Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Stammvater des Geschlechts der Eumolpiden in Eleusis
Band VI,1 (1907) S. 11171120
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Eumolpos (Εὔμολπος). 1) Der Stammvater des eleusinischen Geschlechts der Eumolpiden. Er erscheint zuerst in dem ἱερός λόγος von Eleusis, dem [Hom.] Hymn. auf die Demeter v. 476, und zwar in keiner Weise unterschieden von den andern eleusinischen Fürsten, Triptolemos, Diokles, Keleos, denen Demeter δρησμοσύνην θ' ἱερῶν καὶ ἐπέφραδεν ὄργια καλά (vgl. v. 153ff. und Paus. II 14, 3); s. darüber F. Hiller v. Gaertringen De Graecorum fabulis ad Thraces pertinentibus quaest. critic., Berlin 1886, 13f. Es kann nach dieser spätestens gegen die Mitte des 7. Jhdts. gedichteten Stelle nicht zweifelhaft sein, daß E. damals bereits als der Stammvater eines eleusinischen Priestergeschlechts galt (s. den Art. Eumolpidai). Das der Zeit nach nächste Zeugnis für E. bietet die Vase des Hieron, auf der er neben Eleusis, Zeus, Dionysos, Poseidon und Amphitrite bei der Aussendung des Triptolemos durch Demeter und Pherophatta zugegen ist (Mon. d. Inst. IX 43). Als Attribut hat er neben sich einen Schwan, der einzig und allein auf die Auffassung des E. als eines Sängers hinweist, was sein Name ja auch bedeutet. Nach den Untersuchungen von Hiller v. Gaertringen a. a. O. 32 und Toepffer Attische Geneal. 28f. kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß der göttliche Vater des E. zunächst Poseidon war, ehe andere Genealogien den poseidonischen Ursprung des E. verdunkelten. In der besten und ältesten Überlieferung ist der im Hymnos vaterlos erscheinende E. immer Sohn des Poseidon: Euripides Erechtheus bei Lykurg Leokratea 100 (Nauck FTG2 360, 47ff.). Isokrates IV 68. Apoll. bibl. III 201 Wagn. Hyg. fab. 46. Paus. I 38, 2. Schol. Eurip. Phoin. 854. Es kommt hinzu, daß das Geschlecht der Eumolpiden seinen Ursprung direkt von Poseidon herleitete, Aristid. XXII 4 (Keil II 29, 9) Εὐμολπίδαι δὲ καὶ Κήρυκες, εἰς Ποσειδῶ τε καὶ Ἑρμῆν ἀναφέροντες, ἰεροφάντας οἱ δὲ δᾳδούχους παρείχοντο. Auch die Geburtslegende, nach der des E. Mutter Chione den vom Poseidon heimlich empfangenen Knaben [1118] in die Meerestiefe (εἰς τὸν βυθόν) wirft, woher ihn Poseidon nach Aithiopien in die Pflege seiner Tochter Benthesikyme bringt (Apoll. bibl. III 201 Wagn.), bestätigt durchaus diese Genealogie (vgl. dazu Eurip. Erechth. Nauck FTG2 349). Weil Poseidon der Vater des E. ist, wurde er auch als πατήρ von den Eleusiniern verehrt (Paus. I 38, 6). Mit Recht hat Hiller v. Gaertringen a. a. O. 31 den Zusammenhang des E. mit dem Meere der Autochthonie vieler Heroen verglichen (s. auch Toepffer a. a. O. 29, 1). Das weite Meer, welches die Küste des eleusinischen Gebietes bespült, ist die Heimat des E., und dies ist ohne Frage die eleusinische Legende von seiner Geburt, die später mit der Taufe des Hierophanten, der immer aus dem Geschlecht der Eumolpiden gewählt wurde, in Beziehung gesetzt wurde, wenn überhaupt nicht, wie C. Robert bei Hiller v. Gaertringen a. a. O. 31, 116 a vorgeschlagen hat, die Sage von der Meergeburt des E. aus dem heiligen Bade des Hierophanten entstanden ist; vgl. dazu das Epigramm Ἐφημ. ἀρχ. 1883, 79 (B. Keil Herm. XX 1885, 628f.) v. 5f. οὔνομα δ' ὅστις ἐγὼ μὴ δίζεο· θεσμὸς ἐκεῖνο μυστικὸς ᾤχετ' ἄγων εἰς ἅλα πορφυρίην· v. 9 νῦν ἤδη παῖδες κλυτὸν οὔνομα πατρὸς ἀρίστου φαίνομεν, ὃ ζῳὸς κρύψεν ἁλός πε[λάγει] οὗτος Ἀπολλώνιος usw. v. 11 σὺν δὲ Ποσειδάωνι φερώνυμος εὖ παρεκλήθη. Als eleusinischer Poseidonsohn, dessen Namen an eine sakrale Funktion erinnert, ist er zu einer mythischen Hauptperson der eleusinischen Mysterien geworden. Die späteren Genealogien haben sämtlich mit der alt-eleusinischen nichts zu tun und verdanken lediglich dem Bestreben ihren Ursprung, angebliche Widersprüche und Ungereimtheiten in der Sage durch die Annahme mehrerer Εὔμολποι wegzuschaffen. Vgl. z. B. Phot. s. Εὐμολπίδαι· πατριὰ Ἀθήνησιν ἀπ' Εὐμόλπου· ἐγένοντο δὲ τρεῖς. ὁ μὲν ἐκ Θρᾴκης ἐπιστρατεύσας, ὃν οὐ προσποιοῦνται οἱ Εὐμολπίδαι· ὁ δὲ Ἀπόλλωνος καὶ Ἀστυκόμης. ὁ δὲ Μουσαίου καὶ Δηϊόπης, und die genealogische Verknüpfung dieser drei Eumolpiden beim Schol. Soph. Oed. Colon. 1053: ζητεῖται, τὶ δήποτε οἱ Εὐμολπίδαι τῶν τελετῶν ἐξάρχουσι, ξένοι ὄντες· εἴποὶ δ' ἄν τις, ὅτι ἀξιοῦσιν ἔνιοι πρῶτον Εὔμολπον ποιῆσαι τὸν Δηïόπης τῆς Τριπτολέμου τὰ ἐν Ἐλευσῖνι μυστρήρια, καὶ οὐ τὸν Θρᾷκα· καὶ τοῦτο ἱστορεῖν Ἴστρον ἐν τῷ περὶ Ἀτάκτων· Ἀκεστόδωρος δὲ πέμπτον ἀπὸ τοῦ πρώτου Εὐμόλπου εἶναι τὸν τὰς τελετὰς καταδείξαντα – – Ἄνδρων μὲν οὖν γράφει οὐ τὸν Εὔμολπον εὑρεῖν τὴν μύησιν, ἀλλ' ἀπὸ τούτου Εὔμολπον πέμπτον γεγονότα. Εὐμόλπου γὰρ γενέσθαι Κήρυκα· τοῦ δὲ Εὔμολπον, τοῦ δὲ Ἀντίφημον, τοῦ δὲ Μουσαῖον τὸν ποιητήν· τοῦ δὲ Εὔμολπον τὸν καταδείξαντα τὴν μύησιν καὶ ἰεροφάντην γεγονότα. S. dazu Jacoby Marm. Par. 72ff. Namentlich die thrakische Herkunft des E. (s. u.) machte jenen Genealogen die größten Schwierigkeiten, weil sie den Begründer des eleusinischen Mysteriendienstes nicht für einen ξένος halten mochten. Denn als Begründer der Mysterien wurde E., den Demeter selbst die heiligen Weihen nach dem Homerischen Hymnus gelehrt hatte (s. o.), vielfach betrachtet, was natürlich mit der hervorragenden Bedeutung des Eumolpidengeschlechts im eleusinischen Kultus zusammenhängt, Plut. de exilio 17 Ε. ὃς ἐκ [1119] Θρᾴκης μεταστὰς ἐμύησε καὶ μυεῖ τοὺς Ἕλληνας. Lukian. Demon. 34. Nach Schol. Eur. Phoen. 854 ist er nur als erster ξένος in Eleusis eingeweiht worden. Nach dem Marmor Parium Z. 27. 28 ep. 15, das auch hier auf die Atthis und nicht auf Andron zurückgeht (IG XII 444) ἀνέφηνεν τὰ μυστήρια ἐν Ἐλευσῖνι καὶ τὰς τοῦ [πατρὸς Μ]ουσαίου ποιήσ[ει]ς ἐξέθηκ[εν, ἔτη ΧΗ**, βασιλεύοντος Ἀθηνῶν Ἐριχθέ]ως τοῦ Πανδίονος (vgl. dazu Jacoby a. a. O.). Daß des Musaios Sohn E. die Gedichte seines Vaters ediert hat, steht nur im Marmor Parium. Über die Eumolpia des Musaios und die Ὑποθῆκαι für seinen Sohn E. (Suid. s. Μουσαῖος) vgl. Kern De Musaei fragmentis, Rostocker Lekt.-Verz. 1898, 6ff. und Diels Fragmente der Vorsokratiker S. 496ff. Nach Apoll. bibl. II 122 Wagn. reinigt E. den Herakles vom Kentaurenmord und weiht ihn in Eleusis in die Mysterien ein. Nach Theocr. XXIV 108f. hat der Φιλαμμονίδας (so wohl nur bei Theokrit) E. den Herakles Gesang und Zitherspiel gelehrt. Nach Ovid met. XI 92f. hat Orpheus auch dem Midas die heiligen Weihen cum Cecropio Eumolpo gezeigt (s. auch Ovid ex Ponto III 3, 41). Natürlich werden ihm dann auch εὑρήματα nachgesagt: E. Atheniensis (vgl. Cecropius bei Ovid) soll die Kultur des Weinstocks und der Bäume erfunden haben, Plin. n. h. VII 199, und nach Hyg. fab. 273 die Begleitung (vox) zum Flötenspiel des Olympos.

Im 5. Jhdt. kommt nun die Sage auf, daß E. gar kein Grieche, sondern ein wilder Thraker gewesen ist. Während man früher (zuerst Otfr. Müller, s. u. a. Toepffer Att. Genealogie 30ff.) annahm, daß die Eleusinier selber Thraker gewesen seien, steht jetzt namentlich nach den Untersuchungen von Hiller v. Gaertringen a. a. O. 32ff. totz des Widerspruchs von E. Maaß DLZ 1886, 1751 völlig fest, daß der oft bezeugte thrakische Ursprung des E. ein sekundärer Zug der Sage ist. Es gibt für die thrakische Herkunft des E. kein älteres Zeugnis als den Erechtheus des Euripides (Hiller v. Gaertringen a. a. O. 16ff. Toepffer a. a. O. 31f.). Toepffer bringt einer Anregung v. Hillers folgend, den Thraker E. mit der Herkunft der orphischen Lehre aus Thrakien zusammen. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß die orphische Lehre, deren Ausbildung allerdings sicher erst in Attika erfolgt ist, ihre Wurzel in Thrakien hat, so ist doch noch niemals der Nachweis geführt worden, daß die orphische Lehre in den Mysterien von Eleusis Einfluß gehabt hat, was die Praemisse für Toepffers Behauptung ist. Viel wahrscheinlicher ist es, daß die Sage von der thrakischen Herkunft des E. mit der Sage von dem athenisch-eleusinischen Kriege zusammenhängt, die wenig älter ist als der Erechtheus des Euripides. Das älteste Zeugnis für diesen sagenberühmten Kampf zwischen E. und Erechtheus ist Myrons Kämpfergruppe auf der Burg von Athen (Paus. I 27, 4. IX 30, 1. v. Wilamowitz Aus Kydathen 126, 45. Hiller v. Gaertringen a. a. O. 16). Dieser Kampf der Sage hat einen geschichtlichen Hintergrund und bezieht sich auf die Zeit der Fehde zwischen Eleusis und Athen, für die noch der Homerische Hymnus ein Zeugnis ist (vgl. außer den zitierten Schriften von Hiller v. Gaertringen, [1120] Toepffer und Ermatinger Die attische Autochthonensage 1897, 75ff. die Artikel Erechtheus und Mysterien). Zwei Versionen sind zu unterscheiden: nach der euripideischen kämpfen Erechtheus und E. als die Vertreter von Athen und Eleusis miteinander um den Besitz des attischen Landes. Nach der andern (Apoll. bibl. III 203 Wagn. καὶ πολέμου ἐνστάντος πρὸς Ἀθηναίους τοῖς Ἐλευσινίοις, ἐπικληθεὶς ὑπὸ Ἐλευσινίων μετὰ πολλῆς συνεμάχει Θρᾳκῶν δυνάμεως) ist E. nur Bundesgenosse der Eleusinier, der nach Toepffer a. a. O. 43 an die Stelle des Ismaros (s. d.), des Eponymos der thrakischen Stadt Ismaros (= Maroneia), ,des ursprünglichen und natürlichen Gegners des Erechtheus‘ getreten ist. Toepffer hält die Umtaufe des Gegners des Erechtheus in E., den Vater des Ismaros, für eine Erfindung des Euripides (vgl. dagegen Ermatinger a. a. O. 85ff.). Wie die Dinge sich auch immer verhalten mögen, fest steht das Eine, daß die Sage vom Thraker E. und seinem Kriege mit Erechtheus erst eine Erfindung des 5. Jhdts. ist. Vgl. auch O. Kern Archiv f. Gcsch. der Philosophie II 1889, 175ff. (dagegen F. Sander Über die platon. Insel Atlantis, Bunzlauer Progr. 1892/93, 33ff.). Die echte E.-Figur hat mit Thrakien und dem eleusinisch-attischen Kriege nichts zu tun. Daß E. noch am Anfang des 5. Jhdts. als Sänger und nicht als Krieger galt, zeigt die Hieronvase. Euripides ist auch in der E.-Sage der große Neuerer, während Apoll. bibl. III 199. 201ff. Wagn. schwerlich die euripideische Version wiedergibt. Nach Apollodor gebiert Chione, des Boreas und der Oreithyia Tochter (vgl. Hyg. fab. 157), den E. heimlich von Poseidon und wirft den neugeborenen Knaben aus Furcht vor ihrem Vater in die Meerestiefe. Poseidon schafft diesen schnell nach Aethiopien und gibt ihn seiner Tochter Benthesikyme zur Erziehung, deren Tochter er später zur Frau bekommt. Aber als sich E. dann an der Schwester seiner Gattin vergreift, muß er mit seinem Sohne Ismaros fliehen und kommt zum Thrakerkönig Tegyrios (vielmehr dem Eponymos der boiotischen Stadt Tegyra), der seine Tochter mit E. vermählt. Als er dem Tegyrios, seinem Schwiegervater, Nachstellungen bereitet, flieht er nach Eleusis und schließt mit den Eleusiniern ein Freundschaftsbündnis. Nachdem aber sein Sohn Ismaros gestorben ist, wird er von Tegyrios nach Thrakien zurückgeholt und übernimmt dessen Königreich. Als dann die Athener mit den Eleusiniern Krieg führen, wird E. von den letzteren zur Hilfe gerufen und μετὰ πολλῆς συνεμάχει Θρακῶν δυνάμεως. In diesem Kampf fällt E. von der Hand des Erechtheus, während Poseidon, der Vater des E., den Erechtheus tötet (vgl. Eurip. Ion v. 282 K.). Vollkommen unklar ist aber immer noch, weshalb E. zum Sohne der Schneejungfrau (Χιόνη), der Tochter des Boreas und der Oreithyia, welch letztere doch als Tochter des Erechtheus galt, gemacht ist (Toepffer a. O. 44).

Das Grab des E. wurde in Athen und Eleusis gezeigt (Paus. I 38, 2). Als seine Söhne galten Ismaros (oder Immarados), s. d., und Keryx (Paus. I 38, 3), der aber, wie Pausanias a. a. O. selber sagt, nach der Gentiltradition der Keryken für den Sohn des Hermes und der Aglauros gehalten wurde.

[Kern. ]