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Ohne Kreuz keine Krone
Kap.4 »
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Drittes Kapitel.


§. 1. Was das Kreuz Christi ist. – Das Wort Kreuz ist ein figürlicher Ausdruck der göttlichen Kraft, welche die Welt kreuzigt. §. 2. So versteht es Paulus in seiner Epistel an die Korinther. §. 3. Wo das Kreuz erscheint, und wo es getragen werden muß. Es erscheint im Innern des Herzens; da wo die bösen Leidenschaften ihren Sitz haben, müssen sie auch gekreuzigt werden. §. 4. Dieser lehret einem Jeden die Erfahrung, und Christus behauptet es in den Worten: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch etc.“ Dieses ist das Haus, wo der Stärkere den Starken binden muß. §. 5. Wie das Kreuz getragen werden [36] müsse! Es geschiehet auf eine geistliche Weise, wenn man sich selbst und die Vergnügungen der Sünde verleugnet, Gott zu gefallen und seinem Willen zu gehorchen bestrebt ist, wie derselbe durch das Licht, das er verleihet, der Seele geoffenbaret wird. §. 6. Dieses zeigt, wie schwer, aber auch, wie nothwendig es ist, das Kreuz zu trauen.


Da nun in den Zeiten des ersten Christenthums das Kreuz Christi täglich zu tragen das Mittel, zur Herrlichkeit zu gelangen, war, und auch noch jetzt ist; so ist es nothwendig für dich, o Christenheit, – damit der Inhalt der folgenden Kapitel, der sich gänzlich auf diesen wichtigen Gegenstand beziehet; mit desto klarerer Ueberzeugung und größerm Nutzen auf dein Gewissen wirken möge, – folgende Punkte aufs ernstlichste zu betrachten.

Erstlich: was das Kreuz Christi sey?

Zweitens: wo das Kreuz Christi müsse aufgenommen werden?

Drittens: wie, oder auf welche Art dasselbe getragen werden müsse? und

Viertens: worin die großen Wirkungen des Kreuzes bestehen?

Also zuerst: Was ist das Kreuz Christi?

§. 1. Der Ausdruck: Kreuz Christi, ist eine figürliche Redensart, die von dem äußern hölzernen Kreuze entlehnt ist, an welchem Christus sich dem Willen Gottes unterwarf, der es zuließ, daß er durch die Hände böser Menschen den Tod erlitt. Die geheime und geistliche Bedeutung des Kreuzes bezeichnet aber jene [37] göttliche Gnade und Kraft, welche den fleischlichen Willen der Menschen kreuzigt, indem sie mit den verderbten Neigungen derselben im Widerspruche stehet, und dem unordentlichen und fleischlichen Verlangen ihrer Gemüther beständig entgegenwirkt. Diese göttliche Kraft und Gnade kann also auch mit Recht das Mittel genannt werden, wodurch der Mensch der Welt gekreuzigt und dem Willen Gottes unterwürfig gemacht wird. Denn nichts anders ist vermögend, die sündlichen Neigungen in uns zu tödten, und es uns leicht zu machen, in den Dingen, die von Natur unserm eigenen Willen zuwider sind, uns dem göttlichen Willen zu unterwerfen.

§. 2. Das Wort vom Kreuze, (oder die Verkündigung desselben,) ward daher auch in den ersten Zeiten von Paulo, jenem berühmten und in geistlichen Dingen wohl bewanderten Apostel, eine Kraft Gottes genannt; wiewohl es damals denen, die verloren gingen, Thorheit war, so wie es Allen, die jetzt verloren gehen, noch Thorheit ist. Das heißt: für die müden und beladenen Seelen, die eines Erlösers bedurften, denen die Sünde lästig und verhaßt geworden war, für diese war die Verkündigung des Kreuzes, durch welches die sinnlichen Neigungen in ihnen getödtet werden konnten, eine Kraft Gottes oder eine Verkündigung der göttlichen Kraft, durch welche sie zu Jüngern Christi und zu Kindern Gottes gemacht wurden. Auch hatte diese göttliche Kraft des Kreuzes einen so mächtigen Einfluß auf ihre Gemüther, daß kein stolzer oder leichtsinniger Spötter im Stande war, sie von der Liebe zu derselben abwendig zu machen. Aber Solchen, die auf dem breiten Wege wandelten, die sich ganz zügellos ihren Lüsten hingaben, [38] und ihre Zeit und Sorgfalt dem Genusse ihrer Vergnügungen, der Befriedigung ihrer verderbten Begierden widmeten, denen jedes Joch, jeder Zügel für ihre Leidenschaften unerträglich war, Solchen war das Wort vom Kreuze eine Thorheit, und ist es allen Solchen auch noch; ja, man kann von nur zu Vielen unserer jetzigen Zeitgenossen noch hinzufügen, daß ihnen die Lehre vom Kreuze lächerlich ist, da sie, ihrer Meinung nach, nur von halbklugen Leuten angenommen wird, die von beschränktem Verstande und sonderbarer Gemüthsart, mit der Milzsucht behaftet, oder vom Trübsinne niedergedrückt sind. Denn alles dieses, und noch viel mehr, haben selbst schon Bekenner und vorgebliche Verehrer der Religion Jesu von den Wirkungen seines heiligen Kreuzes, oder vielmehr von denen, die dasselbe wirklich tragen, behaupten wollen.

§. 3. Du wirst nun aber fragen: wo erscheint denn dieses Kreuz! oder wo offenbart es sich? und wo muß man es aufnehmen?

Ich antworte: im Innern des Herzens; in der Seele. Wo die Sünde ist, da zeigt sich auch das Kreuz. Denn alles Böse kommt aus dem Innern des Menschen, wie Christus selbst gelehret hat. „Von innen, aus dem Herzen des Menschen,“ sagt er, „gehen hervor: böse Gedanken, Ehebruch, Mord, Dieberei, Geiz, Schalkheit, List, Unzucht, ein neidisches Auge, Gotteslästerung, Hoffahrt, Thorheit. Alle diese bösen Dinge gehen von innen hervor, und verunreinigen den Menschen.“[1] Das Herz des Menschen ist also der Sitz der Sünde, und wo nun der Mensch verunreinigt ist, da muß er auch gereinigt [39] und geheiligt werden; wo die Sünde lebt, da muß sie gekreuzigt werden; da muß sie sterben. Gewohnheit im Bösen hat es dem Menschen zur Natur gemacht, Böses zu thun; und wie die Seele den Körper regiert, so beherrscht die Verderbte Natur den ganzen Menschen; Alles kommt aber dennoch aus seinem Innern.

§. 4. Dieser Behauptung müssen alle Söhne und Töchter Adams aus eigener Erfahrung beistimmen. Denn die Versuchungen des Feindes sind beständig auf das Gemüth des Menschen, aufs Innere seiner Seele gerichtet. Finden sie hier keinen Eingang, sondern werden verleugnet und abgewiesen, so sündigt die Seele nicht. Läßt man sich aber mit der Versuchung ein, so empfängt die Lust sogleich, das heißt, es entstehen unerlaubte Begierden. „Wenn aber die Lust empfangen hat, so erzeugt sie die Sünde; und wenn die Sünde vollendet ist, d. h. wenn sie ausgeübt wird, so gebiert sie den Tod,“[2] oder versetzt das Gemüth in einen Zustand des geistlichen Todes. Hier haben wir die Ursache und die Wirkung, die wahre Geschlechtskunde, den Ursprung und das Ende der Sünde.

In allem diesem ist das Herz des bösen Menschen die Kunstkammer des Feindes; seine Werkstatt und sein Wohnsitz, wo er seine Kunst treibt, und seine Macht ausübt. Daher wird die Erlösung der Seele durch Christum sehr passend „die Zerstörung der Werke des Teufels, und die Herrschaft der Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben,“[3] genannt. – Als die Juden die Wunder Christi, die er durch Austreibung des Teufels bewies, dadurch zu verrufen suchten, daß sie [40] dieselben auf eine gotteslästerliche Weise der Macht des Beelzebub zuschrieben, sagte Christus zu ihnen: „Es kann Niemand einem Starken in sein Haus fallen, und seinen Hausrath rauben, es sey denn, daß er zuvor den Starken binde.“[4] Diese Worte, indem sie die große Verschiedenheit zwischen der Macht des Beelzebub, und der Kraft, durch welche Christus ihn austrieb, deutlich zeigen, geben uns zugleich zu erkennen, daß die Herzen der Gottlosen die Werkstätte des Feindes der menschlichen Glückseligkeit sind, und daß seine Hausgeräthe, nämlich die bösen Werke, die er in dem Menschen wirket, nicht eher zerstöret werden können, bis er selbst, der sie hervorgebracht hat, gebunden werde. Aus allem diesem ist nun leicht einzusehen, wo das Kreuz müsse aufgenommen werden, durch dessen Kraft allein der Starke gebunden, seiner Güter beraubt, und mit seinen Versuchungen zurückgewiesen werden kann, nämlich: im Innern der Seele.

§. 5. Nun schreite ich zur Beantwortung der Frage: Wie, oder auf welche Art das Kreuz täglich getragen werden müsse?

Die Art und Weise, das Kreuz zu tragen, ist, wie das Kreuz selbst, geistlich. Sie bestehet in einer innern Unterwerfung der Seele unter den Willen Gottes, so wie dieser ihr durch das Licht Christi in ihrem Innern geoffenbaret wird; wenngleich derselbe ihren eigenen Neigungen zuwider ist. Wenn, zum Beispiele, etwas Böses sich dem Menschen zeigt, und ihn anlockt, so giebt Dasjenige, welches ihm das Böse entdeckt, ihm auch zu verstehen, daß er in dasselbe nicht einwilligen solle. Folgt er nun dieser Warnung, und nimmt auf diese Weise das [41] Kreuz gegen seine verderbten Neigungen auf, so giebt dasselbe ihm auch Kraft, der Versuchung zu entgehen. Diejenigen hingegen, welche die Versuchungen ansehen und betrachten, und sich dabei aufhalten, fallen endlich in dieselben hinein, und werden von ihnen überwunden, wovon die Folge alsdann Schuld, Gewissensangst und Gericht ist.

So wie nun das Kreuz Christi nichts anders als derjenige Geist und diejenige Kraft im Menschen – jedoch nicht vom Menschen selbst, sondern allein aus Gott – ist, wodurch den fleischlichen Neigungen und Begierden in ihm beständig entgegengewirkt, gleichsam ein Kreuz- oder Querstrich gemacht, und mit Zucht und Bestrafung begegnet wird; so bestehet auch die wahre Aufnahme des Kreuzes in nichts anders, als in einer gänzlichen Hingebung der Seele zum Gehorsame gegen die Offenbarungen und Forderungen dieses göttlichen Einflusses; wobei der Mensch weder seine weltlichen Vergnügungen, noch seine fleischliche Gemächlichkeit, noch seine irrdischen Vortheile zu Rathe ziehen darf, – denn sonst ist er in einem Augenblicke gefangen, – sondern beständig gegen jede Erscheinung des Bösen auf der Wache stehen, und durch den Gehorsam des Glaubens, nämlich der wahren Liebe und des festen Vertrauens zu Gott, jene böse Selbstsucht freudig dem Kreuzestode übergeben muß, die, weil sie die Hitze der Belagerung des Seelenfeindes nicht aushalten und in der Stunde der Versuchung die Geduld nicht bewahren kann, vermöge ihrer nahen Verwandtschaft mit dem Versucher, wie ein innerer Judas die Seele verrathen und in seine Hände überliefern würde.

[42] §. 6. O dieses zeigt einem Jeden durch eigene Erfahrung, wie schwer es ist, ein wahrer Jünger Jesu zu seyn! Der Weg ist in der That schmal und die Pforte sehr enge, an welcher nicht ein Wort, nein, auch kein Gedanke der Wache entschlüpfen, oder dem Gerichte entrinnen darf;[5] solche Umsicht, solche Vorsichtigkeit, solche Geduld, solche Standhaftigkeit, so viel heilige Furcht und Zittern ist dabei nothwendig. Dieses giebt uns eine leichte Auslegung jener harten Rede: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben!“ da Diejenigen, die in fleischlichen Lüsten und Begierden gefangen liegen, das Kreuz nicht erdulden können; und Solche, die das Kreuz nicht tragen, niemals eine Krone erlangen werden. Wollen wir mit herrschen, so müssen wir auch erst mit leiden!


  1. Mark. 7, 21. 22. 23.
  2. Jak 1, 15.
  3. Joh. 3, 8. Röm. 5, 21.
  4. Mark. 3, 27.
  5. Matt. 24, 42. Kap. 25, 13. Kap. 26, 38–42. Phil. 2, 12. 1 Kor. 15, 50.
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