„Mein Gott,“ bemerkte darauf der übermüthige Vetter, „wie habt Ihr Euch denn! Ich bin wohl zwanzig Mal von weit schlimmerem Wetter auf den Deichen überrascht worden, war ganz allein, konnte keine zwei Schritte weit sehen und kam doch immer, wenn auch verspätet, unangefochten nach Hause. Das Bischen Wind wird uns die Seele nicht aus dem Leibe blasen.“

„Der Wind nicht, aber die See kann’s thun,“ sagte Jens.

„Die See! Stehen wir nicht auf festem Eise?“

„Noch ist es fest, aber wie lange!“ sprach Taken. „Ihr kennt nicht die Gewalt der Fluth, wenn der Thauwind sie aufwühlt. Ein paar Stunden genügen dann, die festeste Eisdecke zu brechen und sie in Brei zu zermalmen.“

„Ah bah,“ versetzte Hendry. „In höchstens einer halben Stunde müssen wir am Strande sein.“

Taken ging den Uebrigen ein paar Schritte voraus. Plötzlich blieb er stehen und horchte. Ein Brausen, als stürzten große Wassermassen über Felsblöcke, schlug drohend an Aller Ohren.

„Zurück! Zurück!“ schrie Taken mit entsetzter Stimme. „Die Brandung von Capitains Knob brüllt dort im Süden!“

Alle standen erstarrt.

„Es kann nicht sein,“ sprach Jens nach kurzem Schweigen.

„Und doch ist es so,“ erwiderte Taken, fühlst Du nicht die Bewegung unter Deinen Füßen? Hörst Du das Krachen im Westen? Das Eisfeld treibt vor der Fluth und wir haben Nordwestwind.“

Diese Worte des Halligmannes verfehlten nicht ihre Wirkung. Alle sahen ein, daß nur ein Zufall ihnen Rettung bringen konnte, wenn die Vermuthung Taken’s sich bewahrheitete.

Das dicke, jetzt bereits mit Regentropfen vermischte Schneegestöber verhinderte jede Aussicht. Keine Baake auf den westlichen Sandbänken war zu erkennen und der Mond war noch nicht aufgegangen! Es ward dunkler und immer dunkler und die Gewalt des Windes nahm in beunruhigender Weise zu.

Nach etwa fünf Minuten gewahrten die Zurückgehenden die bewaffneten Langenesser. Von Norden her dröhnte gellendes Gepfeife. Man antwortete, um den noch fernen Gefährten anzuzeigen, wo man auch ihrer harre. Als die Gesellschaft sich wieder geeinigt hatte, traten die Männer zu einer ernsten Berathung zusammen. Taken’s Vermuthung bestätigte sich. Wenn das Gewölk momentan zerriß oder rascher, von den Fittigen des heftigen Windes erfaßt, über die wüste See fortflatterte, konnten die scharfen Augen der Halligbewohner die weißlich schimmernden Dünen Amrom’s erkennen. Wind und Fluth hatten das Eis gelöst, es trieb offenbar immer weiter ab vom Lande und mußte entweder auf den Untiefen zerschellen oder von den wild gehenden Wogen auf’s hohe Meer hinausgeschleudert werden.

In dieser furchtbaren Bedrängniß konnten wohl auch den Muthigsten bange Ahnungen beschleichen. Kaum aber hatten die jungen Männer sich über ihre Lage vergewissert, als sie auch gemeinsam zu handeln entschlossen waren.

„Wir dürfen kein Mittel unversucht lassen,“ sprach einer der Langenesser. „Laßt uns also, so lange wir noch Munition haben, von Zeit zu Zeit einen Schuß abfeuern. Insulaner haben ein scharfes Gehör und wenn es tüchtig anfangen sollte zu blasen, wird es die Schiffer und Strandvögte von Amrom nicht lange in ihren Häusern halten. Bei Sturm und Fluth sucht der echte Seemann immer den Strand. Hören sie aber unsere Nothsignale, so werden wir gerettet.“

„Der Vorschlag ist gut,“ sagte Taken, „es fragt sich nur, ob lange Zeit vergeht, ehe man uns irgendwo entdeckt und ob die Fluth uns weit abtreibt. Wir haben keinen Proviant!“

„Aber Tabak und Rum, Tabak die Hülle und Fülle,“ fiel Jens beruhigend ein.

Einer der Langenesser drückte seine Büchse ab. Der Schuß verhallte im Gebrause des Windes.

Düster traten die jungen Männer zusammen. Ihre Kräfte waren augenblicklich völlig paralysirt, ihr Scharfsinn konnte nichts entdecken, woran ihre Hoffnung sich klammern mochte. Die Lage war entsetzlich, verzweiflungsvoll.

Aber noch hielt das Eis, auf dem das kleine Häuflein, von aller Welt verlassen, der Unbarmherzigkeit rasender Elementarkräfte preisgegeben, stand! Sie fühlten, daß die gewaltige Scholle, von

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858). Leipzig: Ernst Keil, 1858, Seite 369. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1858)_369.jpg&oldid=- (Version vom 12.12.2020)