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Dörfer erwähnt, welche dem neugestifteten St. Afrakloster in Meissen Getreidezinsen entrichten mussten, und zwar lieferte Okrylla sechszehn Scheffel Korn und sechszehn Scheffel Hafer. Der Ort, welcher einunddreissig Häuser und ziemlich zweihundertfunfzig Bewohner zählt, war bis zum Jahre 1661 Eigenthum des Meissner Prokuraturamtes, wo es Peter Werdermann mit Proschwitz vereinigte. Durch häufige Feuersbrünste heimgesucht, befinden sich jetzt in Okrylla fast durchgängig schöne neue Gebäude. – Merkwürdig ist Okrylla als der Fundort einer rothen Thonerde, welche der bekannte Abentheurer und Erfinder des Sächsichen Porzellans, Johann Friedrich Böttger, zur Anfertigung von Schmelztiegeln benutzte und zu seiner freudigen Ueberraschung bemerkte, dass die Gluth des Feuers den Thon in ein braunes Porzellan verwandelte. Schon im sechszehnten Jahrhundert war übrigens dieser Thon den Meissner Töpfern bekannt, welche daraus treffliche Gefässe, und noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, durch Beimischung eines bei Taubenheim gegrabenen gelben Thones eine Menge feiner Arbeiten, wie Stockknöpfe, Tabaksdosen und dergleichen herstellten.

Nahe bei Proschwitz liegt die Nasse oder Nassau, eine grösstentheils aus Wiesen bestehende Flur, welche der Sitz einer Unzahl schauerlicher Volkssagen und Gerüchte ist. Namentlich des Nachts vermied in früherer Zeit der Landmann die unheimliche Nassau oder betrat sie nur mit Grauen, denn hier trieben tückische Irrwische ihr neckendes Spiel und geisterhafte Gestalten erfüllten den einsamen Wanderer mit Entsetzen. In der niederen Nasse, nach Gröbern und Bohnisch zu, wo eine mit verfallenen Gräben umzogene Anhöhe die Stätte einer alten Burg bezeichnet, war der Spuk am ärgsten und der Furchtsame hütete sich vor Allem, dem verwünschten Schlosse nahe zu kommen. In der Burg soll einst ein Ritter von Karras gehaust haben, ein wilder, zorniger Herr, der wegen einer vermeintlichen Beleidigung, die ihm von dem Churfürsten Moritz wiederfahren war, diesen Fürsten in der Schlacht bei Sievershausen meuchlerisch mit einem Faustrohre erschoss. Die Sage erzählt ferner dieser wilde Ritter habe sein Leben bei einem furchtbaren Wetter eingebüsst, indem ein Wolkenbruch die Wälle des in Mitten der Teiche liegenden Schlosses überfluthete und zugleich ein Wetterschlag die Gebäude anzündete, so dass alle Burgbewohner rettungslos verbrennen mussten. Dass das Schloss der Familie von Karras gehörte ist wol unrichtig, denn auf der unheimlichen Burgstätte befand sich in der Vorzeit das Schloss der Herren von Nassau, die auch das nahe Gröbern besassen. Einer dieses Geschlechts, Ritter Fritzold von Nassau, war ein höchst unruhiger Kopf, der in unaufhörlichen Streitigkeiten mit seinen Nachbarn lebte und 1349 auch mit der Meissner Geistlichkeit Händel bekam, indem er dem Hospitale Zinsen vorenthielt und das Vorwerk Kölln heimsuchte; durch den Hass der Geistlichen aber mögen nun nach Ritter Fritzolds Tode wol auch die meisten Spukgeschichten erfunden worden sein. – Ein Hauptgegenstand abergläubischer Furcht waren auch zwei grosse Gruppen frei auf der Ebene liegender Granit- und Porphyrblöcke, der grosse und kleine Riesenstein genannt, von denen der Steinblock genommen wurde, welcher auf der Räcknitzer Anhöhe bei Dresden das Andenken des Französischen Generals Moreau bewahrt. Das in späteren Jahren für S. Majestät König Friedrich August den Gerechten im Zwinger zu Dresden errichtete Monument ist ebenfalls von dem auf der Nassau vorhandenen Porphyr angefertigt worden. Im Jahre 1807 liess der Besitzer des Rittergutes Proschwitz nicht weit von dem wüsten Schlosse des spukenden Ritters Fritzold mitten in den Wiesencomplex des Rittergutes ein Vorwerk erbauen. Durch die erst vor mehreren Jahren über die Nassau geführte Chaussee von Meissen nach dem Bahnhofe zu Niederau haben diese und viele angrenzende Wiesen grossen Vortheil gebracht, indem die bedeutenden Chausseegräben die Entwässerung des feuchten Bodens bewirkten, wodurch die herrlichsten Auenfelder entstanden sind. Das neue Vorwerk und namentlich die Chaussee haben die Oede und Einsamkeit der Nassau sehr gemindert und die Furcht der Landleute vor dem spukenden Ritter und anderen Unholden ist verstummt. Hier befand sich vor etwa siebzig Jahren auch noch der sogenannte Fürstenteich, einer der grössten Teiche des Landes, welchen Markgraf Wilhelm der Einäugige 1404 anlegen und Herzog Albrecht 1467 vergrössern liess. Ausser vielen anderen Fischarten enthielt der Teich hundert Schock Karpfen, und sein Ablauf, der mehrere kleine Teiche bildete, trieb zwei Mühlen; gespeist aber wurde das bedeutende Bassin durch den Zscheilbach, welcher sein Wasser aus den Oberauischen Teichen in der Burggrafenhaide sammelt und bei dem Katzensprunge in die Elbe fällt. Die Sächsischen Fürsten pflegten hier oft wegen der Fischerei und Entenjagd sich aufzuhalten. Jetzt ist der Teich in Felder und Wiesen verwandelt.

Das Rittergut und Dorf Proschwitz hatte in dem Kriegsjahre 1813 so Manches zu erleiden, wozu wohl hauptsächlich die hohe Lage unmittelbar über der Elbe, und der Umstand beitrug, dass die Elbbrücke bei Meissen am 12. März desselben Jahres durch Marschall Davoust abgebrannt worden war, wodurch die Passage der Truppen nur auf Schiffbrücken, unmittelbar unter den Proschwitzer Bergen erfolgen konnte. Nach der Schlacht von Lützen legte General v. Blücher in Begleitung mehrerer Preussischer Prinzen, wobei auch Sr. Majestät der jetzige König von Preussen, als damaliger Kronprinz, sowie General v. Gneisenau, sein Hauptquartier

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1856, Seite 63. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_II.djvu/095&oldid=- (Version vom 3.6.2018)