Schatten des dunklen Ostens von Ferdynand Antoni Ossendowski
Vorwort
Aus dem Dunkel des russischen Dorfes
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Vorwort.

Es ist nicht meine Absicht, hier über Zar- und Sowjet-Rußland historische Skizzen zu schreiben.

Charakterzüge des russischen Volkes, Schattenseiten seines Lebens und seiner Psychologie, geradezu an die Unglaublichkeit grenzend, sollen enthüllt werden.

Aufklären soll das Buch und Anlaß zum Nachdenken geben.

Meine Überzeugung ist es, daß die zivilisierte Menschheit bald gezwungen sein wird, nach Rußland zu gehen.

Nicht mit Profitabsichten und den Valuten in den Taschen, nein, mit Glauben und Kultur und mit dem Willen, ein Volk wieder fähig zu machen, das seine Bestimmung verloren, seine Ehre und sein Vaterland, mit solchen Absichten muß die Menschheit nach Rußland kommen. Es ist dies eine Pflicht, welche die Kulturstaaten nicht umgehen können.

Meine Aufzeichnungen „Schatten des dunklen Ostens“ sollen zu dieser Pflichterfüllung beitragen.

Das Volk Rußlands ist historisch und physiologisch den Völkern des Ostens verwandt.

Die hellen Seiten des Ostmenschen, die Moral und Psychologie, die nach Kraft und Erhabenheit des Geistes streben, sind dem Russen fremd geblieben, während alles Dunkle und Verbrecherische des Ostens diesem Volke zu eigen wurde.

Der Untergang der Familienmoral, entstanden durch die Mißachtung und Mißhandlung des Weibes als Mutter und Frau, der politische Fanatismus des Mannes, der Mangel an sozialer Zusammengehörigkeit, der Abgrund zwischen Intelligenz und Stumpfheit der breiten Volksschichten, eine idealistische Demokratie, die ausgeartet zu geistiger Roheit, Ausschweifung des Klassenhasses, Raub und Mord, Gleichgültigkeit oder Unmoralität religiöser Grundsätze, Aberglauben, Reste einer Kultur aus dem 13. und 14. Jahrhundert und schließlich die Unmäßigkeit und Unmoral des öffentlichen Lebens, alle diese negativen Seiten des Ostens, die sich selbst überlebt zu haben scheinen, sind in Rußland Fleisch und Blut geworden.

Hinter mir liegt eine lange Zeit des Umherirrens durch die wildesten, wie auch durch die kulturellsten Länder des Ostens, die mich deutlich gelehrt hat, wie dieser Osten seine dunklen Schatten über ganz Rußland wirft.

Deutlich stehen die Gefahren vor mir, mit denen der Osten die christliche Kultur bedroht.

Aber nicht der wirkliche Osten, der da hindämmert in mystischer Träumerei oder emporwächst zu imponierender Majestät, gilt es, seine alte Kultur und Selbständigkeit zu verteidigen vor den verderblichen Einflüssen von Eindringlingen, ist der gefahrvolle.

Was als Avantgarde der unabsehbaren Menge der russisch-mongolischen Einwohnerschaft marschiert, ist die Gefahr, und wo hinter dieser sich die drohende Welle der verzweifelten und haßsprühenden Asiaten wälzt, die das blutgedüngte Geld der Sowjetdiplomaten demoralisierte, revolutionierte und zersetzte, das den Hingemordeten geraubt wurde und das man gestohlen aus den Kirchen und den Tempeln der Wissenschaft.

An den Zynismus des russischen Publizisten Engelhart muß ich mich in diesem Augenblick erinnern, der über die nahe Zukunft Rußlands prophezeite:

„Wir sind ein anarchistisches Tatarenvolk, welches nur physische Überlegenheit, eine harte Faust und die Peitsche anerkennt.

Als wir nicht mehr Steuern zahlen wollten, gab uns die Regierung Schnaps und zwang uns auf Schritt und Tritt, ja auf offener Straße, zu trinken.

Wir tranken Tag und Nacht und zahlten so die Steuern. In der Besoffenheit lag der Patriotismus.

Als wir uns wehrten, Kultur anzunehmen und unsere Kinder nicht in die Schule schickten, da mußte es der Pope ablehnen, uns zu trauen, unsere Kinder zu taufen, uns zu begraben, und die Polizisten trieben mit der Knute Vätern und Müttern den Eigensinn aus.

Verwehrten wir dem Vaterland die Rekruten, rückte eine Kompagnie Soldaten ein, feuerte uns nieder oder stach uns mit gefällten Bajonetten zusammen.

So erzog man uns zu Patrioten und Staatsbürgern, wir wurden Steuerzahler und dienten Mütterchen Rußland zum Schutz, wir strebten nach Aufklärung und zogen für die Dreieinigkeit „Zar, Glaube, Vaterland“ in die Schlachtfelder.

Nun liegt sie zertrümmert, diese allmächtige Dreieinigkeit.

Aufgehört haben wir, Knechte eines Zaren zu sein. Das freieste der Völker sind wir heute.

Unser ist das Raubrecht, der Bourgeoisie haben wir das Straßenfegen und Stallreinigen gelernt und der Bruder schlägt den Bruder tot mit dem Revolutionsgesang: „Immer drei auf einen und hinterher das Saufen.“

O wie herrlich hat uns die Freiheit beschenkt.

Sie gab uns den Hunger!

Einen Hunger, wie ihn nie vorher die Welt gesehen. Mit Wurzeln und Beeren haben wir den Magen gefüllt, über Tierleichen sind wir hergefallen wie die Hyänen.

Mit dem scharfen Messer im Stiefelschaft wird gemordet von Haus zu Haus, bis uns die Überschwemmung des eigenen Blutes zu ertränken droht.

Dann erst werden wir die Messer von uns werfen, in die Knie stürzen, die Hände ringen und flehend rufen:

„Unsere Schuld schreit zum Himmel. Wir haben das Gewissen umgebracht und unsere Mutter Erde. Ihr zivilisierten Völker ringsum: Kommt und rettet uns!“

(Als Rußland in seinen schwersten Wehen lag, wurde dies Buch geschrieben. Manches, auch Sowjet selbst, wird heute mit anderen Augen geschaut. Da die Einstellung des Verfassers gegen die große russische Revolution charakteristisch, sei das etwas überholte Vorwort trotzdem im wesentlichen festgehalten.)

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