Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Erzählung, bes. im Zshg. der Odyssee
Band II,1 (1895) S. 167 (IA)–170 (IA)
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Apologos, ἀπόλογος, die Erzählung, zu ἀπολέγειν ‚vortragen‘, s. Hes. ἀπολέγει· ἀπαγγέλει, ἀπολέξω· ἐρῶ. Themist. II p. 31 B. Ael. nat. an. VII 17, wo Hercher den Ausdruck, der zu den ionischen Glossen im Sprachschatz Aelians gehören wird, mit Unrecht getilgt hat. Klassische Stellen: Sokrates bei Platon Rep. X 614 B: οὐ μέντοι σοι ... Ἀλκίνου ἀπόλογον ἐρῶ, ἀλλ' ἀλκίμου μὲν ἀνδρὸς Ἠρὸς τοῦ Ἀρμενίου. Hier muss – anders als von den alten und neuen Erklärern (Schol. p. 422 Bkk. K. Tümpel Philol. LII 523ff.) – ‚keine Geschichte von dem Phaeaken Alkinoos, sondern von einem tüchtigen Manne‘ übersetzt werden, wenn der Gegensatz nicht schief werden soll Tümpel a. O. 524); mit dem Ausdruck Ἀλκίνου ἀπόλογος ist die märchenhafte Schilderung des Phaeakenlebens gemeint; als Erzähler ist dort der Dichter gedacht, hier Sokrates. Der Ausdruck wird dann besonders auf diese und verwandte Teile der Odyssee angewandt. Aristot. rhet. III 16 p. 1417 a 14 παράδειγμα ὁ τοῦ Ἀλκινόου ἀπόλογος, ὅτε πρὸς τὴν Πηνελόπην ἐν ἑξήκοντα ἔπεσι πεποίηται, was sich auf Odyss. XXIII 263–284. 305–343 bezieht, wo Odysseus die ‚Alkinoosgeschichte‘ mit Einschluss der Phaeakenabenteuer in 60 Verse kurz zusammenfasst (Tümpel a. O. 526); Poet. 16, 6 p. 1458 a 2 ἡ ἐν Ἀλκίνου ἀπολόγῳ (ἀναγνώρισις)· ἀκούων γὰρ τοῦ κιθαριστοῦ ... ἐδάκρυσεν. Hier besonders bewährt sich die oben vertretene Auffassung; denn Odysseus schweigt in der von Aristoteles citierten Scene. Der Ausdruck Ἀλκίνου ἀ. ist nach diesen Zeugnissen eine alte, wahrscheinlich von den Rhapsoden überkommene Gesamtbezeichnung für die Phaeakengeschichten, Odyssee VI–XIII 185; sie wird älter sein, als [168] unsere Bucheinteilung, vgl. F. A. Wolf Proleg. CVIII. Th. Bergk Gr. Litt. I 497. Th. Birt Buchw. 444. Etwas verengt erscheint die Bedeutung bei Ael. var. hist. XIII 14, der als von den παλαιοὶ vorgetragene Rhapsodieen τὰ ἐν Πύλῳ (Od. III), τὰ ἐν Λακεδαίμονι (IV), καὶ ... τὰ περὶ σχεδίας (V) καὶ Ἀλκίνου ἀπολόγους (VI–VIII) καὶ Κυκλώπειαν (XI) καὶ νέκυιαν (XI) καὶ τὰ τῆς Κίρκης (X) citiert, wo Perizonius, dem Tümpel 528 halb und halb folgt, den Ausdruck Ἀλκίνου ἀ. verkehrt auf die sermones Alcinoi pro concione Phaeacum bezieht. Aristides wendet die auch in paroemiographischen Quellen verzeichnete Formel (Ps.-Diog. [d. h. der Interpolator des Zenobios] II 86. Vind. I 79, daraus Suidas. Makarios. Apostolios. Pollux VI 120, von λάλων oder φλυορούντων) wiederholt sprichwörtlich an; vgl. or. XLVIII p. 354 (vol. II p. 473 Ddf.) τί οὖν πρὸς λόγον ταῦτα; οὐ γὰρ ἄλλως γε ἀπόλογον Ἀλκίνου διηγοῦμαι (richtig beurteilt von Tümpel 530); or. XXIV p. 304 (I p. 481 Ddf.), wo sich Aristides mit Odysseus vergleicht, mit Bezug auf seine Tempel-Irrfahrten, und hinzufügt: τὸ δέ ἐστι μὲν πέρα ἢ κατ’ Ἀλκίνου ἀπόλογον, πειράσομαι δὲ ... εἰπεῖν; hier mag dem Aristides in der That die ausgedehnte und wunderbare Erzählung des Odysseus vorgeschwebt haben (Tümpel a. O. 529). Auch die Byzantiner denken bei der Phrase wohl an den erzählenden Odysseus, s. Tzetzes zu Lykophron 764 (Tümpel 532). Psell. de daem. p. 1 f. Boisson. ἀνάγκη γάρ με συνείρειν τὸν Ἀλκίνου ἀπόλογον, εἰ δέοι λέγειν ὅσα ἐπῇειν ὅσα τε ἔτλην ἀσεβέσι συμπλακεὶς ἀνδράσιν. Aber aus alter Zeit, das muss gegen Tümpel betont werden, ist für diesen auch sprachlich anstössigen Missbrauch kein unzweideutiges Beispiel nachzuweisen. Es ist also zu tadeln, dass die Odysseeherausgeber die Überschrift Ἀλκίνου ἀ., die Barnes bei B. VIII bezeugt, nach IX rückten und auf die Erzählung des Odysseus (in den Schol. ἠ μεγάλη διήγησις oder Ὀδυσσέως διηγήματα, ebenso Palaiphatos 21. Eustath. p. 1583, 15, s. Tümpel 532) beziehen zu dürfen glaubten; so Nitzsch Anm. z. Od. III p. XII und noch A. Ludwich in seiner Odyssee-Ausgabe. Düntzer Philol. L 659ff. u. a. Die Alten bis auf Aelian herunter haben damit die gesamten Phaeakengeschichten bezeichnet, wohl wegen ihres wunderbaren, märchenhaften Charakters. Durchaus für sich steht Plutarch Non posse suav. vivi sec. Epic. X 5: τίς δ’ ἂν φάγοι πεινῶν καὶ πίοι διψῶν τὰ Φαιάκων ἥδιον ἢ διέλθοι τὸν Ὀδυσσέως ἀπόλογον τῆς πλάνης. Nur hier ist wirklich von der Erzählung des Odysseus die Rede; die Bezeichnung Ὀδυσσέως ἀ. ist ganz natürlich und kann ohne Seitenblick auf Ἀλκίνου ἀ. gewählt sein. Vgl. auch Iuvenal XV 14 ff.: attonito cum tale super cenam facinus narraret Ulixes Alcinoo, bilem aut risum fortasse quibusdam moverat ut mendax aretalogus. Der Aretalogus (s. d.) ist der berufsmässige Märchenerzähler, s. R. Meister Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wissensch. 1891, 13ff.; Odysseus vor Alkinoos und den Phaeaken erinnert den Dichter an solche Leute, s. Crusius Philol. LII 534f. Vortrefflich passt zu dem zuletzt Entwickelten das älteste Beispiel für den Terminus in der römischen Litteratur, Plaut. [169] Stich. 538: praesente te et hoc apologum agere unum volo; es wird dann, mit zahlreichen Unterbrechungen (541 miror quo evasurust apologus), eine novellenartige Geschichte vorgetragen, die sich als Spiegelbild der vorliegenden Situation erweist (545 praesens hic quidemst apologus), im Gegensatz zu den gewöhnlichen Apologen, die in der Vergangenheit spielen. Wir sehen hier den improvisierenden Erzähler im Kreise seiner Hörer; auch in der Form (Fuit olim ... senex, ei filiae duae erant, vgl. den Anfang der apuleianischen Milesia Met. IV 28. Arist. Vesp. 1182. 1435. 1448) schliesst sich der apologus, unter dessen Maske der alte Antipho seine Forderungen vorbringt, volkstümlicher Erzählungskunst an. Weiteres bei Crusius Philol. LII 534f. Das Wort muss die erdichtete Erzählung, die Novelle mit ihren Spielarten bezeichnet haben, ursprünglich wohl mit besonderer Betonung des mündlichen Vortrags. Als rhetorischer Kunstausdruck ist es auffallender Weise nur bei den Römern nachweisbar, die aber diese Terminologie schwerlich selbständig eingeführt, sondern von den Hellenisten übernommen haben; vgl. auch das ἀπολογητικόν (prooemium) bei Fortunatian Rhet. p. 110 H. in einer Reihe griechischer Bezeichnungen. In den älteren Zeugnissen bedeutet der Ausdruck gleichfalls lediglich die anekdotenhafte Erzählung, wie man sie zur Ergötzung der Hörer auch in Gerichtsreden seit alters für zulässig hielt. Vgl. ad Herenn. I 6, 10: Si defessi erunt audiendo exordiemur ab apologo, fabula verisimili, wo der Apologus durch den Gegensatz auf das Phantastische beschränkt zu werden scheint. Cicero de inv. I 25: Sin res dabit, non inutile est, ab aliqua re nova aut ridicula incipere, aut ex tempore quae nata sit ... aut iam parata, quae vel apologum vel fabulam .. contineat. Cic. de orat. II 264: rerum plura sunt (faceta) ... et ad hoc genus adscribamus etiam narrationes apologorum. Man hat darunter wie unter den ἀστεῖοι λόγοι in den Wespen des Aristophanes (1258. 1401), sowohl schwank- und novellenartige Stücke (dahin gehört z. B. die Historie vom Eselschatten und ähnliches, Aesop. 339 H. Zenob. Ath. I 69; volg. 528), wie aesopische Fabeln im engern Sinne verstanden. Noch Sueton folgt diesem Sprachgebrauch de gramm. et rhet. 25 p. 121 Rff., indem er die chrienartigen Progymnasmen älterer Rhetoren beschreibt mit den Worten dicta praeclare per omnes figuras per casus (= fabula verisimilis?) et apologos aliter atque aliter exponere, ebenso Quintil. inst. VI 3, 44, wo apologi und historiae (= casus, fabulae verisimiles?) gegenübergestellt werden. Die aesopische Fabel gilt bei Quintil. V 11 als Unterabteilung; man hatte für sie den künstlich differenzierten, aber nicht recht in Aufnahme gekommenen Terminus apologatio geschaffen (Quint. V 11, 20 nostrorum quidam non sane recepto in usum nomine apologationem, nämlich vocant fabulam Aesopeam). Nicht wesentlich anders stellen sich die Spätern, wie Fortunatian. II 23 p. 115 H. = Mart. Cap. V 558; hier werden neben das argumentum als exemplum verisimile (id est quod de comoedia sumitur) die apologi gestellt, ut sunt Aesopi fabulae; auch hier scheint das Humoristisch-Phantastische [170] als Charakteristicum des Apologs zu gelten. Immerhin dachte man schliesslich in dieser Spätzeit bei dem Namen apologus in erster Linie an die Aesopea. So lässt Gellius II 29, 20 von Ennius Aesopi apologum erzählen, und Ausonius ep. XVI 74 bezeichnet eine Aesopia trimetria, d. h. Aesopea in iambischen Trimetern, wohl Babrius (s. d.), als apologos. Aber auch hieraus geht nicht hervor, dass der Ausdruck, wie vielfach angenommen ist, gerade die Tierfabel habe bezeichnen sollen. Umfassten doch die Aesopea selbst alle Spielarten der leichten Erzählungslitteratur vom Witzwort bis zum Märchen und zur Novelette. All diese Elemente finden sich nicht nur in den späteren Sammlungen und bei Phaedrus und Babrius, sondern schon in dem vorattischen Volksbuch von Aesop, worin Aesop, wie der improvisierende Homer in der alten Homerbiographie, in den verschiedensten Situationen als Geschichtenerzähler (λογοποιός) auftrat; man kann in ihm das Prototyp der spätern Aretalogen erkennen. Das Wort ἀπόλογος, das zuerst als Rhapsoden-Terminus aufzutreten scheint, wird auch altionisch gewesen und mit dem Aufblühen der ionischen Novelle aufgekommen sein. Sehr oberflächlich Hertzberg Übers. des Babrios (1846) S. 122 Anm., von dem O. Keller Gesch. d. gr. Fabel 310 abhängig ist. Vgl. d. Artikel Aretalogos und Fabel.