Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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und Nektar, Götterspeise: Unsterblichkeit ist ihre Nahrung
Band I,2 (1894) S. 1809 (IA)–1811 (IA)
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4) Ambrosia und Nektar. Die Götter bedürfen Speise und Trank wie die Menschen. Was ist’s, das sie essen und trinken? Unsterblichkeit ist ihre Nahrung (schon im Altertum A. und ἀθανασία identificiert, Lukian Göttergespr. IV 5. Schol. Pind. Pyth. IX 113. Kaibel Epigr. 338), Unsterblichkeit ihr Gewand (Il. V 338. XIV 178. XVI 670. XXI 507; Od. V 346. VII 260. X 222. XXIV 59, vgl. I 97 [= V 45; Il. XXIV 341]); irdische Flecken waschen sie mit Unsterblichkeit ab (Il. XIV 170; Od. XVIII 191ff.) und salben sich mit Unsterblichkeit (Il. XIV 672. XVI 670; Od. VIII 365. Hom. Hymn. Cer. 237); wenn ihre Rosse (auch sie unsterblich, Il. XVI 149ff. 867. XXIII 277. 347) grasen, so lässt die Erde ihnen Unsterblichkeit als Weide aufspriessen (Il. V 368f. 775ff. XIII 34ff. Ovid. met. II 119ff.); fern im Westen, im Garten der Götter, da quillt der Born der Unsterblichkeit (Eurip. Hippol. 741ff.; [1810] der Adler des Zeus schöpft Nektar am Rande des Okeanos, Moiro b. Athen. XI 491 b); unsterblich sind ihre Wohnungen (Il. XIII 22. XVIII 370; Od. IV 79) und Geräte (Il. V 724. VIII 434. Kaibel Epigr. 312), unsterblich wie sie selbst (ihre Haare ἀμβρόσιαι genannt Il. I 529. XIV 177, danach Verg. Aen. I 403). Sterblichen ist solche Nahrung nicht zugänglich; nur durch besondere Gnade der Götter kann sie ihnen zu teil werden, wie dem Tantalos (Pind. Ol. I 95ff., vgl. Od. V 195ff.), und dann werden auch sie unsterblich und unalternd wie die seligen Götter (Il. V 342; Od. V 135. Pind. Pyth. IX 104ff. Nossis Anth. Pal. VI 275. Apoll. Rh. IV 869. Ovid. met. IV 249ff., vgl. X 731ff. Apollod. II 13, 6, 1. Rohde Psyche 68); der Genuss der Götterspeise stärkt und belebt auch göttliche Wesen (Hes. Theog. 639ff. Verg. Georg. IV 415ff.), ohne ihn sind sie kraftberaubt (Hes. Theog. 796ff.); selbst von Leichen wehrt A. die Fäulnis ab (Il. XVI 670. XIX 38f., vgl. auch Bion fr. 11 Herm.).

Diese schöne und sinnige Dichtung echten, alten Götterglaubens ist bereits von Ph. Buttmann (Lexil. I 133) im wesentlichen richtig aufgefasst worden (vgl. auch Nägelsbach Hom. Theol.² 43. Rohde Psyche 68). In neuerer Zeit haben sich zwei gewichtige Stimmen dagegen erhoben: Bergk (Kl. philol. Schr. II 669ff.) leugnet geradezu, dass der Genuss von Nektar und A. die Unsterblichkeit verleihe, und will beides mit dem Honig identificieren. In einem Punkte des letzteren Gedankens hatte ihn hier bereits ein Ungenannter Rh. Mus. XV 638f. schlagend widerlegt. Neuerdings hat W. H. Roscher in seiner scharfsinnigen Schrift ,Nektar und Ambrosia‘ (Leipz. 1883; dort auch vollständigere Stellensammlung) zwar die Unsterblichkeit als Wirkung festgehalten, aber den ausführlichen Nachweis versucht, dass mit Nektar und A. in der That der Honig gemeint sei. Ich kann den Beweis, wodurch die Sage in den Bereich des gewöhnlichen Lebens gezogen werden soll, nicht für erbracht halten. Mit den Honigmärchen, die Roscher mitteilt, mag es seine Richtigkeit haben. Sie beweisen aber alle nur, dass der Honig als besonders schätzenswerte Gottesgabe galt, und sowenig man darum, dass Zeus am Euter der Ziege Amaltheia lag, die Nahrung der Götter mit Milch identificieren kann, so wenig kann man es mit Honig thun, weil Sagen bestanden, nach denen Götterkinder mit Honig genährt waren. Das schwerste Bedenken ist aber, dass in den alten, nicht selbst schon nach einer Erklärung suchenden Quellen Nektar und A. durchaus als etwas nur den Göttern zugängliches erscheinen, das Menschen nur ausnahmsweise durch besondere Gnade der Götter erlangen; ich sehe also im folgenden von dieser meines Erachtens unhaltbaren Hypothese ab.

Der Begriff, um dessen Entwicklung es sich hier handelt, ist zunächst nur A. Nach der verschiedenen Verwendung machte sich der Grieche verschiedene Vorstellungen davon: wenn die Unsterblichkeit als Schönheitsmittel erscheint, so dachte man sie als Salbe; als Futter der Rosse musste sie wohl ein Kraut sein. Als Nahrung der Götter hatte man noch einen besonderen Namen dafür, Nektar (Erklärung des Wortes bei [1811] G. Curtius Griech. Etym.⁵ 184); dieser allein als Götternahrung genannt in der Ilias; aber die Götternahrung konnte man sich füglich nur als Speise und Trank vorstellen; deshalb fügte man als zweite Bezeichnung den allgemeineren Begriff hinzu. Die Speise, was konnte sie anders sein, als eine Art Brot? Der Trank, was sonst als eine Art Wein? Daher Worte, die sonst vom Wein gebraucht werden, schon bei Homer auch vom Göttertrank gesagt werden (Il. I 596f. IV 2f.; Od. V 93. IX 359. Hom. Hymn. Cer. 49; Apoll. Del. 10f. Kaibel Epigr. 312; der Duft von A. und Nektar in jeder Verwendung gerühmt, Il. XIV 172; Od. IV 445f. Theokrit. XVII 28. Nossis a. a. O. Lucret. II 848. Verg. Aen. XII 418; Georg. IV 415. Ovid. met. X 731. Philostr. Her. II p. 131, 27 Kays. Kaibel Epigr. 1068. Vgl. Theogn. 9. Philox. Deipn. 42 = PLG⁴ III 605. Verg. Aen. I 403).

Ursprünglich ist Nektar und A. dasselbe, wie bereits Bergk annahm und Roscher a. a. O. 25ff. bewiesen hat; so erklärt es sich, dass bei der Differenzierung in Speise und Trank zwei verschiedene Auffassungen neben einander hergehen: nach der einen ist Nektar der Trank, A. die Speise (Od. V 93. IX 359. Hom. Hymn. Cer. 49; Apoll. Del. 10f. Moiro a. a. O. Ovid. met. X 731; vgl. Ibyk. fr. 33 Bgk.); nach der andern ist es umgekehrt (Alkman fr. 100 Bgk. Sappho fr. 51. Eur. Hipp. 741ff. Anaxandrides II 160 Kock. Verg. Aen. XII 418. Luk. Göttergespr. IV 5; vgl. besonders σίτῳ τ’ ἀμβροσίῃ τε Hom. Hymn. Ven. 233); oder beides erscheint flüssig (Il. XIX 347f. Pind. Pyth. IX 59ff.).

In später Zeit, als man wie für so vieles Mythologische auch für Nektar und A. eine natürliche Erklärung suchte, hielt man sich an die verschiedenen schon bei Homer vorkommenden Verwendungen. Die einen, an den Göttertrank denkend, erklärten es für Meth oder Honig (Ath. II 38f. Harpokr. und Phot. s. νεήλατα; eine andere abenteuerliche Vorstellung haben Antikleid. b. Ath. XI 473 c. Paus. Lexikogr. b. Eustath. 976, 1ff. [Il. XIV 176]). Andere hielten sich an das Rossefutter; ihnen war A. ein Kraut (Alex. Aitol. b. Athen. VII 296 e. Karystios FHG IV 357. Moiro a. a. O. Nonn. XL 469ff. Paus. a. a. O.), das sie nun bald mit dem Hauslaub identificierten (Plin. n. h. XXVII 28), bald mit dem Veilchen (Eustath. 1295, 24ff. zu Il. XXIII 186), bald mit der Lilie, wo sie denn erfanden, bei den Korinthern heisse die Lilie A. (Nikand. frg. 74. 126f. Schn.). Eine allegorische Deutung giebt schliesslich Eustath. 1504, 7 (Od. IV 437).