Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Oesterreichische Frauen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 766–768
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Frauen und Soldaten im Deutschen Krieg
Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege Nr. 4
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Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege.
4. Oesterreichische Frauen.


Die besten Frauen sind bekanntlich die, von denen am wenigsten pointenreiche Geschichten zu erzählen sind. So geht mir es mit den österreichischen, und bei der rastlosen Eile, mit der wir die Routen nach Wien verfolgten, blieb uns wahrlich wenig Muße und wenig Gelegenheit, ihr Seelenleben zu studiren. Um so weniger, als die meisten Städtchen und Dörfer ein unserm Cultus der Ehrenjungfrauen ganz entgegengesetztes Verfahren beobachteten. Fast überall hatten die mißtrauischen Väter der Stadt die Jungfrauen wer weiß in welches Versteck gebracht, wahrscheinlich um uns durch den gleichmäßigen Anblick ihrer eigenen wüthenden Gesichter mißmuthig zu machen. Einmal entdeckten wir ein solches Massenasyl junger Damen. Am ersten Tage des Waffenstillstandes lagen wir, der vereinbarten Bedingungen unkundig, schon jenseits der Demarcationslinie, des berühmten Rußbaches, und mußten daher am andern Morgen sofort den Rückmarsch antreten. Wir waren noch nicht fort, da öffneten sich die Thore der Kirche und heraus trat die ganze Schaar der weiblichen Dorfjugend, paarweise, voran der Pfarrer des Ortes. Die jungen Damen hatten entschieden das schlechteste Quartier im ganzen Dorfe gehabt.

Wenn die Herren Oesterreicher aber glauben, daß sie uns durch solche Maßregeln das Vergnügen, die bessere Hälfte ihrer Bevölkerung kennen und hochachten zu lernen, gänzlich entzogen haben, so irren sie. Gesehen haben wir all’ die Schönheiten doch, als unser kleines Commando die malerische Bahn von Brünn nach Pardubitz hinauffuhr. Es war ein wundervoller Sonntagmorgen. Die Kirchen wurden also anderweitig gebraucht. Auch mag es den jungen Dorfschönen schließlich zu langweilig darin geworden sein. Genug, aus allen Kirchdörfern – und dort hat jedes kleine Dorf sein Gotteshaus – zogen die schlanken, vollen Gestalten in ihrem bunten Sonntagsstaat mit fliegenden Fahnen und Standarten in großer Procession singend nach irgend einem Wallfahrtsort die Berge hinauf. Den Eisenbahnbetrieb muß auch die Gottesverehrung respectiren, zumal im Kriege, und so trennte [767] unser Zug hie und da die Schaaren der schönen Pilgerinnen und nöthigte sie, stehen zu bleiben und ihre Andacht zu unterbrechen. Sie schienen darüber nicht sonderlich böse zu sein, denn, neugierig von ihren Gesangbüchern aufblickend, erwiderten sie freundlich unsere übermüthigen Grüße.

Auch beim Einmarsch hatte man nicht gleich Alles vor uns verstecken können. Wer mit mir auf der Straße nach Friedland in Böhmen eingerückt ist, wird das Fenster im Forsthause nicht vergessen, aus dem hinter Rosenstöcken zwei Mädchenköpfe von vollendeter Schönheit auf uns herabblickten. Die Eine brünett, mit einem Ausdruck sanfter Schwermuth, die Andere eine Blondine, frisch und fröhlich, wie der junge Mai. So glichen sie selbst den vollerblühten Rosen, die das Fenster, ein herrlicher Rahmen, umgaben, während hinter ihnen das zornerfüllte Gesicht des Bruders sich zeigte, der, die Büchse in der Hand, bereit schien, den Ersten, der sich den Schwestern mit frechem Wort nahen möchte, niederzuschießen. Das Ganze gab ein lebensvolles Genrebild von unvergeßlicher Schönheit.

Allerdings fanden wir in der ersten Zeit die Städtchen und Dörfer förmlich ausgestorben; nur den eigentlichen Grenzstrich hatten die Bewohner nicht verlassen. Die Soldaten versuchten durch ihr Lieblingslied:

„Wenn die Soldaten durch’s Städtlein marschiren,
Schauen die Mädchen aus Fenstern und Thüren“,

Leben und Bewegung in den öden Nestern hervorzuzaubern. Aber vergeblich. Selbst in der gar nicht unbedeutenden Stadt Liebenau, bei dem bekannten Schloß Sichrow, war am hellen Nachmittag außer dem preußischen Militär kein menschliches Wesen zu erblicken. Fensterläden und Thüren waren verschlossen. Wie ein Grab stand das Städtchen in der lachenden Umgebung da. Allein die Scene änderte sich, sobald wir uns in irgend einem Dörfchen häuslich niederließen, um abzukochen, was natürlich stets im Freien geschah. Kaum flackerten die lustigen Feuer überall zwischen den Obstbäumen lustig auf, kaum hatten sich nach der ersten Ruhe Scherz und Frohsinn wieder eingefunden und eine behagliche Stimmung beim Anblick der brodelnden Feldkessel über Alle verbreitet, so sah man auch in den nahen Wäldern es sich regen. Nicht lange, und ein altes Mütterchen, mit einem großen Sack auf dem Rücken, eine Kuh an der Leine, humpelte gebückt aus dem Dickicht hervor. Bald folgten wieder ein paar Frauen, bis schließlich die ganze Schaar der Hausfrauen mit Kind und Kegel, Sack und Pack mühsam die Berge herabkeuchte und etwas beschämt über ihre unnöthige Furcht die Verwaltung des Hauswesens wieder übernahm. Und nachdem sich erst die Nachricht weiter in das Land hinein verbreitet hatte, daß wir keine Mordbrenner wären, auch keine kleinen Kinder gebraten zum Frühstück verzehrten, fanden wir immer seltener verlassene Dörfer, und in den meisten Fällen war mit den Bewohnern leicht ein gutes Einvernehmen hergestellt. Die von ihren Männern feige im Stich gelassenen klugen und energischen böhmischen Frauen sahen bald ein, daß freundliches Entgegenkommen, gepaart mit gemessener, würdevoller Haltung, ihrem und ihres Haushalts Vortheil am besten entsprach. Ein paar Beispiele statt vieler.

Es war ein anstrengender Marsch gewesen, vom frühen Morgen bis in den Nachmittag hinein. Kaum hatten wir abgekocht, so wurden wir wieder in die Gewehre gerufen und mußten einen weiteren Vormarsch zur Deckung unserer Cavalerie-Patrouillen machen. Um acht Uhr endlich war die Zeit der Ruhe gekommen. Da begann ein fürchterliches Unwetter. Der Sturm heulte und der Regen schoß in Strömen herab, so daß an ein reguläres Bivouac nicht zu denken war. Wir erhielten Erlaubniß, es uns in den nächsten Häusern „bequem“ zu machen. Deren hatte das Bataillon zwei. Ich drang mit mehr als hundert Mann in das größere ein. Dort saßen im Flur auf niedriger Bank Großmutter, Mutter und Tochter, ernst und stumm, ohne auf uns zu achten. Alles Fragen, Drohen, Scherzen und Lachen war vergebens. Wir ließen sie schließlich sitzen und untersuchten das Haus nach Kochgeräthschaften, um uns durch eine gute Tasse Kaffee zu erwärmen. Bekanntlich trinkt man in Oesterreich einen ganz vorzüglichen Kaffee; selbst in dem ärmlichsten Dorfe wird er sehr gut bereitet. Auch unser weibliches Kleeblatt gehörte zu den Künstlerinnen in diesem Fache, und unser Gebahren am Heerde mag ihm wohl etwas dilettantisch vorgekommen sein. Stillschweigend standen sie auf, nahmen uns die Geschirre aus den Händen, verdrängten uns nach und nach durch ihre Geschäftigkeit vom Feuer und bald servirten sie uns den wohlthuenden Trank. Nun wollte ein Jeder Kaffee trinken. Die czechischen Frauen, denen wir uns nur durch Geberden verständlich machen konnten, brachten einen ziemlichen Vorrath von gebranntem Kaffee herbei und kochten die halbe Nacht hindurch. Alle Töpfe und Tassen, die sich im Hause fanden, waren in ununterbrochener Bewegung.

Es fehlte uns nicht an Geld, und die Meisten bezahlten ziemlich anständig. Das Geld wurde stillschweigend und unbesehen genommen, die Bezahlung änderte aber in dem Benehmen der Frauen nicht das Geringste. Sie verharrten in der gleichen ruhigen Geschäftigkeit und reichten das Getränk mit gleicher Miene den Zahlern, wie den Nichtzahlern, den Rücksichtsvollen wie den Zudringlichen. Das war der Dank dafür, daß wir gerade ihnen durch unser beabsichtiges Bivouac fast das ganze Getreidefeld zertreten und ruinirt hatten. Ihr Benehmen verfehlte nicht, den größten Eindruck zu machen. Die anderthalb hundert Mann in dem kleinen Häuschen verhielten sich so still und ordentlich, als ob ein Todkranker im Hause sei, der nicht gestört werden dürfe. Als ich nach kurzer Ruhe im Morgengrauen das Haus verließ, saßen die drei Frauengestalten wieder an derselben Stelle, wie am Abend zuvor, gerade aufgerichtet, die Augen gesenkt, ohne Schlaf. Ich konnte nicht umhin, dem jungen Mädchen das Haar zu streicheln und ein paar Worte des Dankes und Trostes zu sprechen. Ein paar große Thränen rollten über ihre Wangen, aber sie bewegte sich nicht. Nur die Mutter nickte mir ernst und dankbar zu.

In Brünn hatten wir ein paar Ruhetage. O, wie wohlthuend war es, nachdem wir drei Wochen lang nach Art Robinson Crusoe’s gelebt hatten, einmal wieder den Comfort einer großen Stadt zu haben! Man trank mit gebildeten, nicht ermüdeten, fröhlichen Menschen eine Flasche Wein, man saß dabei auf bequemen Stühlen, man aß kunstgerecht zubereitete Speisen, man las im Café National Zeitungen, die uns freilich wenig Neues brachten, man schlenderte durch die Straßen und erfreute sich an dem Leben und Treiben der gewerbreichen Stadt, die durch den plötzlichen Zuwachs von 45,000 Mann preußischer Truppen einem aufgestörten Ameisenhaufen nicht unähnlich sah – kurz man war wieder einmal ein Mensch unter Menschen. Am behaglichsten aber war es in meinem Quartier, dem Hause eines wohlhabenden Fabrikanten. Der Hausherr war ein stiller, fleißiger Geschäftsmann, zuvorkommend gegen uns, von wenig Worten. Die Seele des Hauses war seine Gattin, eine stattliche Frau Anfangs der Dreißiger. Sie hatte ein einnehmendes, nicht gerade schönes Gesicht, das, wenn sie im Gespräch lebhaft wurde, einen ungemein anziehenden Ausdruck annahm. Ihre Bewegungen waren rasch und graciös, ihre Haltung stolz und selbstbewußt, ihre Kleidung geschmackvoll, fast prächtig. Dabei behandelte sie den Geringsten mit derselben herzgewinnenden Freundlichkeit wie den Höhergestellten. Indem sie sich schnell über die häuslichen Verhältnisse der Einzelnen orientirte, wußte sie Jedem ein freundliches, wohlthuendes Wort zu sagen.

Einen meiner Cameraden und mich lud sie zu ihren Mahlzeiten ein und wußte uns leicht über Dinge reden zu machen, die uns besonders am Herzen lagen. Ihre selbstlose Theilnahme forderte zu rückhaltlosem Vertrauen auf. Alles schien sie gleichmäßig zu interessiren. Mit Vorliebe brachte sie das Gespräch auf unsere preußischen Einrichtungen, auf den Bildungsgang, den die verschiedenen Fächer bei uns erheischten, auf den Charakter unserer Staatsmänner, Beamten und Officiere. Dem Benehmen der letzteren hatte sie mit scharfer Beobachtungsgabe bereits so manche charakteristische Züge entnommen und sich daraus und aus unseren Schilderungen ein ziemlich richtiges Bild des Allgemeinen zurecht gemacht. Ihr fiel eine gewisse Gleichmäßigkeit bei Allen auf, sowie es sich um irgendwie dienstliche Angelegenheiten handelte. Es müsse, so meinte sie, unserem Officierstande eine gewisse Kraft innewohnen und dahin wirken, daß die verschiedensten Naturen das Nothwendige in dieser gleichen, guten Art vornähmen; sie fand bei Allen Klarheit und Entschiedenheit, gepaart mit Bescheidenheit. Hauptsächlich aber freute sie der Eifer, mit dem ein Jeder seinem Beruf zu leben schiene, und fast noch mehr der Umstand, daß sie Alle so viel gelernt hätten. Sobald sie auf diesen Punkt kam, blieb eine Philippica gegen die Schaar ihrer Brüder und Vettern nicht aus. In ergötzlichster Weise und mit [768] komischem Zorne schilderte sie uns deren Betragen, wie sie den ganzen Tag auf der Bärenhaut lägen und nichts thäten, als vor dem Spiegel stehen und sich den Schnurrbart drehen, mit dem Lorgnon im Auge Fensterpromenade machen, spielen, tanzen, spazieren reiten und Liebeleien anknüpfen. Das solle aber anders werden. Sobald ihr ein solcher Herr Thunichtgut unter die Augen käme, wolle sie ihm den Kopf zurecht setzen und ihn hinter die Bücher stecken. Freilich, viel G’scheidt’s würden sie nicht mehr lernen, aber sie sollten sich wenigstens wie ernste Männer benehmen und nicht der Jugend ein schlecht Exempel geben. Ihre Kinder – ein Paar allerliebster Jungen mit großen, verständigen Augen – wolle sie anders erziehen. Deren Schwestern und Frauen würden sich ihrer nicht zu schämen haben, wenn die Herren Preußen wieder einmal ins Land kämen.

Aehnliche Ansichten, wenn auch nicht mit der gleichen sittlichen Wärme vorgetragen, habe ich in Oesterreich vielfach von Frauen aller Stände vernommen. Und da alle Erziehung schließlich doch wesentlich in den Händen der Frauen liegt, so läßt sich nach einem Menschenalter in der That etwas von Deutsch-Oesterreich erwarten.

Der Abschied von diesem gastlichen, gebildeten Hause wurde uns ordentlich schwer. Als ich drei Wochen später abermals nach Brünn kam, war mein erster Gang wieder zu meinen freundlichen Wirthen. Ich traf sie bei Tische, den ein eben beförderter Officier mit ihnen theilte, ein ingrimmiger Feind alles Nicht-Preußischen. Er führte die Unterhaltung ganz allein und berührte zu meinem Leidwesen Themata, deren Besprechung nicht wohlthuend wirken konnte. Er fällte in den kräftigsten Ausdrücken absprechende Urtheile über den Kaiser, über den Katholicismus, hielt einen kleinen Vortrag über die Jungfrau Maria und begriff nicht, wie es Menschen geben könne, die solchem Unsinn noch anhingen. Verschiedene Versuche meinerseits, abzulenken, gelangen nicht. Ich sah das Ungewitter heraufziehen. Die Dame erhob sich plötzlich und sagte ganz kurz:

„Mein Herr, in dem Unglück, das uns betroffen, war es mir bisher eine große Freude, unter den Ihrigen Männer zu finden, deren Gespräch uns aufrichtete, deren Benehmen uns ein Vorbild zur Nachahmung war. Bei der Verschiedenheit unserer Ansichten muß ich zu meinem Bedauern für heute auf das Vergnügen eines solchen Zusammenlebens verzichten. Zu welcher Stunde befehlen Sie Ihr Nachtmahl?“

Der Redner stand verdutzt auf, machte eine tiefe Verbeugung und verließ das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen.

„Es giebt also Ausnahmen,“ wandte sie sich heftig an mich. „Es mußte ja Ausnahmen geben! Das müßte mich als gute Kaiserliche eigentlich freuen! Doch geschwind von etwas Anderem; erzählen Sie, was Sie vor Wien erlebt, wir wollen uns die Stimmung nicht verderben.“ Dabei lachte sie vergnügt, ließ meinen Versuch, etwas zur Begütigung zu sagen, gar nicht aufkommen, und bald war in lebhaftem Gespräch das kurze tragikomische Intermezzo vergessen.

Abends sah ich sie in größerer Gesellschaft im Augarten.

„Es ist Alles wieder gut,“ rief sie mir lachend zu. „Er hat höflich Abbitte gethan und ist kein garstiger Mensch. Aber heute muß er zur Strafe allein speisen.“