Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Waldwechsel“ in Meyers Konversations-Lexikon
Seite mit dem Stichwort „Waldwechsel“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 19 (Supplement, 1892), Seite 971972
Mehr zum Thema bei
Wikisource-Logo
Wikisource: [[{{{Wikisource}}}]]
Wikipedia-Logo
Wikipedia:
Wiktionary-Logo
Wiktionary:
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Indexseite
Empfohlene Zitierweise
Waldwechsel. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 19, Seite 971–972. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Waldwechsel (Version vom 15.09.2022)

[971] Waldwechsel. Während die Wälder der wärmern Zonen aus Baumarten der verschiedensten Gattungen gemischt sind, bilden einheitliche Bestände von geschlossenem Charakter den Vorzug der gemäßigten Zone. Unsre Eichen-, Buchen-, Birken-, Kiefer-, Fichten- und Tannenwälder, von denen jede Art in andrer Weise auf unsre Stimmung wirkt, sind in den wärmern Ländern eine fremdartige, die Sehnsucht unsrer Auswanderer weckende Erscheinung. Aber ein Wechsel, freilich langsam verlaufender Art, erfolgt hier darin, daß diese Wälder im Laufe der Jahrtausende sich nicht gleich bleiben, daß die Bestände in einer bestimmten Reihenfolge sich ablösen und in dem Steppenlande, als welches Nordeuropa nach der Eiszeit lange Jahre baumlos oder mit niederm vereinzelten Buschwerk bedeckt dagelegen hat, erst die Espe geschlossene Bestände gebildet hat, worauf auch auf besserm Boden zunächst die Kiefer größere Räume erobernd vordrang, dann von Birken, Eichen, Erlen verdrängt wurde, während in der Neuzeit die Buche den erobernd vordringenden Waldbaum bildet. Diese Thatsachen wurden zuerst von Steenstrup für Dänemark durch die Untersuchung alter Torfmoore festgestellt, in denen von Altersschwäche oder Windbruch hingeworfene Kiefernstämme den untersten Raum einnehmen, gemischt mit Einschlüssen der Steinzeit. Heute werden diese Bäume nirgends in Dänemark angetroffen, aber die Buchenwälder, auf welche Dänemark heute so stolz ist, und die schon seit der Römerzeit als im Norden herrschend erwähnt wurden, folgten ihnen nicht unmittelbar; über den Fichtenstämmen finden sich im Moor Eichenstämme, und vergleichende Untersuchungen zeigen, daß die Eiche, namentlich die sogen. Wintereiche, in Dänemark der herrschende Baum der Bronzezeit gewesen ist. Erst mit den geschichtlichen Zeiten wurde sie durch die Buche verdrängt, und diese ist noch heute in manchen Teilen Nordeuropas der erobernde Baum, z. B. in Schleswig, wo man in den Buchenwäldern noch einzelne alte Eichen, die frühern Herren des Grundes, antrifft. Dieselbe Reihenfolge ist von Nathorst auch in den Tuffkalkablagerungen der schwedischen Provinz Schonen nachgewiesen.

Die Ursache dieses Waldwechsels suchte man ursprünglich im Klimawechsel, in der langsamen Erwärmung des nördlichen Europa nach der Eiszeit, und sah die Buche für eine wärmeliebendere, südliche Form an, die erst jetzt Terrain im Norden gewinnen kann. Allein wir wissen nunmehr, daß dies die Ursache nicht sein kann, da die Buche ein kälteres Klima verträgt als die Eiche, und man wollte dann die Ursache in der Erschöpfung des Bodens an den einzelnen Baumarten unentbehrlichen Mineralstoffen finden, so daß es sich beim W. um eine Art von natürlicher Fruchtfolge handeln würde. Die Bodenmischung ist auch sicherlich nicht ohne Einfluß auf die Verteilung der Waldbäume, sofern die Buche offenbar kalkhaltigen Boden bevorzugt und die Verdrängung der Eiche auf sandigen Boden den Nadelhölzern überlassen muß. Die wahre Ursache wurde erst im letzten Jahrzehnt durch Hansen, Hansten und Heyer in dem verschiedenen Lichtbedürfnis dieser Bäume in geschlossenen Beständen erkannt. Hansten-Blangsted schilderte 1884 den Kampf ums Dasein der Bäume in Dänemark, namentlich zwischen Birken und Buchen. Er meint, daß die baumlosen Flächen nach der Eiszeit zunächst von Espen und Birken eingenommen worden seien, und in unfruchtbaren, sandigen Gegenden, wo die Buche nicht gedeihen kann, herrscht die Birke noch heute, denn sie ist die ältere Bewohnerin. Aber wenn sie den Boden durch ihren Blätterfall langsam verbessert hat, und die Buche dringt dorthin vor, so muß erstere rasch unterliegen. Sie verliert in ihrem größern Lichtbedürfnis zunächst ihre Zweige da, wo die Buche sie berührt, und wirft alle Kraft auf den Wipfel, der sich über den der Buche erhebt. So kann sie noch lange ausdauern, aber endlich erliegt sie dem Mitbewerber, wenn nicht anders, so durch Altersschwäche, denn die Birke hat in Dänemark eine kürzere Lebensdauer als die Buche. Der Schatten, den die Buche mit ihrer dichten Belaubung ausübt, und in welchem wenig andre junge Holzgewächse als ihre eignen Schößlinge gedeihen, ist die Ursache dieses schnellen Sieges, denn während die Buche sehr wohl unter dem Schattendach einer Birke wachsen kann, geht die letztere unter dem der erstern sogleich zu Grunde.

Ebenso besiegt die Buche den Tannenbestand, wenn der Boden nicht zu arm ist; schwerer ist ihr Kampf mit der Eiche. Aber die Eiche besitzt, wie S. Korzchinsky in einer Arbeit über Entstehung und Schicksal der russischen Eichenwälder (1891) gezeigt hat, Eigenschaften, die überall nur ein vorübergehendes Bestehen der Eichenwälder erlauben, da sie sich beinahe selber die Fortdauer in dichten Beständen unmöglich macht. Die Eiche ist ein so lichtliebender Baum, daß Eichenwälder sich meist nur auf freien Steppen- und Wiesenflächen entwickeln können, wo die Eiche zuerst als Gesträuch aufwächst, und sich dann zu dichten Beständen erweitert. So scheint sie die osteuropäischen Diluvialsteppen in Besitz genommen zu haben, während sie in Dänemark lichte Espen-, Birken- und Föhrenwäldern (die letztern aber nur unter besondern Umständen) ersetzte. Aber für die lange Erhaltung eines Eichenbestandes liegen die Verhältnisse ungünstig. Korzchinski geht bei seinem Nachweise von der Beobachtung aus, daß er in einem noch gar nicht alten und zu schattigen Eichenwalde kein einziges junges Eichenbäumchen [972] entdecken konnte. Ihre jungen Keimlinge gehen unter dem mütterlichen Schattendache schon nach 2–3 Jahren wieder zu Grunde, weil sie das zu ihrer Entwickelung nötige Licht nicht erlangen können. Somit kann sich in einem reinen Eichenbestande wegen des unstillbaren Lichtbedürfnisses der jungen Pflanzen jahrhundertelang kein entsprechender Nachwuchs bilden; erst wenn der größte Teil der alten, weitschattenden Bäume zu Boden gestürzt ist, können wieder junge Eichenbäume aufkeimen, falls sie nicht von andern Sämlingen überflügelt werden. Sind nämlich die Samen andrer, etwas mehr Schatten vertragender Baumarten inzwischen in die beginnenden Lücken eingedrungen, so werden sich diese unter dem abnehmenden Schatten der Eichen entwickeln und um so mehr ausbreiten, je lichter der Wald wird. Dadurch wird neuer Eichenanwuchs von vornherein zurückgedrängt, und eine oder mehrere andre Baumarten treten als gemischter Bestand an seine Stelle. Eichenurwälder könnten daher nur dort sich unbegrenzt lange erhalten, wo ein Eindringen andrer Baumarten in dieselben ausgeschlossen ist. Da dies aber eine kaum irgendwo in der Welt für lange Zeit bestehende Bedingung sein wird, so werden die Eichenwälder meist überall eine vorübergehende Erscheinung bilden müssen, natürlich abgesehen von einem ihnen durch den Menschen gewährten Schutz.

Ihr Nachfolger ist meist die Buche, deren junge Schößlinge sich mit etwas weniger Licht begnügen, und die den Vorzug hat, jungen Nachwuchs ihrer eignen Art in dem eignen Schatten emporkommen zu sehen. In Rußland muß die Eiche auch nicht selten jungem Fichten- und Edeltannennachwuchs Platz machen, so daß wir nach dem Lichtbedürfnis eine natürliche Aufeinanderfolge erhalten, die mit Espen und Birken anhebt, in Kiefern- und Eichenbeständen fortschreitet und mit Fichten, Edeltannen und Buchen endigt. Diese Reihenfolge wird aber durch Klima-, Boden- und Bewässerungsverhältnisse verändert; in den Bergländern pflegen Fichten, Tannen, Lärchen und Zirbeln zu siegen, und in der Ebene spielen Weidetiere eine große Rolle, indem sie junge Baumschößlinge fressen und sowohl in manchen Steppenländern als im Gebirge, z. B. die Ziegen des Karsts, das Aufkommen eines jungen Baumwuchses verhindern.