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Stufe eines wirklichen Einströmens bestimmter griechischer Gedanken und griechischen Lebens ist auf die Zeit um das Jahr 130 anzusetzen. Damals begann die griechische Religionsphilosophie einzuströmen und erreichte sofort das Centrum der Religion. Sie suchte den innern Kontakt mit ihr, und umgekehrt streckte sich auch die christliche Religion selbst nach dieser Bundesgenossin aus. Von der griechischen Philosophie ist die Rede; nichts von Mythologie, griechischem Kultus u. s. w. ist noch zu spüren;[AU 1] nur das große Kapital, welches seit Sokrates von der Philosophie erarbeitet worden war, wird vorsichtig und unter Kautelen von der Kirche aufgenommen. Etwa ein Jahrhundert später, um die Jahre 220/30 tritt die zweite Stufe ein: jetzt wirken griechische Mysterien und griechische Zivilisation in der Breite ihrer Entwicklung auf die Kirche ein, jedoch noch immer nicht die Mythologie und der Polytheismus. Aber, wiederum ein Jahrhundert später, da etabliert sich das ganze Griechentum mit allem, was es in sich ausgebildet hat und besitzt, in der Kirche. Natürlich fehlen auch hier die Kautelen nicht, aber sie bestehen vielfach nur in einem Wechsel der Etiketten; die Sache selbst wird unverändert recipiert, und im Heiligendienst entsteht geradezu eine christliche Religion niederer Ordnung. Mit der zweiten und dritten Stufe haben wir es an dieser Stelle nicht zu thun, sondern nur mit jenem Einströmen des griechischen Geistes, welches durch die Aufnahme der griechischen Philosophie, vornehmlich des Platonismus, bezeichnet ist. Wer kann leugnen, daß sich hier wohlverwandte Elemente zusammengeschlossen haben! In der religiösen Ethik der Griechen, wie sie in heißer Arbeit auf Grund von inneren Erfahrungen und metaphysischen Spekulationen gewonnen war, sprach sich soviel Tiefe und Zartheit der Empfindung, soviel Ernst und Würde und – vor allem – eine so starke monotheistische Frömmigkeit aus, daß die christliche Religion an diesem Schatze nicht teilnahmlos vorübergehen konnte. Zwar fehlte und befremdete in ihm manches: es fehlte eine Persönlichkeit, an welcher diese Ethik als wirkliches Leben angeschaut werden konnte, und es befremdete der noch immer bestehende Zusammenhang mit dem „Dämonendienst“, dem Polytheismus; aber im ganzen und im einzelnen empfand man doch Verwandtes und nahm es auf.

Neben der Ethik aber ist es auch ein kosmologischer Begriff gewesen, den die Kirche damals recipierte, und der nach wenigen

Anmerkung des Autors (1908)

  1. „nichts von Mythologie, griechischem Kultus u. s. w. ist noch zu spüren“. – Dieser Satz ist bestritten worden und läßt sich auch nicht vollkommen aufrecht erhalten: in den griechischen Legenden, in den apokalyptischen Ausführungen und auch in den Sakramenten steckt doch manches Mythologische; aber der Nachweis, daß es direkt aus heidnischer Beeinflußung stammt, ist bisher nicht gelungen. Es steckte vielmehr schon im damaligen Judentum, und von dort hat es das Christentum übernommen; auch gehörte es in der großen Kirche mehr der Peripherie an und beeinflußte den „Glauben“ kaum noch.
Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 126. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/130&oldid=- (Version vom 30.6.2018)