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dem Zug ein Halt zuzurufen. – Seine Cigarrenspitze hatte er ebenfalls „in der Eile“ zu Haus liegen lassen, kurz, im Laufe der Unterhaltung, an welcher der Kleine in Nanking jetzt den lebendigsten Antheil nahm, stellte sich heraus, daß noch eine ganze Menge von Dingen vergessen zu besorgen oder zurückgelassen waren und es bedurfte einiger Zeit, bis sich die beiden Ehegatten soweit beruhigten, das Unvermeidliche eben zu ertragen. Es war einmal geschehen und nicht mehr zu ändern.

Wir erfuhren jetzt auch in unglaublicher Geschwindigkeit, daß der kleine Mann in Nanking bis nach Fröttstedt wollte, wo ihn seine Braut mit ihren Eltern, die aus Eisenach gekommen waren, schon erwarteten, um von da an die Pferdebahn nach Waltershausen zu benutzen und dann zu Fuß nach Reinhardsbrunn und dem Inselberge zu gehen. Er war ein Angestellter aus Naumburg, hatte aber auf zwei Tage Urlaub bekommen und gedachte diese kurze Zeit mit einer Parforcetour durch den Thüringer Wald an der Seite der Geliebten auszufüllen.

Der Professor mit seiner Frau dagegen – denn auch das wurde uns nicht vorenthalten – gedachten nur diesen einen Tag von zu Haus wegzubleiben, da die Kinder und dringende Arbeiten und Geschäfte eine längere Erholungsreise nicht gestatteten. Das Ehepaar wollte nur nach Eisenach, dort die Wartburg besuchen, in irgend einer romantischen Schlucht ihr Mittagsmahl verzehren, und dann mit dem Abendzug wieder nach Weimar zurückkehren.

Der Mensch denkt und Gott lenkt.

In der Unterhaltung hatte uns die Frau Professorin ebenfalls damit bekannt gemacht, daß sie eine Schwester in Erfurt habe, die sich ihnen möglicher Weise auf ihrem Vergnügungsausflug anschließen wolle – jedenfalls würde sie am Bahnhof sein, um sie zu begrüßen. In diesem Augenblick hielt der Zug in Erfurt. Der Schaffner öffnete die Thür.

Erfurt – vier Minuten Aufenthalt!

Der Kleine schoß wie der Blitz zur Thür hinaus; es war eine ordentlich peinliche Unruhe in dem Menschen – und die Frau Professorin sah sich indessen nach ihrer Schwester um; in dem Gedränge am Zug konnte sie dieselbe aber nirgend erkennen, und da sie entfernter – wie sie ihrem Gatten zurief – einen blauen Hut zu entdecken glaubte, trat sie hinaus, um die Ersehnte zu finden.

Der Professor zeigte dabei nur geringe Theilnahme an dem Familienglied, sondern suchte wieder seine Brille, die er sich, wie er uns mittheilte,

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Friedrich Gerstäcker: Auf der Eisenbahn. Ernst Keil, Leipzig 1865, Seite 111. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Auf_der_Eisenbahn-Gerstaecker-1865.djvu/5&oldid=- (Version vom 31.7.2018)