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Gekreuzigten zusammenzufassen, wird dadurch nicht beschränkt, denn Gottes Kraft und Gottes Weisheit zeigte er hier und entzündete an der Liebe Christi das Gefühl für die Liebe Gottes. So pflanzt sich noch heute in Tausenden der christliche Glaube fort, nämlich durch Christus. Das ist aber etwas anderes, als die Zustimmung zu einer Reihe von Sätzen über die Person Christi fordern.

Aber noch etwas kommt hier in Betracht. Paulus, von der messianischen Dogmatik geleitet und durch den Eindruck Christi bestimmt, hat die Spekulation begründet, daß nicht nur Gott in Christus gewesen ist, sondern daß Christus selbst ein eigentümliches himmlisches Wesen besessen hat. Bei den Juden brauchte diese Vorstellung den Rahmen der messianischen Idee nicht zu sprengen, aber bei den Griechen mußte sie ganz neue Gedanken entfesseln. Die Erscheinung Christi an sich, der Eintritt eines göttlichen Wesens in diese Welt, mußte als die Hauptsache, als die Erlösungsthatsache an sich gelten. Paulus selbst hat sie doch nicht so betrachtet: Kreuzestod und Auferweckung sind ihm das Entscheidende, und den Eintritt in die Welt faßt er unter sittlichem Gesichtspunkt und als Vorbild für unser Thun („Er ward arm um unsretwillen“[WS 1]; er demütigte sich, entäußerte sich[WS 2]). Dabei konnte es nicht bleiben. Die Thatsache konnte auf die Dauer nicht an zweiter Stelle stehen, dazu war sie zu groß. Aber an die erste Stelle gerückt, bedrohte sie das Evangelium selbst, weil sie Sinn und Interesse von ihm ablenkte. Wer kann angesichts der Dogmengeschichte leugnen, daß dies geschehen ist? Wir werden in den folgenden Vorlesungen sehen, in welchem Umfange.

3. Die neue Kirche hat ein heiliges Buch, das Alte Testament. Paulus, obgleich er lehrte, das Gesetz sei ungültig geworden, fand doch einen Weg, das ganze Alte Testament zu konservieren. Welch einen Segen hat dieses Buch der Kirche gebracht! Als Erbauungsbuch, als Buch des Trostes, der Weisheit und des Rates, als Buch der Geschichte hat es eine unvergleichliche Bedeutung für das Leben und die Apologetik gehabt! Welche der Religionen, mit denen das Christentum auf griechisch-römischem Boden zusammentraf, konnte sich eines ähnlichen Besitzes rühmen? Und dennoch ist dieser Besitz der Kirche nicht in jedem Sinne heilsam geworden; denn, erstlich, auf vielen Blättern dieses Buchs stand eine andere Religion und eine andere Sittlichkeit als die christliche. Mochte man sie auch noch so entschlossen durch Deutungen vergeistigen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vgl. 2. Kor 8,9.
  2. Vgl. Phil 2,7.
Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/120&oldid=- (Version vom 30.6.2018)