Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Memnon“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 11 (1888), Seite 457
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Memnon. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 11, Seite 457. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Memnon (Version vom 03.05.2021)

[457] Memnon, im griech. Mythus der Sohn der Eos und des Tithonos, König der Äthiopier, eilte nach der nachhomerischen Dichtung seinem Oheim, König Priamos von Troja, zu Hilfe, erlegte den Antilochos, ward aber von Achilleus getötet und erhielt von Zeus auf das Flehen seiner Mutter, die den Leichnam klagend in die ferne Heimat trug, die Unsterblichkeit. Während beide kämpften, hatte Zeus ihre Seelen gewogen (daher Psychostasie), und die des M. war gesunken. Der Mythus ist von den Tragikern wie von der bildenden Kunst mehrfach behandelt worden. In späterer Zeit suchte man M. mehr und mehr als historische Person aufzufassen. Nach Diodor war er der Erbauer der Königsburg in Susa (Memnonia) und wurde von dem assyrischen König Teutamos seinem Vasallen Priamos mit einer Schar Äthiopier und Susianer zu Hilfe geschickt; nach Pausanias unterjochte er alle Völker zwischen Susa und Troja. Doch führen auch die Dichtung und der Volksglaube fort, den Mythus von M. auszuschmücken. Der Tau des frühen Morgens, dichtete man, sei die Thräne der Eos, womit sie jeden Morgen den Verlust des geliebten Sohns beweine, und seine trauernden Gefährten in Troas wurden in Vögel (Memnoniden) verwandelt, die jährlich zu seinem Grabhügel (der übrigens an verschiedenen Orten gezeigt wurde) kamen und sich, gleichsam Leichenspiele feiernd, unter Wehklagen zerfleischten. In Ägypten aber ward der Mythus von den Griechen mit einem kolossalen Steinbild bei Theben, das den König Amenophis darstellte, in Verbindung gebracht. Dieses Amenophion (dann Memnonion oder Memnonssäule genannt), das noch vorhanden ist, stellt eine sitzende Statue mit aneinander geschlossenen Beinen aus dunklem Gestein vor und hatte ursprünglich wohl an 22 m Höhe, war aber durch ein Erdbeben, wahrscheinlich 27 v. Chr., zertrümmert worden, so daß der Oberteil des Kolosses herabstürzte. Seitdem fand die merkwürdige Erscheinung statt, daß das Steinbild, von den Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen, einen Ton, ähnlich dem Klang einer zerspringenden Saite, von sich gab, was die Sage von dem „Tönen der Memnonssäule“ veranlaßte, wodurch M. beim Aufgang der Sonne den Gruß seiner Mutter Eos erwidere. Das merkwürdige Phänomen, dessen Strabon zuerst gedenkt, ohne jedoch den Koloß Memnonion zu nennen (so daß also die Übertragung des Memnonsmythus wohl erst in der nächstfolgenden Zeit stattfand), hatte seinen Grund wahrscheinlich in einem Durchzug der Luft durch die Poren und Risse des durch Erdbeben zerklüfteten Steins (eines sehr harten und spröden Kieselkonglomerats), der besonders beim Wechsel der Temperatur zur Zeit des Sonnenaufgangs stattfand. Vgl. Letronne, La statue de M. (Par. 1833); Lepsius, Briefe aus Ägypten (Berl. 1852).