Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Tyrann von Syrakus etwa 361-289 v. Chr.
Band I,1 (1893) S. 748 (IA)–757 (IA)
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15) Tyrann von Syrakus, Sohn des Karkinos, eines Verbannten aus Rhegion, der in Thermä lebte, wo A. (wie sich daraus ergiebt, dass er im J. 289 im Alter von 72 Jahren starb) etwa 361 v. Chr. geboren ward. Im Alter von etwa 18 Jahren siedelte er mit seinem Vater nach Syrakus über (Polyb. XII 15, 6) und ward durch Timoleon nach der Schlacht am Krimisos mit [749] dem Bürgerrechte beschenkt. Hiemit begann er seine Laufbahn, in der er sich aus niederem Stande (denn er soll, wie sein Vater, das Töpferhandwerk betrieben haben) rasch zu Ansehen brachte. In den mannigfachen inneren und äusseren Kämpfen, die nach Timoleons Tode Syrakus heimsuchten, that er sich durch Verstand, Redefertigkeit und kriegerische Tüchtigkeit bei mehreren Gelegenheiten hervor und gewann die Gunst eines reichen Syrakusaners, des Damas, unter dem er bei einem Kriege gegen Akragas als Chiliarch diente. Als Damas starb, heiratete A. dessen Witwe und kam dadurch in den Besitz eines grossen Vermögens.

Syrakus war in zwei grosse Parteien geteilt. Die oligarchische (zumeist aus den begüterten und angesehenen Bürgern bestehend), die im Rat der Sechshundert ihr Organ hatte und von Sosistratos, Herakleides u. a. geführt ward, war damals nach dem Tode des Timoleon die mächtigere. Die ihr entgegengesetzte demokratische Partei bestand wahrscheinlich hauptsächlich aus der Menge der Neubürger; und als Führer dieser demokratischen Partei hat sich A. zur Herrschaft gebracht. Seine Feindschaft gegen Sosistratos und Genossen trat zuerst bei dem Feldzuge hervor, den die Syrakusaner vor dem J. 319 (s. Schubert 38) nach Italien unternahmen, um den Krotoniaten gegen die Brettier beizustehen, wobei A. Chiliarch war. Er zeichnete sich hier vor Allen aus; aber der Siegespreis ward ihm von den Machthabern in Syrakus vorenthalten. Umsonst versuchte er, sie beim Volke zu verklagen; er drang nicht durch, Sosistratos und Herakleides behaupteten ihre Stellung und A. wurde selbst in Anklagestand versetzt. Er wurde zwar nicht überführt, verliess aber Syrakus und hielt sich mit einigen Genossen in Italien auf. Hier begann er den Kampf wider seine oligarchischen Gegner, deren Einfluss bis in die italischen Städte reichte. Nach einem missglückten Unternehmen auf Kroton trat er auf kurze Zeit in den Sold der Tarentiner, um sodann den Rheginern gegen die syrakusanischen Machthaber zu helfen. Als dann aber die Oligarchie in Syrakus gestürzt und Sosistratos und Genossen verbannt waren, kehrte er zurück und nahm nunmehr an dem Kriege der Syrakusaner gegen die Verbannten, mit denen sich die Karthager und andere sicilische Städte verbündet hatten, lebhaften Anteil. Namentlich wird ein freilich missglückter Überfall Gelas erwähnt. Sein Verhalten erregte aber bei dem Korinther Akestorides, dem die Syrakusaner damals die Leitung ihrer Gemeinde übertragen hatten, den Verdacht, dass er nach der Tyrannis strebe. A. wurde genötigt, Syrakus zu verlassen, und soll nur durch List den von Akestorides ihm nachgesandten Mördern entgangen sein. Dagegen wurden die verbannten Oligarchen zurückgerufen und mit den Karthagern Friede geschlossen. A. fand aber in der Landschaft bei den unterthanen Städten, namentlich in Morgantine, Anhänger und bildete ein Heer, mit dem er gegen Syrakus Krieg führte. Er eroberte Leontinoi und griff selbst Syrakus an, so dass die Machthaber daselbst die Karthager zur Hülfe riefen. Jedoch die Erfolge des A. bewogen den sicilischen Feldherrn [750] der Karthager, Hamilkar, sich auf seine Seite zu schlagen. Unter Hamilkars Vermittlung ward ein Friede zwischen den streitenden Parteien geschlossen, die Demokratie wieder hergestellt und A. zurückgeführt. A. musste schwören, nichts gegen die Demokratie zu unternehmen, den Karthagern willfährig zu sein und die Autonomie der übrigen Sikelioten zu schützen. Das Volk wählte ihn hierauf zum Strategen und betraute ihn bis zur völligen Herstellung der Eintracht mit der Sorge für den Frieden. Bald fand A. Gelegenheit, sich seiner Gegner, namentlich der Oligarchie der Sechshundert, zu entledigen. Er beschuldigte sie, vielleicht nicht ohne Grund, dass sie ihm nach dem Leben trachteten, und liess viele von ihnen töten oder in die Verbannung gehen; ihre Häuser wurden geplündert und ihre Habe eingezogen. Nach dieser Gewaltthat, die durch die ihm ergebenen Truppen und die grosse Masse des Volkes ausgeführt ward, versammelte A. das Volk, gab ihm die Freiheit wieder und legte sein Amt nieder. Jedoch die Menge gab es nicht zu, und als er erklärte, dass er die Gewalt mit keinem andern teilen könne, übertrug man ihm allein die öffentliche Gewalt und wählte ihn zum unumschränkten Strategen (στρατηγὸς αὐτοκράτωρ). Das geschah Ol. 115, 4 = 317/316. Er ergriff jetzt, nachdem er seine Gegner in Syrakus zum Schweigen gebracht hatte, die Herrschaft und wandte seine Fürsorge der Verwaltung des Gemeinwesens zu, sorgte für die Einkünfte, vermehrte das Gebiet der Stadt und vergass nicht, durch Beschaffung von Waffen und Schiffen sich auf den Krieg vorzubereiten (Diod. XIX 2–9. Iust. XXII 1–2. Trogus prol. 21. Polyaen. V 3, 2. 7. 8). Seine Gegner hatten in verschiedenen sicilischen Städten Aufnahme gefunden, namentlich in Akragas und Messana, und setzten von hier ihre Feindseligkeiten gegen ihn fort. Das führte (Ol. 116, 2 = 315/4) zu einem Kriege des A. mit Messana, in dessen Gebiet er Mylai besetzte. Aber der Angriff auf die Stadt selbst wurde abgeschlagen; bald darauf traten die Karthager zwischen die Streitenden und nötigten den A. vom Kriege abzulassen und den Messaniern das Genommene zurückzugeben. Wie er im übrigen seine Herrschaft zu befestigen wusste, davon giebt sein Verfahren gegen das verbündete Abakainon ein Beispiel, wo er seine Gegner beseitigte (Diod. XIX 65). Um nun eine weitere Ausbreitung der Macht des A. zu verhüten, verbündeten sich im nächsten Jahre (Ol. 116, 3 = 314/3) auf Antrieb der Verbannten die Akragantiner, Geloer und Messanier und gewannen in Akrotatos, dem Sohne des spartanischen Königs Kleomenes II., einen Feldherrn, dem sich auch die Tarentiner anschlossen. Jedoch das Verhalten des Akrotatos war derart, dass sich die Verbündeten seiner entledigen mussten; der Bund zerfiel und unter Vermittlung des Hamilkar machten die Städte ihren Frieden mit A. Es ward darin anerkannt, dass Selinus, Herakleia und Himera karthagisch seien; die übrigen hellenischen Städte sollten autonom sein, jedoch die Hegemonie des A. anerkennen. Durch diesen so günstigen Frieden vermehrte A. Macht, Besitz und Einkünfte und konnte sich eine starke Söldnerschar halten (Diod. [751] XIX 70f.). Er musste seine Rüstungen verstärken mit Rücksicht auf Karthago, wo das Verhalten des dem A. befreundeten Hamilkar starke Missbilligung fand, so dass man diesen in Anklage zu versetzen beschloss; vorher jedoch starb Hamilkar. Man schenkte den Klagen und Hülfsgesuchen der Gegner des A. bereitwillig Gehör und rüstete sich, ihnen zu helfen. A. traf dagegen seine Vorkehrungen; er zwang (Ol. 117, 1 = 312/11) Messana, sich ihm ganz anzuschliessen und seine Gegner zu vertreiben, ebenso Tauromenion, und wandte sich hierauf gegen Akragas, dem die Karthager nunmehr zu Hülfe kamen, und damit den Krieg gegen A. eröffneten. Anfangs behauptete A. gegen seine Widersacher, die karthagische Flotte und die Verbannten unter Deinokrates, seine Überlegenheit (Diod. XIX 102 bis 104); aber im folgenden Jahre (Ol. 117, 2 = 311/10) rüsteten die Karthager ein grösseres Heer und eine weit überlegene Flotte aus. Unter Führung des Königs Hamilkar (Gisgons Sohn) nahmen sie im Gebiet von Gela auf dem Hügel Eknomos eine feste Stellung ein, die sie schon im Jahre zuvor besetzt hatten. A. rückte ihnen entgegen; er brachte zuerst die Stadt Gela durch Überfall ganz in seine Gewalt und beseitigte seine Gegner daselbst mit blutiger Grausamkeit, dann stellte er sich den Karthagern gegenüber am Himeras auf und griff nach einiger Zeit ihr Lager an, erlitt aber, da ihnen unerwartete Hülfe kam, eine bedeutende Niederlage. Um die Karthager festzuhalten und die Ernte in Syrakus zu retten, zog er sich zuerst auf Gela zurück. Da aber Hamilkar die Belagerung von Gela bald aufgab und viele Unterthanen des A. zu ihm übertraten, so sah sich dieser genötigt, nach Syrakus zurückzugehen und die Verteidigung vorzubereiten (Diod. XIX 106–110; die Schlacht am Himeras fand im Sommer zur Zeit der Hundstage statt, streitig ist, ob im J. 311 oder 310 v. Chr., wahrscheinlich im J. 311; s. Schubert S. 85).

Syrakus ward zunächst durch eine karthagische Flotte angegriffen. Um sich Luft zu machen, beschloss A., nach Africa hinüberzugehen und sich durch diesen unvorhergesehenen Angriff auf das karthagische Gebiet und die vielfach schwer bedrückten karthagischen Unterthanen die Herrschaft auf Sicilien zu erobern. Indem er in Syrakus alles auf eine längere Verteidigung einrichtete, und seinen Bruder Antandros und andere ergebene Männer zurückliess, las er den besten Teil seiner Truppen, etwa 14000 Mann, für sich aus, darunter ausser griechischen, italischen und keltischen Söldnern auch viele Syrakusaner, namentlich Leute aus angesehenen Familien, und hielt sich zur Abfahrt bereit, deren Ziel niemand kannte. Bei günstiger Gelegenheit fuhr er, begleitet von seinen Söhnen Archagathos und Herakleides, mit seinen sechzig Schiffen hinaus und entkam den eifrig verfolgenden Karthagern. Am Tage nach dem Aufbruch verfinsterte sich die Sonne, und hiedurch wird eine sichere Zeitbestimmung ermöglicht; es war der 15. August 310 v. Chr. (s. Oppolzer Canon der Finsternisse = Denkschriften der Wiener Akad. Bd. 52, 1887 S. 86; Zech Preisschriften der fürstl. Jablonowskischen Ges. IV S. 33, 46 kommt auf [752] den 14. Aug.). Stets von den Karthagern verfolgt, landete er nach sechstägiger Fahrt glücklich bei den Steinbrüchen am Vorgebirge Hermaion (beim heutigen El Hauriah, s. Tissot Géographie de l’anc. Afrique I 164) und schlug ein befestigtes Lager auf (vielleicht bei Aspis [Clupea] s. Strab. XVII 834). Die Flotte ward der Demeter und Kora geweiht und verbrannt; dann ging es hinein in die Landschaft, wo das Heer reiche Beute gewann. Die Karthager, die anfangs ihr Heer auf Sicilien verloren glaubten, boten aus der Bürgerschaft und dem Lande ein ansehnliches Heer von 30–40 000 Mann auf, an deren Spitze die Gemeinde nach ihrer Gewohnheit zwei Führer, feindlichen Parteien angehörig, stellte, den Hanno und Bomilkar. A. schlug mit seiner weit geringeren aber kriegsgeübten Mannschaft dieses Heer aus dem Felde; Hanno fiel, und A. beherrschte die Landschaft und drang bis nahe an Karthago vor (bis auf fünf Millien nach Iust. XXII 6, 9). Die Karthager mussten den Hamilkar auf Sicilien um Hülfe ersuchen; sie waren in solcher Bedrängnis, dass sie dem Kronos die lange unterlassenen Menschenopfer darbrachten. Auf der andern Seite wirkten die Nachrichten von den Erfolgen des A. belebend auf den Widerstand der belagerten Syrakusaner, die Hamilkar weder zur Übergabe zu bewegen, noch zu bezwingen vermochte; er hob daher die Belagerung auf, um so mehr, als er 5000 Mann nach Africa senden musste. Nur zur See ward die Einschliessung von Syrakus aufrecht erhalten. Inzwischen hatte A. in Africa infolge seiner Siege weitere Eroberungen gemacht; er besetzte Tunes und legte hier ein befestigtes Lager an; gegen 200 Orte, darunter Neapolis, Thapsos und Hadrumet wurden erobert; ein libyscher König trat zu ihm über. Das karthagische Heer, das Tunes wieder erobern wollte, ward überfallen und geschlagen (Diod. XX 3–18. Iust. XXII 4–6). Dazu kamen weitere Erfolge auf Sicilien, wo im J. 309 Syrakus aufs neue von einem grossen Heere der verbündeten Karthager und Hellenen eingeschlossen ward. Ein Angriff auf den Euryalos misslang völlig, Hamilkar ward gefangen und getötet und sein Kopf dem A. zugesandt; das Belagerungsheer löste sich auf. In Africa traten nun auch mehrere numidische Stämme zu A. über (Diod. XX 29. Iust. XXII 7). Jedoch ward es dem A. nicht leicht, das Eroberte zu behaupten. Eine Meuterei seiner Truppen in Tunes, die zum Teil durch den Rückstand der Soldzahlung hervorgerufen ward, wurde durch den Mut des A. unterdrückt und die Karthager, die gehofft hatten, seine Truppen zu sich hinüberzuziehen, aufs neue geschlagen (Ol. 117, 4 = 309/8. Diod. XX 33f.). Im nächsten Jahre (Ol. 118, 1 = 308/7) unternahm A. einen Feldzug in das Gebiet der Numider (Zuphonen u. a.), um sich deren Bundesgenossenschaft zu erhalten, da ein karthagisches Heer zu ihrer Unterwerfung eingetroffen war. A. schlug die Karthager, aber der Erfolg war doch zweifelhaft; denn während er siegte, plünderten die Numider, die sich zweideutig verhielten, sein Lager aus. Um so erwünschter war ihm, dass sich der damalige Herrscher von Kyrene, der Makedonier Ophelas, unter der Bedingung, dass ihm Africa zufalle, [753] während A. sich Sicilien vorbehielt, mit ihm verbündete und noch im J. 308 mit einem Heere von 10000 Mann, dazu vielen griechischen Colonisten, die sich in Africa niederlassen wollten, bei ihm eintraf. A. empfing ihn freundlich, aber bald darnach bei günstiger Gelegenheit überfiel und tötete er ihn und zwang sein Heer, sich ihm anzuschliessen (Anfang Winter 308). So verstärkt konnte A. im nächsten Jahre (Ol. 118, 2 = 307/6) die Städte Utika und Hippuakra erobern und damit fast alle Seeplätze in seine Hand bringen. Die Karthager konnten ihm, da sie auch den Krieg auf Sicilien fortsetzten, nichts entgegenstellen. Sie waren ausserdem um diese Zeit durch innere Unruhen heimgesucht, da Bomilkar die Herrschaft zu erobern versuchte und dabei zu Grunde ging. Ob er mit A. in Verbindung stand, ist ungewiss; jedenfalls war er ein Gegner der herrschenden Partei und einem Frieden mit A. wohl nicht abgeneigt (Diod. XX 38–44. 54. Iust. XXII 7).

Inzwischen nahm die Sache des A. auf Sicilien eine ungünstigere Wendung. Nach Hamilkars Niederlage hatte sich das karthagische Heer wieder gesammelt, auch die Verbannten unter Deinokrates bildeten eine starke Macht und dazu traten Akragas und Gela unter Führung des Xenodikos in den Kampf gegen Syrakus ein. Die Macht der Syrakusaner schmolz zusammen und die Stadt selbst litt infolge der langen Blokade durch die karthagische Flotte Mangel (Diod. XX 30, 2–33 unter Ol. 117, 4 = 309 v. Chr.). A. ging daher im J. 307 mit geringer Streitmacht nach Sicilien und liess in Africa seinen Sohn Archagathos zurück. Unerwartet landete A. im karthagischen Sicilien, das er fast unverteidigt fand, da die Karthager allem Anscheine nach ihre Streitkräfte nach Africa zusammenzogen. Er eroberte Selinus, Herakleia, Thermai, Kephaloidion und andere Plätze. Dazu kam, dass kurz vor seiner Ankunft die Syrakusaner über die Akragantiner einen grossen Sieg erfochten hatten. Es gelang dem A. ferner, Syrakus wieder mit Zufuhr zu versehen und die Akragantiner aufs neue zu schlagen. Deinokrates jedoch, das Haupt der Verbannten, war ihm so weit überlegen, dass A. ihm in offenem Felde nicht entgegentreten konnte. Unterdessen ward der Krieg in Africa unglücklich geführt. Archagathos war anfangs siegreich gewesen und hatte neue Teile des Binnenlandes unterworfen, aber bald darnach hatten die Karthager ihre ganze Macht in Africa versammelt, drei grössere Heere gebildet und dadurch den Archagathos genötigt, seine Macht ebenfalls zu teilen. Zwei seiner Unterfeldherren wurden besiegt und er selbst in Tunes eingeschlossen. Als A. in Africa erschien, fand er das Heer in üblem Zustande, zwar noch recht zahlreich, aber auf die festen Plätze beschränkt, entmutigt und aufsässig. A. unternahm nochmals einen Angriff auf das karthagische Lager, erlitt aber eine Niederlage, und beschloss, das africanische Unternehmen aufzugeben, nach Sicilien zurückzukehren und seine Truppen, die er nicht mit sich nehmen konnte, da er keine Flotte hatte, in Africa zurückzulassen. Aber die Truppen, die davon erfuhren, nahmen ihn fest; jedoch ward er bei Gelegenheit eines Alarms [754] freigegeben und entkam. Seine Söhne blieben zurück und wurden von den erbitterten Truppen, unter denen sich viele syrakusanische Gegner des A. befanden, getötet. Später rächte A. den Tod seiner Söhne an den Angehörigen der Mörder. Die zurückgelassenen Soldaten schlossen mit den Karthagern einen Vertrag ab, überlieferten ihnen die noch besetzten Plätze und traten in den Dienst der Karthager oder wurden bei Solus auf Sicilien angesiedelt. Nur einige Städte mussten mit Gewalt bezwungen werden (Diod. XX 56–70. Iust. XXII 8, 4ff. Polyb. VII 2. 4).

A. verliess Africa im vierten Jahre des africanischen Krieges, gegen Anfang des Winters 307 v. Chr. (Diod. XX 69, 3). Er begab sich zunächst nach Egesta, das sich ihm angeschlossen hatte, und erregte hier durch die starken Auflagen, die er der Bürgerschaft machte, eine Erhebung, die er mit äusserster Härte, mit fast völligem Untergang Egestas bestrafte (Diod. XX 71). Auch anderswo war er genötigt, hohe Abgaben zu erheben, und dieser Umstand, sowie das Missgeschick in Africa bewirkte, dass viele von ihm abfielen und namentlich sein eigener Feldhauptmann Pasiphilos mit den ihm anvertrauten Truppen und Plätzen zu Deinokrates überging, dessen Macht dadurch so bedeutend stieg, dass A., zumal auch die Karthager aufs neue ein Heer nach Sicilien sandten, seine Sache verloren gab und mit Deinokrates in Unterhandlung trat. Er erklärte sich bereit, die Herrschaft niederzulegen und dem Deinokrates die Rückkehr nach Syrakus zu gewähren. Für sich verlangte er die Städte Thermai und Kephaloidion. Aber Deinokrates wollte nicht, wie A. verlangte, die Demokratie in Syrakus anerkennen und seine herrschende Stellung, die er an der Spitze seines ansehnlichen Heeres einnahm, nicht aufgeben. Ausserdem verlangte er, A. solle Sicilien ganz verlassen und seine Kinder als Geiseln geben. So kam der Vertrag nicht zu stande. Wohl aber fand A. jetzt die Karthager zum Frieden bereit; er hatte ihnen einen grossen Teil ihrer früheren Besitzungen auf Sicilien entrissen; gegen eine Geldsumme (300 oder nach Timaeus 150 Talente) und eine Getreidelieferung gab er ihnen diese zurück und erhielt den Frieden (Ol. 118, 3 = 306/5. Diod. XX 73f. Iust. XXII 8, 15).

Zwischen A. und Deinokrates mussten die Waffen entscheiden. A. griff (Ol. 118, 4 = 305/4) seinen Gegner, obwohl dieser ein weit überlegenes Heer von 25000 Mann zu Fuss und 3000 Reitern hatte, bei dem Orte Torgion (?) an. Schon hatte sich Deinokrates viele seiner Anhänger entfremdet, und so geschah es, dass während der Schlacht ein Teil des Heeres zu A. überging und dieser den Sieg errang. Den Besiegten bot er jetzt aufs neue den Frieden an und fand nunmehr Gehör. Ein Teil des Fussvolks, der sich von den übrigen abgesondert ihm ergab, ward niedergehauen; die übrigen machten ihren Frieden mit ihm, vor allen Deinokrates selbst, der die frühere Freundschaft mit A. erneuerte, in seine Dienste trat und selbst bei der Unterwerfung der noch Widerstrebenden mitwirkte, die in zwei Jahren vollendet war. Pasiphilos ward in Gela von Deinokrates getötet. So war A. Herr des griechischen Siciliens. Auch Lipara wurde im J. 304 unterworfen (Diod. XX 89. 101).

[755] In der neu befestigten Herrschaft nahm A. nunmehr nach dem Vorbilde der Nachfolger Alexanders den Königstitel an. Diodor (XX 54, 1) erzählt es schon unter dem J. 307/6, ohne jedoch, wie es scheint, eine genauere Zeitbestimmung geben zu wollen. Wahrscheinlich ist es erst später nach dem Frieden mit Deinokrates geschehen, da auch Antigonos erst im J. 306, Ptolemaios noch etwas später den Königstitel annahm (s. Droysen Gesch. d. Hellenism. II 2, 137f.). Das Diadem, das eigentliche Zeichen der Königswürde, nahm er dagegen nicht an, sondern trug einen Kranz. Auf den Münzen führt er den Königstitel; sein Bild findet sich jedoch nicht darauf (Catalogue of Greek Coins in the British Museum. Sicily 198f.).

A. war jetzt einer der mächtigsten Herrscher der damaligen Welt und trat auch mit den Diadochenkönigen in Verbindung, namentlich mit Ptolemaios von Ägypten, dessen Stieftochter Theoxena seine Gemahlin ward. Er ging dann um das J. 300 auch nach Italien hinüber, vielleicht von den Tarentinern gegen die Lucaner und Brettier zu Hülfe gerufen (Strab. VI 280), die den griechischen Städten Italiens damals so gefährlich waren (Iust. XXIII 1, 3). Nach erkämpftem Siege fuhr er von Italien, als um das J. 299 Kassander Korkyra belagerte, mit seiner Flotte dorthin, überfiel und verbrannte die makedonischen Schiffe und nahm das befreite Korkyra in Besitz (Diod. fr. XXI 2). Als er später um 295 seine Tochter Lanassa dem Pyrrhos verheiratete, gab er ihr Korkyra als Mitgift. Später (290) heiratete sie den Belagerer Demetrios, den damaligen (seit 294) König von Makedonien, mit dem A. überhaupt gegen das Ende seiner Regierung auf das engste befreundet war. Während er die Lanassa mit seiner Flotte dem Pyrrhos zuführte, überfiel er unvermutet Kroton, dessen Herrscher Menedemos mit ihm befreundet war, und eroberte und besetzte die Stadt. Dabei wird erwähnt, dass er sich mit den Iapygern und Peuketiern verbündete; er war bei den Peuketiern selbst anwesend (Aristot. mirab. 110 West. p. 840b 23). Hingegen mit den Brettiern hat er öfters Krieg geführt, Hipponion erobert und den Stamm zeitweilig unterworfen, ohne jedoch seine Herrschaft dauernd behaupten zu können (Diod. fr. XXI 3, 1. 8. Iust. XXIII 1, 3). Auch mit den Römern, die damals den zweiten grossen Krieg gegen die Samniter führten, muss er in Berührung gekommen sein, da sein Geschichtsschreiber Kallias zu den frühesten gehört, die über Roms Vergangenheit nähere Nachrichten zu geben sich bemühten.

Während er hier in vielfachen, uns nur lückenhaft bekannten Kriegen lag, ward seine Herrschaft auf Sicilien nicht mehr angefochten. Die Insel und namentlich die Stadt Syrakus erlebte unter seinem Scepter nochmals eine Zeit des Friedens, der Blüte und des Gedeihens. Er war einer der reichsten Fürsten der Welt; seine Herrschaft stützte sich meist auf fremde Söldner, Griechen, Samniten, Etrusker, Kelten und Ligurer, die er gut in Ordnung zu halten wusste (Diod. XXI 3); er hatte ferner eine mächtige Flotte von 200 grossen Kriegsschiffen und soll zuletzt vorgehabt haben, Karthago nochmals anzugreifen [756] und mit Hülfe dieser Flotte, wie sie ihm früher gefehlt hatte, zu überwinden. Aber der Tod nahm ihn vorher hinweg.

Bald nach dem letzten Feldzuge gegen die Brettier fiel A. in eine Krankheit. Er gedachte die Nachfolge seinem jüngeren Sohne Agathokles zuzuwenden, und dieser ward in Syrakus anerkannt. Aber sein Enkel Archagathos, Sohn des in Africa gefallenen Archagathos, der mit Heeresmacht bei Aetna stand, machte gleichfalls Ansprüche und gewann sein Heer für sich. Als der junge A. bei ihm erschien, ward er erschlagen. Nach Iustin kam es sogar zu einem förmlichen Kriege zwischen den beiden Streitenden (Diod. fr. XXI 16. Iust. XXIII 2, 3). Aber der alte König erklärte sich gegen seinen Enkel; er gab nach dem Tode seines Sohnes die Herrschaft dem Volke zurück, das er zugleich zur Rache an seinem Enkel aufrief. Die Ägypterin Theoxena mit ihren kleinen Kindern sandte er, um sie in Sicherheit zu bringen, nach Ägypten zurück und starb dann nach achtundzwanzigjähriger Regierung 72 Jahre alt im J. 289 v. Chr. (Iust. XXIII 2, 6. Diod. XXI 16, 4. Polyb. XII 15, 3).

Das Urteil der Nachwelt über ihn lautet verschieden. Er hat mehrere gleichzeitige Historiker gefunden, unter denen sein Bruder Antandros und sein Freund Kallias seines Lobes voll waren (Diod. XXI 16, 6. 17). Dagegen Timaeus, der durch ihn in die Verbannung kam, war sein erbitterter Feind (Polyb. XII 15) und er hat auf die uns erhaltenen Nachrichten allem Anscheine nach den bei weitem grössten Einfluss gehabt. Auch Hieronymos von Kardia muss den A. behandelt haben und neben ihm der durch und durch rhetorische Duris. Diesen oft parteiisch und rhetorisch gefärbten Quellen entstammen viele übertriebene, verdächtige oder geradezu mythische Berichte, wie die Erzählung von seiner Aussetzung und wunderbaren Auferziehung, die Diodor (XIX 2) in einer an die Kyrossage erinnernden Weise erzählt, ferner die Erzählung, dass der Enkel Archagathos dem alten A. durch Menon von Egesta ein schleichendes Gift beibringen lassen und dadurch die letzte Krankheit und den Tod des Königs herbeigeführt habe, der zuletzt noch halblebend auf den Scheiterhaufen gebracht worden sei und so den Lohn für seine Übelthaten geerntet habe (Diod. XXI 16), ferner die Ausmalung der Grausamkeiten des A. (z. B. Diod. XIX 6, 6ff.).

A. hat, das ist gewiss, so lange er zu kämpfen hatte, die äussersten Grausamkeiten an seinen wirklichen oder vermeintlichen Gegnern nicht gescheut, wie z. B. die Behandlung von Gela und Egesta bezeugt (Diod. XIX 107, 2. XX 71), und jedes Mittel ergriffen, das seinen Zwecken dienen konnte, wie es die wilde Heftigkeit der antiken Parteikämpfe mit sich brachte. Ebenso hat er sich nach Befestigung der Herrschaft als milde, einsichtig und gemässigt gezeigt. Ein Mann der That wie der ältere Scipio zählte ihn zu den grössten Männern der Vergangenheit. Er war Parteiführer und Soldat; er hatte soldatische Neigungen, er liebte heitere Geselligkeit und derben Scherz; jeder unnütze Pomp lag ihm fern, seiner niederen Herkunft schämte er sich nicht; kurz er war ein echter, populärer [757] Tyrann (Diod. XX 63. XIX 9. Polyb. IX 23, 2. XV 35, 6).

Litteratur: Grote history of Greece XII 215 (ch. 96ff.). Ad. Holm Geschichte Siciliens im Altertum, Leipzig 1874, II 219ff. Meltzer Geschichte der Karthager 355ff. R. Schubert Geschichte des Agathokles, Breslau 1887. Droysen Geschichte des Hellenismus II 2, 281. 287.

[Niese. ]

Nachträge und Berichtigungen

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15) (Zu S. 757, 2): Ein Porträt des A. ist uns in einer Marmorbüste des Vatican erhalten Helbig Führer² I nr. 226. Brunn und Arndt Griech. u. röm. Porträts Taf. 105. 106), wie O. Rossbach (Rh. Mus. LV [1900] 641f.) nachgewiesen hat. Sie zeigt ihn als einen Sechziger mit harten, klugen Zügen und dem Stephanos des Agathodaimonpriesters auf dem Haupte. Vgl. Diod. XX 54, 1. Aelia. v. h. XI 4. Die von G. F. Hill besprochenen ,Priesterdiademe‘ (Jahresh. d. österr. Inst. II [1899] 245f.) sind verschieden und gehören erst der römischen Zeit an.

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Band R (1980) S. 12
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15) Tyrann von Syrakus etwa in den J. 361–289 v. Chr. (L) S I.