Textdaten
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Autor: Karl Helmerding
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Titel: Komisch und Komiker
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 71–72
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[71] Komisch und Komiker. Der Verfasser nachfolgender Zeilen läßt als Verwahrung vorausgehen, daß die Ansichten, welche er hier den geehrten Lesern zu unterbreiten sich erlaubt, lediglich die seinen sind, welche, obwohl dieselben nur auf selbstgemachten Erfahrungen beruhen, durchaus nicht den Anspruch auf positive Richtigkeit zu machen sich anmaßen. Es sind aber über Komik und Komiker so merkwürdige Dinge verbreitet, daß es wohl nicht überflüssig ist, wenn einmal ein Praktiker sich darüber ausläßt.

Sprechen wir von der Komik auf der Bühne. Es giebt geborene Komiker und es giebt dazu gemachte. Der geborene Komiker kommt in zwei Gattungen vor – man entschuldige diesen naturgeschichtlichen Ausdruck! Der geborene Komiker Nr. 1 giebt die Komik von innen heraus; er erfaßt die an ihm im Leben vorübergehenden Charaktere mit dem ihm angeborenen Talent meist unbewußt. Alles, was sich auf das bezieht, was er dem Publicum in heiterer Weise wiedergeben und veranschaulichen soll, bleibt, an ihm vorüberziehend, in seinen Eigenheiten gleichsam kleben, ohne daß er augenblicklich daran denkt, den für seine Kunst so wichtigen Moment festzuhalten. Zum Beispiel ist dem Komiker die Aufgabe gestellt, das Aufgeblasene eines Gecken zu zeigen, seine Manieren im Sprechen, im Sichbewegen oder die Unbehülflichkeit, gutmüthige Tölpelhaftigkeit eines dicken Fleischers hinzustellen, die Leichtfüßigkeit und eigenthümliche Beweglichkeit eines Barbiers, die Manieren eines gewesenen, alt gewordenen Tänzers wiederzugeben oder einen Trunkenen feinen und groben Genres (Ersteres bedeutend schwieriger) vorzuführen: so werden ihm diese Aufgaben so gelingen, daß das Publicum sagt: „Der muß einmal Tänzer gewesen sein,“ ein Barbier ausruft: „Wo hat der Kerl die Bewegungen her? und wie geschickt wetzt er das Messer!“ („Kerl“ ist nämlich der Lieblingsausdruck des Publicums für einen Schauspieler, den es gern hat.) Und der Komiker, der talentirte, hat dies nicht studirt, er sagt sich selbst: „Ich habe alle diese Leute gesehen; sie sind Alle an mir vorübergegangen, aber daß ich in jenem Augenblick daran dachte, sie, so zu sagen, in charakteristischer Beziehung bei mir einzuprägen, oder nachträglich mich ihrer erinnernd, mir ihre Manieren durch Uebung anzueignen, kann ich mit gutem Gewissen verneinen.“

Meine Behauptung ist die, daß ein Komiker – ich spreche nur von diesem – der sich vornimmt, diesen oder jenen Charakter zu studiren, nie den Nagel richtig auf den Kopf treffen wird. Es kommt und es ist da!

Wie viele Schauspieler, welche, die sogenannte edle Richtung verfolgen, sehen oft mit Achselzucken auf ihre das Publicum erheiternden Collegen herab. Sie, die nur gewohnt sind, auf dem Cothurn einherzustolziren, und es unter ihrer Würde halten müßten, sich in die Garderobe eines Hausknechts oder Barbiers zu stecken, sie denken nicht daran, daß der Komiker wenigstens ein ebenso guter Schauspieler sein muß, wie sie, und daß die Musen mit der Göttergabe „Humor“, welche dem Komiker außerdem noch zuertheilt sein muß, nicht allzu verschwenderisch umzugehen gewohnt sind.

Wie oft passirt es dem Berufenen nicht, daß er sich auf der Bühne vergeblich müht, die so oft gespielte und vom Publicum belachte Rolle so wiederzugeben, wie er es früher that – es geht nicht, mag er sich mühen wie er will; wenn das Publicum auch wie immer lachte – er ist mit sich selbst unzufrieden und ärgert sich mehr über den ihm gespendeten, sich selbst gegenüber ungerechten Beifall, als daß er darüber erfreut wäre. Und er hat Recht. Der Humor ist mit eisernen Ketten da oben angeschlossen und löst sich nicht immer auf Commando des Schauspielers – er kommt, wann er will.

Eine Erfahrung, welche der Verfasser machte und welche vielleicht auch Anderen seines Faches begegnete, ist ebenfalls eine eigenthümliche und unerklärliche.

Der eben angegebene Fall von der periodisch auftretenden Humorlosigkeit ist häufig mit äußeren Zufälligkeiten verknüpft, welche nach jedes Menschen Meinung gerade dazu beitragen müßten, den Humor zu fördern, statt im Gegentheil ihm hinderlich in den Weg zu treten. Doch wunderbar! Wie oft ist es mir passirt, daß ich, durch äußere Eindrücke in die rosenfarbenste Laune versetzt, hinter der Coulisse stehend mir selbst sagte: „Heute wirst Du einmal Deinem Affen Zucker geben,“ (ein gebräuchlicher Bühnenausdruck), dann hinausging und wie Petrus bitterlich weinte, daß trotz meiner guten Laune der vorerwähnte Casus eingetreten, das heißt der festgebannte Humor nicht gekommen war, wie ich es wünschte.

Im entgegengesetzten Falle indeß kann ich sicher darauf rechnen, daß der göttliche Humor, sei es nun aus Mitleid für den Zustand des Betreffenden, nicht eine Minute auf sich warten läßt, ja in reichster Fülle herabströmt, sobald der Komiker mißgestimmt, traurig ist, ja vielleicht ein vor wenigen Stunden dahingegangenes liebes Familienmitglied, wenn nicht sein Kind betrauert. – Ist das zu erklären? Nein! Aber bei Gott, es ist so!

Wenden wir uns zu der zweiten Gattung geborener Komiker. Hier spreche ich von Verschiedenheiten, über die ich – selbst Komiker – eigentlich nicht sprechen sollte, und einer oder der andere meiner komischen Collegen könnte vielleicht die nicht ganz unrichtige Aeußerung thun: „Erst spricht er von sich selbst – das ist schon arrogant, und nun will er sich gar noch dadurch hervorheben, daß er uns, als Nr. 2, so ansieht, wie er sich oben von den edeln Charakterspielern angesehen glaubte.“ O nein, das will ich nicht; es handelt sich hier nur um die Verschiedenheit der Individualitäten. Der andere Komiker, über den sich das Publicum oft noch mehr vor Lachen ausschüttet als über den erstgenannten, ist wirklich ein geborener Komiker, das heißt er ist schon komisch, sobald er das Licht der Welt erblickt. Dieses gemüthliche und possirliche und doch dabei hübsche Gesicht, die großen brennenden Augen, das schalkhafte Lächeln, das Jeden, der es sieht, wieder zum Lächeln reizt, sagen uns schon: „Er ist wirklich komisch.“ Dieser geborene Komiker ist jedenfalls der bevorzugteste von Beiden, denn [72] er mag sagen was er will, es wird Allen, selbst Denen auf der Bühne, komisch vorkommen. Und ist Das, was er zu sagen hat, nicht wirklich geeignet, großen Jubel hervorzubringen, so macht es sein Blick mit den großen Augen, sein unwiderstehliches Schmunzeln, seine komische Redeweise wieder gut, und der Verfasser des Stückes muß Gott danken, daß die schwache Rolle in die Hände eines solchen Schauspielers gefallen ist.

Was diesem Komiker möglicher Weise das Charakterisiren erschweren könnte, ist eben das angeborene Aeußere, und will er sich wirklich bemühen, dies zu verleugnen, es gelingt ihm nicht; er muß sich immer wieder sagen: „Bleibe, wer du bist, und du wirst dem Publicum stets Liebling sein.“ Von den gemachten Komikern haben wir die größte Anzahl, und – – sie gefallen auch.

Es sind allerdings solche, die sich zwingen, komisch zu sein, die sich einen Humor selbst fabricirt haben, der sich zu dem wahren ungefähr so verhält wie Cichorien zum Kaffee, Komiker, welche über jeden Witz, den sie zu produciren haben, möglicher Weise schon fünf Minuten vorher und wieder fünf Minuten hinterher lachen, Leute, welche im Gesichterschneiden und im Verschmieren ihres Gesichtes beim Schminken ihre Force suchen, die sich mehr als die anderen einbilden, wirkliche Komiker zu sein, ohne zu bedenken, daß auch der Gebildetste im Publicum über die Späße des Clowns im Circus lacht und daß es sehr oft vom Verfasser einer Posse abhängt, ob der Komiker bejubelt wird oder nicht, denn ein guter Witz oder Kalauer, wie man oft auch jetzt den Witz nennt, wirkt doch immer, aus welchem Munde er auch kommen mag, wenn der Witz nur eben gut ist.

Manche dieser Komiker haben auch die Gewohnheit, fortwährend zu lachen und gut zu lachen, so daß sie endlich das Publicum dadurch mit hinreißen; aber das paßt doch nicht überall hin. Man verzeihe mir den Vergleich: wer einzelne von Dr. Bodinus’ Zöglingen beachtet und studirt hat, der muß bekennen, daß dem Komiker vor allen anderen Schauspielern in den meisten Fällen der Ernst anzurathen ist, um komisch zu wirken. Seht Euch den Affen, den Bären, die spielenden kleinen Löwen, besonders diese an, wie sie bei ihren urkomischen Spielen, bei ihren zum Aufschreien possirlichen Angriffen und bei ihrem zum Lachen reizenden Beobachten irgend eines Gegenstandes den unerschütterlichsten Ernst bewahren. Die Thiere können nicht lachen und sind doch so komisch.

Wie treffend ist doch die vielleicht nicht hierher passende Antwort auf die Frage: „Warum lachen die Thiere nicht?“ „Weil, als sie geschaffen worden, noch kein Mensch vorhanden war; worüber sollten sie lachen!

Ja, wir Menschen sind eigentlich alle geborene Komiker; die Zeitungen, welche wunderbarer Weise auch von Menschen geschrieben werden, machen uns jeden Tag lächeln über uns und unsere Mitmenschen sowie über die Possen, welche sie aufführen, sei es nun in Italien, in Frankreich oder anderswo. Streichen wir also unsere letzte Betrachtung über gemachte Komiker, und stellen wir uns Alle in eine und dieselbe Kategorie.

C. Helmerding.