Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Lätare 1836

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Am Sonntag Lätare.
(Altdorf 1836.)


Joh. 13, 1–15 (siehe S. 264).

Von der Nachfolge JEsu.

 Nachfolge JEsu – ein schöner Name, der auch das Schönste bezeichnet, was von einem Menschen gesagt werden kann. Ein alter, frommer Mann, welcher vor Luther schon seinen Lauf vollendet hat, vor dessen Auftreten schon zu Gottes Ruhe einging, hat ein Buch über die Nachfolge JEsu geschrieben, welches Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag ein Lieblingsbuch derjenigen ist, welche, hingerissen von der wunderbaren Heiligkeit, die in JEsu Leben glänzt, danach hungern und dürsten, daß sie Ihm ähnlich werden möchten. Möchte etwas von dem Wohlgefallen, welches jenes Buch in allen Landen gefunden hat, auch bei euch, in euren Herzen einkehren, wenn ich euch nun nach meinem Texte eine Predigt über die Nachfolge JEsu halte.

 Und zwar will ich euch predigen:

1. daß wir in den meisten Dingen JEsu Christo nicht nachfolgen können;
2. daß wir in einigen Ihm nicht Nachfolgen dürfen;
3. daß in allen Stellen der heiligen Schrift, welche von der Nachfolge JEsu handeln, nur die Nachfolge in einem Stück befohlen wird;
4. will ich euch dies eine Stück nach seinem Wesen und seiner Art gebührend preisen.

 Der HErr segne Sein heiliges Wort an mir und euch nach Seiner unaussprechlichen Gnade in JEsu Christo! Amen.




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I.
 In den meisten Stücken können wir JEsu Christo nicht nachahmen; denn Sein Geschäft auf Erden war ein ganz anderes, als das unsrige ist. ER kam auf Erden, um die Welt von Sünde, Tod und Teufel zu erlösen, – eine Aufgabe, zu welcher nicht menschliche, sondern göttliche Kraft ebensowohl gehörte, als zur Schöpfung einer Welt aus nichts. Diese Aufgabe zu lösen war Sein Lebenszweck, dahin gingen alle Seine Bemühungen, und in allen Bemühungen, welche dahin gingen, ist ER unnachahmbar, in alle dem, was zur Erlösungsarbeit gehört, heißt es jetzt, wie zu Seinen Lebzeiten: „Du kannst Mir diesmal nicht folgen!“ Oder wäre es nicht eine große Thorheit, wenn wir, deren ganze Lebensaufgabe darin besteht, daß wir die von dem HErrn vollbrachte Erlösung im Glauben uns zueignen und bis ans Ende bewahren, wenn wir in den Thaten Seiner Macht uns üben wollten? Ein Kranich lehrt wohl seine Jungen fliegen, und weil sie auch Kraniche sind und ihr Geschäft im Fliegen besteht, lernen sie es auch; aber wir sind, die Thaten der Erlösung angesehen, JEsu Christo nicht gleich und können Ihm ebensowenig nachahmen, als der Wurm im Staube dem Adler seine Wege durch die Lüfte nachgeht. JEsus Christus hat das ganze Gesetz erfüllt, und ist auch nicht ein Tüttel des Gesetzes, welcher nicht zugleich eine Lobschrift auf JEsu vollkommenen und heiligen Gehorsam wäre. JEsus Christus konnte es, wer aber meint, er könne es Ihm nachthun, er könne Ihn darin erreichen, ist ein Thor. ER, Christus, hat es an unserer Statt gethan, und es sei denn, daß Seine Kraft in uns mächtig werde in der Wiedergeburt, daß wir auf Seinen Flügeln getragen werden, vermögen wir auch nicht eine That zu thun, welche vor dem Auge des göttlichen Gesetzes Lob verdiente. – JEsus Christus hat alle Strafen aller Sünden, zeitliche und ewige auf sich geladen, an sich vollziehen lassen, und sie sind vollzogen, gebüßt allzumal, und im Erstaunen über die vollbrachte gewaltige That singen die vierundzwanzig Ältesten im Himmel: „Weine nicht, siehe, es hat überwunden der Löwe aus Juda!“ ER hat es thun, hat überwinden können; aber| was sind wir gegen Ihn? Wollten wir es auf uns nehmen, nur einer einzigen Sünde Strafen abzubüßen, so würden zwar wir das nicht vermögen, aber die Strafe einer einzigen Sünde würde uns ewig unglückselig, ewig elend machen. Von alledem also, was Christus für uns gethan hat, können wir nichts thun, auch wenn es uns freistände, es selbst zu thun. Darum eben hat ER’s gethan, weil es keiner, ohne sich in die ewige Verdammnis, in namenlosen und bodenlosen Zorn des Allmächtigen zu stürzen, übernehmen könnte. Darin können wir Ihm nicht nachahmen, ER ist darin einzig und unnachahmlich, und eine Lästerung JEsu Christi ist es daher, wenn mancher alte Mann in den Leiden seiner alten Tage meint, seine Sünden abbüßen zu können, um dann nach vollbrachter Abbüßung in den Himmel zu kommen, und eine Verrücktheit, eine Vermessenheit, über welcher man beten muß: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“ ist es, wenn mancher am Rande des Grabes und vor den Thoren der Ewigkeit ausruft: „Gott gebe mir, was ich verdient habe!“ Solltest du leiden, was du verdient hast, so müßtest du der Hölle Leiden auf dich nehmen.


II.

 In manchen Dingen dürfen wir Christo nicht nachahmen; wir könnten wohl, aber wir dürfen nicht, weil wir sündigen würden. Es ist schon unter den Menschen eine gewöhnliche Rede: Wenn zwei eins und dasselbe thun, so ist es nicht mehr eins und dasselbe. Ein und dieselbe Handlung, welche zwei thun, ist bei dem einen ein Gott wohlgefälliges Werk, bei dem andern ein Sodomsapfel.

 Wenn z. B. zwei, ein jeder seine Habe den Armen giebt, der eine aus herzlicher, demütiger Liebe, der andere aus Leichtsinn oder Hochmut, so ist eine und dieselbe Handlung und Aufopferung dort eine Gnade vor Gott, hier eine Eingebung des Teufels. So viel kommt darauf an, wer der ist, der etwas thut. – Dies gilt im höchsten Grade bei manchen Dingen, in welchen die Menschen sich in frevelhafter und unehrerbietiger Weise auf Christum berufen und auf Sein Beispiel.| Wir lesen, daß Christus mit allerlei Menschen Umgang gehabt hat, daß ER eine Magdalena in Seinem Gefolge hatte, die früher eine große Sünderin gewesen, daß ER bei Zöllnern und Sündern einkehrte, mit ihnen zu Tische saß, aß und trank etc. Daraus machen nun laue Christen den Schluß: Also brauche ich es im Umgang mit Menschen auch nicht so genau zu nehmen, habe ich nicht Gesellschaft, wie sie mir förderlich ist, so nehme ich eben die, welche ich haben kann. Dergleichen Reden und Grundsätze beweisen, daß man sein Herz noch nicht recht kennt in seiner Verderbtheit, in seinem Hang zu allem Bösen, beweisen, daß man eine höhere Meinung von sich und seiner Kraft hat, als billig ist, daß man sich von seinen Grundsätzen, seiner Weisheit, seiner Treue mehr verspricht, als man halten kann, Summa: daß man eben stolz und hochmütig ist. Christus hat keine Welt in Seinem Herzen, die Welt außer Ihm ist Ihm ein Greuel, ER ist unfähig, von ihr etwas anzunehmen. Wenn ER darum unter Sündern ist und von ihnen umgeben, so schadet Ihm das so wenig, als es dem Himmel und seiner Sonne schadet, wenn sie von Wolken umgeben sind, oder als es dem Wasser schadet, wenn Öl darauf gegossen wird. ER lernt von Zöllnern und Sündern nichts, nimmt auch nichts von ihnen an, und von Seiner reinen Liebe, von Seiner himmlischen Weisheit, von Seiner Anmut und Kraft, welche Geister an sich zog und fesselte, ist zu erwarten, daß ER den Zöllnern und Sündern zum Heile sein wird, sowie es ganz natürlich ist, daß in Seiner Gegenwart kein Zöllner und Sünder sich seinen Sünden ergeben haben wird. Dazu hatte ER den ausdrücklichen Beruf und Befehl, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, darum muß ER auch mitten unter die Sünder gehen, muß sich zu ihnen erniedrigen, auf daß ER alle Tiefen der Menschheit kennen lerne, und wahrlich, für den, dem es keine Schande ist, unter Übelthätern gekreuzigt zu werden, der noch am Kreuze Macht hat, Mörder und Aufrührer zu heilsbegierigen Betern umzuwandeln, ist es weder eine Schande noch eine Schwärmerei, unter Sündern und Zöllnern bei Gastmählern zu sitzen, welche| durch Ihn zur Würde und Heiligkeit eines Liebesmahles und zu Vorbildern jenes ewigen Abendmahls erhoben werden. – Ganz anders ist’s, wenn Menschen, die einesteils von Christo ergriffen sind, meinen Christo darin nachahmen zu können. Sie sind ja nicht Hirten, welche die Schafe zu suchen berufen sind, wie Christus, der sie suchen mußte in ihrer Irre, sondern Schafe sind sie, selbst mit Mühe und Not durch treuen Fleiß des Hirten gerettet und gesammelt, nicht zur Gemeinschaft derer, von denen sie genommen sind, sondern zur Gemeinschaft der Heiligen, das ist, derer, die im Glauben zur Heiligung zu kommen ringen. Ist denn diese Gemeinschaft eine unsichtbare, oder ist es vielmehr ein Jammer, daß sie nirgends sichtbar werden, nirgends die Zeiten wiederkommen wollen, wo man auf die Christen und ihre Gemeinschaft mit Fingern deutete und sprach: „Siehe, wie sie sich lieben!“? Dazu sind ja diese unklaren Leute nicht von der von ihnen dennoch geringer, als sie selbst sind, geachteten Gesellschaft so verschieden, wie Christus von den Zöllnern und Sündern war, ER, von dem ausdrücklich geschrieben steht, daß ER von den Sündern abgesondert war. Wenn sie sich ohne Unterschied unter die Leute mischen, sind sie nicht wie Öl mit Wasser zusammen, die da nicht vermengt werden, sondern unvermerkt nehmen sie die Sitten jenes eitlen Wandels nach väterlicher Weise selbst an sich, verrinnen mit ihrer Gesellschaft, wie ein Wasser- oder Öltropfen mit dem andern, also daß kein Unterschied zu merken ist. Auch vermögen sie ja nicht den Strom der Unterhaltung zu Gottes Ehren zu lenken, sie vermögen ja nicht einmal wider den Strom zu schwimmen, wie sollten sie ihn aufhalten, umlenken können? Sie schwimmen dahin mit dem Strom, weint die Menge, so weinen sie auch, pfeift sie, so tanzen sie. Keine Seele wird von ihnen erbaut, auch sie selbst werden nicht erbaut, sie verlieren ihre Zeit, sie versäumen ihren Beruf, „zu scheinen als Lichter in einem unschlachtigen Geschlecht“, zu zeugen mit heiligem Wandel von der Heiligkeit des HErrn, zu warnen vor dem zukünftigen Gericht. Sie haben überhaupt kein anderes Zeugnis in ihrem Busen, als daß sie der Welt und ihren Grundsätzen ein Opfer gebracht, einem Götzen gedient| zu haben, und eine Leere, eine Entfernung von dem höchsten Gott, eine Untüchtigkeit zum Gebet, eine Unempfänglichkeit für das Besserwerden, eine zunehmende Lauheit, eine zunehmende Verweltlichung ist der Endpunkt solches Treibens nach des Teufels Absicht. – Wie schlecht beruft man sich da auf Christi Beispiel, des Heiligen und Reinen, den in gleichem Maße alles Unreine rein ließ, wie es uns befleckt! Ja, wie gar nicht hat man im Sinn, Ihm und Seinem Beispiel nachzuahmen. Denn ER ging zu Zöllnern und zu Sündern mit dem heiligen Verlangen, sie zu bekehren. Davon aber ist bei dem Weltdienst jener lauen Christen gar keine Rede. Sie gehen nicht zu Zöllnern und Sündern, das hielten sie für eine Schande! Noch viel weniger wollen sie die bekehren, denn jemanden bekehren wollen ist eine Schande in der Welt, obwohl bei Gottes Wort ein Lob, da geschrieben ist: „Wer den Sünder bekehrt von seinem Wege, der hat einer Seele vom Tode geholfen!“ Sie gehen nicht zu Zöllnern und Sündern, denn die sind ausgeschlossen in der Welt der feineren Sünder, so wie der Heiland der Zöllner und Sünder keine Statt, kein Lob darin findet, und ein Gebet zu Ihm, in einer solchen Gesellschaft gesprochen, als etwas Unerhörtes durch ganz Deutschland hallen würde! – Es ist somit die Berufung auf das Beispiel JEsu und selbst Seine unaussprechliche Sünderliebe nur ein Feigenblatt für die Blöße solcher Leute, die da thun wollen, was sie selbst wollen, und Beschönigung dafür suchen, die nicht grobe Sünder, nicht den Zöllnern verglichen, Maß halten in der Sünde, um desto länger, desto ungestörter und unter gutem Schein ein von Gott abgefallenes Leben fortführen zu können!

 Doch genug hiervon, und sei mir nur unverworren meines Heilands heiliges Beispiel mit dem Leben eitler Weltbürger!


III.
 Worin ein Christ Seinem Heiland nachfolgen soll, das zeigt unser Text vortrefflich an. Die Jünger hatten zuvor manche Rangstreitigkeiten gehabt, denn weil sie unter dem zu| errichtenden Reiche Christi sich ein weltliches Reich dachten, so wollte jeder in diesem Reiche der erste sein und verdachte es seinem Mitjünger, wenn er gleiche Gedanken hatte und auch der erste nach Christo sein wollte. Schon vorher (Luk. 22, 24 ff.) hatte ihnen der HErr die Lehre gegeben: „Die weltlichen Könige herrschen, und die Gewaltigen heißt man gnädige Herren. So soll es unter euch nicht sein; sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener.“ Ja, ER setzte dazu, auf Sein Beispiel weisend: „Welcher ist der Größte, der zu Tische sitzet oder der da dienet? Ist’s nicht also, daß der zu Tische sitzet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener“ (V. 27). Und weil ER mit der bloßen Lehre bei Seinen in Irrtum und falscher Hoffnung dieses Lebens gefangenen Jüngern nichts ausreichen zu können einsah, so stand ER auf vom Abendmahl und diente den Jüngern wirklich und wusch ihnen wie ein Sklave die Füße. Und da ER das Geschäft vollendet hatte und wieder zu Tische saß, erklärte ER ihnen Sein Beginnen. „Ihr heißt Mich Meister und HErr,“ sprach ER, „und saget recht daran, denn Ich bin’s auch. So nun Ich, euer HErr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr euch auch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr thut, wie ich euch gethan habe“ (Joh. 13, 13–15). Was heißt das anders, liebe Brüder, als: Nicht über den Rang streitet, nicht Ehrgeiz beunruhige euch, klein werden sollt ihr, einer dem andern dienen, einer zu gunsten des andern sich verleugnen, kurzum, nicht Hochmut lernet ihr von Mir, ein Beispiel der Demut ist Mein ganzes Leben, in der selbstverleugnenden Demut sollt ihr Meine Nachfolger sein! Da habt ihr den einen Punkt, das eine Stück, darin uns die Nachfolge Christi befohlen wird: Demut, selbstverleugnende, liebevolle Demut ist es, nichts anderes!
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 Vielleicht meint ihr aber, ich habe gerade Lust, die Demut zu preisen und hervorzuheben, und es sei nur ein rednerischer Brauch, von der Demut so zu reden, als sei Christus uns in gar keinem andern Stück zur Nachfolge in der heiligen Schrift aufgestellt, als in diesem. Aber nein, Brüder, ich rede ganz| einfach, ohne alle Rednerei, und sage, daß in allen Stellen der heiligen Schrift, in welchen außer der unsrigen ein besonderes Stück im Leben JEsu zur Nachfolge aufgestellt wird, immer diese selbstverleugnende und liebevolle Demut es ist, von welcher die Rede ist.
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 Seht auf Christum selbst. ER steht Matth. 11, 29 lehrend unter den Seinen und ruft: „Lernet von Mir!“ Und was will ER haben, das man von Ihm lernen soll? Höret es: „Lernet von Mir,“ ruft ER, „denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig!“ Gleichfalls redet ER Joh. 15, 12. 13 von der größten Liebe, die es geben kann, das ist, von Seiner Liebe, und worin besteht sie? In Aufopferung, in Demütigung, in dem Orden der Sünder, in Erduldung der Strafen aller Menschen, in beispielloser, selbstverleugnender Demut, und von dieser spricht ER: „Das ist Mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebet, wie Ich euch geliebt habe,“ also aufopfernd, bis zur tiefsten, selbstverleugnendsten Demut! – Wenn St. Paulus im Briefe an die Philipper (2, 5) ermahnt: „Ein jeglicher sei gesinnet, wie JEsus Christus auch war,“ setzt er alsbald dazu: „welcher, ob ER wohl in göttlicher Gestalt war, hielt ER’s nicht für einen Raub, Gott gleich sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden, erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz,“ und setzt also ebenfalls die Nachfolge JEsu in selbstverleugnende Demut. Wenn er Hebr. 12, 2 die Christenheit aufruft: „Lasset uns aufsehen auf JEsum, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens,“ beschreibt er alsbald Ihn, das Vorbild aller Christen, mit den Worten: „welcher, da ER wohl hätte mögen Freude haben, erduldete ER das Kreuz und achtete der Schande nicht,“ und macht damit Christum wieder zu einem Vorbild heiliger Demut. Desgleichen auch St. Petrus 1. Petr. 2, 21 spricht: „Christus hat uns ein Vorbild gelassen, daß wir sollen nachfolgen Seinen Fußstapfen,“ und setzt alsbald dies Vorbild in Sein geduldiges und stilles Leiden, sprechend: „welcher nicht wiederschalt,“ also| wieder in die selbstverleugnende Demut unseres HErrn. – Seht, liebe Brüder, welch eine Eintracht in der heiligen Schrift ist, wenn es gilt, den Beruf des Christen zu schildern, erkennet, wie gar nicht dieser Beruf in den Genuß und wie ganz und gar in Verleugnung dieses irdischen Lebens gesetzt wird, wie gar nicht in Irdisch-, wie völlig in Himmlischgesinntheit, wie gar nicht in Erdenfreuden und wie sehr in die Hoffnung einer seligen Unsterblichkeit! Lasset euch also das Ziel nicht sofort verrücken, sondern bleibet in der heiligen Lehre! Fraget nicht mehr euren alten Menschen, sondern kreuzigt ihn samt den Lüsten und Begierden, und erwäget es wohl und begebet euch darein, wenn Christus nicht ein, sondern so viele Male euren Weg euch vorzeichnet und spricht: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt Mir nach, der ist Mein nicht wert“ (Matth. 10, 38). „Will Mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir!“ (16, 24). „Wer nicht sein Kreuz trägt und Mir nachfolgt, kann nicht Mein Jünger sein!“ (Luk. 14, 27). Nehmt auf euch das Bekenntnis vom Kreuze Christi und lebet also entschieden zu Christo euch haltend; wenn auch die Welt vom Bekenntnis des Kreuzes Christi Ursache nimmt, den Christen selbst Kreuz aufzulegen, was ist es? Folgen wir doch Ihm nach außer dem Lager und sind nicht gerechnet unter die, welche leben, ich sage es mit Weinen (Phil. 3, 18), als Feinde des Kreuzes Christi. Ist es doch immer schöner, Kreuz tragen mit Christo, als mit der Welt weltlich leben, wie jene Galater, auf daß man nicht „mit dem Kreuze Christi verfolgt werde!“


IV.

 O es ist ein schönes, edles Bild, das Bild eines Nachfolgers Christi; er bekennt das Kreuz und geht durch diese Welt, sein Kreuz tragend, in Demut und stillem Frieden. Lasset uns das Bild der Demut noch einmal ins Auge fassen, und es beschauen, ob etwa der Anblick uns bewege, sie zu unserm Teil zu erwählen.

 1. Die Demut des Christen ist wie die Demut Christi ein Herabhalten zu dem Niedrigen, wie geschrieben ist: „Strebet| nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu dem Niedrigen!“ Darin ist sie der Demut Christi ähnlich. In andern Punkten aber ist sie anders. Denn des Sünders Demut muß freilich eine andere sein, als die Demut des heiligen, unschuldigen und von den Sündern abgesonderten ewigen Hohenpriesters.

 2. Die Demut ist ein gerechtes, von Gottes Geist gelehrtes Urteil über eigenes wie über fremdes Verdienst. Dies gerechte Urteil spricht nämlich allen Menschen das Verdienst ab, und der Demütige hält weder sich, noch andere für gut, sondern er erkennt in sich und in andern nur Sünder und Lügner, unwerte, fluchbeladene Leute von Natur. Alle Demütigen haben dies zum ersten Grunde ihrer Einigkeit, daß sie alle voreinander eingestandene Sünder sind von Natur, daß sie voneinander und von ihrer Trefflichkeit nichts Gutes erwarten, daß sie im Gegenteil nichts als Böses voneinander erwarten, ohne daß sie durch so ausgesprochene Meinung böse werden aufeinander. Es ist ihnen Ernst mit dem Bekenntnis ihrer eigenen Bosheit, mehr, als mit dem der fremden, wenn da von mehr und wenig geredet werden soll. Sie sind klein in sich und erwarten auch von andern nichts Großes, sie sind in Demut auf jeden Tadel, wie auf alles Böse gefaßt, das ihnen von andern kommen könnte, denn sie wissen, was sie selbst sind.

 3. Die Demut ist ferner eine entschiedene, innige Anerkennung des alleinigen Verdienstes Christi. Gleichwie der Demütige in sich und andern nur Verderben sieht, so erkennt er in Christo JEsu nur Verdienst. Er leugnet standhaft allen Menschen das Gute ab und schreibt es dem zu, der für ihn gestorben ist. Wären die Demütigen allein einig über ihre eigene Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit, so wäre die Demut eine traurige Einigkeit, aber weil sie auch einig sind, daß JEsus Christus aus der Fülle Seines Verdienstes alle armen Sünder reich mache, weil sie alle an die in Ihm geoffenbarte Gnade Gottes glauben, weil sie alle die Zuversicht haben, daß sie in Ihm Leben, Gerechtigkeit, Seligkeit, volles Genüge haben, weil sie ebenso einig sind, Ihn zu preisen, als sich im Elend zu erkennen, weil ER ebenso von ihnen geachtet ist, wie ein| jeder sich selbst nichts achtet, so ist ihre Einigkeit eine süße, fröhliche, in Demut selige Einigkeit! Sie sind alle traurig in sich und fröhlich in Ihm, und tragen in sich das heilige Widerspiel der Sehnsucht und Befriedigung, welches sie nicht eher aufhören läßt, zu beten und zu ringen, bis sie an Seiner Brust liegen.
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 4. Die Demut ist ferner eine gerechte Anerkennung der besondern Gnadengaben Gottes, sowie der natürlichen Geistes- und Körpergaben in sich und andern. Wenn der Demütige an sich eine Gnadengabe, irgend einen Vorzug erkennt, so erkennt er ihn als Gabe Gottes, die ihm ohne alles Verdienst zu teil geworden. Er nährt keinen heimlichen Stolz auf Gottes Gnadengaben. Er prangt nicht mit dem, was ihm Gott geschenkt hat, er steckt nicht die Zinsen ein von den Talenten, die ihm Gott geliehen, er fragt sich nicht: „Warum habe ich gerade diese Gabe und mein Bruder nicht?“ und wenn ihm eine solche Frage kommt, so wehrt er sich wenigstens der Antwort: „Weil du’s bist, darum hast du deine Gabe,“ er antwortet sich aber mit dem Spruch: „Wem Ich gnädig bin, dem bin Ich gnädig, und wes Ich Mich erbarme, des erbarme Ich Mich!“ – Aber eben weil ein Demütiger in seinen Gaben Gottes Güter erkennt, so verachtet er sie auch nicht, noch achtet er sie geringer, als sie sind, sondern übt und pflegt sie und wuchert mit ihnen. Er lernt sie kennen, damit er sie richtig schätze, und läßt sich in ihrer Übung durch niemand aufhalten, St. Paulo gleich, der auf der einen Stelle sich für den geringsten aller Apostel, ja für den größten Sünder erkannte, nach der Wahrheit, aber mit ebenso großer Wahrheit sagt: „Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin!“ Der Demütige erkennt sich als Wächter seiner Gabe; aber er weiß auch, wie schwer es ist, Gottes Gaben göttlich zu gebrauchen, weiß, wie nah der Hochmut an die Demut, und die Ruhmredigkeit an den heiligen Brauch göttlicher Gaben grenzt, und diese Gefahr hält ihn wach und im Gebet auf seinem schmalen Pfade, daß er nicht gleite. Der Demütige erkennt aber auch Gaben, die Gott andern gegeben, und mißt sie mit nüchternem Blick. Er erhebt sich der seinen nicht über Gebühr,| er freut sich des Guten, was andere thun, ebensosehr, als dessen, was er selbst thut. Er trachtet danach, ein Urteil des Geistes, ein heiliges Urteil, ein vom Eigennutz unabhängiges Urteil über seine und fremde Gaben zu empfangen, aber er trachtet nicht, sich oder andern einen Ehrenplatz zu sichern. Der Demütige läßt seine und fremde Gabe gelten, wie viel sie gelten soll; er übt in Demut den Einfluß, zu dem ihm seine Gabe recht giebt, und läßt in Demut anderer Gabe auf sich Einfluß haben, soweit es recht ist. Kurz, der Demütige möchte weder sich noch andere, sondern allein das suchen, was Gottes ist. Weil er aber weiß, wie sehr das Fleisch noch Einfluß hat auf des Geistes Urteil, und wie unergründlich böse sein Herz ist, so ist er langsam in seinem endlichen Urteil und sucht wenigstens lieber das, was des andern ist, als das, was sein ist.
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 5. Die Demut hat ferner keinen eigenen Willen, aber sie achtet auch eines andern Willen nicht unbesehens, sondern sie sucht einen einzigen Willen, nämlich den Willen Gottes. Mit dem vermählt sie ihren Willen zu einer ewigen Ehe, und alle ihre Wahl ist entschieden. Sie geht nicht selbst, sondern von Gottes Willen und Wort getragen; sie greift nicht zum nächsten besten Geschäfte, wählt sich nicht den nächsten besten Ort, sondern Gott hat gewählt, sie geht im Glauben an Seiner Hand in ein Land, das ER ihr zeigen wird, zu einem Geschäft, zu welchem ER Raum machen wird. Den Willen Gottes, wie die Schrift ihn darlegt, erwählt sie sich für ewige Zeit, keine Zeit, keine Drangsal machen sie darin irre, unter allen Umständen, unter guten und bösen Gerüchten bleibt sie bei Ihm. Sie weiß z. B., daß der Sünder durch das Blut Christi gerecht wird, und daß dem Menschen kein Stäublein Verdienst zuzuschreiben ist. Dabei bleibt sie wie ein Fels. Sie verneint jede Menschenrede, sie laute, wie sie wolle; sie fällt Gottes Worten bei ohne weiteres. Diese Demut giebt Kraft und Stärke, eben weil sie vereinigt ist mit dem Willen des Allmächtigen. Sie liebt das Leben nicht und ist stärker als der Tod, wenn es gilt, festzuhalten an dem Geliebten, der über den Wolken ist. Sie stärkte von je und je viele Tausende, ihr Kreuz auf Golgatha zu tragen und daran zu| sterben. Sie macht den Kleinsten groß und den Größten klein. Sie war es, die einst vor 1500 Jahren 10000 Seelen Mut gab, sich in der Kirche zu Nicomedien verbrennen zu lassen, nur damit sie der Schmach entgingen, einem fremden Gott eine Ehre anzuthun, außer dem lebendigen Gott! – Sie will nichts, als daß Gottes Name geheiligt werde, Sein Reich komme, Sein Wille geschehe, und danach trachtet sie festiglich in Not und bis in den Tod.

 6. Die Demut ist ferner die Wurzel des Christentums, mit welcher es nicht auf Erden, nicht im eigenen Verdienste, sondern im Verdienste JEsu allein, im Abgrund der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade gründet. Sie kann singen:

„Ich habe nun den Grund gefunden,
Der meinen Anker ewig hält.
Wo anders als in JEsu Wunden,
Da lag er vor der Zeit der Welt,
Der Grund, der unbeweglich steht,
Wenn Erd’ und Himmel untergeht!“

 Sie wird nie entwurzelt werden, weil sie in der Gnade wurzelt. Demütiges Christentum bleibt stehen in die Ewigkeit der Ewigkeiten. Sie ist es, die alle Thaten eines Christen mit dem Hauche himmlischer Abkunft segnet, durch welchen sie von aller andern Menschen Thaten unterschieden sind. Sie ist die Krone aller Tugenden, die alle andern Tugenden zu Tugenden krönt, ohne welche alle Tugenden nur glänzende Laster, alle Christen nur scheinheilige Heuchler, nur zugedeckte Modergräber sind. Sie ist der Segen des HErrn, der die Hohen vom Stuhle stürzt und erhebt, die da niedrig sind und arm in ihres Herzens Sinn. Sie ist wie eine Schamröte des in Gott erfreuten, begnadigten Sünders, ja, sie ist die Liebe selbst in ihrer schönsten Gestalt. Denn eine Liebe ohne Demut ist irdisch, menschlich und teuflisch; aber Liebe in Demut, das ist die Liebe, die Gott gefällt, von der der Hohe und Erhabene spricht: „Daran wird man erkennen, daß ihr Meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt!“

 7. Die Demut wohnt im Herzen, sie erweist sich in der Einsamkeit vor Gott, wenn sie auf den Knieen liegt und| Gottes Wort liest, aber sie ist auch nicht ein Tau, welchen die Menge der Menschen wegwischen könnte, sie bleibt auch in Gesellschaft, sie erweist sich gegen jedermann in Wort und That und achtet in jedem Menschenangesicht das Angesicht eines teuer Erkauften ihres Meisters, und legt sich einem jeden zu Füßen, dem sie dienen kann. Sie dient den Gläubigen, wie den Ungläubigen, den Hohen nicht minder gern, wie den Niedrigen, einem jeden anders, je nachdem es gut ist zu dem einen Zwecke, Schafe um JEsum und Herzen für Ihn zu sammeln. Sie ist ein Johannes der Täufer, wenn sie Buße predigt und achtet keines Menschen Person, und ist ein Johannes der Evangelist, wenn es gilt, Gott zu preisen in Christo JEsu, und ist ein glühender Paulus, wenn es gilt, alles zu verachten gegen der überschwenglichen Erkenntnis JEsu Christi, durch welchen ihr die Welt gekreuzigt ist und sie der Welt. Sie gönnt einem jeden Menschen das Beste und bleibt sich darum in ihrem Leben in Christo JEsu gleich und treu, auf daß an ihr erfunden werde, daß man in Ihm genug haben könne, und daß ein Mensch nichts weiter bedürfe, als den am Kreuz, nur Ihn! – Sie beharrt in ihrer Anfechtung und wird geläutert und bewährt, gereinigt und verklärt durch viele Anfechtungen zum Hochmut und Stolz in einer nichtswürdigen Welt. Sie kennt nichts Irdisches nach dem Fleisch, sie hat ihr Auge aufwärts gerichtet dorthin, wo ihr Herz längst daheim ist, wohin sie berufen ist, wohin sie abgeht durch den Tod, wo ihr eine Hütte gebaut ist auf dem ewigen Berge der Verklärung in der Nähe Gottes, zu schauen Sein Angesicht in Gerechtigkeit und Seinen ewigen Segen zu empfangen!
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 O Brüder! Schwache Worte für die schönste Tugend, für die schönste Frucht des Gesetzes und des Evangeliums! – Und ach, es ist ein großer Jammer! Denn diese Welt ist eine Welt voller Berge ohne Thäler, das ist, voll Hochmut, ohne Demut! Und wir sind auch in dieser Welt! Diese Demut ist so schön, und wir sind so weltförmig, das ist, es sind noch so viele Stücke Finsternis, so viel Hochmut in uns! Oder sollte ich unter euch der einzige sein, der Demut schön findet und in sich Hochmut sieht? Klagt außer mir niemand,| daß er des Feindes nicht loswerden könne bis ans Ende, welcher der erste war, den der Satan zur Verführung unserer ersten Eltern brauchte, nämlich Hochmut? O habt ihr JEsu Gestalt im Fußwaschen gesehen und lieb gewonnen, brennt euch eure Schuld, die schwere Schuld eures Hochmuts, weinet ihr über euch, daß ihr nicht seid wie ER, der fromme, treue HErr? Hungert und dürstet euch nach Demut, nach wahrer, bleibender, immer zunehmender, neidloser, harmloser, friedlicher, in Gott vergnügter Demut? Habt ihr solchen Sinn, so freuet euch mit mir an den letzten Sätzen dieser Predigt, welche ich nun zu euch spreche: Christi Demut versöhnt die Sünde deines Hochmuts. Gehe hin in Frieden und weine über die Liebe, die deine Sünden trug! Weine vor Freuden!

 Christi Demut erfüllt an unserer Statt das Gebot der Demut, das wir nicht erfüllen! Seine Demut wird reumütigen Seelen zugerechnet! Glaube und zieh im Glauben Christi Demut an, wie einen Rock! Zieh hin im Frieden!

 Christi Demut im Leiden und Sterben hat dir den Geist des Glaubens, den Geist der Liebe erworben, durch welchen du verklärt wirst in Christi Bild! Denn Christi Bild, Christi Demutsbild wird nur durch Seinen Geist bewirkt! Bete, daß Christi Geist in dich komme und dich demütig mache!

 Christi Demut hat dir einen gnädigen Gott erworben, und dieser gnädige Gott wird nicht aufhören, die Züge Seines heiligen Geistes zur Demut durch Schläge der Liebe, durch Züchtigungen, durch Zerbrechen deiner Hochmutskrücken zu unterstützen, bis wir, bis du mit mir im Staube liegst, bis unser Nichts, unsere Sünde uns so klar, so dringend, so zwingend vor Augen liegt, daß wir nun weiter nichts wissen, als uns in die freie, lautere Gnade Gottes, das ist zugleich in die pure, lautere Demut zu begeben!

 Ja und Amen, Vater! Laß uns JEsu Nachfolger in der Demut werden durch die Kraft der Demut JEsu! Ach segne, segne die Herzen mit Demut! JEsu, JEsu, bitte für mich und meine Zuhörer um Demut, und daß auch diese Predigt mir und andern Demut wirke! Amen! Amen.




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