MKL1888:Purpur der Alten

Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Purpur der Alten“ in Meyers Konversations-Lexikon
Seite mit dem Stichwort „Purpur der Alten“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 18 (Supplement, 1891), Seite 754755
Mehr zum Thema bei
Wikisource-Logo
Wikisource: [[{{{Wikisource}}}]]
Wiktionary-Logo
Wiktionary:
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Indexseite
Empfohlene Zitierweise
Purpur der Alten. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 18, Seite 754–755. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Purpur_der_Alten (Version vom 20.03.2021)

[754] Purpur der Alten.[WS 1] Die Rätsel, welche diesen geschätzten Farbstoff des Altertums umgaben, sind durch neuere Untersuchungen mehr und mehr gelichtet worden. Letellier veröffentlichte 1889 eine Untersuchung der an der britischen Küste häufigen und bereits von den alten Bretonen zum Färben benutzten Purpura lapillus und stellte drei Farbstoffe daraus dar, einen kristallisierbaren gelben, der für das Licht unempfindlich ist und dem ätherischen Extrakt durch alkalische Lösungen entzogen werden konnte, und (wenn alle Operationen im Dunkeln vorgenommen wurden) zwei grüne: einen apfelgrünen, der im Lichte tiefblau wird, und einen graugrünen, der im Lichte je nach dem Grade seiner Reinheit violett bis karminrot wird. Diese beiden Farbstoffe scheinen auch in den von den alten Purpurfärbern benutzten Purpurschnecken-Arten in wechselnden Mengen vorhanden gewesen zu sein, und daher erklärt sich, warum die Purpurstoffe so verschiedene Farbentöne besaßen, daß die Angaben fortwährend zwischen blau, violett und derjenigen Färbung, die wir heute Purpur nennen, schwanken. Im Altertum scheint der Name Purpur nichts als eine (echte) lichtbeständige dunkle, aus Schnecken gewonnene Farbe im allgemeinen bedeutet zu haben, während man die Nüancen als color amethystinus (amethystfarbenen), janthinus (veilchenfarbenen) und coeruleus (blauen) Purpur unterschied. Die letztere Farbe hieß auch color conchylius und scheint durch die Purpura-Arten für sich erzeugt worden zu sein, denen man, um die Färbung mehr ins Rote zu ziehen, Buccinum-Arten oder auch andre rote Farbstoffe hinzusetzte. Vor allem rühmten die alten Autoren den dibaphen, d. h. zweimal und daher besonders tief gefärbten, Purpur.

Die in neuerer Zeit gefundenen, in Wachs- oder Wasserfarben gemalten ägyptischen Mumienporträte zeigen uns wahrscheinlich die verschiedenen Farbentöne des Purpurs, denn wir finden darauf ein mattes, ins Braunrote spielendes Violett, mit Übergängen bis ins Blauschwarze, sowohl als Einfassung weißer Gewänder wie auch als Grundfarbe derselben und dann häufig mit schwarzen oder goldenen Streifen verziert, als beliebteste Kleiderfarbe der meist wohlhabenden Personen dargestellt, und es ist nicht zu leugnen, daß sie zu dem bräunlichen Hautton der Südländer einen angenehmen Kontrast bildet, der ihre Beliebtheit erklärt. Der Wechsel des Farbentons mag übrigens zum Teil auch durch die Roheit des Verfahrens bedingt worden sein, sofern man wenig Sicherheit besitzen mochte, ihn immer gleich zu treffen. Es ist nur eine einzige genauere Angabe über die Purpurfärberei der Alten auf uns gekommen, die aus später Zeit, nämlich von der Kaiserin Eudoxia Makrembolitissa, der Gemahlin des Konstantin Monomachos (11. Jahrh.), herrührt. Sie sah, wie die Purpurschnecken an den Küsten der Insel Kythera (Cerigo) mittels flacher Netze erbeutet, dann getötet, zerschnitten und in einem Kessel mit Salz bestreut [755] wurden. Hierbei sonderte sich der Saft der Tiere ab, deren eingeschrumpfte Fleischteile dann mit einem Siebe aus der Farbenbrühe herausgeholt wurden. In den heißen Saft wurden die zu färbenden Fasern eingetaucht, herausgehoben und an der Sonne getrocknet, wobei sich die Farbe (durch Oxydation an der Luft) entwickelte. Der Saft selbst erschien bald blau, bald gelb, bald rot, d. h. er schimmerte an der Oberfläche wie eine Indigküpe in verschiedenen Farben. Der blaue lichtbeständige Farbstoff der Purpurschnecken, welcher den Purpurgewändern ihren hauptsächlichsten Wert gab, scheint unserm Indigo sehr ähnlich, vielleicht mit demselben identisch gewesen zu sein. A. und G. de Negri gewannen aus italienischen Purpurschnecken einen Farbstoff, den sie von Indigo nicht unterscheiden konnten, und der Chemiker Bizio fand in einem Gewandstück des heil. Ambrosius, in dessen Tagen alle liturgischen Gewänder vorschriftsmäßig mit Purpur gefärbt wurden, unzweifelhaft Indigo. Der vergänglichere rote Buccinum-Farbstoff, mit welchem man die Grundfarbe ins Violette zog, war längst ausgeblaßt, während der echte Indigo die Reihe der seitdem verflossenen Jahrhunderte unzersetzt überstanden hatte. Die Spärlichkeit des aus den Schnecken gewonnenen Farbstoffes und das Geheimnis der Erzielung besonders schöner Nüancen erklärt die ungeheuern Preise, die man ehemals für die den obersten Ständen, zeitweise den Herrschern allein erlaubten Purpurstoffe zahlte. Ein Pfund echt tyrischer Purpurwolle wurde in Rom zeitweise mit 1000 Denaren (ca. 300 Mk.), ein Pfund tyrischer Purpurseide in den Tagen Diokletians mit 15,000 Denaren (ca. 4500 Mk.) bezahlt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vgl. Purpur im Hauptteil, Band 13