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er mit der einen Hand ihre Taille und ergriff mit der anderen ihren Ellenbogen.

„Meine Teure, mein Schatz…“ flüsterte er, indem er sie hinten auf den Nacken küßte, „sei aufrichtig, komm gleich jetzt zu mir!“

Sie entwand sich seiner Umarmung, um in Empörung und Entrüstung auszubrechen, aber aus der Empörung wurde nichts, und ihre ganze, vielgepriesene Tugend und Reinheit reichte nur dazu, eine Phrase zu stottern, die in ähnlichen Fällen die allergewöhnlichsten Frauen sagen:

„Sie sind verrückt!“

„Nein, wirklich, gehen wir!“ fuhr Iljin fort. – „Jetzt eben und damals an der Bank habe ich mich überzeugt, daß Sie, Ssonja, ebenso machtlos sind, wie ich… Auch Sie sind verloren! Sie lieben mich und schachern jetzt nutzlos mit Ihrem Gewissen…“

Als er sah, daß sie sich entfernen wollte, faßte er sie am Spitzenkragen und sprach hastig zu Ende:

„Wenn nicht heute, dann morgen – nachgeben werden Sie doch! Wozu dieses Hinausschieben? Meine teure, liebe Ssonja, das Urteil ist gesprochen, wozu seine Vollstreckung aufschieben? Wozu dieser Selbstbetrug?“

Ssofja Petrowna riß sich los und verschwand in der Tür. In den Salon zurückgekehrt, schloß sie das Klavier, blickte lange auf ein Notenheft und setzte sich. Sie konnte weder stehen noch denken… Von der Erregung und der herausfordernden Stimmung waren in ihr nur Schwäche, Faulheit und Langeweile zurückgeblieben. Das Gewissen flüsterte ihr zu, daß sie sich den Abend über schlecht und dumm aufgeführt habe, daß sie sich jetzt eben auf der Veranda habe umarmen

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/116&oldid=- (Version vom 31.7.2018)