Textdaten
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Titel: Poetisches Berlin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 272
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[272] Poetisches Berlin. Wer den Volkscharakter der jetzigen deutschen Hauptstadt nicht erst seit gestern und nicht blos aus flüchtigen Eindrücken kennt, der wird es nicht belächeln, wenn von einem romantischen Zuge des eigentlichen berlinischen Wesens gesprochen wird. In der That hat das als verstandeskalt und prosaisch verschrieene Berlin immer einen ungewöhnlich starken Hang und Drang poetischen Strebens und Regens in sich getragen. Die ungeheuren Steinmassen des endlos sich ausdehnenden Straßennetzes, sowie die Dürftigkeit der Naturumgebungen mögen wohl als Gegensatz das Bedürfniß weichen Gefühlsaufschwungs, die Sehnsucht nach lebhafter Erwärmung der Innerlichkeit in den Gemächern erzeugt oder gesteigert haben. Genug, dieser Zug ist von altersher dort auffällig in den höheren wie in den mittleren Gesellschaftsschichten, besonders in der Jugend und bei der Frauenwelt zu finden, und er hat sich namentlich in den vormärzlichen Jahren bis zu der politischen Wendung von 1840 auch in einem regsamen dichterischen Leisten ausgeprägt. Verschiedene Dichtergruppen wetteiferten damals mit einander in ebenso rüstigem wie achtungswerthem Schaffen, und unter ihnen stand auch eine neuerwachsene Schule jugendlicher Sänger, in denen unklar, aber energisch der junge Wein moderner Freiheits- und Emancipationsideen gährte, talent- und gemüthreiche, zum Theil geniale Menschen, welche in innigem Seelenbunde sich vereinigt hatten, von denen aber als Dichter nur einige, wie Gaudy, Ferrand, die beiden Marggraff, Sallet, Minding, Brunold, einen mehr oder minder hervorragenden Platz in der Geschichte unsrer neuern Lyrik behauptet haben. Die meisten Genossen dieser aufstrebenden Tafelrunde sind frühe ihren inneren Gluthen und den tragischen Zusammenstößen der Genialität mit der harten Wirklichkeit erlegen, und nur hier und da begegnen wir noch Einem von ihnen unter den Lebenden. Zu diesen gehört neben Bernstein, der bis zum heutigen Tage als wissenschaftlicher Volksschriftsteller und politischer Publicist eine gefeierte und einflußreiche Wirksamkeit entwickelt, auch der oben genannte F. Brunold, ein gemüthswarmer Liedersänger und Novellist, den wir gleichsam als den Geschichtsschreiber seines einstmaligen Jugendkreises und der Strebungen und Stimmungen desselben bezeichnen können.

Was Brunold seit einer Reihe von Jahren in anziehenden Einzelschilderungen (zum Theil in der „Gartenlaube“) von den interessanten Persönlichkeiten des frühern poetischen Berlin zu erzählen wußte, daraus hat er einen anmuthigen Cypressen- und Lorbeerkranz gewunden, welcher unter dem Titel „Literarische Erinnerungen“ schon vor längerer Zeit (bei Schauenberg-Ott, Zofingen und Leipzig) erschienen ist. Ein poesie- und stimmungsvolles Buch, über dem ein zarter Hauch ergreifender dichterischer Wehmuth liegt und das in seiner novellistischen Färbung doch einen culturgeschichtlich-biographischen Werth besitzt, da es erinnerungswerthe und doch halb oder gänzlich vergessene Gestalten uns lebendig vor die Seele zaubert und unsern Geist in den traulich-warmen Dämmerschein entschwundener Tage versetzt, aus denen noch gar Manches fesselnd zu unserm Empfinden spricht. Wir wandeln gleichsam durch einen von lichter Frühlingssonne bestrahlten, in lieblichem Blüthenflore prangenden Friedhof, auf dem uns die Leichensteine von den Schicksalen, dem einstmals so heißen Ringen, dem Leben, Schaffen und Lieben der hochbefähigten, liebenswürdigen und seltsamen Menschen berichten, die nun schon so lange da unten still in den Gräbern schlafen. Die Welt ist seitdem anders geworden. Wenn aber ihre Stürme und Kämpfe einmal siegreich sich beschwichtigt haben werden, wird sie unstreitig an viele schöne und feine Züge wieder anknüpfen, welche der Gefühlsrichtung jener Zeit noch eigen waren. Heiteres freilich ist nicht viel in den genußreichen Bildern, die uns Brunold hier gezeichnet hat, und zu den mancherlei ernsten Betrachtungen, die uns dabei bewegen, gehört auch der Gedanke an den Verfasser selbst. Er hat manche vortreffliche Erzählung geschrieben und manches wunderschöne Lied gesungen, das noch heute im Munde des Volkes lebt. Aber nach kurzer Jugendzeit, die er in inniger Gemeinschaft mit gleichstrebenden Genossen verleben durfte, hat er sein ganzes ferneres Dasein in einer der kümmerlichen Schulstellungen eines abgelegenen Oertchens vertrauern müssen. Dem treuen und anerkannt wackeren Jugendlehrer ist bisher nicht der verdiente Lohn geworden. Möge ihm wenigstens die Anerkennung nicht fehlen, welche seinem ernsten dichterischen Streben gebührt!