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„Verzeihen die gnädige Herrschaft“, hob sie mit stockender Stimme an –

„Was willst du, Maruschken?“ frug Großmama, ihr gütig die Hand entgegenstreckend, während Onkel sich ungeduldig räusperte.

„O mai allerkutestes gnädiges Frauchen“, – schluchzend stürzte die Alte vor ihrer einstigen Herrin nieder und zog demütig ihren Rock an die Lippen, „mai Jung hat das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich erstochen! Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai Großvater, mai Ahne – alle, alle haben der gnädigen Herrschaft gedient mit Leib und Leben – schickens uns nich fort!“ “ Ihre Stimme wurde krächzend wie Rabenstimmen, wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern sitzen.

„Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,“ antwortete Großmama. „Nur den einen von deinen Kindern, und – wenn er sich draußen gut führt –“ bittend sah Großmama zu Onkel Walter herüber – „darf er gewiß wieder nach Hause kommen.“

Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem zum anderen.

„Nimmt der gnädige Herr Baron den Befehl zurück?“ kam es leise und zischend über ihre halbgeöffneten Lippen.

„Nein!“ Ein Faustschlag auf den Tisch bekräftigte Onkel Walters heftige Antwort. „Und nun geht, Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!“

Fest auf den Stock gestützt, reckte die Alte den krummen Rücken und hob den Kopf, daß die Sehnen an ihrem Halse wie braunrote Stricke hervortraten.

„Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, –

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Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 237. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/239&oldid=- (Version vom 31.7.2018)