Russische Reiseskizzen. Die Petersburger Droschke

Textdaten
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Autor: August Stahlberg
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Titel: Russische Reiseskizzen. Die Petersburger Droschke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 55-56
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Russische Reiseskizzen.
Die Petersburger Droschke.
Von A. Stahlberg.

Das Reisen nach Petersburg wird Mode werden, sobald eine directe Eisenbahnverbindung dahin das Langweilige einer Landreise erleichtert. Dann werden meine Landsleute in Deutschland die Freuden und Leiden der schönen Hauptstadt kennen lernen, vor Allem aber – da man in Petersburg immer fährt – die Freuden einer Droschkenfahrt.

Wer an das trauliche Halbdunkel einer viersitzigen Berliner Droschke mit ihren roth- und weißgestreiften Kattunüberzügen, dem Anscheine nach einen feinen Tuchüberzug verbergend, gewöhnt ist, dies ehrwürdige Gefährt, welches selbst dem tarifswidrigen Gewichte eines Berliner Bäckermeisters und seiner nicht minder gewichtigen Ehehälfte nicht weicht, ja sogar ohne besondern Kraftaufwand die Schwere der ganzen Familie eines hinterpommerschen Pachters bei ihrem Alles bewundernden Umzuge durch die Residenz aushält, der wird freilich erst vorher noch einmal gründlich überlegen, ehe er seine irdische Hülle einer Petersburger Droschke anvertraut.

Dieselbe Species. Beide sind geschaffen, um dem Menschen den Wandel hienieden zu erleichtern. Beide werden von einem, in der Regel nur noch gemäß einer allen Gewohnheit nothdürftig zusammenhaltenden, und mit dem classischen Namen „Droschkengaul“ belegten Vierfüßler, mehr oder weniger mühsam, je nach dem Gewichte ihres Inhaltes, fortbewegt. Beide werden durch einen Kutscher dirigirt, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, seinen Herrn so viel wie möglich, trotz Droschkenmarken und der über jeder Fahrkarte in großen Lettern gedruckten ominösen Worte: „Kein Fuhrgeld hat der Fahrgast zu zahlen etc.“ zu betrügen. Beide haben eine gewisse Nummer und können auf einem Bureau belangt werden. Und doch, welche Verschiedenheit!

Ich sage, Jeder, der noch etwas darauf gibt, seine Gliedmaßen so unversehrt wie möglich zu erhalten, wird es reiflich überlegen, ehe er dieselben einem Petersburger Droschkenkutscher zur Beförderung übergibt.

Auf vier Rädern, ungefähr so groß, daß sie einem nur einigermaßen abgewachsenen Schulknaben als Brummkreisel dienen könnten, hängt zwischen vier stark gebogenen [O]-Federn ein ungefähr drei Fuß langes und zehn Zoll breites Bret, mit einem Polster versehen, welches in Anbetracht der verschiedenen Klumpen, die sich durch das Zusammenballen des zum Ausstopfen verwandten Heues gebildet haben, den Eindruck macht, als setze man sich auf einen mit faustgroßen Kartoffeln gefüllten Sack. Rechts und links ein Kothbret, welches indessen nur genügt, um den hochaufspritzenden Koth nicht ganz bis an die Halsbinde kommen zu lassen. Wo kommt da der Platz her? wird ein Jeder fragen, und wahrlich, es bedarf der ganzen Schärfe einer mathematischen Eintheilung, um dies zu Wege zu bringen.

Vor allen Dingen sitzt der Kutscher, oder er hängt vielmehr auf einem Theile dieses Bretes; seine Beine, in ein Paar ungeheuren Juchtenstiefeln steckend, welche die Bekanntschaft einer Bürste auf das Entschiedenste abzulehnen scheinen, baumeln vorne, ungefähr sechs Zoll über der Erde frei in der Luft herum, nur dann eine bestimmte Direction annehmend, wenn er seinem kleinen mageren Gaule als Aufmunterung einen ziemlich derben Tritt unter den Schwanz versetzt; denn das russische Pferd wird nicht, wie der moralisch so tief gesunkene Berliner Droschkenklepper, mit der Peitsche dirigirt; ein freundschaftliches Wort genügt ihm, und der Fußtritt ist eben nur die Quintessenz dieser Freundschaft. Es ist ungefähr damit so, wie wenn der hinterpommersche Hans, nach dem Sprüchworte: „Spaß muß sein“, seine Trine mit der Heugabel kitzelt.

Also der Kutscher sitzt. Jetzt kommt der Fahrgast.

Er setzt den einen Fuß auf den untern Theil des Kothflügels, der bei dem Mangel an Raum zu gleicher Zeit die Dienste eines Trittes versehen muß, doch so wie er den andern Fuß nach sich zieht, neigt sich das ganze Gefährt sammt Kutscher und Zubehör auf die Seite, und er muß sich nun, um das so gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen, schleunigst mit einem kühnen Sprunge in die Mitte des Bretes zu bringen suchen. – Gelingt ihm dies, so ist er für den Augenblick geborgen, verfehlt er aber nur um einen Zoll breit die Mitte, so hat er das Vergnügen, mit der Nase auf der andern Seite in den Koth zu fahren, und muß, falls er dennoch bei seinem Vorsatze, sich auf diese Art befördern zu lassen, beharrt, einen neuen Anlauf nehmen, mit der Aussicht nicht besser als das erste Mal zu reussiren.

Doch ich setze den günstigsten Fall voraus, d. h. man sitzt endlich, alle Equilibristik aus seinen Knabenjahren zusammenraffend, und man hat das Glück allein zu sein, ohne einen guten Freund, denn man muß nicht etwa denken, daß dieses Gefährt für einen Menschen allein erbaut worden ist. Zwei, ohne den Rosselenker, haben nach russischer Berechnung bequem darauf Platz; nun, und wenn’s drei sind, so ist der edle Fuhrmann bescheiden genug, sich nur mit einigen Quadratzoll Platz zu begnügen. Man sieht also, daß eine Person wie auf einem Throne sitzen muß. – Dies ist aber nur die Einleitung der uns erwartenden Qualen.

Der Bestimmungsort wird genannt, der Kutscher nickt freundlich dem Fahrgaste zu (hierin dem Berliner Droschkenkutscher, der seinen Gast stets mit einer mürrischen Miene empfängt, als wolle er sagen: „Na, Du hätt’st mich auch in Ruhe lassen können!“ durchaus unähnlich), hat ein freundliches Wort, von einem kräftigen Fußtritte begleitet, für sein edles Roß, und fort geht’s mit rasender Schnelligkeit durch die grundlosen Straßen über Berge von Steinen, die man hier Pflaster nennt, durch Löcher und Pfützen, über [56] Brücken und Dämme, daß das ganze Fuhrwerk in dem hochaufspritzenden Kothe wie in einer großen gewaltigen Wolke verschwindet, bis man denn endlich nach einer Viertelstunde, während der man alle nur erdenklichen Anstrengungen gemacht hat, um durch Veränderung des Schwerpunktes nur einigermaßen das Gleichgewicht des ganzen Gefährtes aufrecht zu erhalten, an allen Gliedern verrenkt und zerbrochen, an dem gewünschten Ziele ankommt. – Man springt mit einem verzweifelten Satze von diesem Marterkasten, der nicht übel Lust zu haben scheint, durch diese brüske Bewegung vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht, einem auf der Ferse nachzustürzen, bezahlt den holdselig lächelnden Kutscher und schwört einen furchtbaren Eid, sich nicht wieder auf eine ähnliche Höllenfahrt einzulassen, was nicht verhindert, daß man, die Unmöglichkeit zu Fuße nach Hause zu kommen einsehend, nach einer halben Stunde einer ähnlichen Procedur unterworfen wird.

Petersburger Droschke.

Laternen hat natürlich ein solches Fuhrwerk nicht; wo sollte auch der Platz herkommen? Der Fuhrmann mußte sie denn nach Art der Bergknappen auf seinem Hute tragen, wie er ja schon genöthigt ist, die Nummer, da man dieselbe doch füglich nicht auf die Räder oder das Sitzbret malen kann, vermittelst eines großen Blechschildes auf seinem Rücken zu befestigen. Um das Blechschild zu ersparen, lassen sich Einige dieselbe auf den Schafpelz malen. – Dies die Petersburger Droschke. Wäre ich Hauptagent einer Lebensversicherungs-Gesellschaft, so würde ich dem Paragraphen des „gewaltsamen Todes“ den hinzufügen, daß die Police, fände Inhaber derselben den Tod auf einer „Petersburger Droschke“, nicht bezahlt würde.

Ich bin fest überzeugt, wäre der Acheren kein Fluß, sondern eine Straße gewesen, so würde sich Meister Charon anstatt seines gebrechlichen Nachens eines ähnlichen Gefährtes bedient haben, um die Schatten in die Unterwelt zu befördern, und wer weiß, wie Viele alsdann bei dem einstigen Appell fehlen würden!