Nihilismus und russische Dichtung (3. Nicolaus Gogol)

Textdaten
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Autor: Wilhelm Goldbaum
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Titel: Nihilismus und russische Dichtung, 3. Nicolaus Gogol
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 559–562
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 4: Iwan Turgenjew
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[559]
Nihilismus und russische Dichtung.
Studien von Wilhelm Goldbaum
3. Nicolaus Gogol.

Von dem Tode Alexander Puschkin’s bis zur Blüthe Nicolaus Gogol’s ist eine kurze Zeit. Aeußerlich hat sich während derselben nichts in Rußland verändert. Der herrschgewaltige Czar hat seinen Machtkreis erweitert; das Beamtenthum, dieser alte Vampyr, saugt mit gesteigerter Gier an dem Blute des russischen Volkes. Aber eine mächtige Wandlung ist dennoch vor sich gegangen; der Statistiker, der Politiker, der Ethnograph vermag sie nicht zu ermessen, der Poet aber, welcher ein Seelenkundiger ist, giebt ihr in seinen Dichtungen den entsprechenden Ausdruck. Puschkin hat das Elend seines Volkes nur gespürt bei dem Anblicke der zahlreichen gebrochenen und entwaffneten Existenzen, die ihm begegneten, bei der Betrachtung seines eigenen Lebens, dem die schönsten Ziele grausam entrückt worden waren. Gogol dagegen enthüllt die Ursachen dieses allgemeinen Elends; er zerrt unbarmherzig das Beamtenthum hervor, um es in seiner ganzen Verworfenheit dem Volke zu zeigen; er erfindet das fürchterliche Wort von den „todten Seelen“, mit welchem er das Wesen des russischen Staates und die Lage des russischen Volkes treffender bezeichnet, als es die redseligsten Betrachtungen zu Stande brächten.

Alexander Puschkin ist der Dulder, der fatalistisch sein Leid erträgt; Nicolaus Gogol ist der Angreifer, der den Urhebern seines Leids schonungslos den Krieg macht. Das Mißvergnügen ist es müde geworden, nur sich selbst zu beschauen; es sucht nach Opfern, um sich auf dieselben zu entladen – und es findet sie.

Merkwürdig ist es, mit welcher Schnelligkeit sich dieser Uebergang von der Defensive zur Offensive vollzogen hat, fast merkwürdiger noch, wie er sich in der Dichtung äußerst. Der Humorist mußte kommen, um den Geist der Zeit zu bezeugen, und zwar nicht der Humorist, dem das Vergnügen an der Satire aus dem Antlitz grinst, nicht ein Juvenal, sondern der Humorist, der zugleich weint und lacht, wie Dickens. Vielleicht niemals ist ein Russe patriotischer gewesen als Nicolaus Gogol. War Puschkin von echt nationaler Gesinnung erfüllt, so lebte in Gogol ein nationaler Fanatismus, und allen Ernstes hielt er Rußland für berufen, die ganze Welt zu beherrschen.

Auch darin liegt ein Zeichen der folgerichtigen Entwickelung, welche zum Nihilismus geführt hat: Puschkin hat die äußeren Einflüsse noch zu würdigen vermocht, und wenn er z. B. von den Deutschen sprach, so zeigte er immerhin einen gewissen Respect vor ihnen wie in dem Drama „Boris Godunow“, wo der falsche Demetrius von ihnen sagt:

„’s sind wackre Burschen, wahrlich wackre Burschen.
So hab ich’s gern. Ich will in kurzer Zeit
Aus ihnen eine Ehrentruppe bilden.“

Wo Gogol aber von den Deutschen redet, fliegt ihm ein Zug von Geringschätzung über das Antlitz; er schildert ein „auf deutsche Manier“ eingerichtetes Gasthaus mit cynischem Wohlgefallen an den Lappen und Fetzen, die er denselben als charakteristische Merkmale andichtet; heute, dreißig Jahre später, hat diese Abgunst gegen das Deutschthum sich in offenen Haß verwandelt und ist zu einem Programmpunkte des Nihilismus geworden. –

Will man nun Nicolaus Gogol nicht aus dem beschränkten Gesichtspunkte literar-historischer Kritik, sondern aus dem weiteren der nationalen Entwickelung beurtheilen, so darf man nicht davor zurückschrecken ihn als den Propheten des Nihilismus zu bezeichnen; denn er hat zu jener unerbittlichen Literatur der Selbstvernichtung den Anstoß gegeben, welche in der Folge darauf verzichtete, an dem eigenen Volke auch nur die leiseste Schonung zu üben, welche vielmehr mit unerhörter Grausamkeit die wunden Punkte des russischen Staats- und Nationalwesens bloßlegte. Eine beneidenswerthe Mission ist das nicht; wem sie auf die Schulter gelegt ist, der habe Acht darauf, daß er selbst nicht tragisch ende! Und Gogol hat tragisch geendet, tragischer als Puschkin, Lermontow, Kolzow. Der die „todten Seelen“ der Welt gezeigt hatte, ward am Ende selbst zur „todten Seele“.

Er war aus Kleinrußland nach Petersburg gekommen, aus jenem südlichen Striche, wo es wie schwermüthige Poesie über der weiten Steppe liegt. Einen „Chachol“ nennt der Großrusse seinen kleinrussischen Mitbürger von den Ufern der Wolga, der Kama, der Oka und des unteren Dniepr, und ein „Chachol“ - das Wort bedeutet einen Tannenzapfen - ist nicht viel mehr als ein Narr. Der großrussische Moskal schaut auf den kleinrussischen „Chachol“ fast mit Verachtung herab. Zwei Chachols, erzählt er, gingen einst im Mondenschein spazieren.

„Was ist das?“ fragte der eine, auf den Mond zeigend.

„Ich weiß nicht,“ erwiderte der andere, „ich bin nicht von hier.“

Für solchen Spott rächt sich seinerseits der „Chachol“. Wie bei den Römern Hannibal ungezogenen Kindern von ihren Müttern als Schreckbild vorgehalten wurde, so drohen kleinrussische Mütter ihren Kindern mit dem Rufe: „Der Moskal kommt“

Eine Empfehlung war also der kleinrussische Geburtsschein für Gogol nicht. Und es erging ihm anfangs auch recht traurig in Petersburg. Er bewarb sich um eine Schreiberstelle in einem Ministerium – man bedeutete ihm, daß er nicht russisch schreiben könne. Er versuchte sich als Schauspieler – man lachte ihn aus. Er zog in die Fremde – die Wegzehrung war bereits in Hamburg zu Ende, und unter Noth und Kümmerniß mußte er sich in die Heimath zurückschlagen. Da griff er zur Feder und schrieb. Und Gogol erschrieb sich Ruhm, Stellung und Ansehen mit seinen „Abenden auf dem Meierhof von Dikanka“, welche ihm wie Gedichte aus der Seele geströmt waren; er ergötzte sich selbst beim Schreiben an dem Klange und las die Sätze laut vor sich hin. Die Ehrenrettung des „Chachol“ war also auf das Glänzendste vollbracht; denn wer diese Novellen, wer die wunderbare Geschichte von „Taras Bulba, dem Kosakenhetman“ kennen lernte, dem mußte es wohl gewagt erscheinen, den „Chachol“ noch ferner für einen Narren zu halten.

Jedoch mit etlichen Novellen, wären dieselben auch noch so trefflich, kann das Schaffensbedürfniß eines Nicolaus Gogol sich nicht bescheiden. Dem Trieb und der Lust des Erzählens vermögen auch andere Poeten genug zu thun, denen künstlerische Vollendung als das höchste Ziel vorschwebt, aber dieser Kleinrusse sollte mehr vollbringen: er sollte eine weltgeschichtliche Sendung erfüllen unter seinem Volke. Hatte Puschkin nur gesagt, was Rußland zu leiden habe, so sollte Gogol sagen, woran es leide.

Und das ist der ungeheure Fortschritt der Entwickelung, daß die Selbsterkennsniß , welche in Puschkin’s „Eugen Onägin“ noch das Gut einzelner Individuen war, durch Gogol zu einem russischen Gemeingute wurde.

Gogol ist, wie alle Humoristen, sich selbst der Quellen nicht bewußt, aus derer seine hinreißende Beredsamkeit, seine fast unglaubliche Anschauungskraft stammt; denn diese Quellen verlieren sich in jenen dunklen, geheimnißvollen Schacht, den man die Volksseele nennt; doch gleichviel – nicht darauf kommt es an, daß das Instrument wisse, wozu es von der Hand, der es gehört, verwendet wird. Gogol ist in Wahrheit der Schicksalspoet Rußlands; er hält fürchterliches Gericht über Alles, was faul, ungesund, verderblich in seinem unglücklichen Vaterlande ist. Seine Kunst ist nicht graziös, seine Sprache nicht fein oder sorgsam berechnet – wozu auch? Die Hauptsache war ihm, daß dem russischen Volke seine Peiniger mit Fingern gezeigt werden, unerbittlich in all ihrer schamlosen Blöße, mit der herzlosen Gier in den Augen, der fürchtlichen Leere im Herzen und Kopf und in der ganzen Niederträchtigkeit ihres sclavischen Gehorsams. Nicolaus Gogol entwarf ein Bild dieser Verkommenheit in dem Lustspiel „Der Revisor“, in dem Roman „Todte Seelen“.

Ach, es ist ein verhängnisvolles Amt, Ankläger zu sein, dessen sich die Weltgeschichte bedient; wer dieses Amtes waltet, ohne es zu wissen, wandelt an dem Rande eines ihm verborgenen Abgrundes, wer sich aber des Ungeheuren bewußt wird, das ihm aufgetragen, mag leicht davon wahnwitzig werden oder sterben wie der Reiter vom Bodensee. Der arme unwissende Gogol, kein Philosoph, kein Historiker, sondern Poet, nichts als Poet, ist auch darüber wahnwitzig geworden und daran gestorben. Er sagte seinen Landsleuten die blutige Wahrheit, sie aber glotzten ihn blöde an und verstanden ihn nicht; er schnitt und riß und zerrte an den Leibe seines Volkes, der ja schließlich sein eigener Leib war, und je tiefer sein Messer schnitt, desto mehr schnitt es in Gift und Fäulniß. Nach [560] der ersten Aufführung des „Revisor“ ließ der Czar Nicolaus den Dichter zu sich in die Loge bescheiden.

„So,“ rief er dem Eintretenden entgegen, „habe ich noch nie gelacht, wie heute Abend.“

Und der Dichter, blaß, stotternd, erwiderte:

„Majestät, ich habe eine andere Wirkung beabsichtigt.“

Armer, armer Gogol, Du mußtest in Wahnsinn enden. Wo ist ein Gleichniß dieses Schicksals? Nicolaus Lenau ist ebenfalls wahnwitzig geworden, und zwar genau in demselben Lebensjahre wie Nicolaus Gogol. Aber auf Lenau’s Hirn lastete nicht das Unglück eines ganzen großen Volkes; an Lenau’s Seele nagte nicht der Schrecken vor der eigenen That, nicht die Reue über das Große, das er vollbracht. Gogol war ein Slave; ihm war noch nicht alles barbarische Blut aus den Adern entronnen; dem Kleinrussen betäubte die mystische Poesie der Steppe das Gewissen, diese unfaßbare, geheimnißvolle Poesie, von der ein Dichter gesungen:

„Ewig hört man Weisen klingen
Wie der Cither Melodien;
Niemand weiß, woher sie dringen -
Scheinen Gräbern zu entflieh’n.“

Lenau und Gogol - es ist so müßig, nach Vergleichen zu suchen. Wenn der Poet nicht eine Individualität für sich, eine unvergleichbare und schlechthin eigenthümliche ist, so verdient er überhaupt nicht, daß man ihn nenne. Und wenn Rußland unter den Staaten nicht eine Individualität für sich wäre, mit seinem eigenen trostlosen Entwickelungsgange, seinem eigenen unvergleichlichen Schicksale, so hätte es eben auch keinen Puschkin und keinen Gogol hervorgebracht. Wo anders als in Rußland konnte denn das Verhängniß Puschkin’s, dasjenige Gogol’s reifen? Puschkin wollte ein Mensch und mußte ein Sclave sein; Gogol gar wagte es zu richten und er hatte nicht den Muth, die Knechtschaft abzustreifen. Er, der den russischen Despotismus aus den Angeln hob, indem er die Werkzeuge desselben brandmarkte, er, der das russische Volk lehrte, sich aufzubäumen gegen seine Peiniger, indem er zuerst es wagte, hell und breit zu lachen über diese Blutsauger, die von Unterschleif und Bestechung sich mästeten – dieser nämliche Gogol erschrickt feige, als er merkt, was er angerichtet; er schlägt sich wie ein Sünder an die Brust und jammert zerknirscht sein „Mea culpa – meine Schuld!“, obgleich diese Schuld, mit der er sich belastet wähnt, seinen Namen unsterblich gemacht hat.

Todte Seelen!

Durch jene „Abende auf dem Meierhof von Dikanka“ war Gogol rasch zu einem vielgelesenen Autor geworden, obgleich dieselben nichts darboten als getreue Zeichnungen des kleinrussischen Lebens. Literarische Kreise glaubten sich ihm verpflichtet und vermittelten ihm die Stelle eines Lehrers der Geschichte an dem patriotischen Institute. Dann erschien die Novellensammlung „Mirgorod“, in welcher die Kosakengeschichte von „Taraß Bulba“ enthalten war, und ihre Wirkung war so bedeutend, daß die Kritiker von „wahrhaft homerischer Kraft“ sprachen und der Staat sich bemüßigt fühlte, dem ruhmreichen Dichter eine Geschichtsprofessur an der Petersburger Universität zu übertragen. Aber das gab einen wunderbaren Professor. Seine Schüler fanden, daß die Muse der Geschichte ihn spröde von sich fern halte, und er selbst fand es auch. Es war ihm nicht wohl auf dem Katheder, und er mied diesen erhabenen Sitz der Gelehrsamkeit so oft er konnte. Iwan Turgenjew hat ihn in seiner Lehrthätigkeit geschildert, wie er auch Puschkin, den er kurz vor dessen Tode bei einem Concerte sah, mit einigen Strichen gezeichnet hat.

„Neben der Thür,“ erzählt Turgenjew von Puschkin, „stand er an einem Pfeiler, die Arme über die breite Brust gekreuzt, mit unzufriedenem Blicke im Kreise umherschauend. Er warf auch mir einen flüchtigen Blick zu; die Ungenirtheit, mit der ich ihn anstarrte, mochte ihm mißfallen, da er ohnehin bei schlechtem Humor zu sein schien; er zuckte verdrießlich die Achseln und trat bei Seite. Einige Tage später sah ich ihn auf der Bahre liegen.“

Und Gogol’s akademische Thätigkeit war nach Turgenjew’s launiger Mittheilung etwa folgende:

„Betrat er das Katheder, so brummte er etliche unverständliche Sätze vor sich hin, um dann mit Stahlstichen von Palästina und sonstigen schönen Ländern sein Auditorium zu unterhalten, wobei er zwischendurch die verblüffendsten geographischen Böcke schoß. Die Prüfung seiner Studenten überließ er Herrn Schulzin, einem Collegen von der Facultät, während er selbst lautlos in einem Sessel lehnte, das Gesicht mit einem großen schwarzen Tuche verbunden, ein Bild komischester Verlegenheit.“

War nun schon Puschkin nicht übermäßig mit Wissensstoff überladen – er sprach einst den Satz aus: „Nur zufällig lernen wir irgendwo und irgendwas“ – so hatte Gogol fast gar nichts in seinem Schulsacke. Er blieb auch nicht lange Professor, sondern wendete sich, vom Czar mit einer Jahrespension ausgestattet, von Neuem dichterischer Thätigkeit zu, welche nun erst seine beiden epochemachenden Werke zu Tage förderte. Aber dann kam ein Tag – wie gesagt, er bereute, ein Dichter gewesen zu sein, und zur Buße warf er sich der religiösen Heuchelei in die Arme. Mit Schukowski, dem gealterten Hofpoeten, machte er gemeinsam mystische Exercitien; nur noch für den Beifall des Czars und der Hofkreise schien er zu leben; in Rom, in Jerusalem, wohin er sich einen sogenannten Auslandspaß verschafft hatte, suchte er Sühne, und schließlich wand er sich Tage lang vor Heiligenbildern auf den Knieen, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen, ließ seine alten Freunde im Stiche, jammerte über den Abfall und die Verderbniß der Jugend, bis man ihn eines Tages verhungert, buchstäblich verhungert zu Füßen eines Muttergottesbildes fand.

Nach solchem Schaffen ein solcher Tod!

Und es ist nichts damit gethan, dieses tragische Menschenschicksal aus dem beliebten Gegensatze von Realismus und Idealismus zu erklären; denn Nicolaus Gogol war weder ein Realist noch ein Idealist. Ihm blutete das Herz, wenn er das diebische Beamtengesindel zeichnete, und wenn er den kleinen unwissenden Provinzadel verspottete, so lachte ihm die Seele. Er war gerecht und tapfer, streng und lustig, weil er ein Humorist war. Kein Zucken in dem automatischen Antlitz des untergeordnetsten Beamten war seiner Beobachtung entgangen und mit kräftigem Behagen zeigte er auf die kupferrothe Nase in dem verschwommenen Gesichte eines herabgekommenen Edelmannes.

Er war der Schicksalsdichter Rußlands; die Zeit war gekommen, da Rußlands Verhängniß es forderte, daß über die Peiniger des Volkes Gericht gehalten, daß die Autorität dieses feilen Beamtenthums, die ahnungslose Apathie dieses Volkes erschüttert werde, und Gogol war dazu ausersehen, das furchtbare Werk zu beginnen. Der Dichter warnt zur rechten Stunde; verhallt sein Ruf, kommt nach ihm der Rächer. Der Dichter Gogol ist kläglich zu Grunde gegangen, als er seine Schicksalsmission überlebt hatte; ihn verschlang der Abgrund, den er geöffnet hatte, als er kaum sein vierundvierzigstes Lebensjahr erreicht hatte; aber seine Werke sind geblieben, diese beiden fürchterlichen Anklagen in Komödien- und Romanform – das Lustspiel „Der Revisor“ und die Erzählung „Todte Seelen“ – in denen zum ersten Mal der streitbare Nihilismus das Wort führt. Der Czar, der einst selbst über Puschkin die Censur geübt hatte, gewährte Gogol einen Jahresgehalt; er ahnte nicht, daß er den gefährlichsten Revolutionär belohnte, den jemals eine russische Mutter genährt hat.

Wäre hier ein banales Wortspiel am Platze, so könnte man wohl sagen, es sei nicht zufällig, daß das fünfactige Lustspiel Gogol’s den Titel „Der Revisor“ führte; denn hier wird in der That eine Revision der russische Zustände vollzogen, die sich jeder Nachsicht und jeder Duldung entschlägt. Es geht der Polizei und Bureaukratie aller Grade an’s Leben, dieser rostigen zerfressenen Maschine, welche sich beständig selber ölt, indem sie erbarmungslos das Volk auspreßt. Fünftausend Paragraphen enthält der Swod, dieses Monstrum einer Gesetzsammlung, für jeden spitzbübischen Beamten genug, um seine Beute mit dem Schein der Gesetzlichkeit zu decken.

Der Gouverneur – nennen wir ihn mit Gogol Anton Antonowitsch Skwosnik-Dmuchanowski – hilft dem Schulrector Luka Lukitsch Chlopow mit dem entsprechenden Paragraphen aus, wenn es gilt, mit demselben ein gestohlenes Gut zu theilen, und der Kreisrichter Ammas Fedorowitsch Lapkin-Tapkin der Hospitalverwalter Artemi Philippowitsch Semljanka, der Postmeister Iwan Kusmitsch Schpekin sind ebenfalls mit Freude von der Partie.

Gogol selbst fügt für die Schauspieler die Personenbeschreibungen dem Verzeichnisse bei, und da heißt es von dem Gouverneur:

„Obgleich bestechlich hat er doch viel Haltung. Der Uebergang vom Schrecken zur Freude, von hündischer Unterwürfigkeit zum Hochmuth vollzieht sich bei ihm ziemlich schnell wie bei einem Menschen, der unedle, rohe Neigungen hat.“

[561] Der Kreisrichter ist „ein Mann, der fünf oder sechs Bücher gelesen hat und daher ein wenig den Freigeist spielt, im Baßton spricht, wobei er die Worte in die Länge zieht und gleichsam gurgelt und röchelt wie eine alte Wanduhr, welche pfeift und zischst bevor sie schlägt“.

Der Hospitalinspector ist „sehr dick, schwerfällig und linkisch, dabei aber ein durchtriebener, abgefeimter Gauner“.

Diese Bande nun stiehlt und raubt gemeinsam im Namen des Gesetzes, und wenn es noth thut, so denuncirt auch einer den andern. Und da kommt eines Tages ein nichtsnutziges Subject, Namens Chlestakow, ein ausgemachter Vagabund mit äußerlich feinen Manieren und anspruchsvollem Wesen, in die entlegene Stadt. Man vermuthet in ihm einen „Revisor“; alle Beamten bekennen ihm in ihrer Angst der Reihe nach ihre Schurkenstreiche, indem sie ihn zugleich durch Bestechung zum Schweigen zu veranlassen suchen Der Schulrector leiht ihm dreihundert, der Hospitalverwalter vierhundert Rubel, und der Gouverneur winselt:

„Geruhen Sie doch selbst zu urtheilen! Der Gehalt reicht nicht einmal hin für Thee und Zucker. Und habe ich auch einige Geschenke nicht zurückgewiesen, so handelt es sich doch nur um ganz unbedeutende Kleinigkeiten, etwas für den Tisch oder vielleicht so ein paar Anzüge.“

Am andern Morgen ist Chlestakow aus der Stadt verschwunden, der wirkliche „Revisor“ aber ist soeben eingetroffen, und ein Gensd’arm erscheint bei dem Gouverneur, um ihm zu melden:

„Sie werden ersucht, sich sofort zu dem Herrn Revisor zu verfügen, der vor einer Stunde in außerordentlicher Mission aus Petersburg angekommen und im Hotel abgestiegen ist.“

Dieses merkwürdige Stück ward von der Censur sonderbarer Weise durchgelassen, und das Volk jubelte dazu seinen ungestümsten Beifall; denn es sah zum ersten Male, wie auch seine Peiniger die züchtigende Ruthe erreicht hatte.

Gleichen Erfolg hatte das in Rom begonnene satirische Sittenbild die „Todten Seelen“, welches der Dichter selbst als sein gelungenstes Werk bezeichnete.

Von zehn zu zehn Jahren mußten in den Tagen der Leibeigenschaft alle steuerpflichtigen Individuen in Rußland gezählt werden. Wenn innerhalb einer solchen Zählungsperiode Leibeigene gestorben, so zahlte der Gutsbesitzer bis zum Ablaufe derselben die Steuer für sie fort, während die inzwischen geborenen Kinder nicht gezählt wurden und steuerfrei blieben. Nebstbei hatte der Gutsbesitzer das Recht, seine Leibeigenen bei der Bank zu verpfänden; er erhielt für jede männliche „Seele“ dreihundert Rubel. Collegienrath Tschitschagow, der Held des Romans, geht nun darauf aus, diese beiden gesetzlichen Einrichtungen für sich auszubeuten; [562] er reist bei dem Landadel umher, um von demselben „todte Seelen“ zu kaufen. Die Ernte ist ergiebig; denn viele, für die, obgleich sie todt sind, noch Steuern gezahlt werden, notirt er als käuflich erworben in sein Taschenbuch, läßt sie auf das werthloseste seiner Grundstücke überschreiben und verpfändet letzteres bei der Bank.

Dies ist das Thema der wunderbaren Dichtung, über deren Blätter das Blut eines Patrioten rinnt, indessen zwischen den Zeilen mit anscheinend lachendem Zurufe die blanke Revolution gepredigt wird. Gestorben für sich, für den Staat aber auch nach dem Tode noch ein Steuerobject und zwar ein von einem Schwindler gemißbrauchtes Steuerobject – das ist nach Gogol eine „todte Seele“. Das ganze russische Volk ist erstarrt, todt, unbeweglich; das ganze russische Volk ist ein gemißbrauchtes Steuerobject, das ganze russische Volk eine einzige „todte Seele“. Der Poet erfaßt nur den allgemein gültigen Typus und leiht ihm Dauer in der dichterischen Nachbildung. Das ist die furchtbare Macht des dichterischen Genies, welches gewaltiger ist als der Czar sammt allen seinen Garden und allen seinen Kosaken. Das Mißvergnügen, das Jahrzehnte sich scheu verbarg, braucht oft nur ein Wort, einen Namen um jählings aufzuflackern und dann, trotz aller Löschversuche, fortzuglimmen. Gogol fand dieses Wort; es war das Wort von der „todten Seele“.

Man würde aber ein Unrecht begehen, wenn man es an diesen allgemeinen Andeutungen über den denkwürdigen Roman Gogol’s genügen ließe. Er gehört nicht nur als der erste Plan und Grundriß der nihilistischen Bewegung der Geschichte an, sondern ist auch ein kostbares Besitztum der erzählenden Kunst, die hier vielleicht, von Walter Scott’s Romanen abgesehen, in der culturhistorischen Kleinmalerei ihre größten Triumphe gefeiert hat. Derb sind die Farben; robust ist die Pinselführung, wie es von dem Kleinrussen nicht anders erwartet werden kann. Aber die Wahrheit liegt über diesen Bildern mit verklärendem Zauber. Und diese Wahrheit thut sich insbesondere auch darin kund, daß nicht blos das Beamtenthum, der Gouverneur, der Procurator, der Polizeimeister, der Branntweinpächter und der Inspector der Kornfabriken, nein, daß auch alle Schichten des verkommenen Provinzialadels von dem Dichter unter die Geißel genommen werden. Es ist ein Werk von großartiger poetischer Gerechtigkeit. Nicht in jenem Sinne zwar, daß jedweder Schuld eine Sühne folgen muß, jedoch in dem anderen, daß das gleiche Maß an Alle gelegt wird, auch an diejenigen, welche der Dichter liebt. Hätte Gogol lediglich das Beamtenthum dem Spotte preisgegeben, so hätte man ihn zweifellos einen Pamphletisten heißen dürfen. Aber das Elend fällt nicht allein, wenn auch vorwiegend, dem Beamtenthum zur Last, welches in seiner trostlosen Verworfenheit eben nur vorhanden sein kann, wo solche Volkselemente ihm gegenüberstehen. Und der Humorist thut dann das Seinige; er geißelt auch diese Volkselemente, wenngleich ihm dabei das Herz vor Weh zu springen droht.

Wie mannigfaltig sind in den „Todten Seelen“ die Figuren, an denen der Fluch ihrer eigenen Gringfügigkeit nagt! Der Gutsbesitzer Manilow, der jener Gattung von Leuten angehört, „die zu gar keiner Gattung gehören“ – die Bäuerin Anastasia Petrowna, welche nichts kann und nichts will, als Silberrubel zusammenthun – der Bonvivant Rosdrew, der auf die Märkte fährt, mit aller Welt Duzbrüderschaft schließt, sein Geld verspielt und schließlich die auf sein Gut eingeladenen Freunde zu seiner eigenen Erquickung durchprügeln läßt – endlich Puschkin, der Geizhals aller Geizhälse. Man muß davon nothwendiger Weise Act nehmen, daß der Dichter in diesen Figuren dem russischen Volke dessen eigenes Zerrbild vorhält; denn nur so versteht man, was Gogol gewollt. Einseitige Reform verschärfte sein Verlangen nicht. Dieses großrussische Volk – man hat doch bisweilen bei der Lectüre der „Todten Seelen“ die Empfindung, als ob der „Chachol“ aus Kleinrußland über die Fehler der Großrussen in seinem Inneren kichere – verdient nicht, daß es ihm besser ergehe, wenn es sich nicht emporrafft, nicht arbeitet, lernt und zu dem Bewußtsein seiner Menschenwürde gelangt. Das ist die Moral, so weit sie das Volt angeht. Es ist ein ehrliches, ein gutmüthiges, ein leichtgläubiges Volk, das aber trinkt, spielt, entsetzlich schlecht wirthschaftet und trotz seiner angeborenen Ehrlichkeit lügt.

Und so lange das russische Volk sich nicht aufrafft, so lange verdient es, daß das Ungeziefer des Tschin an seinem Blute sauge. Wenn das Volk sich selbst belügt so hat es keine andere Beamtenschaft zu begehren, als diese Rotte von Dieben und Beutelschneidern, welche der Rock den Czars tragen. Der Dichter kann seinem Volke nur mit gutem Beispiele vorangehen, indem er diese Bande unsanft beim Knopfe nimmt, gleichviel, ob es des Kaisers Knopf ist. Und dies thut er, wie kaum jemals ein russischer Schriftsteller es zu thun gewagt hat.

Einen Bureauchef schildert er folgendermaßen: „Er konnte als Muster einer steinernen Gefühllosigkeit und Unerschütterlichkeit gelten, immer derselbe, unzugänglich, niemals ein Lächeln auf dem Gesicht, Niemanden grüßend, kein einziges Mal nach dem Befinden fragend. Niemand hatte ihn jemals anders gesehen, weder auf der Straße noch in seinem Hause; er hatte nie an etwas Theilnahme gezeigt, sich nie betrunken, um auch nicht im Rausche zu lächeln oder ein wildes Lachen auszuschlagen, wie es doch selbst der Räuber thut, wenn er betrunken ist – nicht ein Schatten von alledem war bei ihm zu finden. Er war weder ein Bösewicht noch ein guter Mensch; er hatte weder eine starke noch eine schwache Seite, und nur der Mangel von alledem machte ihn schrecklich. Sein hartes Marmorgesicht zeigte gar keine Aehnlichkeit, zeichnete sich nicht einmal durch auffallende Unregelmäßigkeit aus; die Züge waren alle in einem ärgerlichen Verhältnisse mit einander.“

Damit jedoch kein Zweifel darüber obwalte, daß jede andere menschliche Schwäche bei dem russischen Beamtenstande nur beiläufige Kritik verdiene neben der ungeheuren Neigung zum Diebstahle, vergißt Gogol nie, die berüchtigten Douanenchefs, welche Leiter und Hehler von Schmugglerbanden sind, die schlauen Commissionen, welche Jahrzehnte den Bau von Kronshäusern berathen und dabei, ohne zum Ende zu kommen, die Baugelder aufzehren, mit humoristischem Nachdrucke der Erzählung einzufügen. Und ist es nicht ein Tschinownik, so ist es doch ein Glöckner, der, wie in der Novelle „Der König der Erdgeister“, erst dann vom Schenktische aufsteht, wenn sich ihm die Zunge nicht mehr im Munde bewegt, der aber dann doch „seiner steten Gewohnheit treu, nicht vergißt, eine alte Stiefelsohle zu stehlen, die auf der Bank des Wirthshauses liegt.“

Will man Nicolaus Gogol, wie es geschehen, als den Begründer einer realistischen Dichterschule in Rußland bezeichnen, so mag es dabei sein Bewenden haben. Wenn es Realismus ist, die Wahrheit zu sagen, so mögen die Kritiker, welche in Gogol nur der Dichter würdigen, Recht behalten. Aber was bedeuten hier die Formalitäten, Kunstausdrücke, ästhetische Kategorien? So wenig in aller völkerpsychologischen oder staatsgeschichtlichen Terminologie bis jetzt der Nihilismus eine passende Stelle gefunden hat, so wenig ist Gogol, der Prophet des Nihilismus, literargeschichtlich zu classificiren. Er hat der revolutionären Bewegung in Rußland ihre Ziele gegeben – das ist seine ungeheure That; daß er es als Poet gethan, beweist nur, wie Recht das deutsche Dichterwort hatte, das da meinte, es sei dem Dichter vorbehalten, zu sagen, was er – und mit ihm sein Volk – leide. Weit hinaus ist inzwischen der Nihilismus über das Maß dessen gegangen, was Gogol für erstrebenswerth hielt. Gogol war national; der Nihilismus von heute ist es nicht; Gogol konnte weinen, indem er zerstörte, der Nihilismus weint nicht; Gogol hat Unsterbliches geschaffen, weil er sein Volk trotz aller Schwächen und Fehler liebte; der Nihilismus schafft nichts, weil er nichts liebt, nicht einmal sich selbst.

Drei Jahre nach Gogol starb der Czar Nicolaus; im Wahnsinn war der Dichter hingegangen, und mit gebrochenem Herzen sank die Riesengestalt des unerbittlichen Autokraten zusammen. Was der Dichter als seine Irrung betrachtete, das war in Wahrheit ein gewaltiges Werk; was der Czar als seinen Ruhm angesehen, das zerrann ihm wesenlos vor seinen brechenden Augen. Es scheint noch immer, daß die mächtigen Individualitäten in Rußland nicht friedlich sterben können. Das aber ist der Fluch, aus dessen fürchterlicher Saat der Nihilismus emporwucherte, daß das Recht der Persönlichkeit in Rußland noch immer nicht zur Geltung kommen darf. Es gehen darüber Poeten und Herrscher zu Grunde, aber dem Poeten bewahrt die Nachwelt pietätvolle Erinnerung; die Völker zahlen redlich und dankbar Denen, welche sich um sie verdient gemacht haben.