Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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im Strafprozess das freisprechende Urteil, Stimmengleichheit ist Freispruch
Band I,1 (1893) S. 121 (IA)–122 (IA)
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Absolutio, 1) im Strafprocesse das freisprechende Urteil. Seitdem die leges tabellariae für Volksversammlungen (und unter ihnen insbesondere für Strafgerichte die 1. Cassia 617 = 137 und für die zunächst ausgenommenen Perduellionssachen die l. Coelia 647 = 107) eine schriftliche [122] Abstimmung eingeführt hatten, erfolgte die freisprechende Abstimmung durch ein Täfelchen mit der Aufschrift Α (= absolvo). Cic. de leg. III 35ff.; Brut. 97. 106; pro Planc. 16. Schol. Cic. Bob. p. 303. Puchta Instit. I § 71. Rudorff röm. Rechtsgeschichte II § 441. 133. Mommsen St.-R. III 404ff. Ebenso wie in den Volksgerichten, wurde auch in den quaestiones perpetuae, welche später neben sie traten, durch Wachstäfelchen abgestimmt. Cic. div. in Caec. 24; Clu. 159; Flacc. 99. Lex Acil. repet. 51 (CIL I 189). Ps. Asc. zu Cic. div. p. 108. Bei Stimmengleichheit wurde Freisprechung angenommen. Cic. epist. VIII 8; Clu. 74 (in consilium erant ituri iudices XXXII, sententiis XVI absolutio confici poterat). Plut. Cat. min. 16. Seneca ep. 81, 25. Quintil. decl. 314. Paul. IV 115. Dig. XLII 1, 38. XL 1, 24. Rudorff a. a. O. 442, 39. Fehlte hiernach zur Freisprechung eine Stimme, so konnte der Kaiser sie (seit Augustus) im Gnadenwege ergänzen. Dio Cassius LI 14. 27. Mommsen St.-R. II 920, besonders Anm. 4. Geib Gesch. d. Criminalproz. 368 Anm. 406. Dies hiess calculus Minervae, weil der Kaiser hierbei die Rolle der Pallas Athene in den Eumeniden des Aischylos nachahmte, indem er durch eine dem Angeschuldigten günstige Abstimmung den Ausschlag gab (K. O. Müller Aeschylos Eumeniden, Göttingen 1833, 161). Bei den sog. iudicia extraordinaria, welche später die Regel wurden, entschied der Magistrat allein nach der Anhörung seines Consilium. Geib Gesch. des röm. Criminalpr. 664ff. Auf die Abstimmungen dieses letzteren bezog sich daher in dieser Zeit der in Iustinians Pandecten aufgenommene Grundsatz, dass die Stimmengleichheit als Freisprechung gelten soll.