Schreiben an den preiswürdigen Lord Burggraf Molesworth

Textdaten
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Autor: Jonathan Swift
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Titel: Schreiben an den preiswürdigen Lord Burggraf Molesworth
Untertitel:
aus: Briefe des Tuchhändlers. In: Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift. 1. Band, S. 415–443
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1724
Erscheinungsdatum: 1756
Verlag: [s.n]
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Erscheinungsort: Hamburg und Leipzig
Übersetzer: Johann Heinrich Waser
Originaltitel: A Letter To the Honourable the Lord Viscount Molesworth
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[415]
V.
Schreiben
an den
preiswürdigen
Lord Burggraf Molesworth.[WS 1]


Sie reden giftig wider mich allenthalben, und streiten wider mich ohne Ursache.

Dafür, daß ich sie liebe, sind sie wider mich, ich aber bete.

Sie beweisen mir Böses um Gutes, und Haß um Liebe.

Ps. CIX. 3, 4, 5.     

Lasse dich nicht verlangen Richter zuseyn, denn durch dein Vermögen wirst du nicht alles Unrecht zurechtbringen, du möchtest dich entsezen für einem Gewaltigen und das Recht mit Schanden fallen lassen.

Richte nicht Aufruhr an in der Stadt, und hänge dich nicht an den Pöbel.

Auf daß du nicht tragen müssest zweifältige Schuld, denn es wird keine ungestraft bleiben.

Sirach Cap. VII. 6, 7, 8.     

Non jam prima peto Mnestheus, neque vincere certo,
Quanquam o! sed superent, quibus hoc, Neptune dedisti.[WS 2]

[416]
Nachrichten
an
den Buchdruker.


Herr Harding!

Da ich euch meine vorgehende Papiere zugeschikt, kann ich nicht sagen, daß ich euch entweder nuzen oder schaden wollen, und dennoch ward ich ein Mittel, daß euch beides wiederfahren ist. GOtt bewahre euch vor allem weitern Unglüke und vermehre euch die Vortheile. Eure Handlung ist wol vor allen (besonders in diesem Königreiche) mit den unglüklichsten Umständen verbunden. Denn wie ihr euch mit der unnüzlichsten Waare, der Hirngeburt geltloser Scribenten abgebet, so sezt ihr, um eine halbe Krone zugewinnen, oft eure Freiheit, und oft gar euer Leben in Gefahr, und um das, was ihr nicht versteht, müßt ihr andrer Leute Sünden büssen.

Ich besorge, ihr insbesonder werdet gedenken, daß ihr Ursach habt, euch über mich zubeklagen, da ihr und euer Weib in Verhaft, und dabei in grosse Kosten und viele Ungemache gerathen seyt, ja noch besorgen müßt, daß man euch forthin rechtlich verfolgen werde. Ich will euch aber sagen, Herr Harding, was es mit dieser Sache für eine Beschaffenheit hat. Seit dem die Presse unter eine so genaue Aufsicht gekommen, sind diejenige, welche das Publicum über etwas belehren wollen, so vorsichtig [417] geworden, daß sie sich selbst vor der Gefahr, so viel möglich ist, sicher stellen. Ich habe daher die Gewohnheit, daß ich meine Gedanken einem Lehrjunge, der sich eine unbekannte Hand annehmen kann, in die Feder dictiere, und was so geschrieben ist, das schiken wir euch denn durch einen Stalljungen zu Hause. Doch versichere ich euch zugleich auf meine Ehre, daß ich euch niemal etwas zugesendet habe, weswegen ich gedacht hätte, daß ihr vielleicht möchtet zur Rechenschaft gezogen werden. Und ihr selbst werdet mir Zeuge seyn, daß ich euch allemal schriftlich gebeten habe, rathszufragen, ehe ihr es waget etwas zudrüken, weil mir nämlich die Kunst der Juristen, nach deren sie immer etwas ausfindig zumachen wissen, das sie zur Last legen, wobei nichts Böses gemeint ist, wol bekannt war; Ich habe auch in der That vernommen, daß ihr dem zufolge wirklich verschiedene geschikte Leute zurathegezogen, und so gar einige, die nachher öffentlich Partei wider euch gehalten. Hierüber aber kann ich nichts anders sagen, als daß ihr entweder andere Rathgeber suchen, oder euch entschliessen müßt, nichts zudrüken, das von einem Tuchhändler herkömmt.

Ich ersuche euch den hier eingeschlossenen Brief, dem Lord Burggrafe Molesworth in sein Haus zu Brakdenstein, nächst bei den Schwertern, zuzusenden. Ich wolte aber gerne, daß er diesem Herrn gedrükt zukäme, damit Se. Herrlichkeit ihn desto besser lesen könnten, zumal da die angenommene Hand meines Lehrjungen nicht gar leserlich ist. Und wenn ihr es gut findet, denselben öffentlich bekannt zumachen, [418] so wünschte ich, daß ihr ihn zuerst von einem berühmten Rechtsgelehrten durchlesen liesset. Ich zweifle nicht, ihr werdet derer genung finden, die des Tuchhändlers Freunde sind, und die euch diesen Dienst ohne Bezahlung thun werden. Denn ich besorge, daß euch eine solche Ausgabe, nach allen den Kosten, welche ihr bereits gehabt, beschwerlich fallen möchte. Obgleich ich aber solche Vorsicht gebraucht, daß ich es für unmöglich halte, in meinen folgenden Blätern einen Text auszufinden, weswegen ihr wiederum soltet ins Gefängnis geschikt werden können, so wage ich es doch nicht, euch gut dafür zustehen.

Dieser mitgehende Brief enthält weiter nichts als eine kurze Nachricht von mir selbst, und eine demüthige Vertheidigung meiner vorigen Briefe, besondere des leztern. Woods, und seiner Halbpfenninge, gedenke ich nur mit wenigem, weil ich allbereit über diese Materie genung gesagt habe, und nun warten will, bis man uns aufs neue in Furchten sezt. In diesem Falle dürftet ihr vielleicht wiederum von mir hören.

Ich bin 

Euer Freund und Diener,

M. B.     

Aus meinem Laden, in
der St. Franzen Strasse,
den 14. Christm. 1724.


P. S. Weil niemand zwischen uns ab und zugeht, (welches ich auch nimmer gestatten werde) so lassen eure Leute viele Drukfehler mitlaufen; ich ersuche euch, deswegen Vorsehung zuthun.

[419]
An den
preiswürdigen Burggraf,
Lord Molesworth,
in seinem Hause zu Brakdenstein, nächst
bei den Schwertern.


Milord!

Ich gedenke zuspät an jenen allgemein bemerkten Grundsaz, daß wer sich in fremde Händel mischet, Ursache finden wird, es zubereuen: Dieses erwahret sich gegenwärtig an mir, denn da ich mich in die Profession eines Schriftstellers eingelassen, habe ich mir die Ungnade der Regierung auf den Hals gezogen, welche sie durch eine Proclamation an den Tag geleget, darinnen dem ersten getreuen Unterthan, der im Stand wäre, und Lust hätte mich zuverklagen, dreihundert Pfunde zur Vergeltung versprochen werden; dazu kömmt noch der löbliche Eifer, und die unverdrossene Bemühung des Oberrichter Milord Whitsheds einen so gefährlichen Mann zuentdeken: Ich mag es mich also gereuen lassen oder nicht, so habe ich doch gewiß Ursache dazu, und die gemeine Anmerkung bleibt eine feste Wahrheit.

Ich weiß nicht wie es kömmt; inzwischen ist es in dem Lauf menschlicher Dinge nichts seltenes, daß einer [420] zuweilen gesezlicher Ahndungen schuldig gemachet wird, da, wo er sonst nichts, weder vor GOtt noch vor seinem Vaterland zuverantworten hat, und daß er zu Westmünsterhalle um etwas verurtheilet wird, wofür er am jüngsten Tage gewiß keine Rechenschaft wird zugeben haben.

Nach einer genauen Prüfung meines Herzens und Zurathziehung auch einiger angesehener geistlicher Herren, kann ich mich selbst nicht anklagen, weder einiger Bosheit,[1] oder schlimmen Gesinnung gegen das gemeine Wesen, noch einiger Absicht den Saamen der Aufruhr auszustreuen, oder wider den König und seine Minister anzügliche Reden zuführen, oder daß ich gesucht hätte, das Herz der Einwohner diesen Königreiches von England abzuziehen. Alles was ich mir selbst zur Last legen kann, ist dieses, daß ich einen schwachen Versuch gethan, einer, durch einen höchstgottlosen und boshaften Projektmacher, in Gefahr ihres gänzlichen Verderbens gesezten Nation zuhelfen, ohne gewartet zuhaben, bis man mich zu Hülfe rufte. Ein Unternehmen, welches, obschon es mir vielleicht den Nammen eines unzeitig geschäftigen, und einbildischen Menschen zuwegen bringen mag, doch mein Gewissen nimmer beschwehren wird. GOtt weiß indessen, ob ich mich nicht, mit aller meiner Vorsichtigkeit, vielleicht in eine zwote Gefahr stürze, daß ich nur so viel zu meiner Vertheidigung sage; denn ich habe mir erzehlen lassen, daß ein gewisser Richter einem Beklagten, der sich auf den lezten grossen Gerichtstag berufen, bedeutet habe, [421] sein Vermögen wäre der Obrigkeit heimgefallen, weil er an ein fremdes Gericht appelliert hätte: und daß ein andrer in Wales seinen Gefangnen, der sich auf dasselbe Gericht berufen, heftig angefahren und beschuldigt hätte, daß er durch eine solche Vergleichung den Hof beschimpfe, angesehen alle Vergleichungen verhaßt wären.

Allein damit ich mich doch um etwas entschuldigen möge, daß ich ein wenig nachdenkender bin als andere Leute meines Standes, so bitte ich, Eure Herrlichkeit wollen mir günstig verzeihen, daß ich eine Thorheit begehe, und ihnen eine etwelche kurze Nachricht von mir selbst gebe.

Ich bin in einer Freischule auferzogen worden, da ich etwas von der lateinischen Sprache gefasset habe. Meine Lehrjahre habe ich in London ausgehalten, und eben da hatte ich auch meine Profession mit ziemlich gutem Glüke für mich selbst getrieben, bis ich bei erfolgtem Absterben einiger meiner Freunde, und bei erlittenen Unglüksfällen andrer, in dieses Königreich zurükgekehret, und angefangen habe alle meine Gedanken auf die Wollenfabric und derselben Verbesserung, nach allen ihren Theilen, zurichten. Hiebei aber fand ich grossen Widerstand, und mächtige Gegner, deren Einwürfe mir fremd und ganz besonder vorkamen. Sie sagten, die Engländer würden es sehr übel nehmen, wenn unsere Manufakturen den ihrigen gleich kommen solten. Und es widerstanden mir deswegen so gar einige von der Weberzunft, welches ich nicht anders als etwas recht tolles und unnatürliches ansehen konnte. Ich erinnere mich, daß Eure Herrlichkeit mir zu derselben [422] Zeit die Ehre angethan, in meine Bude zukommen, und daß ich ihnen ein Stük weiß und schwarzen Zeuges,[2] welches so eben vom Färber kam, gewiesen habe, das sie beliebten sich gefallen zulassen und es mir abkauften.

Inzwischen war ich doch so verlegen, daß ich mich entschloß für das künftige ruhig in meiner Bude zusizen, und gleich meinen übrigen Brüdern nur mit allgemeinen Waaren zuhandeln, bis sich einige Monate hernach zugetragen, daß ich, in Betrachtung wie die gemeinern ärmern Leute, einen angemessenen groben, starken Zeug nöthig hätten, um sich wieder den Ostwind, der damals überaus heftig und hartnäkig blies, zuverwahren, denselben wirklich erfand; dieser hatte durch das ganze Königreich sehr guten Abgang, und viele tausend Menschen wurden dadurch vor Fiebern bewahret. Hierauf verfertigte ich eine zwote und dritte Art von Stoffe für den Adel,[3] mit demselben guten Erfolge, so daß man eine zeitlang weiter von einem Fieber kaum etwas gehört hat.

Dieses ermunterte mich, daß ich ein viertes Stük wagte,[4] welches ich von der feinsten Irrländischen Wolle, die ich bekommen konnte, verfertigte: Und ich hielt es für kostbar und anständig genung, daß auch die vornehmsten Lorde und Ritter auf der Landschaft sich nicht schämen dürften es zutragen. Allein[WS 3] seit kurzem beklagen sich, wie ich höre, einige Vornehme, daß [423] wenn sie den Zeug getragen hätten, sie einen Schauer durch den ganzen Leib empfunden, und deswegen haben sie ihn voll Zorn und mit tausend Flüchen über den armen Tuchmacher, der den Stoff erfunden, von sich geworfen; so daß ich enschlossen bin, nimmer wieder für vornehme Leute zuarbeiten, ausgenommen für Eure Herrlichkeit und für etliche wenige andere.

Inzwischen kann ich Eure Herrlichkeit auf meine Ehre versichern, daß ich durch den Verkauf aller dieser verschiedenen Stoffen, so ich erfunden habe, nicht um einen einzigen Woodischen Halbpfenning reicher geworden bin, denn ich gebe den ganzen Profit den Färbern und Pressern, und hoffe daher Eure Herrlichkeit werden glauben, daß mich nichts anders habe bewegen können, Kopf und Hände so zum Verlust meiner Zeit, und mit keinem andern Gewinst als gehasset und geplaget zuwerden, anzuspannen, als die Liebe des Vaterlandes.

Dermal habe ich ein Stük Tuch in der Arbeit, welches ich Eurer Herrlichkeit allein zugedacht habe, obschon ich mich fast schämen solte, ihnen dasselbe anzutragen, nachdem ich bekennen muß, daß es bloß von den Triemen und Ueberbleibseln[5] derjenigen Wolle verfertigt werden soll, welche ich zu den vorigen Stoffen gebraucht habe: Doch ich werde es so gut verarbeiten als mir immer möglich ist; und zulezt dürfen es Eure Herrlichkeit nur ihren Pächtern geben.

Ich verspüre gar wol, wie übel es läßt, daß ich Eure Herrlichkeit mit der Pedanterei eines Tuchmachers, [424] in dem Styl seines eigenen Gewerbes unterhalte. Allein werde ich wol die Sache verbessern, wenn sie sehen, daß ich mich wieder, obwol nur sparsam, in eine Staatssache einlasse? Denn zu einer solchen ist nunmehr (dafern einigen grossen Rechtsgelehrten zuglauben) der Streit mit Wood gediehen. Und wie es öfter beim Spiele geht, daß man beim Vierer anfängt, und nach und nach zur Guinée aufsteigt, bis einige solcher Spieler zulezt ihr ganzes Vermögen verlieren, und im Gefängnis sterben, so möchte mirs wol auch begegnen, daß ich nämlich, wenn ich zulange mit Woods Halbpfeninngen spiele, so weit hineinkomme, daß mir dafür, daß ich betrogen worden, noch eine Geltbuß auferlegt, und das Gefängnis angewiesen werden dürfte, von dannen ich nicht wieder herauskäme, bis ich den lezten Heller würde bezahlt haben.

Es giebt, Milord, dreierlei Gattungen Leute, mit denen ich nimmer zustreiten gedenke. Ein Strassenräuber, der mir die Pistol auf die Brust sezet; ein Trupp Dragoner, die mein Haus zuplündern kommen; und ein Jurist, der sich ein Verdienst daraus machen kann, daß er mich verklaget. Bei jedem von diesen Fällen (sie sind aber beinahe einer und eben derselbe) ist das beste, aus dem Wege zugehen, und das nächste beste, sein Gelt herzugeben, das Haus preiszulassen und nichts zugestehen.

Ich höre, daß die zwo Stellen in meinem lezten Schreiben, davon man Anlaß genommen, sich für beleidigt zuhalten, diejenige seyen, da ich Sr. Majestät Antwort, welche Sie auf die Vorstellungen des Oberhauses, Woods Patent betreffend, gegeben haben, [425] Meldung thue, und wo ich von Irrlandes Dependenz handle. Was das erstere betrift, so weiß ich nichts zusagen, als daß ich mit der grösten Hochachtung und Behutsamkeit davon geredet habe; Inzwischen hielt ich es für nothwendig, zuzeigen, in wie viel wesentlichen Stüken Woods Patent von allen andern, die jemal waren ertheilet worden, unterschieden sey, weil man aus Mangel genungsamen Unterrichts das Gegentheil so heftig und zuversichtlich behauptet hat. Und was den andern Punkt, Irrlands Dependenz, betrift, so bekenne ich, daß ich den Ausdruk oft gehöret, aber niemal verstehen können, was man damit sagen wolte. Dieses machte mich gelustig, verschiedene berühmte Rechtsgelehrte darüber zubefragen, welche mir aber einmüthig bezeugten, daß sie nichts davon wüßten. Hierauf durchbläterte ich alle Statuten beider Königreiche, und fand auch da, ausser einer Irrländischen Akte vom 33. Jahre der Regierung König Heinrichs des Achten, welche ich angeführt habe, und wodurch Irrland mit England unter einen und denselben König vereinigt wird, von dieser Materie nicht die geringste weitere Spure. Nun kann ich eben nicht sagen, daß es mich betrübt hat, daß mein Nachforschen so vergebens gewesen, weil ich in der That sehr wol zufrieden seyn konnte, daß ich von niemand als von GOtt, von meinem König, und den Gesezen meines Vaterlandes, (so wie es bei andern Nationen auch ist) abhange. Inzwischen da meine Obern einer andern Meinung sind, und eine mehrere Dependenz verlangen, so werde ich mich äusserlich zwar unterwerfen, dabei aber stets im Herzen bei der Ausnahme bleiben, welche ich von M. B. Tuchhändler gemachet habe. Im übrigen war dieser Einfall[WS 4] bloß von einer närrischen Geschichte geliehen, die ich in England gehöret, und [426] welche vielleicht überall bekannt und ausgepeitscht seyn mag, inzwischen weil sie weder auf Verrätherei noch Aufruhr zihlet, so will ich sie nur schlecht weg erzehlen.

Als vor etlich hundert Jahren die Herren vom Oberhause so mächtig waren, daß die von der Kammer der Gemeinen für nicht viel besser als ihre Untergebene angesehen wurden, kam eine Bill aufs Tapet, kraft deren den Pairs noch einige mehrere Freiheiten, und Gerechtsamen solten zugestanden werden. Nachdem sie verlesen war, stand ein gewisser Drue, ein Mitglied des Unterhauses, auf, und sagte, er liesse sich die Bill sehr wol gefallen, und gebe seine Stimme, daß sie genehmiget würde; inzwischen aber wolte er doch aus gewissen Gründen, die ihm selbst am besten bekannt wären, gebeten haben, man möchte die Clausel beifügen, daß die Familie der Druen ausbedungen seyn solte: Diese seltsame Rede vermochte die andern, daß sie ein bisgen nachdachten, und die Bill ward verworfen.

Ob ich mich bei der Untersuchung von Irrlands Dependenz betrogen habe, oder ob ich dabei zuweit gegangen, das muß ich dem unparteyischen Urtheile der Leute und den Gerichtshöfen überlassen, wiewol in der That eben nicht, daß sie das Recht haben, die Sache so mit Gewalt und ganz decisiv zuentscheiden. Daß aber einige, unsere Blödigkeit und knechtische Furcht zuunterhalten, (wie ich höre) sagen, dieser Punkt hätte meine vorhabende Materie nichts angegangen, ist ein falscher und närrischer Einwurf. Wood und seine [427] Mitgesellen waren emsig, verschiedene ärgerliche Gerüchte auszustreuen, damit sie alle Widersezung gegen sein schändliches Projekt verhintern möchten: Sie gaben vor, wir hätten uns zu einer Rebellion gerüstet, wir machten dem König seine Vorrechte streitig, und wolten unsre Dependenz vom Halse schütten. Das erste ward so weit getrieben, und fand, ungeachtet der augenscheinlichsten Beweisthümer vom Gegentheile, so viel Glauben, daß ein gewisser vornehmer Herr aus diesem Königreiche, der sich diesmal in England aufhält, einen solchen Bericht deswegen herüber geschiket hat, daß jeder getreue Unterthan sich beides zubetrüben und zuzittern Ursache hat. Ich hielt es daher für nothwendig, diese Verleumdung zutraktieren, wie sie es verdiente. Hierauf habe ich mit einem unumstößlichen Grunde bewiesen, daß wir keine Absicht konnten gehabt haben, Sr. Majestät Vorrechte zubestreiten, weil diese mit der Sache, davon die Frage war, gar nichts zuthun hatten, angesehen die Rechtsgelehrten von allen Nationen darinn übereinstimmen, daß Kupferschläge zur Münze nicht mitgehören. Und endlich habe ich zu Ablehnung der Zulage, als ob wir uns unsrer Dependenz entladen wolten, gezeiget, worinn mich dünke, und immer dünken wird, daß diese Dependenz bestehe, wobei ich die obengemeldete in Irrland errichtete Sazung angeführt, welche vermag, daß wer König in England ist, auch zugleich König in Irrland seyn soll, und daß die beiden Reiche unter einem und demselben König auf ewig mit einander verbunden seyn sollen. Dieses solte, wie mich deuchte, den Verdacht gänzlich wegheben, als ob wir unsere Dependenz vom Halse schütten wolten, angesehen es überall nicht in unsrer Gewalt steht, denn es wird gewiß kein König in England [428] jemal darein willigen, daß diese Sazung wiederrufen werde.

Allein bei diesem Artikel bringt man eine schwerere Anklage gegen mich vor. Ich wäre (sagt man) zuweit gegangen, da ich mich erkläret habe, daß wenn jemal der Pretendent (welches GOtt verhüte) auf den Engländischen Thron solte eingesezet werden, so wolte ich mich erkühnen, diese Sazung so weit zuübertreten, daß ich mein Blut bis auf den lezten Tropfen versprizen wolte, ehe ich mich ihm als König von Irrland unterwerfen würde.

Dieses, wie ich von allen Seiten her höre, ist der stärkste und wichtigste Vorwurf, den man mir macht, und der den meisten Anstoß gegeben hat, daß ich nämlich so kühn gewesen, mich gegen eine ausdrükliche Sazung zuerklären, und daß etwas, so stark es auch immer wäre, mich vermögen solte, einen König zuverwerfen, den England annähme. Nun wenn ich zu meiner Verantwortung gegen diese Anklage frei heraus bekennen würde, daß ich zuweit gegangen; daß der Ausdruk unbesonnen gewesen, obschon es eine Wirkung meines Eifers für Se. diesmal regierende Majestät und Dero Protestantische Linie des Hauses Hannover war; daß ich mich sorgfältig hüten wolte, dergleichen Anstoß nimmer zugeben, und daß ich hoffe, ein solch freies Bekänntnis und bezeugte Reue über meinen Fehler, würde mir als eine etwelche wirkliche Büssung desselben angerechnet werden, und meine mächtigen Gegner um etwas besänftigen: Ich sage, wenn ich mich auf diese Weise verantworten solte, so zweifle ich nicht, daß dennoch gewisse Leute mir solches boshaft auslegen und [429] als eine üble Gesinnung verdrehen würden. Und darum weil ich keine andere Antwort erdenken kann, die sich für diese Stelle schikte, so will ich sie der Gnade eines jeden redlichen Lesers überlassen, doch immer so, daß ich meine Meinung nicht wiederrufe.

Ich will nun die Freiheit nehmen, Eurer Herrlichkeit ein Geheimnis zusagen, wobei sie, wie ich fürchte, nur allzusehr interessiert sind: Belieben sie also zuvernehmen, daß ich mir diese Art zuschreiben und von den Sachen zusprechen, wodurch ich mich beinahe von jedermänniglich in dem ganzen Königreiche unterscheide, und wodurch ich geschikt bin, weit mehrere Ohren zubeleidigen, als ich wünsche, in meinen Lehrnjahren und nachher während meines langen Aufenthalts in England, nachdem ich für mich selbst zuhandthieren angefangen zu London erworben habe. Nachdem ich zurükgekommen und hier eingesessen war, glaubte ich, ich hätte bloß ein freies Land an ein andres getauschet. Ich war von langer Zeit an die Schriften Eurer Herrlichkeit, des Herrn Locke,[WS 5] Molinaux, Obrist Sidneys[WS 6] und andrer gefährlicher Verfasser gewöhnet, welche von der Freiheit als von einem Gute sprechen, daran das ganze menschliche Geschlecht von Natur Anspruch habe, und wovon sie nicht anderst, als durch eine unerlaubte Gewalt können verdrungen werden. Ich kannte ein gutes Theil von den Gothischen Verordnungen in Europa, und weiß bei was Anlasse und Begegnissen dieselben abgeschaffet worden: Und ich hielt es stets für einen ungezweifelten und allgemein angenommenen Grundsaz, daß die Freiheit darinn bestehe, daß ein Volk durch Geseze regieret werde, wozu es seine Einwilligung gegeben, und die Sklaverei hingegen [430] im Gegentheile. Ingleichen habe ich gehört, daß die Wörter Freiheit und Eigenthum in diesem Königreiche ihren gewöhnlichen bekannten Sinn und Bedeutung haben: Selbst die Juristen behaupten selbige zuverstehen, und führen sie öfters im Munde. Das waren die Irrthümer die mich verführt haben, und welchen ich das harte Verfahren so mir begegnet ist, allein zudanken habe: Doch ich werde künftig klüger seyn, und bedenken lernen wer meine Treiber sind, auf was für einer Strasse ich gehe, und mit wem ich ans Joch gespannet bin. So viel darf ich zum wenigsten sagen, daß die kühnste und am strafbarsten gehaltene Ausdrüke deren ich mich bedient, in England mir weiter nichts als die Nachrede eines tummen Kopfs würden zuwegen gebracht haben, der zubeweisen unternommen, daß am hellen Mittag die Sonne scheine. Und ich kann Zeugen darstellen, daß Eure Herrlichkeit es in Reden und Schreiben hundertmal ärger gemacht haben als ich, und zwar, welches die Sünde um ein merkliches vergrössert, mit ungleich mehr Wiz und Gelehrsamkeit, und mit weit stärkern Gründen, so daß ich, wie die Staatssachen izo gehen, niemand kenne, der verwerflichere Grundsäze darüber hege als eben Sie. Und ich halte dafür, daß Sie, wenn ich jemal entdeket werden solte, bei ihrer Ehre verbunden sind die Busse für mich zubezahlen, und mich im Gefängnis zuunterhalten, wo nicht, so dürfte ich wol Repressalien gebrauchen, und Eure Herrlichkeit ebenfalls verklagen.

Inzwischen belieben Eure Herrlichkeit hier mein Geständnis zuvernehmen. Ich erkläre mich nämlich, daß wofern je ein solch Ding wie die Dependenz Irrlands von England, in der Welt ist, anderst als ich es erkläret [431] habe, es sey entweder vermöge der göttlichen Geseze, oder des Gesezes der Natur, oder nach der Vernunft, oder nach dem Völkerrecht, oder nach den Gesezen des Landes, (ich wolte aber lieber sterben als dieses einraümen) so ist die Proclamation wider mich wol die allergelindeste gewesen, die jemals ausgestellet worden, und an statt mich als einen boshaften, schlimmen und aufrührischen Mann zuverklagen, hätte man mich mit gleichem Rechte, geradezu des Hochverraths beschuldigen mögen.

Alles was ich inzwischen verlange ist dieses; daß wenn ich einige Unvorsichtigkeiten begangen habe, die Sache doch, welche mein Vaterland wider Wood hat, nicht selbst darunter leiden müsse. Irrland mag von England, oder nur von Gott, dem König, und den Gesezen dependieren, so hoffe ich doch, es werde niemand behaupten wollen, daß es von dem Hrn. Wood dependiere. Es solte mir herzlich leid seyn, wenn diese löbliche Empfindlichkeit wider mich, zufälliger Weise, (denn ich hoffe, daß es doch nie der Hauptzwek gewesen,) denjenigen Eifer dämpfen sollte, welcher sich bey allen Ständen und Gesellschaften wider Woods verruchtes und höchst-verderbliches Project geäussert hat. Meine Landesleute mögen immer auslöschen was Ihnen in meinem lezten Briefe mißfällt, damit kein Rost an meinem Schwert übrig bleibe, die Wunden zuheilen, welche ich unserm Todfeinde beigebracht habe. Man erzehlet, daß der Herr Karl Sedley,[WS 7] als er durch einen Eid auf verschiedene Dinge Verzicht thun müßte, gesagt habe: Er liebte das Verzicht thun, und daß er gefragt, ob noch weiter etwas wäre, darauf er Verzicht zuthun hätte? Denn er wäre bereit auf alles Verzicht zuthun, was man nur wolte. Ob [432] ich nun gleich kein so gar grosser Verzichtthuer bin, so bin ich doch, dafern man mir nur genungsame Sicherheit wider diese pestilenzialische Münze giebt, bereit, nicht allein einer jeden Sylbe in allen meinen vier Briefen zuentsagen, sondern ich will sie noch selbst von Herzen gerne, mit eigener Hande dem ordentlichen Scharfrichter übergeben, und verlange dabei nicht, daß es in beßrer Gesellschaft geschehe, als des Bildnisses des Münzers,[WS 8] wenn je noch ein Stük davon, den Gerichtübenden Händen des gemeinen Volks, meiner getreuen Freunde, entgangen ist.

Indessen mögen einige Leute denken, wie sie wollen, so glaube ich, es sey unstreitig, daß viele von denen, die sich gegen mich unterschrieben haben, von der weit grössern Partei derer im Königreiche seyen, welche sich Wood widersezen. Und ich habe unten an einer scharfen Erklärung wider ihn und seine Münze, mit gröstem Vergnügen die Nammen einiger sehr vornehmer Personen wahrgenommen, die daselbst in freundschaftlicher Gesellschaft mit dem meinigen stehen: Solte es aber eine bereits beschlossene Sache seyn, diese Münze unter uns einzulassen, so mag der würdige Mann, der mich verrathen will, dafern er klug ist, solches nur noch zu rechter Zeit thun. Denn sonst dürften sich schwerlich mehr dreihundert Pfunde guter Münze in dem Königreiche zu seiner Bezahlung finden, nachdem die Nation fünfmal hunderttausende (wo sie je noch so viel hat) und nebst diesem vier Fünftheile ihrer jährlichen Einkünfte für immer wird verloren haben.

Ich habe von Juristen gehört, daß es bei Schlaghändeln viel darauf ankömmt, welcher den andern zuerst [433] gereizet oder den ersten Streich versezet habe; Es ist klar, daß Wood beides gethan, und darum will ich auch unterthänig gebeten haben, daß man ihn zuerst aufhänge und seinen Quark in die See schmeisse; und denn ist der Tuchhändler bereit, das Recht auch über sich ergehen zulassen. Es ist nothwendig, daß Aergernisse kommen, aber wehe demselben Menschen durch welchen das Aergerniß kömmt.[WS 9] Hätte Wood seine Hände gehalten, so würde gewiß auch jedermann das Maul gehalten haben, und so würde es keiner Schriften, keiner geschwornen Gerichte, noch Proclamationen über diese Sache bedürft haben. Die Reizung muß gewiß sehr stark gewesen seyn, da sie vermögend war, einen unbekannten, fühllosen Tuchhändler aufzubringen, ein Autor zuwerden. Man solte beinahe denken, in einem solchen Falle würden selbst die Steine auf der Gasse, aufstehen, und ich will eben nicht gut dafür seyn, daß sie es gegen den Herrn Wood nicht thun werden, dafern er inner ihre Gränzen kommen solte. Die Geschichte von jenem stummen Knaben ist bekannt, dessen Zunge sich mit Gewalt Wege zur Sprache gemachet hat, da er gesehen, daß man seinem Vater den Dolch an die Kähle gesezet; dieses aber mag wol das Wunder verringern, daß ein stiller, und im verborgnen lebender Handelsmann, laut schreyt, wenn seine politische Mutter vor seinen Augen, und von einer so verruchten Hande um Gut und Blut angegriffen wird.

Inzwischen geht Wood, der ein ganzes Königreich zu Grunde richtet, triumphierend umher, (es wäre denn Wahrheit, daß er Schulden wegen im Gefängnis sizt) da hingegen der, welcher sich bemühet hat, die Freiheit seines Vaterlandes zubeschüzen, genöthigt ist, sich verborgen [434] zuhalten, weil er sich zufälliger Weise in eine Streitsache eingelassen hat: Doch ich bin nicht der erste, der deswegen zum Tode verurtheilet worden, weil er wider einen mächtigen Feind einen namhaften Sieg dadurch erfochten, daß er der Kriegsordre für einmal nicht aufs genauste nachgekommen ist.

Nunmehr bin ich entschlossen, nach der That, (wie man gemeinlich pflegt) dem Rath eines gewissen Dechanten[6] zufolgen. „Dieser zeigte mir, daß ich mich betröge, da ich mich auf den allgemeinen guten Willen des Volks verliesse. Daß ich bisher zwar mehr Beifall gefunden, als man hätte erwarten können; daß mich aber wahrscheinlich einige unglükliche Nebenfehler dennoch der Obrigkeit in die Hände bringen würden; daß meine guten Absichten mich nicht genung wider diejenige schüzen würden, welche auf jeden Zug meiner Feder, der mir in der Bitterkeit meiner Seele entfuhre, laureten. Er führte ein Exempel von einer Person an, die eben so unschuldig und uninteressiert war, und es eben so gut gemeinet hätte als ich, welche eine sehr nüzliche und unschuldige Abhandlung geschrieben,[7] um die Einwohner dieses Königreiches aufzumuntern, ihre eigene Manufakturen zutragen, für welche Bemühung aber dennoch der Verleger auf das strengste verfolget, das Gericht der Geschwornen neunmal zurükgesendet, und der arme Mann der Gnade und Ungnade des Richters überlassen worden: Der Dechant bemerkte ferner, daß man mich auf gewisse Weise den Streit allein führen liesse, da andere hingegen, welche tausendmal [435] mehr Talente hätten als ein Tuchhändler, klug genung wären, stillzusizen, und sich vielleicht darauf noch etwas zugut thäten, daß sie der Sache so in Sicherheit zusehen könnten, alldieweil ein andrer Freiheit und Glük daran wagete, sie zubelustigen, und dabei daß sie vermuthlich dächten, sie belohneten ihn genugsam damit, daß sie ihm ihren Beifall ein bisgen bezeugten. Worauf er mit einem kurzen Histörgen von einem Juden zu Madrid endete, der seiner Religion wegen zum Feuer verdammet war; diesen hätten nämlich ein Trupp Schulerknaben, welche ihn zum Scheiterhaufen begleiteten, aus Furcht die Kurzweil möchte ihnen entgehen, wenn er widerrufte, oftmals auf die Achsel geklopft, und ihm zugerufen: Sta firme Moyese: (Bleib standhaft Moses, standhaft.“)

Ich gestehe, daß der Rath dieses Herrn sehr gut und seine Anmerkungen richtig waren, und ich sehe, daß ich in gewisser Absicht noch schlimmer daran bin als dieser Jud; denn kein Widerruf wird mich retten. Inzwischen will es dennoch dem zufolge, was unlängst bei der Sache geschehen, das Ansehen gewinnen, als ob ich noch nicht gänzlich verloren wäre. Dieses kann ich nichts anderm als der Standhaftigkeit zwener unparteyischer geschworner Richter zuschreiben, und ich werde dadurch in meiner alten Meinung bestärkt, daß gleichwie (nach dem was die Philosophen sagen) die Tugend sich in der Mitte befindet, also sey in einem andern Sinne, das wenige, so von der Tugend in der Welt noch übrig geblieben, vornehmlich bei Leuten vom Mittelstande anzutreffen, welche von der rechten Bahne weder durch den Ehrgeiz abgeleitet, noch durch die Armuth davon ausgestossen werden.

[436] Seit der Proclamation, welche mein leztes Schreiben veranlasset hat, und einer förmlichen Veranstaltung gerichtlich wider mich zuprocedieren, sind zwo gedrükte Schriften heimlich ausgestreuet worden, deren Verfasser niemand, als durch blossen Verdacht, anzugeben weiß, und dieser fällt nach seiner gewohnten gütigen Art auf mich. Die eine führt den Titel, Heilsamer Rath etc. und ist als eine Information für das geschworne Gericht geschrieben, auf den vorausgesezten Fall, daß eine Bill wider diesen Brief würde eingegeben werden; die andere ist ein Auszug aus einem gedrukten Parlamentsaktenbuch im Jahr 1680. und enthält einen scharfen Schluß des Unterhauses in England wider die Aufhebung der geschwornen Gerichte. Was die erstere betrifft, so werden Eure Herrlichkeit finden, daß sie aus einer weit geschiktern Feder, als eines gemeinen Tuchhändlers, geflossen seyn muß. Man hat sie deswegen getadelt, weil der Verfasser bemühet ist, dem Gemüthe der Richter Eindrüke zugeben, da es ganz frei und uneingenommen seyn soll; Ein Grund aus welchem klar ist, daß kein Oberrichter jemal, weder auf, noch neben der Gerichtbanke, weder durch sich selbst, noch durch seine Dependenten das geringste gethan, wodurch die Passion oder das Interesse nur eines einzigen Geschwornen, vielweniger des ganzen Gerichts hätte mögen rege gemacht werden. Wie denn auch jedermann davon überzeuget seyn muß, der nur die Mühe nehmen will, die allgemeinen gedrükten Beschreibungen der Processe zulesen, so daß es ganz erstaunlich ist, was für eine Menge redlicher und rechtschaffener Richter wir in beiden Königreichen von mehr als sechzig Jahren her gehabt haben, und wenn ich bedenke, wie lange sie ihre auf bloß willkührliche Dauer gesezte Stellen bekleidet, und daß [437] sie dieselben bei uns immerfort behalten, so halte ich es beinahe für ein Wunder.

Was die andere von diesen Schriften angeht, so muß ich gestehen, daß sie eine scharfe Ahndung eines Engländischen Unterhauses gegen die Aufhebung des Gerichts der 24. Geschwornen enthält, massen sie ein solches Betragen von irgend einem Oberrichter, vor Ende des ordentlichen Termins der Landgerichte und Sessionen, da die Sachen unter ihre Gerichtbarkeit gehören, und noch nicht vor sie gekommen sind, als willkührlich widerrechtlich, der Handhabung der Gerechtigkeit höchstnachtheilig, als einen offenbaren Meineid und als ein Mittel erkläret, die Fundamentalgeseze des Königreiches umzukehren.

Inzwischen dünkt mich, der Verfasser habe seines Zwekes verfehlt. Denn es mag immer mit Irrlands Dependenz von England beschaffen seyn wie es will, so hoffe ich, er werde doch nicht sagen wollen, daß ein Lord Oberrichter in Irrland dem Schlusse eines Engländischen Unterhauses etwas nachzufragen habe. Wozu noch kömmt, daß obschon dieser Schluß dem Betragen eines gewissen besondern Oberrichters, nämlich Sir William Scroggs,[WS 10] entgegen gesezt ward, der Anlaß zu beiden doch sehr verschieden gewesen. Denn Scrogg hob das geschworne Gericht zu London auf, weil er besorgte, es würde eine Klage eingehen.[WS 11] Das unsere hingegen zu Dublin, ward aufgehoben, weil es nicht klagen wolte; welches den Fall gar sehr verändert, und darum ersezte ein zweites geschwornes Gericht diesen Mangel, durch eine von sich gestellte Erklärung, [438] die dem ganzen Königreiche wolgefiel, wiewol ich glaube, daß beide diese Gerichte, das erste sowol als das zweite sich so betragen haben, daß es zu ihrer Ehre gereichen wird, als lange unter uns noch einige Achtung für Tugend und Freiheit übrig seyn wird.

Ueber einen Punkt bin ich versichert, daß Eure Herrlichkeit gleicher Meinung mit mir seyn werden. Nämlich, daß es sehr nüzlich seyn würde, wenn eine kurze, deutliche und glaubwürdige Schrift zum Behuf beides der kleinern und grössern geschwornen Gerichte verfertigt, und darinn gezeiget würde, wie weit sich ihre Gewalt erstrekte und wo sie aufhört, und daß man auf jedem Gerichtssaale eine gedrükte Copie davon haben möchte, woraus die Richter sich Raths zuerholen hätten, ehe sie überlegten, was für ein Urtheil sie aussprechen wolten. Hierdurch würde man sehr viele Inconvenienzen ausweichen, wovon aus den alten Zeiten (denn von den unsrigen will ich nichts sagen) Exempel in der Menge angeführet werden könnten.

Ich habe irgendwo gelesen, daß ein Morgenländischer König einen Richter, wegen eines ausgesprochenen ungerechten Urtheils am Leben gestraft und befohlen habe, seine Haut über das Polster des Richterstuhls zuziehen, damit sein Sohn, welcher an des Vaters Stelle das Richteramt bekam, darauf sizen möchte. Ich bin fest beglaubt, daß ein solches Denkmal für einen Sohn des Herrn Wilhelm Scroggs nicht undienlich gewesen seyn würde, und daß beides er, und seine Nachfolger, bei ihren richterlichen Sessionen sich auf diesem Küssen, als lang es dauerte, oft genung umdrehen [439] würde. Ich wünschte, daß der so diese Geschichte erzehlet, uns dabei gemeldet hätte, wie viel solcher Küssen in demselben ganzen Lande gewesen wären.

Ich kann nicht umhin gegen Eure Herrlichkeit zubemerken, welch ein küzlicht und gefährliches Ding es für eine Privatperson geworden ist, dem Volke Unterricht zugeben, und zwar selbst in Sachen, welche die allgemeine Wolfart und Sicherheit so sehr betreffen, wie die mit Wood. Etwas das in einem Lande, wo die Treu dem Volke recht ins Herz gewachsen ist, um etwas selzam zuseyn scheint. Sir Wilhelm Scroggs war der erste, der diese löbliche Spizfündigkeit in die Gerichtshöfe eingeführt hat; wie weit aber seine Nachfahren diesem Gebrauche gefolget, oder es bei Gelegenheit noch höher getrieben, ist mir unbekannt. Wenn eine Schrift, welche dem Ministerio mißfiel, als eine Paßquill angegeben ward, so befahl er, daß man ihm die anstössigen Stellen vorlesen solte, und pflegte zusagen, es wäre etwas wunderliches, daß die Richter und Advocaten der königl. Gerichtsbanke dümmer seyn solten, als das gesamte Volk in England. Und er war öfters in Deutung der Anfangsbuchstaben der Nammen, und in Erklärung unbestimmter Anspielungen, (die zwei gewohnte Mittel derer sich diese Gattung Schriftsteller bedienet, den Gesezen zuentgehen) so sehr glüklich, daß er weit mehr entdekte, als die Verfasser jemals in Gedanken hatten, gleich solches viele derselben, so wol als die Buchdrüker zu ihrem Schaden erfahren haben. Wenn man bei Untersuchung dessen, was ich über Woods Sache bereits geschrieben habe, oder noch ferner schreiben möchte, auf diese [440] Weise zu Werke gehen will, so möchte ich wol den Mann sehen, gesezt, daß er hundertmal mehr Verstand und Vorsichtigkeit hätte als ich, der verhüten könnte, daß er nicht verstriket würde: Ausgenommen er wolte bloß Zeug schreiben, das niemand lieset, und nur die alten Gründe und Berechnungen, deren man müde ist, wiederholen. Mein Freund Harding mag also wehlen. Entweder muß er meine gelehrten Werke ewig auf den Schnüren truknen und hangen lassen, oder wenn er sie ausgiebt, Gefahr laufen ins Gefängniß zuspazieren.

Ich darf Eurer Herrlichkeit nicht lange sagen, wo es eigentlich haftet. Es ist gewiß, daß uns der König und die Geseze erlauben, diese Woodische Münze zuverwerfen. Es ist aber zugleich nicht weniger gewiß, daß der König und die Geseze uns auch erlauben, sie anzunehmen. Nun ist es sehr wol möglich, daß das Engländische Ministerium in den Gedanken steht, die Folgen seyen bei weitem nicht so schlimm als wir fürchten, wenn dieses Kupfer bei uns gäng und gäbe würde, angesehen dasselbe wol aus allgemeinem menschlichem Mitleiden seinen Credit bei dem König anwenden würde, ein so getreues Königreich von seinem Untergange zuretten, dafern es die Sache in demselben Licht einsehen würde. Allein so lange diesen grossen Herren belieben wird, zudenken, daß diese Münze uns nicht so sehr schädlich sey, so lange werden wir damit bedrüket seyn, daß man uns als hartnäkige Köpfe beschreibt, die sich einem Königl. Patente bloß aus Eigensinn nicht unterwerfen wollen; daher nichts übrig bleibt, als daß wir uns der Freiheit, welche der König [441] und die Geseze uns gelassen haben, bedienen, und fortfahren diese Münze zuverwerfen, und durch öftere Erinnerungen den dagegen entstandenen Eifer unterhalten, angesehen derselbe sonst nachlassen, und vielleicht endlich gar erlöschen dürfte. Denn vernünftiger Weise ist nicht zuhoffen, daß man hier öffentlich verbieten werde, diese Woodische Halbpfenninge einzunehmen oder auszugeben, ohne einen ausdrüklichen Befehl von England; dergleichen, wie ich glaube, wol niemand vermuthet, oder zuverhoffen, sanguinisch genung ist.

Allein die Wahrheit zusagen, Milord; ich fange an, meines Schreiberamts müde zuwerden, und möchte herzlich wünschen, daß dasselbe meinen Brüdern den Liedermachern und Gassenhauerpoeten aufgetragen würde, als welche vielleicht am geschiktesten sind, izo nachzulesen, was bei dieser Streitsache übrig geblieben seyn mag. Was mich betrift, so war mein Unglük, daß ich mich desselben auf ein falsches Fundament hin unterfangen, und es bisher fortgesezet habe. Denn nachdem ich die Falschheiten und die schlimmen Streiche dieses schändlichen Betrügers auf allen Seiten enkdekt hatte, hielt ich es närrischer Weise für Schande, daß ich meine Zuflucht zum Weinen, Lamentieren und um Gnade zuschreyen, nehmen solte, und wolte lieber an Freiheit, Geseze und das allgemeine Naturrecht appellieren, ohne zubedenken, in was für einem Lande ich lebe.

Seit Dero leztern Aufenthalt in Irrland habe ich öfters meinen Zelter genommen, und bin auf Dero Grund und Boden umher geritten, wo mich dünkte, ich [442] fühlte eine Luft der Freiheit, die rund um mich her blies; und ich bin froh, daß mein geringer Kaufmannsstand mir nicht erlaubte, ihnen in ihrem Hause aufzuwarten, denn ich fürchte, meine Schriften würden alsdenn einer schärfern Censur nicht entgangen seyn. Unlängst aber habe ich meinen Zelter verkauft, und ehrlich herausgesagt, welches sein gröster Fehler sey; dieser nämlich, daß er um Brakdenstein herum nach der Luft schnappt; wodurch er ein solcher Liebhaber der Freiheit geworden, daß ich ihn käumerlich mehr im Zaume halten könnte. Ingleichen habe ich Eurer Herrlichkeit Schriften, unten in eine starke Kiste unter einen Haufen andrer, die von der Freiheit handeln, versteket, und sie mit ein par Sagen von Hobbes, Filmer, Boding und vieler andrer Schriftsteller von dieser Art bedeket, damit ich sie gleich bei der Hande hätte, wenn mich je die Lust ankommen solte, neue Grundsäze von der Regierung hervorzulangen. Inzwischen bin ich entschlossen, ruhig meinem Laden abzuwarten, und mich vor allem, was von Seiten Eurer Herrlichkeit Influenz auf mich haben möchte, sorgfältigst zuhüten. Daferne sie je noch mehrere Schriften über diese Materie von mir solten zusehen bekommen, so verspreche ich ihnen, daß sie dieselben eben so unschuldig, matt, und ohne Salz finden sollen, als das ist, so ich ihnen izo vorzulegen die Freiheit genommen. Solten aber Eure Herrlichkeit belieben, mir ein Theil ihrer Ländereien in Yorkshire um einen leidenlichen Zins zuverpachten, so wolte ich meine Kiste dorthin bringen lassen, sie auf den Kopf stellen, und meine politische Lectur wieder anfangen, wo ich sie gelassen habe: Dabei wolte ich mich mit geringer Hauskost behelfen, und als ein freier Engländischer [443] Pachtmann leben und sterben, wiewol nicht ohne Betrübnis, daß ich meine Landesleute, unter der Furcht in Woods küpferne Klauen zufallen, verlassen müßte; Meine unschuldige und getreue Landesleute, sage ich, denen ich für ihren guten Willen, so sie gegen mich und meine geringe Bemühung, ihnen zudienen, bezeugen, so sehr verbunden bin. Ich bin mit vollkommenster Hochachtung,

Milord,
Euer Herrlichkeit
gehorsamer
und unterthänigster Diener,
M. B.

Aus meinem Laden, in
der St. Franzen Strasse,
den 14. Christm. 1724.


  1. Artikel, welche dem Verfasser in der Proclamation Schuld gegeben wurden.
  2. Der Vorschlag, für den allgemeinen Gebrauch der Irrländischen Manufakturen.
  3. Die drei ersten Briefe des Tuchhändlers.
  4. Der vierte Brief, gegen den die Proclamation ausgestellet war.
  5. Der gegenwärtige Brief.
  6. Der Verfasser meint sich selbst.
  7. Dieses ist das Projekt, pag. 282.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Robert Molesworth (1656–1725)
  2. Vergil: Aeneis V. 194–195. Übersetzung Ludwig Neuffer, Virgils Werke, 1. Band, 3. Auflage, Stuttgart 1855:
    Nicht das Erste verlangt Mnestheus, nicht Sieg zu erkämpfen;
    Zwar, o gelängs! doch es siege, wem du es verleihst, o Neptunus!
    Aber, die Letzten zu seyn schämt euch! Da sieget, ihr Männer,
    Wendet die Schmach! – Nun strengen sich alle mit äußerster Kraft an, Google
  3. Vorlage: Alleit
  4. Vorlage: Eifall
  5. John Locke (1632–1704) englischer Philosoph und Aufklärer.
  6. Algernon Sidney (1622–1683) englischer Staatsmann und Philosoph.
  7. Sir Charles Sedley (1639–1701)
  8. Gemeint ist die Vollstreckung am Bild, siehe: in effigie
  9. Matthäus 18, 6–7 Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. Weh der Welt der Ärgernisse halben! Es muß ja Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt!
  10. Sir William Scroggs (1623–1683)
  11. Gegen den Herzog von York; als James II. von 1685–1688 König von England.