Textdaten
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Autor: Jean Paul Hasse
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Titel: Schule und Nervosität
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 7–9
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[7]

Schule und Nervosität.

Zur Beleuchtung der Ueberbürdungsfrage vom irrenärztlichen Standpunkte.
Von Fr. Paul Hasse.[1]

Wie geographische Lage und Klima, Lebensweise und Beschäftigung, Abstammung und Erziehung einen bestimmenden Einfluß auf die Entwickelung der Völker und des Individuums ausüben, so auch auf die Formen der Krankheiten, mit denen sie behaftet sind. Die Geschichte zeigt uns dies in schlagender Weise. Nicht allein, daß Krankheiten, welche in alten Zeiten zu einer weitverbreiteten Plage geworden, heute gar nicht mehr existiren, und umgekehrt, daß Krankheiten, welche zu unserer Zeit Verderben bringend die Länder durchziehen, in früheren Jahrhunderten, ja selbst vor Jahrzehnten völlig unbekannt waren – nein, auch der Charakter einer und derselben Krankheitsform wird im Laufe der Zeit oft genug ein ganz anderer.

Die Nervosität ist das charakteristische Merkmal unserer Zeit. Wohin wir auch blicken, in welche Länder, in welche Kreise der menschlichen Gesellschaft, überall finden wir dieselben Erscheinungen: Eile, Hast, Unruhe; überall die Anwendung derselben Mittel, den wachgewordenen Leidenschaften neue Nahrung zuzuführen, den entstandenen Kitzel durch immer neue Reize wieder zu beleben.

Es erscheint mir überflüssig, den Lesern der „Gartenlaube“ diesen Zug im Bilde der Zeit noch weiter auszumalen, ihnen an Beispielen nachzuweisen, bis zu welcher schreckenerregenden Ausdehnung die Nervosität in den letzten Decennien um sich gegriffen hat. Diese Nervosität, diese abnorme Nervenerregbarkeit und Empfindlichkeit spiegelt sich auch in den verschiedenen Formen der Krankheiten [8] des Körpers wieder; sie verleiht denselben, je nach ihrer Art, ein befonderes, schärferes oder verschwommeneres Colorit; ja noch mehr: die eigentlichen Nervenkrankheiten, denen die nervöse Constitution der Zeit das geeignete Material liefert, sind in rapider Zunahme begriffen. Die Leiden, welche hier in Frage kommen, sind die verschiedenen Formen von Neuralgien, an erster und hervorragendster Stelle der in den höheren Gesellschaftskreisen so weit verbreitete und so sehr gefürchtete Gesichtsschmerz mit oder ohne Lähmungen und Krämpfen, ferner die hysterischen und hypochondrischen Leiden, das Stottern, die Veitstanzformen, die Taubstummheit, die Epilepsie, die verschiedenen Formen der Geistesstörungen und der Idiotismus. Alle diese genannten Leiden sind Geschwister oder Geschwisterkinder, Abkömmlinge einer und derselben Stammmutter, Sprößlinge der nervösen Constitution.

Die ärztliche Wissenschaft unterscheidet nun accidentielle und sogenannte individuelle, erblich bedingte Krankheiten. Zu den ersteren rechnen wir beispielsweise die fieberhaften, die rein entzündlichen und die ansteckenden Krankheiten, zu letzteren die chronischen, wie Scrophulose, Schwindsucht und, last not least, alle jene vorhin näher bezeichneten Nervenleiden. Es giebt keine Krankheit, welche das nachfolgende Geschlecht so sehr belastet, wie gerade die Geisteskrankheiten und die mit ihr verwandten Leiden. Die nothwendige Folge davon ist, daß die Infection, je mehr diese Krankheiten sich verbreiten, in desto größere Kreise dringen wird. Und in der That, schaue ein Jeder sich einmal in seiner eigenen Familie, oder bei Eltern und Geschwistern oder den nächsten Blutsverwandten um, und er wird staunen über die Ausdehnung, welche diese oder jene Form der nervösen Schwäche gefunden hat.

Die Uebertragung der Krankheiten von Eltern auf Kinder geschieht nun aber nicht immer in der Weise, daß das Leiden der Eltern in derfelben Form bei den Kindern zur Geltung kommt. Eltern, welche an ausgeprägten Nervenkraukheiten leiden, zeugen in dem einen Falle blödsinnige Kinder, oder solche, welche später geisteskrank werden, in dem anderen Falle Kinder, bei denen sich später Veitstanz oder Epilepsie entwickelt, in dem dritten solche, von denen das eine oder das andere taubstumm ist oder stottert, in dem vierten Falle endlich scheinbar ganz normale Kinder, bei denen von allen diesen Leiden während der ganzen Lebensdauer gar nicht die Rede sein kann. Aber eine genaue Prüfung dieser Kinder oder der Männer und Frauen, zu denen diese Kinder herangewachsen sind, ergiebt überraschende Resultate. Ein Theil entwickelt sich geistig ungleich langsamer als die andern. Unaufmerksame Beobachter halten solche Kinder in der Regel für schwachbegabt, vielleicht für Halb-Idioten, aber ihr späteres Leben und ihre Leistungen beweisen häufig gerade das Gegentheil. Andere Kinder sind der Art zerstreut und sind so außerordentlich empfänglich für Eindrücke, welche sie aus der Sinnenwelt beziehen, daß sie in den Schulen von dem, was vorgetragen wird, gar nichts zu begreifen scheinen und so den Eindruck hervorrufen, als seien sie, wie die ersteren, um mich vulgär auszudrücken, mit ihrem Verstande zu kurz gekommen. Wieder bei anderen zeigt sich eine eigenthümliche Richtung im Gemüthsleben. Der eine Theil von ihnen schließt sich ab, geht seine eigenen stillen Wege, ist wenig mittheilsam, verschlossen, ernst; ein anderer ist reizbar, jähzornig, leidenschaftlich; ein dritter zeigt schon früh ganz bestimmte Gewohnheiten und Neigungen, aus denen sich später der Sonderling zusammensetzt. Ein großer Bruchtheil unserer Jugend aus den höheren Lehranstalten zeigt endlich einen bedenklichen Mangel an Gleichgewicht der einzelnen geistigen Thätigkeiten. Bei Diesen ist das Gedächtniß hervorragend entwickelt, bei Jenen wieder das Auffassungsvermögen, bei den Dritten das Productionsvermögen, während außer diesem einen die anderen geistigen Factoren, wenn auch nicht lahmgelegt, doch ungleich schwächer arbeiten. Es fehlt an der erforderlichen Harmonie.

Ich sagte vorhin, daß Eltern, welche nervös constituirt sind, immer zu befürchten haben daß das eine oder andere ihrer Kinder, oder mehrere, oder gar alle dem einen oder anderen dieser Leiden zum Opfer fallen. Was von nervösen Eltern gesagt ist, das gilt noch in viel höherem Grade von solchen, welche wirklich geisteskrank waren, oder noch werden, welche epileptisch sind, an Veitstanz leiden u. dergl. m.

Auf diese Weise verbreitet sich die nervöse Constitution in rasender Geschwindigkeit über die besten Kreise der menschlichen Gesellschaft, ganz abgesehen von den Insulten des Lebens, welche erst später selbst kräftige und gesunde Naturen in diesen Strudel des Verderbens hinabzuziehen geeignet sind, ganz abgesehen von den anderen Schädlichkeiten der heutigen Zeit, welche vorzugsweise unser Nervensystem in Mitleidenschaft ziehen.

So kann es denn auch nicht ausbleiben, daß die psychopathische Belastung (das heißt die angeborene Anlage zu Geisteskrankheiten) unserer Jugend, in welcher der vorhin erwähnten Formen sie sich auch zeigen möge, und die dadurch bedingte verminderte Leistungsfähigkeit immer weiter an Ausdehnung gewinnt.

Es wäre wunderschön, könnte man zur Beseitigung dieses Uebels Radicalcuren vornehmen, könnte man die Zeit, wie sie ist, die Verhältnisse, wie sie liegen, neu gestalten; ja, es wäre wirklich wunderschön, könnte man das Spiritustrinken aus der Welt schaffen, den Gaumen für Porter und Ale, Nürnberger Bier und kühle Blonde abstumpfen. Wunderschön wäre es, könnte der Familienvater, anstatt mit acht, zehn oder zwölf Stunden Arbeit am Tage mit deren vier oder sechs fertig werden, – kurz, es wäre herrlich, könnte die Genußsucht und die Eitelkeit der Welt, das Hetzen und Jagen nach Gold und Gütern, nach Aufregung in immer neuer Art und leider immer niedrigerer und gemeinerer Qualität mit einem Schlage beseitigt werden. Ein großes Stück Arbeit, vielleicht das größte, wäre damit für uns gethan. Es wäre wunderschön und herrlich, aber es ist ein Ideal, unerreichbar, wie alle Ideale, und so kann es nicht anders sein, wie es ist: die psychopathische Belastung unserer Jugend befindet sich gleichmäßig mit der Zunahme der nervösen Constitution, speciell der Geistesstörungen, in schnellem Wachsen. So haben wir es in unseren Schulen nicht mehr mit normalen Verhältnissen, sondern mit von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Generation zu Generation steigenden abnormen Zuständen zu thun, welche uns die ernste Pflicht auferlegen, keinen Augenblick zu zögern, der so bedenklichen Gefahr, welche der Blüthe unseres Volkes mit dem Niedergange seiner geistigen Kraft droht, mit Entschlossenheit und mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln entgegen zu treten.

Lassen wir nicht nach in Ermahnungen an die Eltern, Vormünder und Pfleger, welchen die kostbarsten aller Güter, die Kinder, anvertraut sind, daß sie sie hüten und wahren in jeglicher Beziehung, daß sie bemüht sind, in gleichmäßiger Weise nicht nur für ihre sittliche und geistige, sondern auch für ihre körperliche Entwickelung zu sorgen! Dazu gehört, daß sie sich selbst so viel wie möglich mit ihnen beschäftigen und durch gutes Beispiel sittlichend und belehrend auf sie einwirken.

Ein großer Fehler in der Erziehung der Jugend unserer Tage ist das Dulden und Geschehenlassen, daß sie mehr sein will, als ihr zukommt. Eine schwere Versündigung an ihrem geistigen wie körperlichen Wohle ist das thörichte und verwerfliche Bestreben der Eltern, sie, so bald es nur angeht, als Herren und Damen erscheinen und sie an Genüssen Theil nehmen zu lassen, welche sie noch nicht würdigen und verstehen können und die nur geeignet sind, sie aufzuregen.

Ich komme jetzt zu einem Capitel, welches ursprünglich die Veranlassung zu diesem Artikel gegeben hat. Es betrifft die Ueberbürdung unserer Jugend auf den höheren Lehranstalten mit Arbeit in ihrem Zusammenhange mit der Entstehung von Geistesstörungen.

Wer meine obigen Auseinandersetzungen mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem sollte die Erkenntniß nicht schwer fallen, daß, wo überhaupt Schädlichkeiten auf die geistige Gesundheit einwirken, dieselben, wie sie alle möglichen Nervenleiden zu Folge haben, ebenso gut auch wirklich ausgesprochene Formen von Geistesstörung erzeugen können. Daß dies nicht häufiger beobachtet wird, liegt wesentlich in dem Umstande, daß Geistesstörungen verhältnißmäßig selten Kinder und Halberwachsene befallen und ihre Opfer fast ausschließlich sich unter den in der Entwickelung vollendeten Gehirnen suchen. Wenn nun trotzdem die Erscheinungen beginnender psychischer Affectionen unter der Jugend auf den höheren Lehranstalten sich gemehrt haben, so beweist dies, welche Bösartigkeit in dieser Schädlichkeit liegt.

Mehr, als die Irrenärzte, oder ich will lieber sagen als die Irrenanstaltsärzte, vor denen das Publicum eine gewaltige und heilige Scheu hat, deren Besuch sehr häufig im Wahne des Vorurtheils als eine Verdächtigung der Familienehre angesehen wird, sind die gewöhnlichen praktischen Aerzte in der Lage, über die [9] Ausdehnung der psychopathischen Constitution, aber die bereits erfolgte Inficirung unserer Jugend Aufschluß zu ertheilen. In den meisten dieser Fälle kommt ja die Krankheit aus den bereits angegebenen Gründen während der Schulzeit nicht zum Ausbruch. Die gegebene Schädlichkeit hat dann aber doch die Bedeutung, daß sie den Boden für die volle Wirkung späterer Schädlichkeiten, anderer nachtheiligen Einflüsse auf die geistige Gesundheit in den späteren Lebensjahren ebnet.

Daß nun auf den höheren Lehranstalten wirklich eine Ueberbürdung unserer Jugend stattfindet, ist wohl kaum zu bestreiten.

Die Stundenpläne der norddeutschen höheren Lehranstalten weisen nach, daß beispielsweise der Gymnasiast in Secunda und Prima sechsunddreißig Stunden dem eigentlichen Schulunterrichte, und vier Stunden pro Tag, ausgenommen den Sonntag, der häuslichen Arbeit zu widmen hat. Dies beträgt pro Woche sechszig Arbeitsstunden, und da behauptet man, von einer Ueberbürdung könne keine Rede sein. Wo bleibt denn die ebenso nothwendige Zeit für die körperliche Entwickelung? Geben etwa die Viertelstunden Pause zwischen den einzelnen Stunden und die Wege von und nach der Schule den nöthigen Ersatz?

So oft hört man in der täglichen Unterhaltung über die Ueberbürdungsfrage von gegnerischer Seite erwidern, daß wir, die Eltern, in unserer Jugend ebenso viel gearbeitet hätten und ebenso viel angestrengt worden wären, wie die heutige Jugend, und doch gesund geblieben wären. Die, welche dies behaupten, befinden sich in einem gewaltigen Irrthume. Einmal war damals die Controlle des Lehrers über den Schüler eine weniger scharfe als heute, wo der Junge aus dem Versetzungsfieber von Halbjahr zu Halbjahr gar nicht herauskommt; ferner war die Zahl der eigentlichen Fachlehrer, meist in der Pädagogik noch unerfahrener junger Leute, die das Maß ihrer Aufgaben zu unterschätzen geneigt sind, zu jener Zeit eine viel geringere. Die Fortschritte auf allen Gebieten des Wissens haben selbstverständlich auch vermehrte Anforderungen an die Jugend gestellt. Doch zugegeben, wir hätten dieselben Aufgaben zu lösen und dieselben Anstrengungen zu machen gehabt, ein Unterschied ist da, und dieser allein ist ausschlaggebend für die behauptete Ueberbürdung. Wir bildeten zu jener Zeit eine von gesunden und kräftigen Eltern erzeugte, an Geist und Körper frische Schaar, die erst in späteren Jahren, den Einflüssen einer über Alles aufgeregten Zeit weichend, diese ihre ursprüngliche Frische und Widerstandsfähigkeit zum Theil eingebüßt hat. Heutzutage aber ergehen dieselben Anforderungen an eine Generation, welche jenes schöne Erbtheil nicht mitgebracht hat, im Gegentheil psychopathisch belastet ist.

Ein weiterer Beweis für die Ueberbürdung liegt in der Zunahme der Kurzsichtigkeit unserer Jugend auf den höheren Lehranstalten. Diese Zunahme steht in geradem Verhältnisse zu der Mehrforderung in Prima und Secunda gegen die Anforderungen in den unteren Classen.

Gegen eine solche Gefahr der Ueberbürdung muß mit radical wirkenden Mitteln vorgegangen werden. Und eine volle Wirkung scheint mir nur dann möglich, wenn die Arbeit getheilt, wenn mit Rücksicht auf die krankhafte Disposition unserer Jugend, auf den Mangel an Gleichgewicht der verschiedenen geistigen Factoren dieser Einseitigkeit Rechnung getragen wird und durch Gewährung gleichen Lichtes, gleicher Luft und Wärme in verschiedenen Schulen, mit verschiedenen Lehrzielen, aber selbstverständlich mit gleicher Berechtigung, die einzelnen Anlagen und Fähigkeiten zur Entwickelung und Geltung gelangen können.

Es erscheint mir zweitens dringend geboten, daß die einzelnen Lehrziele aus unseren Gymnasien, überhaupt allen höheren Lehranstalten, nicht unwesentlich herabgedrückt werden, und daß endlich drittens auf allen diesen Anstalten eine größere Sorgfalt auf die körperliche Entwickelung durch Einführung obligatorischer, regelmäßiger und unter Aufsicht stehender Spiele und gymnastischer Uebungen verwandt werde.

Ob es rathsam erscheint, die Erziehung zur Arbeit in ähnlicher Weise, wie sie von dem bekannten Rittmeister a. D. Elauson Kaas zu Kopenhagen in Gestalt von „Hausfleißgesellschaften“ oder von „Lern- und Arbeitsschulen“ zur Vorbildung der niederen und mittleren Volksclassen (siehe „Gartenlaube“, Jahrgang 1880, Nr. 4, „Die Erziehung zur Arbeit, eine Forderung des Lebens an die Schule“ von Karl Biedermann) eingeführt ist, auch auf die Gymnasien und höheren Mädchenschulen in Anwendung zu bringen, um durch zweckmäßige Abwechselung zwischen der einseitigen Anstrengung des Gehirns und einer Uebung der änßeren Organe die vorzeitige geistige Ermüdung der Kinder zu verhüten, darüber läßt sich zur Zeit wegen Mangels an Erfahrung nichts Bestimmtes sagen.

Daß eine zweckmäßige Uebung der äußeren Organe an und für sich als Gegengewicht gegen die einseitige Anstrengung des Gehirns Vorzügliches leisten muß, liegt auf der Hand. Selbstverständlich ließe sich denn auch annehmen, daß die Einführung derartiger Handarbeiten, wie Tischlerei, Drechslerei, Laubsägen u. dergl. m., in hohem Grade entlastend auf die hier so sehr in Anspruch genommene Jugend wirken müsse und in dieser in ungleich höherem Maße, als in den Elementar-, den Volks- und Bürgerschulen, wo die Ansprüche an die geistige Leistungsfähigkeit viel geringer sind, viel kürzere Zeit dauern und meist schon zu einer Zeit aufhören, wo der schädliche Einfluß einer allzu einseitigen geistigen Arbeit auf das Gehirn sich erst zu äußern beginnt, also mit dem vierzehnten, fünfzehnten und sechszehnten Lebensjahre.

Die Heranziehung unserer Jugend auf den höheren Lehranstalten zu körperlich mechanischen Arbeiten obengenannter Art würde auch den großen Vortheil für sich haben, daß die jungen Leute, welche erfahrungsgemäß im späteren Leben sich größtentheils als sehr unpraktisch erweisen, zunächst den Werth solcher Arbeiten bei Zeiten beurtheilen lernen, dann aber auch eine Fertigkeit in Handarbeiten sich aneignen, welche nicht allein materiell nützlich, sondern auch bildend, erziehend und läuternd auf die Richtung ihrer geistigen Bestrebungen einwirkt.

Sodann darf aber auch, abgesehen von Bedenken anderer Art, nicht vergessen werden, daß es sich bei der Jugend auf den höheren Lehranstalten in erster Linie um einen Ausgleich im Körperlichen handelt, welcher nicht in dem Grade bei der Hobelbank zu finden ist, wie beim Spiel in frischer, freier Lust.

Die vielfach laut gewordene Befürchtung, daß, wenn alle vorhin genannten Bedingungen erfüllt würden, das ganze Niveau unserer Bildung um eine Stufe niedriger zu liegen käme, scheint mir eine unberechtigte. Im Gegentheil würde begründete Aussicht vorhanden sein, daß das Leistungsniveau unserer Jugend sich wieder höbe. Ich will die humanistischen Gymnasien erhalten wissen, so, wie sie sind, unter der Voraussetzung, daß zur Entlastung von Arbeit ein Unterrichtsgegenstand, aber nicht eine der alten Sprachen fallen gelassen und auf die naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächer kein besonderer Nachdruck gelegt wird. Auf der andern Seite soll aber auch den jungen Leuten, welche mehr Begabung und Neigung zu den naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern zeigen, Gelegenheit gegeben werden, durch richtige Anordnung des Lehrstoffes dieselbe geistige Bildung zu erreichen, wie auf den humanistischen Gymnasien. Dies kann meiner Ansicht nach dadurch erreicht werden, daß die heute bestehenden Realschulen erster Ordnung, wie dies schon der Fall, eine alte Sprache, und zwar die griechische, vollständig ausschließen, im Uebrigen aber ihren Accent auf die naturwissenschaftlichen Fächer und die neueren Sprachen legen. Das Wissen würde allerdings an Breite verlieren, aber an Tiefe gewinnen, an Tiefe, die allein Freudigkeit zur Arbeit schafft. Die Jugend würde mehr geschont und ihre Leistung im Leben eine größere werden.

  1. Medicinalrath Dr. Fr. Paul Hasse in Königslutter hat bekanntlich auf der letzten Versammlung der Irrenärzte zu Eisenach einen neuen Anstoß zur Prüfung dieser Frage gegeben, welche er auch in seiner vor Kurzem erschienenen Broschüre: „Ueberbürdung unserer Jugend etc.“ (Braunschweig, Vieweg) behandelte. Auch in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 13. December 1879 wurde die Ueberbürdungsfrage in die Debatte hineingezogen. Der preußische Cultusminister von Puttkamer glaubte auf Grund der von den Directoren preußischer Irrenanstalten abgegebenen Gutachten gegen die in Eisenach ausgesprochenen Schlußfolgerungen Einwand erheben zu müssen, während andere Abgeordnete sich auf den Standpunkt unseres Verfassers stellten. Im Ganzen wurde aber die Gefahr der Ueberbürdung für das geistige und leibliche Wohl der Schüler anerkannt, welcher Ansicht sich die denkenden Beobachter unter unseren Lesern ohne Zweifel anschließen werden. D. Red.