Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Norddeutsch und Schwäbisch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 658
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Auszug des Buchs Ideal und Kritik. Ein humoristisches Genrebild aus der Gegenwart von Hermann Presber, S. 24–27. Google
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[658] Norddeutsch und Schwäbisch. In dem soeben erschienenen Buche: „Ideal und Kritik“ wird sehr bitter über die sogenannte schwäbische Gemüthlichkeit und Sprache geurtheilt, namentlich kommt die Universitätsstadt Tübingen schlecht weg. „Die Schwaben“, heißt es, „sind ausschließlich. Jeden, der nicht in ihrem Lande geboren ist, halten sie für norddeutsch, was bei ihnen gleichbedeutend mit arrogant, unwissend, oberflächlich ist. Am Stärksten äußert sich dies bei den Stiftsköpfen, d. h. den Zöglingen des protestantischen Seminars in Tübingen. Weil aus ihrer Anstalt in Wahrheit rasch hinter einander einige Zierden der Wissenschaft, Männer wie Schelling, Hegel, Bauer, Strauß, Vischer hervorgegangen sind, so glauben sie, man brauche nur in dem Hause zu wohnen, um ein vollendeter Weltbeglücker zu sein oder zu werden – eine Arroganz, die eben so colossal und eben so naiv ist, wie die eines jetzigen nassauischen Staatsdieners, der in früherer Zeit immer ein Dichter sein wollte und während seines Aufenthaltes in Heidelberg sich auf die Schloßbank setzte, auf der Matthisson seine bekannte Abendelegie gedichtet hatte, und nun meinte, es müsse ihm gelingen, weil er auf der Bank sitze. Er hatte einige Reime aus seinem Vorbilde abgeschrieben und brachte heraus:

„Hier stehe ich im Mondenschein
Und leide, ach, welch’ Höllenpein!“

Etwas Besseres haben die Nachkommen der Hegel und Vischer auch wohl kaum geleistet. – Es ist eigenthümlich, daß wir den Schwaben (ich spreche hier immer speciell von Tübingen) durch unsere Sprache, welche sie affectirt finden, schon zuwider sind. Ueber die Schönheit des schwäbischen Dialektes etwas sagen zu wollen, ist überflüssig. Es liegt in ihm der eigenthümlichste Zauber, was auch die Verbreitung der Dorfgeschichten ungemein begünstigt hat. Wenn in Schwaben „ä nett’s Mädele,“ das „ä herzig’s Stimmele hat,“ sagt: „Magst mi – hast mi a gern, bist mir a gut?“ so klingt das freilich süß und wie Musik. Zu vergessen ist aber nicht, daß gedruckt steht: „magst, hast, bist,“ daß es aber in Wahrheit lautet: „magscht, hascht, bischt,“ und daß ferner „die nette Mädele, mit de herzige Stimmele“ sehr selten und in Tübingen gar nicht vorhanden sind. Die Sprache des Volkes ist unbestritten schön, aber die Sprache der Gebildeten – o Graus! sie hat alles Harte und Abschreckende, ohne etwas von dem Weichen und Melodischen des Volksdialekts zu besitzen. Ach! es klingt wahrlich wie Mozart, wenn Dr. Kraft in Tübingen, der eben nicht gerade ein herzig’s Stimmele hat, in der Archäologie beginnt: „Das Gröschte, Schönschte und Erhabenschte in der Kunscht der Plaschtik ischt;“ oder, wenn er gar begeistert von dem „Bruschtkaschte“ der medicäischen Venus spricht. – Glaube nicht Auerbach und seiner sentimentalen bestechenden Mosaikarbeit! Nur einmal, als ich Abends spät etwas erleuchtet von Lustnau nach Tübingen wankte und der Mond über dem Schlosse stand und die Gipfel der Berge und Bäume versilberte, so daß das Ganze blauweiß auf dunklem Grunde erschien, sah ich mit seinen Augen, sonst aber hatte ich nur ein Wort, um Alles in Allem auszudrücken; ein Wort, das hier das dritte der Studenten, das vierte des Bürgers, und ich weiß nicht das wie vielte in dem Munde der Damen ist. Es ist das Wort „saumäßig.“ Ein Tübinger (nicht nur die Studenten allein, sondern alle) findet etwas entweder saumäßig schön oder saumäßig häßlich. Börne behauptet, daß bei Anwesenheit von Henriette Sontag in Frankfurt alle Ausdrücke erschöpft worden. Hier hätte er einen neuen hören können. Als die Sontag in Stuttgart sang, verbreitete sich alsbald die Kritik durch Tübingen, daß sie saumäßig schön gesungen. Ebenso hat Therese Milanollo, als sie an einem mir unvergeßlichen Abende hier spielte, saumäßig gespielt, saumäßig dunkle Augen und einen saumäßigen Anstand gehabt. Setze dies Wort als Motto über das Ganze, und du hast die Wahrheit. In Tübingen ist Alles saumäßig schön.“