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Diener sein, und wer unter euch der erste sein will, der wird (soll) der Knecht aller sein.“ Hier mögen Sie vor allem die „Umwertung der Werte“ bemerken. Jesus kehrt ohne Vorbehalt das übliche Schema um: Groß sein und an der Spitze stehen, das bedeutet ihm dienen; seine Jünger sollen nicht herrschen wollen, sondern sich jedermann gegenüber zu Knechten machen. Sodann aber beachten Sie, wie er die Machthaber, d. h. die Obrigkeit, wie sie damals war, beurteilt. Ihre Funktionen beruhen auf Gewalt, und eben deshalb fallen sie für Jesus außerhalb einer sittlichen Beurteilung, ja stehen derselben prinzipiell gegenüber: „so geht es bei den Machthabern zu.“ Jesus schreibt seinen Jüngern vor, es anders zu machen. Recht und Rechtsordnung, die nur auf Gewalt, auf faktischer Macht und ihrer Ausübung beruhen, haben keinen sittlichen Wert. Trotzdem hat Jesus nicht befohlen, daß man sich dieser Obrigkeit entziehen soll; aber man soll sie nach ihrem Werte, d. h. nach ihrem Unwerte schätzen, und man soll sein eigenes Leben nach anderen Grundsätzen, nämlich nach den entgegengesetzten, einrichten: nicht Gewalt üben, sondern dienen. Damit sind wir bereits auf das allgemeine Gebiet der Rechtsordnungen überhaupt hinübergetreten; denn allem Rechte scheint es wesentlich zu sein, daß es sich mit Gewalt durchsetzt, wenn es in Frage gestellt wird.

2. Hier begegnen uns nun wieder zwei verschiedene Anschauungen. Die eine – sie ist in neuerer Zeit besonders von Sohm in Leipzig in seinem „Kirchenrecht“ behauptet worden, und er berührt sich mit der Auffassung Tolsloi’s – lehrt, die Welt des Geistlichen stehe ihrem Wesen nach zu dem Wesen des Rechts im Gegensatz; im Widerspruch zur Natur des Evangeliums und zu der auf ihm sich gründenden Gemeinschaft sei es zur Ausbildung von rechtlichen Ordnungen in der Kirche gekommen. Sohm ist so weit gegangen, daß er in seinem Überblick über die älteste Entwicklung der Kirche geradezu einen Sündenfall der Christenheit in dem Momente annimmt, wo sie Rechtsordnungen in ihrer Mitte Raum gewährt hat. Indessen hat er doch das Recht auf seinem Gebiete nicht antasten wollen. Jedes Recht hat ihm aber Tolstoi im Namen des Evangeliums abgesprochen. Er lehrt, daß der oberste Grundsatz des Evangeliums laute, man solle schlechthin niemals auf seinem Rechte bestehen, und Niemand, auch die Obrigkeit nicht, soll dem Bösen äußeren Widerstand leisten. Obrigkeit

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Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 068. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/072&oldid=- (Version vom 30.6.2018)